Rezension: Mutterglück

Vorbemerkungen: Neben den Printpublikationen hat DSA im Laufe der Jahre in regelmäßigen Abständen auch immer wieder den Weg in die Computerspielbranche gefunden. Eines der jüngsten Erzeugnisse ist „Demonicon“, das im Vergleich zu „Drakensang“ oder „Satinavs Ketten“ bzw. „Memoria“ einen äußerst düsteren Ton anschlägt, spielt es doch im lange von Bordarads Erben besetzen Warunk. Ähnlich wie bei Drakensang gibt es aber auch hier eine Verbindung zu den Printpublikationen, ist doch mit „Mutterglück“ ein kurzes Promo- Abenteuer erscheinen, welches die Vorgeschichte des Computerspiels erzählt.

In Zahlen:
– 24/60 Seiten (dieser Rezension liegt die Broschüre- Ausgabe aus der Collector`s Edition zugrunde, es existiert aber auch noch eine 24seitige Ausgabe in Heftformat)

– Erschienen am 25.10. 2013

I. Inhalt und Aufbau

Als Besonderheit bricht das Abenteuer aus der aktuellen Zeitlinie aus, die beschriebenen Ereignisse spielen im Aventurien vor der Invasion Borbarads, genauer im Jahr 1011 BF. Das Abenteuer ist in zwei größere Handlungsteile getrennt: Der erste Teil gestaltet sich relativ konventionell. Im Auftrag des Adeligen Valadus von Darrenfurt begeben sich die Helden auf die Burg Zackenfurt, um den dortigen Baron Voltan von Zackenfurt für das Werben von Valadus um Voltans Tochter einzunehmen. Dort angekommen, stellen die Helden aber schnell fest, dass in letzter Zeit merkwürdige Dinge auf der Burg geschehen sind, vor allem lässt sich die umworbene Cosima wegen vermeintlicher Unpässlichkeit tagelang nicht blicken und darf nur von ihrer Zofe besucht werden. Zudem existiert eine Reihe von Konflikten unter den Burgbewohnern, vor allem die beiden Söldner Parel und Fergolosch versuchen, die Rechercheversuche der Helden zu sabotieren. Schlussendlich stellen die Helden fest, dass Cosima verschwunden ist und – schlimmer noch – nicht die erwartete Jungfrau zu sein scheint, sondern in Wahrheit ein Kind von Rago, einem Freund von Parel und Fergolosch erwartet und zudem eine Affäre mit dem Adeligen Seghal hatte, der ebenfalls um ihre Gunst warb. Vom aufgebrachten Vater ausgesendet, begeben sich die Helden auf Cosimas Spuren. Am Ort der Entführung angekommen, treffen die Helden auf Seghal, der sich ihnen als Borbaradianer offenbart und ihnen mitteilt, dass Cosima sich in den Händen von Azaril Scharlachkraut und ihrem Kult befindet, die Cosimas Kind in einem Ritual opfern wollen. Aus Liebe zu Cosima bietet er sich als Führer an und bringt die Helden zur Ogermauer, wo Rago sein Lager errichtet hat. An den Helden und ihren Begleitern ist es nun, Rago und seine Gefolgsleute zu überwältigen, um Cosima zu befreien.

Optional bietet sich hier die Möglichkeit, das Abenteuer mit dem Sieg über Rago zu beenden und Seghal und Cosima zusammenzuführen. In einer anderen Variante aber werden die Helden jetzt von Seghal verraten und geraten in die Gefangenschaft von Azarils Kult. Von einer Übermacht überwältigt, werden die Helden in einen mehrwöchigen Schlaf versetzt und erwachen in einer alten alhanischen Festung. Dort müssen sie feststellen, dass in Bälde ein Ritual durchgeführt werden soll, in dem der sogenannte „Erste Paladin“ Borbarads geschaffen werden soll, wozu neben Cosima gleich sechs weitere Schwangere gefangen gehalten werden sollen. Mithilfe von Seghal, der direkt mit den Helden zusammenarbeitet und Rago, den die Helden „umdrehen“ sollen, während er sie foltert, kann es gelingen, im Finale schlagkräftig genug zu sein, um das Ritual zu stören und Rago und Cosima zur Flucht zu verhelfen.

II. Figuren

Zunächst treffen die Helden vor allem auf die eher gewöhnliche Figurenriege der Burgbesatzung, wobei vor allem Pagel und Fergolosch wichtige Bezugspunkte (und erste Gegenspieler) darstellen, da man von ihnen viele Schlüsselinformationen über ihren alten Weggefährten Rago und seine Beziehung zu Cosima und Azaril erhalten kann. Im Rahmen eines solchen Kurzabenteuers ist eine vertiefte Figurenbeschreibung zwar nur begrenzt möglich, trotzdem erhält man einen guten Überblick über alle Burgbewohner und die internen Konflikte und Beziehungen.

Im Zentrum der weiteren Handlung steht das Dreiecksverhältnis zwischen Seghal, Rago und Cosima. Beide Konkurrenten sind ambivalent, da sie sowohl Gegenspieler als auch verbündete verkörpern können. Seghal bringt ihnen zudem die Denkweise der Borbaradianer näher, die zum Zeitpunkt des Abenteuers noch eine andere Rolle einnehmen als im heutigen Aventurien, hier klingt sogar ein fast liberaler Gedanke mehr hervor als das heute existente Bild von Grausamkeit und Dämonologie. Rago hingegen wird zunächst als Entführer Cosimas und als Folterknecht Azarils sicherlich zunächst eine eher verhasste Figur darstellen, in dem die Helden nur durch geschicktes Vorgehen Zweifel an seinem Handeln erzeugen können.

Erst recht spät offenbart sich Azaril Scharlachkraut als wirkliche Antagonistin, womit die Helden mit einer der populärsten Schurkenfiguren konfrontiert werden, hier natürlich sicherlich noch nicht auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Ihre kühle und rationale Art tritt schon hier zu Tage, was sie in den folgenden Jahren ja in der Hierarchie der Borbaradianer in eine führende Position manövriert hat.

III. Kritik

Zunächst hinterlässt das Abenteuer ein sehr großes Fragezeichen bei mir: Die Hintergrundgeschichte der Beziehung zwischen Azaril, Rago und Seghal, in die auch Cosima, Parel und Fergolosch involviert sind, ist ausgesprochen verwirrend, da hier wechselseitige Konflikte und Begierden auftreten, dazu noch mit Illusionen gearbeitet wird, so dass es schwer ist, das Beziehungsgeflecht zu entwirren.

Das zieht sich dann auch wie ein roter Faden durch die gesamte Handlung: Gerade Rago und Seghal mit ihrer unklaren Loyalität wechseln mehrfach die Seiten, was für mich nicht immer klar motiviert erscheint. So wirkt es eher unrealistisch, dass Seghal, der bis Mitte des Abenteuers gegen Azaril gearbeitet hat, sich später frei bewegen kann, um die Helden z.B. mit Ausrüstung zu versorgen. Rago während der Folter in seiner Haltung zu erschüttern, ist ein dramaturgisch interessanter Gedanke, wirft aber auch die Frage auf, warum Azaril ausgerechnet ihn alleine mit den Helden lässt, da sie zuvor die Gelegenheit hatten, von Parel und Fergolosch zu erfahren, dass Azaril ihn um eine versprochene Liebesnacht betrogen hat. Eine wirklich klug agierende Schurkin würde hier zumindest für eine Überwachung sorgen.

Gelungen ist die Darstellung der Mikrokosmos innerhalb der Burg, trotz der naturgemäßen Platzknappheit in einem so kurzen Abenteuer werden die Örtlichkeiten, die Figuren und ihre Konflikte so dargestellt, dass die Recherche der Helden sehr ergiebig und interessant werden kann. Folter an den Helden mag im späteren Verlauf durchaus eine durchaus kontroverse Situation darstellen, die sicherlich nicht jedem Spieler gefällt, die Situation aber, aus der Ausgangslage der eigentlichen Wehrlosigkeit die Kontrolle über das Geschehen zu übernehmen, erscheint mir rollenspielerisch reizvoll und spannend. Schwierig hingegen wird es dann wahrscheinlich zu akzeptieren, dass nur ein Teilsieg möglich ist, da das Abenteuer die Setzung vorgibt, dass zwar eine Rettung Cosimas möglich ist, nicht aber die Befreiung aller anderen Opfer. Überhaupt nimmt das Abenteuer für meinen Geschmack etwas zu viele strikte Vorgaben vor, vor allem in der zweiten Hälfte, so ist das Schicksal der meisten Figuren vorgegeben. Das erscheint zwar logisch, weil für das Computerspiel eine Vorlage geschaffen wird, schränkt aber das konkrete Spiel etwas ein.

IV. Fazit

„Mutterglück“ hat eine ungewöhnliche Atmosphäre, die sich im Laufe des Abenteuers glaubhaft von konventionell in höchst bedrohlich wandelt und weist eine Reihe Ideen auf, die reizvoll und spannend sind. Allerdings schmälert bei mir die ausgesprochen konfuse und schwer nachvollziehbare Hintergrundgeschichte mit einer Reihe von zaudernden Schurken und betrogenen Betrügern den Gesamteindruck, zumal mir gerade die Schlüsselfiguren Rago und Seghal in ihrer Motivation eher unglaubwürdig erscheinen, auch in der Frage, inwieweit die Helden bereit sein werden, diese als Verbündete zu akzeptieren.

Bewertung: 3 von 6 Punkten

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