Rezension: Namenlose Nacht – Orgien in den Thermen

Vorbemerkungen: Viel Geheimniskrämerei hat es in den letzten Monaten um den sogenannten Orgienband gegeben, was in eine limitierte Auflage mit einem verhüllten Cover mündete. Jetzt ist der Band erschienen und offenbart nun auch sein Inneres, nachdem die Story bislang ebenfalls nur in Ansätzen veröffentlicht wurde und mehr auf einen „ab 18“- Marketinggag gesetzt wurde. Verklemmte Schmuddelfantasien oder ein augenzwinkerndes Amüsierstück? Der Frage soll in der folgenden Rezension nachgegangen werden.

In Zahlen:
– Band Nr. 203
– 151 Seiten
– Erschienen am 24.4. 2014

I. Inhalt und Aufbau
„Namenlose Nacht“ verfügt über einen Aufbau mit vielen Abzweigungen, was damit zusammenhängt, dass der Plot aus mehreren Handlungsfäden besteht, die zwar durchaus miteinander verknüpft sind und auch einige klar gesetzte Etappen haben, die aber vielfach auch nebenher verlaufen.

Als Einstieg dient zunächst die Bitte eines biederen Hoteliers, ihn auf eine Orgie in die Kaiser Bardo- Therme zu begleiten. Dort soll er sich mit Mittelsmännern treffen, die ihm Informationen über den Verbleib seiner unlängst verschwundenen Tochter anbieten wollen. Unglücklicherweise soll eben dies vor der Kulisse einer orgiastischen Feier stattfinden, mit der Teile der Oberschicht Gareths die Namenlosen Tage verbringen wollen. Dies bringt es natürlich mit sich, dass sich eventuell bis unter die Zähne bewaffnete Krieger von ihren stählernen Lebensversicherungen trennen müssen.

Auf der Orgie angelangt, entwickeln sich die Ereignisse jedoch deutlich weniger gradlinig als zunächst vermutet: Statt sich schnell auf die in der Tat anwesende Bande von Mädchenjägern stürzen zu können, geraten die Helden in gleich mehrere zentrale Handlungsbögen hinein, die sich im Laufe der Nacht zu einem komplexen Ganzen zusammenfügen.

Als gemeinsames Oberthema dienen dabei Begriffe wie Lust und der Drang nach ewiger Jugend. Eben diese wird – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven und mit anderen Mitteln – von den beiden Drahtziehern der Orgie angestrebt. Als offizieller Gastgeber fungiert dabei der Patrizier Zurbaran Gerbelstein, hinter dem sich ein Anhänger des Namenlosen verbirgt und der jährlich eine Verjüngungskur erhält, wenn es ihm gelingt, zum Jahreswechsel drei Menschen für den Kult seines unheiligen Gottes zu gewinnen, wozu die Orgie mit ihren Ausschweifungen als idealer Ort für den Verführer fungiert.

Allerdings will er sich von diesen jährlichen Zwängen unabhängig machen: Abhilfe leisten soll ihm dabei ein Kuss des Vampirs Isegrein, der ebenfalls mit dem Namenlosen im Bunde steht. Unglücklicherweise hat Isegrein unlängst zwei Hexen getötet, weshalb ihm ein Mitglied des betroffenen Zirkels auf den Fersen ist. Auf der Orgie kommt es somit auch zu der Konfrontation von Vampir und Hexe, wobei dies unter anderem den Nebeneffekt hat, dass die Hexe ein Verlassen der Therme mittels eines Hexenknoten unmöglich macht, um eine Flucht des Vampirs zu verhindern.

Zuletzt aber verbirgt sich hinter dem ganzen Reigen eine völlig andere treibende Kraft, bei der es sich um niemand anderen als den ehemaligen Kaiser Bardo von Gareth persönlich handelt: Die gesamte Therme wurde in dessen Auftrag als Hort für einen unheiligen Jungbrunnen erbaut, mittels dessen Bardo sich alle 13 Jahre auf Kosten von 13 weiteren Orgiengästen merklich verjüngen kann. Und genau in dieses Ritual gelangen die Helden im Laufe des Abends, was sie in Richtung des Finales unter enormen Druck setzt, wollen sie nicht ihre eigene Jugend an den größenwahnsinnigen Ex- Kaiser verlieren.

Neben all diesen Verwicklungen müssen die Helden sich auch auf dem Parkett des rahjagefälligen Treibens in der Therme beweisen, wobei ihnen der Spagat zwischen notwendiger Recherchearbeit und Teilnahme an der Orgie (und sei es nur, um sich nicht unnötig verdächtig zu machen) gelingen muss.

Neben der Handlungsschilderung mit den Abläufen der einzelnen Handlungsstränge nebst vielen Szenen, die der Darstellung der Atmosphäre dienen, ist der Band mit einem umfassenden Anhang ausgestattet. Zwar verfügt das Abenteuer mit Beginn der Feierlichkeiten nur über einen einzigen Handlungsort (den die Helden wegen des Hexenknoten bis zum Ende nicht verlassen können), dafür ist die Therme aber nicht eben klein und erhält eine genaue Beschreibung, wobei unter anderem Wert darauf gelegt wird, immer auch darauf hinzuweisen, welche improvisierten Waffen sich hier finden lassen, müssen die Helden doch ohne große Teile ihrer Ausrüstung auskommen. Hierzu enthält das Abenteuer eine Reihe von Anregungen, die auch regeltechnisch ausgeführt werden. Zudem beinhaltet der Anhang eine umfassende Charakterisierung der vielen Hauptfiguren sowie einiger Nebenfiguren, dazu noch Anregungen zur Gestaltung weiterer Figuren.

II. Figuren
Wenn man je in einem Abenteuer von einer illustren Schar sprechen konnte, dann bei „Namenlose Nacht“. Da die Handlung eher im Zeichen der Gottheiten Rahja und Phex steht, halten sich die rondrianischen Herausforderungen in gewissen Grenzen, den einzigen wirklich kampfstarken und gefährlichen Gegenspieler stellt der Vampir Isegrein dar. Die beiden zentralen Antagonisten, Zurbaran und Bardo sind eher schillernde Figuren, die ihre finsteren Gelüste und die Bereitschaft, buchstäblich über Leichen zu gehen, hinter einer charmanten Fassade verbergen. Gemeinsam haben all diese Schurken zudem, dass sie zu Beginn der Handlung noch nicht als solche zu erkennen sind und auch ihre Absichten den Helden unbekannt sind. Diese sind ja eigentlich auf der eher profanen Spur des Menschenhändlers Taradiel, der mit seiner Bande ebenfalls an dem Fest teilnimmt und überführt werden kann.

Daneben sind aber viele weitere Personen anwesend, die teils als reine Begegnungen fungieren, teils aber auch als wichtige Verbündete oder Konkurrenten herhalten können. In dieser Hinsicht sticht die wohl prominenteste Besucherin der Orgie heraus: Alara Paligan. Die Kaiserwitwe lässt sich das lasterhafte Treiben nicht entgehen, was den Helden die Gelegenheit gibt, eine völlig andere Art von „Audienz“ zu erhalten. Für die Geschehnisse ebenfalls mitverantwortlich zeichnet sich die Hexe Levaska, die in ihrem Kampf gegen den Vampir früher oder später auf die Mithilfe der Helden angewiesen sein wird. Neben den genannten NSCs befinden sich weit über 200 Personen in der Therme, von abenteuerlustigen oder zufälligen Gästen über das Personal bis hin zu einer Reihe von phexgefälligen Figuren, die das Abenteuer zu einer ungemein belebten Veranstaltung werden lassen.

III. Kritik
„Namenlose Nacht“ entpuppt sich in der Tat als das ungewöhnliche Abenteuer, als das es angekündigt wurde. Die Therme als Schauplatz und die Orgie als Hintergrund allein sorgen schon für eine außergewöhnliche Atmosphäre, die sich deutlich von eher konventionellen Abenteuerhandlungen unterscheidet. Dabei ist der Einsatz des Hexenknotens ein cleverer dramaturgischer Schachzug, der die Helden dazu zwingen kann, sich vollkommen auf die Gegebenheiten einzulassen, z.B. den Kampf mit improvisierten Waffen oder den Rückgriff auf zwielichtige Verbündete, die sie erst seit ein paar Stunden kennen. Allerdings engt der Band auch hier nicht ohne Not ein, es werden auch Optionen der Überwindung der Barriere und die Einbindung von Verstärkungsstruppen berücksichtigt. Ebenso müssen die Helden nicht zwangsläufig dem Ritual unterworfen werden, auch hier werden Alternativen genannt, trotzdem eine Motivation zur Beendigung des Treibens zu entwickeln, z.B. die Rettung des Auftraggebers.

Überhaupt stellt die generelle Ausarbeitung vieler möglicher Varianten eine Stärke des Abenteuers dar: Der Meister hat die ausgesprochen komplexe Aufgabe, einen Schauplatz mit Leben zu erfüllen, an dem sich auf relativ engem Raum über 200 Personen aufhalten und an dem im Laufe des Abends mehrere parallele Handlungsstränge vorangetrieben werden müssen. Dazu erhält er alle möglichen Hilfestellungen: Sowohl der Zeitablauf wird gut dargestellt als auch alle Optionen, in die Geschehnisse einzugreifen. Die Figuren und der Schauplatz werden im umfassenden Anhang vorbildlich beschrieben, so dass das Management deutlich erleichtert wird.

Ziel ist es natürlich auch, keinen Leerlauf zuzulassen, das Instrumentarium, die Helden zu beschäftigen und sie mit neuen Ereignissen und Wendungen zu konfrontieren, ist breit gefächert. Das lässt auch eine langsame Steigerung der Handlungskurve zu, von dem anfänglichen Einfühlen in die Szenerie über die erste Recherche bis hin zu dem Chaos, das schnell nach dem Verjüngungsritual ausbricht. Gerade hier werden die Helden vor das reizvolle Dilemma gestellt, einerseits mit dem Mysterium der plötzlichen und rapiden eigenen Alterung umgehen zu müssen und sich andererseits als Retter der übrigen Orgiengesellschaft bewähren zu müssen, wenn der ebenfalls betroffene Vampir immer wahrloser und brutaler neue Opfer angreift und eine regelrechte Blutspur hinter sich herzieht. Der Zeitdruck, der sich hier entwickeln kann, dürfte auch erfahrene Heldengruppen unter Druck setzen, selbst wenn die Gegnerdichte grundsätzlich eher moderat ist.

Einen besonderen Reiz dürfte sich zudem aus der illustren Schar an NSCs ergeben, da gerade zu Beginn vollkommen unklar ist, welche Figur eine bedeutende Rolle spielen wird und auf welcher Seite diese sich positioniert, zumal die Helden ja ursprünglich nur die Entführer der Tochter ihres Auftraggebers als Gegner vermuten und sich unverhofft weitere Konfliktherde entwickeln, die sich als ungleich gefährlicher erweisen.

An dieser Stelle allerdings tragen die Autoren für meinen Geschmack etwas zu dick auf: Wie schon in der Handlungsübersicht angesprochen, sind der Mädchenhändler und seine Bande im Endeffekt nur eine Nebenhandlung, die im Laufe des Abends wahrscheinlich vergleichsweise leicht gelöst werden kann. Daneben existieren aber noch der Vampirplot, die namenlosen Machenschaften des Gastgebers und schließlich Bardos Verjüngungsritual. Zwar sind jeweils Kausalketten vorhanden, die die meisten Plots miteinander verbinden (so hat der Gastgeber Zurbaran den Vampir persönlich eingeladen, um von ihm ewige Jugend zu empfangen und ist auch in die Machenschaften des Mädchenhändlers eingeweiht und profitiert davon. Bardo schließlich ist es nur recht, wenn seine Untaten in Zubarans großer Orgie weniger Aufmerksamkeit erregen), letztlich bleibt aber der Eindruck, dass hier zu viele Wendungen eingebaut wurden, die durchaus dazu angetan sind, die Spieler zu verwirren, wem sie eigentlich warum auf den Fersen sind. Vor allem Zubarans Rolle halte ich für zu sehr konstruiert und im Prinzip nicht unbedingt notwendig. Durch sein relativ frühes Ableben dürfte es ohnehin sehr schwer werden, seinen Hintergrund als Diener des Namenlosen aufzudecken. Das ist ohnehin nicht unbedingt das originellste Handlungsmotiv eines Schurken in der DSA- Geschichte, sondern fast noch der konventionellste Handlungsstrang. Ihn einfach als leicht verruchten/verrückten Exzentriker darzustellen, der, ohne es zu wissen, als Strohmann für Bardo agiert, hätte meiner Meinung nach vollkommen ausgereicht, ohne ihm noch diesen speziellen Hintergrund zu verpassen. Mit dem drohenden Tod durch Altersschwäche und dem Blutrausch des Vampirs existieren dazu genügend andere dramaturgisch und atmosphärisch interessante Handlungszweige, die die Helden mehr als genug beschäftigen dürften.

Grundsätzlich ist das aber Kritik auf hohem Niveau, in erster Linie transportiert das Abenteuer nämlich vor allem eines: ganz viel augenzwinkernden Spaß. Den Autoren ist es gelungen einen unverbrauchten und originellen Plot zu schaffen, ohne auf irgendwelche exotischen Schauplätze wie die Schattenlande oder Feenglobulen zurückgreifen zu müssen, sondern sie gestalten dies mitten in der Hauptstadt des Reiches. Im Laufe der Handlung ergeben sich wahrscheinlich für viele Spielrunden unvergessliche Momente, wenn Alrik in Ermangelung seines Zweihänders und seines Plattenpanzers versuchen muss, den Vampir mit Schneebällen(!) zu bekämpfen, während er verzweifelt versucht, nicht das als letztes verbliebenes Kleidungstück um die Hüften gewickelte nasse Handtuch zu verlieren (welches zur Not auch noch 1W-2 TP bringt).

Der eine oder andere Spieler dürfte mit einigen Setzungen vielleicht seine Probleme haben, denn die Autoren verlangen den Spielern so einiges ab: Erst werden sie entwaffnet, dann am Handlungsort festgesetzt und zuletzt auch noch damit konfrontiert, dass sie unmerklich einem Ritual ausgesetzt wurden, dass sie rapide altern lässt. Allerdings sind all diese Einzelelemente innerhalb des Abenteuers gut und logisch begründet, so dass es meiner Meinung nach möglich ist, dies zu akzeptieren und sich darauf einzulassen, letztlich sind es eben die Problemstellungen, mit denen wahre Helden umgehen müssen, zudem bietet das Abenteuer auch immer Möglichkeiten, sich trotzdem zurechtzufinden und – wie üblich – die Wende zum Guten zu schaffen. Dafür gibt es umgekehrt auch sehr viele Elemente innerhalb des Bandes, die ausgesprochen frei spielbar sind, bei denen die Helden ihre eigenen Lösungen finden können. Das ergibt sich allein auch aus der Tatsache, dass kaum vorhersehbar ist, mit welchen Personen die Helden genau in Kontakt kommen und in welcher Reihenfolge sie sich mit den einzelnen Plotelementen beschäftigen.

IV. Fazit
„Namenslose Nacht“ ist ein wirklich gutes Abenteuer mit einem leicht überladenen, dafür aber sehr originellen und unverbrauchten Plot. Die umfangreiche Ausarbeitung ermöglicht es dem Meister, die Orgie ungemein lebendig und abwechslungsreich zu gestalten, so dass nicht eine Sekunde Langeweile am Spieltisch aufkommen dürfte. Unterstützt wird dies durch eine Figurenriege, die jede Menge Wendungen ermöglicht und neben einigen notwendigen Setzungen auch viele Freiräume ermöglicht.

Bewertung: 5 von 6 Punkten

2 Comments

  1. Was ich etwas problematisch finde ist die kurze Zeitspanne von Beginn bis Höhepunkt des Abenteuers.
    Wenn sich die Helden neben der Handlung noch ein bisschen vergnügen möchten (wer sollte es ihnen verübeln), dann bleibt einfach zu wenig Zeit um mit den ganzen beschriebenen Menschen zu sprechen, geschweige denn für gutes Rollenspiel in diesem unverbrauchten Umfeld.

    Ansonsten schönes Abenteuer! Bin gespannt wie es am Wochenende bei meinen Spielern ankommt.

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