Mehr Charakter für Aventurien!

Erzählt man eine Geschichte, so ist für mich das Herzstück immer eine gelungene und glaubwürdige Konstellation von Charakteren, die sich in die Atmosphäre des Hintergrunds einfügt, die ich gerne durch ihre Abenteuer begleite und die eine fiktive Welt erst mit Leben erfüllt. Der Metaplot von DSA sorgt seit Jahrzehnten dafür, dass Aventurien eine Welt ist, die über eine enorme Anzahl von NSCs verfügt, so groß, dass der Überblick nicht immer leicht zu behalten ist.

Wie schon in meinem ersten Blogeintrag geschrieben, habe ich mir bis zu Beginn des Jahres eine 10jährige DSA- Auszeit gegönnt. Vieles hat sich in der Zeit in Aventurien verändert, vor allem war es eine ziemliche Umgewöhnung, sich an die ganzen neuen NSCs zu gewöhnen.

Die Haudegen sind weg

Als ich aufhörte zu spielen, wurde das Mittelreich von Emer regiert, ihr zur Seite stand immer noch KGIA- Ikone Dexter Nemrod, die Heere des Reichs wurden von Leomar vom Berg kommandiert und im Horasreich saß immer noch Amene auf dem Thron, der knorrige Sanin befehligte unerschütterlich die Flotte.

Es war schon ein kleiner Kulturschock festzustellen, dass die Genannten mittlerweile entweder in Borons Hallen eingezogen waren oder sich nun Reichsverräter schimpfen lassen müssen. Vor allem waren das Figuren, die ich über die Jahre liebgewonnen hatte.

Auch das war ein Grund für meinen Ausstieg, Borbarads Rückkehr hatte ja ohnehin schon eine tiefe Schneise in die ehemalige Prominenz Aventuriens gerissen: Gibt es ein Aventurien nach Brin, Waldemar, Raidri, Yppolita, Tronde usw.? Im Prinzip war ich mir sicher, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wieder allzu heimisch in Aventurien werden zu können, nachdem quasi ein großer Teil der Generation von Meisterfiguren ausgeschieden war, die es meine bisherige Spielerzeit lang maßgeblich bestimmt hatte.

Und 10 Jahre später sah es für mich auf den ersten Blick nicht viel besser aus, wenn jetzt sogar Figuren wie Selindian Hal ebenfalls blutjung aus dem Leben scheiden müssen. Ist es richtig, binnen vergleichsweise kurzer Zeit den Spielern so viele Fixpunkte zu nehmen? Bei manchem Heldentod war eine nachvollziehbare Zwangsläufigkeit zu erkennen, Raidris heroischen Abgang in der Konfrontation gegen den Dämonenherrn konnte man ja völlig riechen. Brins Tod hingegen empfinde ich heute noch – zumindest in der Art und Weise, schnöde vor der Schlacht und die Helden erhalten nicht den Hauch einer Eingriffsmöglichkeit – als verfluchtes Ärgernis, das hatte der tapfere Reichsbehüter so nicht verdient.

Wer ist wer in Aventurien?

„Ich kenne keine Meisterfiguren mehr“ lautet der Titel eines sehr lesenswerten Blogeintrags von Arkanil, in dem der Autor beschreibt, wie sich –ähnlich wie in meinem Empfinden – die Übersichtlichkeit mit dem Ende bekannter und vertrauter Figuren verliert. Liest man heute im Boten, so tauchen unzählige Namen von aventurischen Figuren auf, mit denen ich überhaupt nichts verbinde (zum Glück hilft da meist Wiki- Aventurica), selbst jetzt, wo ich mich fleißig wieder eingelesen habe.

Allerdings komme ich trotzdem zu einem anderen Schluss: Das Aventurien des Jahres 1035 BF hat für mich keinerlei Reiz verloren, im Gegenteil, ich sehe durchaus großes Potential, mich in der Welt wieder wohl zu fühlen und vor allem sehe ich immer noch jede Menge Figuren mit Identifikationscharakter, seien es die „Neuen“ oder auch die alternden Recken.

Als schönes Beispiel für letztere Fraktion sehe ich die im Moment die in die Jahre gekommene Militärriege: Die Konstellation Haffax – Leomar – Alrik von Blautann sorgt hoffentlich gen Finale der „Splitterdämmerung“ für jede Menge Nostalgie, gerade weil vor allem für Haffax und Leomar die große Zeit eigentlich zu Ende ist und das letzte Hurra einiges erwarten lässt.

Und an anderer Stelle sehe ich Figuren nachwachsen, die in den nächsten Jahren Zeit bekommen sollten, weiteres Profil zu entwickeln bzw. die einen Wandel schon deutlich vollzogen haben. In „Die reisende Kaiserin“ kann man nachlesen, wie Rohaja mittlerweile deutlich erwachsener geworden ist, statt grobem Ungestüm immer mehr Staatsraison walten lässt. Swantje von Rabenmund als neue „starke Frau“ des ewigen Konkurrenten des Kaiserhauses erscheint ebenso vielversprechend, genau wie Finnian in seiner Rolle als Kronprinz Albernias.

Das „Lebendige Aventurien“ und das Briefspiel sorgen schließlich dafür, dass sich auch auf lokaler Ebene ein riesiger Figurenfundus tummelt. Hier stimme ich zu, dass ein echter Überblick für Alrik Normalaventurier kaum noch möglich ist. Allerdings habe ich ehrlich gesagt damit wenig Probleme: Warum sollen nicht mit Herzblut gepflegte Figuren ihren Einzug z.B. in den Boten erhalten, wenn dahinter Leute stehen, denen diese speziellen Aventurier und ihr Schicksal am Herzen liegen. Brauche ich konkrete Informationen über eine solche im Ganzen weniger bedeutende Figur, finde ich das, was ich benötige, doch in der Regel im betreffenden Abenteuer.

Insgesamt würde ich es eher so formulieren, dass ich ebenfalls längst nicht mehr alle Meisterpersonen kenne und ich diesen Zustand wohl auch nie mehr erreichen werde, aber ich finde immer wieder welche, die es kennenzulernen lohnt.

Und nun?

Was bedeutet das für die Zukunft? Längst nicht alle Entwicklungen der letzten Jahre finde ich gut, zu viel Wechsel macht eine ohnehin so umfangreiche Welt noch unübersichtlicher. In gewissem Rahmen ist absolut in Ordnung, reinen Stillstand will sicherlich niemand, gerade Tragik und Tod bereichern ein Fantasy- Setting nun einmal. Nur halte ich es für sinnvoll, dabei Maß zu halten. Das zeigen ja auch gerade die Diskussionen in den Foren, wo z.B. meiner Meinung nach eine deutliche Mehrheit für den Wunsch nach etwas mehr Ruhe und Kontinuität in einer zuletzt schwer umgewälzten Region wie dem Mittelreich zu erkennen ist, auch möchte man der Kaiserin mehr Glück gönnen und Bernfrieds weiteres Schicksal wird aktuell ebenfalls rege erörtert.

Gerade für die jüngeren Figuren, wie die oben angesprochenen Rohaja, Swantje oder Finnian, würde ich mir in der Tat Zeit zum Reifen wünschen, auch damit sie mehr Ecken und Kanten entwickeln können, vielschichtiger werden.

Altern mit Rohaja?

Als Problem sehe ich dabei allerdings an, dass irdische und aventurische Zeit nach wie vor gleich verlaufen und nicht wieder schnellere Jahreswechsel in Aventurien erfolgen, dann könnte man gewisse Entwicklungen etwas schneller vollziehen, sonst dominieren manche der jetzigen Figuren auch dann noch, wenn ich irdisch selbst in Rente gehe. Das ist für mich nach wie vor ein Aspekt, den man – z.B. auch im Zuge der Umstellung auf DSA 5 – nochmal überdenken sollte, so könnte man Veränderungen glaubhafter vollziehen.

Zuletzt sehe ich aktuell ein Problem beim Nachwuchs auf einer speziellen Figurenebene: Mir fehlt es an neuen Schurkenfiguren mit Langzeitpotential. Bis auf Haffax ist ja ein Großteil der ehemaligen Riege der prominenten Finsterlinge mittlerweile der Verdammnis anheimgefallen, darunter mit Galotta, Xeraan und Answin einige NSCs, die das Schicksal Aventuriens extrem lange mitbestimmt haben. Da würde ich mir mittlerweile neben den uralt- Vertretern wie Leonardo noch den einen oder anderen mit Wiedererkennungswert wünschen.

Eine will ich zuletzt nicht unerwähnt lassen, ohne ein Wort zu Nahema möchte ich nicht schließen. Kaum eine Figur löst ja so viele Lynchfantasien unter Spielern aus, wie die Kettenhemd- Trendsetterin, es gibt ja im Zuge von DSA 5 auch Threads mit Namen wie „Weg mit Nahema“. Für mich gehört sie felsenfest zu Aventurien, aber eben nicht so, wie sie bisher (nicht) funktioniert hat: unnahbar, willkürlich, ohne erkennbare Motivation, mal Joker, mal Ärgernis, aber eben nie mit Bindung an die Helden, ein nicht greifbarer Charakter. Warum sollte sie nicht endlich ein solches, erfahrbares Profil erhalten? Nichts würde mir mehr Befriedigung und Genugtuung verschaffen, wenn ausgerechnet sie urplötzlich auf Gedeih und Verderb auf die Unterstützung der Helden angewiesen wäre. Sie dann etwas zappeln zu lassen, stelle ich mir schon als rollenspielerischen Hochgenuss vor, den viele sicherlich gerne bis zum Exzess (wohlverdient) auskosten wollen.

In diesem Sinne: Weg mit Nahemas Unnahbarkeit!

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