Rezension: "Im Schatten des Elfenbeinturms"

Vorbemerkung: Für meine erste Rezension habe ich mir gleich eine schwer zu fassende Publikation vorgenommen. „Im Schatten des Elfenbeinturms“ ist nach dem Erscheinen enorm kritisch in den Fokus genommen worden, offenbar liegen zwischen der Erwartungshaltung der Leser und dem, was der Autor sich vorgestellt hat, riesige Differenzen.

In Zahlen:
– AB Nr. 189
– erschienen am 26.9. 2013
– 128 Seiten

I. Inhalt
Alle sieben Jahre findet das Allaventurische Konvent der Magie statt, auf dem sich hauptsächlich die Vertreter der drei großen Magiergilden treffen, um die zentralen Fragen magischer Natur der aktuellen Zeitgeschichte zu diskutieren und gegebenenfalls Lösungen zu finden. Schauplatz des Jahres 1034 BF ist Kuslik, just zu dem Zeitpunkt, an dem sich die Helden „zufällig“ im austragenden „Institut der Arkanen Analysen“ befinden.
Ausgangspunkt ist ein Hilfegesuch der alternden Magierin Prysha von Garlischgrötz, die die Unterstützung der Helden bei der Untersuchung von Artefakten der sogenannten Fremmelshof- Expedition benötigt. Diese Artefakte aus der Vergangenheit sollen in ihrer Funktion entschlüsselt werden. Dabei stellen die Helden relativ schnell fest, dass sie nicht allein sind in ihren Bestrebungen, sondern auch Konkurrenten auf den Plan treten.
Die Situation spitzt sich zu, als Kuslik während der Handlung zum Austragungsort des Konvents auserkoren wird und das „Who is Who“ der Magiergilden Aventuriens im Institut aufschlägt. Knackpunkt ist dabei allerdings nicht die Diskussion der Forschungsarbeit, sondern die anstehende Basiliusprüfung. In dieser höchsten Prüfung für eine aventurischen Magiers geht es um die Frage nach der Eignung der Prüflinge zum Erzmagier. Als die Helden feststellen, dass die wahre Absicht ihrer Feinde der Eintritt in die Basiliusprüfung mittels im Laufe der Handlung erbeuteter Artefakte ist, müssen auch sie sich auf die risikoreiche Reise durch den Schauplatz der Prüfung, eine Globule mit vielen gefährlichen Herausforderungen, begeben, um zu verhindern, dass die dort erworbenen Fähigkeiten in die falschen Hände geraten.

II. Aufbau
Das Abenteuer weist grundsätzlich eine sehr gradlinige Struktur auf, wobei eher langsam am Spannungsregler gedreht wird. Nach einem kurzen Prolog mit der Anwerbung wird im ersten Kapitel vor allem die Arbeit in der Forschungsgruppe beschrieben, wobei die Helden Hinweise zur Entschlüsselung finden sollen, was sie vor allem im Horasreich reisen lässt. Dieser Teil ist offensichtlich eher für Spieler, die Interesse an Magietheorie haben und die Spaß an Recherchearbeit haben. Das Spektrum ist durchaus breit, von der Suche nach einer speziellen Ausgabe einer Enzyklopädie bis hin zu der Befreiung einer Magierin, die in ein Brettspiel gebannt ist und durch einen Sieg am Spieltisch befreit werden kann. Als klare Konstante tritt der Schurke des Abenteuers, Rohaldor von Mersin schon im Prolog in einer seiner vielen Truggestalten auf, was sich in den folgenden Kapiteln fortführt, somit kommen die Helden ihm mehrfach sehr nahe, ohne es zu diesem Zeitpunkt schon zu ahnen.
Im zweiten Teil kommen auch eher phexgefällige Helden und Kämpfer langsam auf ihre Kosten, nachdem sich mit Terdin ya Rascallo ein erster Kontrahent offenbart, der mit seiner Gegengruppe ebenfalls den Auftrag hat, die Artefakte zu besorgen. Hier entwickeln sich dann einige direkte Konfrontationen, wobei das Abenteuer aber ziemlich klar festlegt, welche Artefakte die Helden gewinnen sollen und bei welchen ihnen die Konkurrenz zuvorkommen wird.
Den Abschluss bildet das Konvent selbst. Nachdem zunächst einige Themen aufgeführt werden, die inhaltlich diskutiert werden, bildet die Basiliusprüfung das Finale. In der Globule wird der Weg zum Endkampf eher grob stichwortartig beschrieben, da die Prüfungen an die jeweiligen Helden angepasst werden sollen. Die letzte Konfrontation gegen Rohaldor von Mersin und dem mit ihm im Bündnis stehenden Dämon Uridash stellt unter den Bedingungen der Prüfungsglobule und durch Rohaldors Fähigkeiten als Illusionsmagier eine ziemliche Herausforderung dar. Als Belohnung erhält ein Magier unter den Helden am Ende sogar die Möglichkeit, selbst zum Erzmagier zu werden, neben der vom Abenteuer dafür vorgesehenen Praiowine zu Methumnis.
Dem Abenteuer folgt noch ein Anhang von 25 Seiten, in denen die wichtigsten Meisterpersonen (die vielen Teilnehmer des Konvents dabei in Kurzporträts), die Fremmelshof- Relikte und das Institut als Schauplatz noch einmal näher vorgestellt werden.

III. Figuren
Durch das Konvent bietet das Abenteuer schon rein von der Grundanlage her eine ziemliche Fülle von hochkarätigen Meisterpersonen, die allerdings in der Dramaturgie des Abenteuers selbst nur Randfiguren sind.

Auf der Seite der Verbündeten wird das Augenmerk vor allem auf Prysha und Praiowine gelegt, die den Helden in unterschiedlichen Phasen des Abenteuers zur Seite stehen. Beide Figuren werden facettenreich beschrieben, vor allem bei Prysha wird der Kontrast zwischen ehemals hoher Reputation und dem Ringen um letzte Anerkennung nach dem tiefen Fall deutlich.
Die Schurkenfiguren werden den Helden unterschiedlich bewusst: Rohaldor begegnet ihnen zwar schon sehr früh, in seiner wahren Gestalt tritt er ihnen allerdings erst im Endkampf (dann aber gleich mehrfach) gegenüber. Das ermöglicht im Lauf der Handlung einige Aha- Erlebnisse, wenn die Helden realisieren, wie nah ihnen ihr Gegenspieler zwischenzeitlich war. Terdin als Gegenspieler im zweiten Kapitel ist dagegen relativ klassisch als kultivierter Söldner angelegt, zusammen mit seinen Handlangern kann er den Helden als Figur mit einigen reizvollen Auftritten einiges an Kopfschmerzen bereiten, vor allem, wenn der Meister die Begegnungen mit ihm passend gestaltet. Der Urishar nimmt die Rolle der grauen Eminenz ein, kann im Finale als „Joker“ Rohaldors eine böse Überraschung darstellen. Das Verhältnis von Rohaldor und dem Dämon ist dabei interessant gestaltet, da ihr Zweckbündnis beiden klar bewusst ist.

IV. Fazit
„Im Schatten des Elfenbeinturmes“ bietet ein ausgesprochen zwiespältiges Bild. Es hat durchaus einige Stärken, vor allem die wichtigsten Meisterfiguren halte ich für gelungen von Hauptautor Franz Janson gezeichnet, auch viele Elemente der Handlung bieten gelungene Ideen. Mein persönliches Highlight stellt dabei eine Episode um die Öffnung einer Schatulle dar, die mit einem alchimistischen Schloss gesichert ist, in deren Verlauf die Helden das Labor eines entsprechenden Experten in Thegun vor einem feindlichen Angriff samt Brandstiftung sichern müssen.
Allerdings sind nicht alle Handlungsteile gleich spannend, die oben angesprochene Suche nach der richtigen Auflage eines Buches beispielsweise halte ich für staubtrocken und wenig originell. Terdin und seine Gefährten bieten im zweiten Kapitel einen interessanten Gegenpol, die im Wettstreit mit den Helden grundsätzlich das Potential für einige gelungene Konfrontationen haben. Hier folgt dann aber direkt ein ganz großes Aber: Warum der Autor relativ klar festgelegt, wann die Helden eine Herausforderung gewinnen und wann die Gegner ihnen zuvorkommen, ist mir absolut unklar, nimmt er doch so vollkommen unnötig den Reiz aus dem Spiel. Mit dem Dämon als mächtigen Verbündeten gibt es für Rohaldor sicherlich genug andere Möglichkeiten, auch ohne die entsprechenden Hilfsmittel in die Prüfungsglobule zu gelangen, diese Gängelung der Helden macht wenig Sinn und dürfte den Meister vor einige Probleme stellen, wenn die Helden sich eigentlich geschickt genug anstellen, um den Erfolg verdient zu haben.
Die große Kontroverse im Netz spinnt sich allerdings vor allem um die Basiliusprüfung: Kernkritikpunkt ist dabei die vage Beschreibung der Prüfungsbedingungen und die Tatsache, dass keine konkreten regeltechnischen Auswirkungen für den Fall angegeben sind, dass ein Heldenmagier die Prüfung durchlebt und besteht. Zudem wird stark moniert, dass der Konvent selbst im Abenteuer eher ein Schattendasein am Rande einnimmt. Die Diskussionsthemen werden zwar kurz benannt, jedoch nicht oder nur im Ansatz konkretisiert. Im Prinzip ist das für mich nicht unbedingt der wichtigste Aspekt, schließlich ist die Haupthandlung eben jenseits des Konvents angelegt und deshalb auch nur der Teil des Konvents konkretisiert, der die Auseinandersetzung mit Rohaldor fortführt. Zumindest unglücklich ist aber die Tatsache, dass im Vorfeld der Publikation vom Hauptautor einige Aussagen in Netz zu finden waren, aus denen viele Spieler geschlossen hatten, dass es die gewünschten Konkretisierungen und regeltechnischen Anmerkungen im Abenteuer geben würde. Zumindest die Kritik an der Beschreibung eines Erzmagiers kann ich teilen, da es für einen Magierhelden sicherlich relevant ist, welche regeltechnischen Auswirkungen ein neuer Status als Erzmagier mit sich bringt, lediglich vom Finden der Bestimmung zu reden, ist viel zu schwammig und nichtssagend. Bei anderen Diskussionspunkten wie der Schaffung der „Urnen des Unwissbaren“ zur Eindämmung der Splitter der Dämonenkrone halte ich es für nachvollziehbar, dass diese hier nur angerissen werden, das ist sicherlich in der „Splitterdämmerung“ besser aufgehoben.
Alles in allem halte ich das Abenteuer für sehr durchwachsen, gelungene und originelle Passagen wechseln sich mit eher drögen und altbackenen Episoden ab. Zudem werden manche Teile der Handlung sehr präzise und raumgreifend beschrieben, andere hingegen viel zu grob abgefasst, z.B. der Aufbau der Globule und die Prüfungen auf dem Weg zum Finalort. Allerdings geht mir die Kritik an dem Abenteuer stellenweise etwas zu weit, bewertungstechnisch schneidet es ja teilweise wie der größte DSA- Rohrkrepierer aller Zeiten ab. In der Hinsicht fallen mir doch nicht wenige Publikationen neueren und älteren Datums ein, die ich für deutlich schlechter halte.

Bewertung: 3/6 Punkten
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Rezension: "Im Schatten des Elfenbeinturms"

3 Gedanken zu “Rezension: "Im Schatten des Elfenbeinturms"

  1. Vielen Dank für die Rezension. Ich glaube, ich werde mir das Abenteuer jetzt doch kaufen. Eine Sache frage ich mich: Woher weißt du, welche Teile vom „Hauptautor“, wie du schreibst, sind? Wird das im Band ersichtlich?

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  2. Nein, das weiß ich in der Tat nicht. Nach dem, was zu lesen war, klang es aber für mich so, als hätte Franz Janson eher am Ende noch die Unterstützung seiner Mitautoren bekommen. Er schreibt aber auch das Vorwort und hat sich auch im Netz klar zu dem Band positiert, so dass ich ihn einfach mal „Hauptautor“ genannt habe. Allerdings sind tatsächlich im Abenteuer keine Verweise zu finden, wer da was geschrieben hat.

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  3. FJ schreibt:

    Danke für die differenzierte Rezension. Wie schon an diversen anderen Stellen bemerkt erstreckt sich der Entstehungszeitraum des Bandes über einen langen Zeitraum und verschiedene Autoren(-teams) weswegen auch die Beschreibungsdichte und Stilistik nicht 100%-einheitlich ist.
    Der „Hauptautor“

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