Rezension: Myrunhall

Vorbemerkung: Nachdem ich mich im Januar durch „Unter dem Sternenpfeiler“ gearbeitet habe, bin ich danach zunächst mal vollkommen erschlagen gewesen. Genau wie der Tharun- Weltenband enthält der enorm seitenstarke Band unheimlich viele Informationen über einen riesigen Kontinent, was für einen ersten Eindruck reicht, aber natürlich noch keine Tiefe hat und nicht viel Konkretes bieten kann. An dieser Stelle setzt nun „Myrunhall“ an, worin eine Region Myranors exemplarisch vorgestellt wird, explizit auch an Neueinsteiger (wie mich) gerichtet.

In Zahlen:
– 96 Seiten
– erschienen am 26.9. 2013

I. Inhalt und Aufbau
Der Band weist eine klare Struktur auf, nach dem Ordnungsprinzip von allgemein zu speziell. Demnach wird zunächst einmal kurz der Kontinent selbst und seine Geschichte vorgestellt, danach folgen die wichtigsten Rassen und Völker (allerdings mit Konzentration auf diejenigen, die auch in Myrunhall beheimatet sind). Dem schließt sich der Aufbau der myranischen Gesellschaft an und einige Kulturmerkmale, wie z.B. die wichtigsten Götter.

Nach diesem Einführungskapitel folgt schließlich die konkrete Provinzbeschreibung. Nachdem auch hier Geschichte, Bevölkerungszusammensetzung und rechtliche Belange erläutert werden, wird ein Augenmerk auf die konkrete politische Lage gelegt. Dabei wird die jeweilige Agenda der bedeutenden Häuser innerhalb Myrunhalls vorgestellt. Zudem erhält man eine kleine Auswahl an NSCs, die exemplarisch Figuren aus unterschiedlichen Bereichen (Politik, Wirtschaft und Militär) des öffentlichen Lebens aufgreifen. Als weiterer Schwerpunkt folgt eine Kurzvorstellung der wichtigsten Städte und Dörfer der Region, außerdem ein beispielhafter Aufbau einer Domäne.

Als Praxisbezug wurden einige Szenariovorschläge eingearbeitet, die die Informationen aus dem Regionalteil direkt spielbar gestalten sollen. Als Hilfestellung sind zudem noch einige Tabellen enthalten, z.B. Werte von Waffen und Preise für wichtige Ausrüstungsgegenstände. Den Abschluss bieten einige myranische Archetypen.

II. Kritik
„Unter dem Sternenpfeiler“ ist in der Tat eine richtig gelungener Weltenband. Nur sind die Provinzkapitel irgendwann fast zu viel kompakter Input. „Myrunhall“ beweist hier im Gegenteil den Mut zur großen Lücke, indem dem Allgemeinen überschaubarer Raum eingeräumt wird und dafür eine Provinz mehr Gestalt annimmt.

Dabei will der Band bewusst ein Spagat eingehen, es handelt sich nicht um eine umfassende Regionalbeschreibung, in der jeder Meter Gegend exakt beschrieben wird, sondern Adressat sind unter anderem auch ausdrücklich Neueinsteiger, die einerseits grobe Grundzüge des Kontinents an sich und eine exemplarische Konkretisierung anderseits erhalten. Somit erhält man auf diese Weise natürlich keinen Gesamtüberblick über den Kontinent, z.B. über Regionen mit anderen klimatischen und geografischen Voraussetzungen. Auch wirkt Myrunhall vergleichsweise wenig exotisch, sind doch die klare Mehrheit der Bewohner und auch der vorgestellten Figuren Menschen. Damit bewegt man sich aber durchaus im Schnitt, und darum geht es ja vor allem, eine wohl in vielen Bereichen durchschnittliche myranische Provinz vorzustellen. Allerdings sollte damit auch klar sein, dass Myrunhall einen Einstieg in das Spiel in Myranor erleichtern kann, man kann es aber nicht als einen quasi „verkürzten“ Weltenband verwenden, dazu ist es in der Hinsicht schlichtweg zu knapp gehalten.

Der antik angehauchte Flair der Region wird dafür allerdings gut transportiert, besonders in der Domänenbeschreibung und in dem Intrigenspiel der Häuser kann man ein anschauliches Gefühl dafür entwickeln, der schön geschilderten Domäne Robores hätte man meiner Meinung nach sogar noch deutlich mehr Platz als nur eine Doppelseite einräumen können. Im Weltenband wirkte die Häuserbeschreibung auf mich naturgemäß noch sehr oberflächlich und wenig griffig. An dem konkreten Beispiel Myrunhall werden mir dieser Zusammenhang und die Denkweise der einzelnen Vertreter umso klarer. Besonders gelungen finde ich in dieser Hinsicht den Punkt „Meinung über andere Häuser und politische Gruppen“, wo mit je einem Satz vieles über die Zusammenhänge verdeutlicht wird.

Die exemplarischen Figuren dienen zudem dazu, einzelne Charaktere vorzustellen, die den Spielern die Bewohner der Provinz näherzubringen. Allerdings erscheint mir die Auswahl teilweise etwas willkürlich. So werden unter der Kapitelüberschrift „Wichtige Persönlichkeiten“ unter anderem auch einfache Soldaten vorgestellt. Mir fehlt da eher eine klarere Unterteilung, v.a. hätte ich religiösen Würdenträgern eine größere Rolle zugeschrieben, zudem vielleicht mehr Vertreter der führenden Häuser, um das Machtspiel noch deutlicher hervorzuheben (was an einer einzelnen Figur aufgemacht wird). Hier steckt offenbar eher der Gedanke dahinter, weniger eine Machtstruktur darzustellen, sondern stärker Figuren zu kreieren, die man direkt im Spiel verwenden kann.

Die drei vorgestellten Szenarien haben jeweils eine an sich ganz nette Grundidee, aus der sich sicherlich auch ein schönes Abenteuer basteln lässt. Aus meiner Sicht haben sie allerdings ein gemeinsames Defizit: Sie arbeiten nicht bzw. sehr wenig mit dem Setting, was zuvor vorgestellt worden ist. „Die gestohlene Statue“ stellt vor allem den in der Natur stattfindenden Wettbewerb mit einem Biestinger dar, „Mord im Badehaus“ spielt in einer Magnatenvilla, also eher in einem geschlossenen Raum, die Recherche in dem Detektivspiel muss einzig in der Villa selbst vorgenommen werden. Einzig „Die Probleme der feinen Gesellschaft“ verbindet Intrigen- und Detektivabenteuer miteinander und spielt in dem eher urbanen Hintergrund, der zuvor geschildert wurde, allerdings können Zusammenhänge auf den wenigen Seiten nur sehr knapp dargestellt werden. Hier wäre meiner Meinung nach weniger mehr gewesen, ein Kurzabenteuer, das die Settingbeschreibung deutlicher aufnimmt und ein paar Seiten mehr an Handlung erhält, hätte eine deutlichere Anbindung an den Bandinhalt ergeben.

III. Fazit

Nimmt man Myrunhall als sinnvolle Ergänzung und Konkretisierung zu „Unter dem Sternenpfeiler“, so erhält man eine anschauliche und gelungene Provinzbeschreibung, die zudem atmosphärisch gut geschrieben ist, dabei für den Leser nie zu trocken wird, was gerade einer Weltbeschreibung eben manchmal doch eigen ist. Myrunhall und seine Städte und Domänen wirken lebendig und bieten einen Hintergrund, der exemplarisch einen näheren Blick auf eine typische myranische Region bietet. Innerhalb des Bandes existieren aber auch die oben angesprochen kleineren Schwächen, die Anreicherung durch Abenteuer bzw. Szenarien erscheint nicht ganz passgenau. Hier bemerkt man deutlich, dass der Band gleich zwei Anforderungen erreichen soll, die nähere Beschreibung einer Region und ebenfalls die Einstiegsmöglichkeit für neue Spieler, was auch überwiegend – aber eben nicht immer – gelingt.

Bewertung: 4 von 6 Punkten
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