Rezension: "Die Reisende Kaiserin"

Vorbemerkung: Mein Erstkontakt mit Rohaja von Gareth war nicht gerade vielversprechend. Nach dem Durchspielen des wahrhaft grottigen „Tal der Finsternis“ waren die kaiserlichen Zwillinge für meine Spielrunde und mich nicht viel mehr als verwöhnte Gören und wahrhafte Nervensägen, die ihren tapferen Eltern nicht im Ansatz das Wasser reichen konnten.

1036 BF nun ist eines der beiden Kinder von einst die erklärte Heldenkaiserin des Neuen Reichs, nunmehr erwachsene Frau und Staatenlenkerin. Grund genug für Autor Jens Ullrich, ihr bzw. ihrer Herrschaftsführung einen eigenen Band zu widmen.

In Zahlen:
– Regionalspielhilfe Nr. 15
– erschienen am 21.11. 2013
– 128 Seiten

I. Inhalt: Im Zentrum des Bandes steht allerdings nicht nur die Kaiserin selbst, sondern vor allem ihre Abkehr von einer zuletzt gepflegten Herrscherrepräsentation des Monarchen eines Reichs mit klar zentralisierter Struktur, ausgehend von der Hauptstadt Gareth. An deren Stelle tritt nun die Rückbesinnung auf ein anderes, aber ebenfalls durchaus althergebrachtes Herrschaftsprinzip: das sogenannte Reisekaisertum. Statt die Geschicke des Mittelreichs von einer festen Residenz in Gareth zu lenken, befinden sich Kaiserin und große Teile von Hofstaat und Reichsverwaltung in permanenter Bewegung, wobei als Fixpunkte die über das Reich verteilten Kaiserpfalzen dienen, von denen aus die Regierungsgeschäfte betrieben werden und in denen sich wichtige Ereignisse, wie die Hoftage abspielen.

II. Aufbau: Die Spielhilfe weist zunächst eine erkennbare Zweiteilung auf: Zunächst werden das Reisekaisertum und alle damit zusammenhängenden Aspekte – wie gewohnt in Spielhilfen – vorgestellt. Das letzte Drittel des Bandes bietet schließlich die konkrete Schilderung eines exemplarischen Hoftags, um die Hintergrundinformationen praktisch spielbar aufzubereiten.

Der Hintergrundteil beginnt zur Einführung somit auch mit einer Definition des Konzepts „Reisekaisertum“ und seiner aventurischen Geschichte bzw. Tradition unter einigen Amtsvorgängern der Kaiserin. Dem schließt sich eine konkrete Beschreibung des mobilen Hofes Rohajas an. Hierbei werden detailliert die Zustände am Hof selbst aufgezeigt sowie die Struktur des Systems, z.B. die Ämter- und Kompetenzverteilung. Exemplarisch werden zudem einige der Kaiserpfalzen selbst angeführt, die in gewissen Abständen von Rohaja und ihrem enorm kopfstarken Gefolge aufgesucht werden. Dieser eher theoretische Teil endet mit der üblichen Vorstellung der wichtigsten Figuren des Hofstaates.

Der Konkretisierung von Form der Schilderung des Hoftages 1036 in Ragath wird zunächst eine ausschnittartige Quellensammlung vorangestellt, die die Ereignisse in kurzen Texten aus der Sicht unterschiedlicher Figuren näher beleuchtet.
Darauf folgt die gewohnte Form der Darstellung in Form von Meisterinformationen, die den Ablauf des Hoftages detailliert darstellen, wobei in einigen Textblöcken immer wieder auf die mögliche Einbindung der Helden eingegangen wird. Neben diesem singulären Hoftag werden darauf folgend noch allgemeine Anknüpfungspunkte und Mysterien aufgezeigt, die den Helden Anreize bieten sollen, Abenteuer am Hofe Rohajas zu erleben. Zuletzt enthält der Band einen hilfreichen Index mit Verweisen auf die Textstellen zu Personen, Ämtern, Artefakten und Örtlichkeiten.

III. Fazit: Rohaja ist wirklich erwachsen geworden, das zumindest ziehe ich inhaltlich aus der Lektüre von „Die reisende Kaiserin“. War sie zu Zeiten des „Jahr des Feuers“ noch eine eher kurzfristig denkende, mit den Anforderungen der Kaiserwürde teilweise noch überforderte und umstrittene Herrscherin, so wird hier nun eine deutlich gereiftere Führungspersönlichkeit beschrieben, die einem komplexen Gefüge von Vertrauten, Verwaltungsbeamten und Edelleuten voransteht.

Und als solche Darstellung der Verhältnisse bei Hofe funktioniert Jens Ullrichs Spielhilfe meiner Meinung nach sehr gut. Besonders bei der Beschreibung des Aufbaus und der Funktionsweise des Hofs erkennt man mehr als deutlich den historischen Sachverstand des Autors, der das System „Reisekaisertum“ treffend auf die aventurischen Verhältnisse im derzeitigen Mittelreich in die Spielwelt einpasst. Als Spieler bzw. Spielleiter erhält man eine fachmännisch stimmig aufgearbeitete und detaillierte Schilderung von Rohajas Kaiserhof, mit der man ohne Probleme die an sich komplexen Vorgänge am Hof an den Spieltisch bringen kann. Die enthaltenen Informationen geben einen umfassenden Überblick über die Atmosphäre und das notwendige Prozedere, so dass die Helden gut durch das Spielgeschehen von möglichen Abenteuern vor diesem Setting geleitet werden können.

Wobei allerdings nicht alles gleich präzise und stimmig aufgebaut ist. Schwachpunkt des Bandes sind für mich eindeutig die Beschreibungen der Kaiserpfalzen. An sich ist der Gedanke vollkommen richtig, dass neben der Schilderung des Reisekaisertums als System auch eine exemplarische Präsentation einiger möglicher Schauplätze Bestandteil einer solchen Spielhilfe sein sollte. Und die ausgewählten Pfalzen selbst haben auch durchaus interessante Aspekte. Aber sie wirken eher willkürlich zusammengestellt und sind zudem unterschiedlich aufgearbeitet. So existieren zu Cumrat, Kaiserley und Donnerschalck Übersichtskarten, die den Pfalzen Weißenstein, Geierschrei, Breitenhain, Weidleth, Albengau und Biberstein vorenthalten werden. Zu Geierschrei gibt es eine schöne Illustrierung, die anderen Pfalzen bleiben unserer Fantasie überlassen. Das ist für mich im Normalfall kein Problem, hier allerdings wäre eine bebilderte Veranschaulichung der unterschiedlichen Festungstypen sinnvoll gewesen. Zudem wäre es grundsätzlich übersichtlicher gewesen, die Pfalzen weniger nach einer interessanten Hintergrundgeschichte auszuwählen, sondern noch mehr den unterschiedlichen Charakter der Pfalzen (exemplarische Beschreibung einer Kriegspfalz im Abgleich mit typischen Jagd- und Lustschlössern) hervorzuheben. Dann wäre es auch möglich gewesen, zumindest eine kurze Übersicht über alle existierenden Pfalzen zu geben, die man dann in einer abschließenden Tabelle als Vertreter eines bestimmten Pfalztypus kategorisieren könnte. Überhaupt erhält man nach der Beschreibung der ausgewählten Pfalzen nur einen knappen Hinweis, dass die übrigen Pfalzen nicht detailliert aufgeführt werden sollen. Das ist in der Tat auch nicht notwendig, anschaulicher wäre aber eben eine konkrete Benennung der Stationen der Reise des Kaiserhofs gewesen, eine Karte aller Pfalzen wäre hier sehr hilfreich gewesen, auch um sich Ausmaß und konkreten Reiseaufwand des Hofs besser vorstellen zu können.

Die Zweiteilung des Bandes in Hintergrundschilderung und konkrete Umsetzung eines exemplarischen Hoftages finde ich dafür sehr gelungen, um den Lesern den Kaiserhof wirklich erfahrbar an die Hand zu geben. Wichtig ist allerdings, dass man diese Schilderung der Ereignisse des Hoftags zu Ragath eindeutig nicht als Äquivalent eines Abenteuers verwenden kann, dazu gibt es insgesamt zu wenig Eingriffsmöglichkeiten für Helden, auch wenn diese sich z.B. als Turnierteilnehmer beweisen können. Ein tatsächlich dramatisches Erlebnis kommt aber nur eingeschränkt vor, allerdings wird in Informationskästen die aktive Einbindung der Helden konzeptionell aufgezeigt, allerdings ohne detaillierte Ausführung. Nur erfolgt kein roter Faden, der die Helden in eine klar erkennbare Hintergrundhandlung versetzt, vielmehr sind sie – wie alle anderen auch – Teilnehmer und Beobachter des Hoftages und erleben die teilweise staatstragenden Ereignisse quasi aus der ersten Reihe mit. Somit dient dieser Teil auch vor allem als wirklich exemplarische Schilderung der Abläufe eines Hoftages, auf denen aufbauend eigene Szenarien oder gar eigene Hoftage konstruiert werden können.

Für mich handelt es sich um eine rundum empfehlenswerte Spielhilfe, hier wird einem alles an die Hand gegeben, um mit dem Setting sehr konkret und sehr lebendig arbeiten zu können, sowohl die Atmosphäre bei Hof als auch die dort vorkommenden Protagonisten sind nach der Lektüre greifbar und bieten viel Raum zur Eigengestaltung. Jens Ullrich beweist dabei deutlich, dass er ein an sich sehr trockenes und formell- ritualisiertes Ambiente zu einem Spielerlebnis mit interessanten Charakteren umformen kann.

Wer also ein Interesse dafür hat, wie die Regierungsgeschäfte Aventuriens funktionieren und daran anknüpfend diese an sich fernen Geschehnisse und die normalerweise fast unerreichbar scheinenden Protagonisten am Spieltisch erleben möchte, der kann sicherlich viel mit „Die reisende Kaiserin“ anfangen. Allerdings bietet der Band natürlich ein hochspezialisiertes Setting, anders als die gewohnten Regionalspielhilfen, die ja eher konkrete Örtlichkeiten und ihre jeweiligen Bewohner beinhalten, die im Normalfall regelmäßig mit Abenteuern ausgestaltet werden. Wen die hohe Politik eher kalt lässt, der dürfte deutlich weniger Kaufanreize sehen.

Für mich ist daran anknüpfend vor allem die Frage spannend, wie in den kommenden Jahren Ergänzungen in Abenteuern, dem Boten etc. folgen werden, in denen auf die hier geschilderten Zustände zurückgegriffen wird und in denen Handlungsstränge von Abenteuern den Helden eines Anlass geben, sich zu Rohajas reisendem Hof zu begeben. Bleibt dies nämlich aus, hätte der Band nur den Status einer nette Spielerei ohne konkreten Mehrwert.

Zuletzt gefällt mir die eingangs erwähnte Entwicklung: Rohaja soll nunmehr als reife Monarchin gezeigt werden, die ähnlich wie ihre Eltern zupackend und an den Anliegen ihrer Untertanen interessiert gezeigt wird. Zur Unterscheidung erhält sie ihre eine passende spezifische Eigenart in der Herrschaftsausübung, die den Vorteil hat, dass die Vorgänge und Entscheidungsabläufe bei Hof für Spieler viel unmittelbarer werden können, als dies bisher der Fall war, allein weil die Zugänglichkeit der Protagonisten nun viel höher erscheint.

Zudem betrachte ich das Reisekaisertum als sinnvolles Mittel, um die Umwälzungen der letzten Jahre angemessen zu illustrieren, Herrscher und Reich wurden durch die Geschehnisse seit Borbarads Invasion deutlich geschwächt, ein Überdenken der bisherigen Politik sehe ich daher als folgerichtig an. Eine Abwertung des Reichszentrum kann ich abschließend nicht erkennen, vor allem auch, weil die vor einem Jahr erschienene Garethbox ja in vielen Schilderungen den Stand von „Die reisende Kaiserin“ schon vorweggenommen hat und in Gareth andere Inhalte als die Tätigkeiten von Kaiserin und Hofstaat in den Vordergrund gestellt wurden.

Von daher: Lang lebe die Kaiserin!

Bewertung: 5/6 Punkten

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