Es war einmal vor langer Zeit…

„Zeit und Rollenspiel“ lautet der aktuelle Titel des „Karneval der Rollenspielblogs“: http://mad-kyndalanth.blogspot.de/2014/05/rsp-karneval-eroffnungsartikel-zu-zeit.html . Auch hier werde ich wieder einen kleinen Blick in die Welt meines Leib- und Magen- Rollenspiels DSA wagen. Dabei möchte ich mich allerdings weniger mit dem Phänomen Zeit an sich auseinandersetzen, sondern mit einer gerne gewählten Möglichkeit, Zeit als dramaturgisches Mittel einzusetzen: der Zeitreise.

Zeitreisen sind spätestens seit H.G. Wells ein beliebtes Phänomen und Element vieler Fantasy- und Science- Fiction – Handlungen, z.B. in allen Star Trek- Serien, in denen sich Kirk, Picard und Co. gerne auf einen Trip in die Vergangenheit oder Zukunft begeben oder in den drei Teilen von „Zurück in die Zukunft“. Obwohl Zeitreisen in beide genannten Richtungen möglich sind (bei Wells z.B. geht es untypischerweise in die Zukunft), ist der bei weitem häufigere Weg der in die Vergangenheit. Das mag im Film durchaus auch praktische Gründe haben, z.B. Budgeteinsparungen, wenn in einer futuristischen Handlung die Gegenwart als existente und somit deutlich günstigere Kulisse verwendet wird.

Im Allgemeinen aber ist es doch ein anderer Faktor, der sich dahinter verbergen dürfte. Die Faszination der Vergangenheit, die logisch bedingt archaischer daherkommt, oft den Anschein erweckt, als wäre dort mehr Abenteuerliches geschehen als in der Gegenwart, was gerade auf unsere technologisierte Gesellschaft zutreffen dürfte.

Zeitreisen in Aventurien

Was allerdings bedeutet dies für ein Rollenspiel, das ohnehin über ein eher mittelalterlich angehauchtes Setting verfügt und durch die Weltkonstruktion per se dazu konstruiert wurde, den Spielern und ihren Helden einen Hintergrund zu bieten, an dem sich das Abenteuer buchstäblich hinter der nächsten Weggabelung verbirgt? Schließlich gibt es auch dort mehr als eine Publikation, die die Helden in eine Situation versetzt, in der die Handlung auf einer anderen Zeitebene spielt.

„Die Stadt des toten Herrschers“ als ein erstes Abenteuer mit einer Zeitreise arbeitet mit der reizvollen Möglichkeit, ein Problem auf mehreren Zeitebenen angehen zu können. Als Hintergrund wurde dabei allerdings mit den Echsenmenschen eine Zivilisation gewählt, die gerade in den ersten Jahren von DSA noch etwas exotischer war, als sie es heute noch ist, wodurch Zeit hier eben nur eine Spielart der Problemlösung ist, weniger ein Erleben einer massiv anderen Vergangenheit.

Ganz anders gestaltet sich dies in „Der Krieg der Magier“, das damals als Prequel zur G7- Kampagne beworben wurde. In der Tat klang der Plot reizvoll, werden die Helden doch in Borbarads Feste selbst versetzt, kurz vor der Entscheidungsschlacht zwischen den beiden Nandus- Söhnen. Leider nur stellt sich das ganze eben eher als eine Art von Sightseeing- Trip heraus, es gibt zwar viel zu bestaunen, aber wenig Einflussmöglichkeiten. Trotzdem markiert das Abenteuer einen wichtigen Einschnitt, bietet es doch erstmals die Gelegenheit, ein zentrales Ereignis der aventurischen Geschichte nachzuerleben.

Eine andere Spielart bringt das Solo- Abenteuer „Ewig ist nur Satinav“: die Zeitschleife. Der Held gerät mehr oder weniger zufällig auf ein Fest und merkt zunehmend, dass er den Örtlichkeiten nicht entrinnen kann und sich zudem nicht in seiner eigenen Gegenwart befindet. Erst nach mehrmaligen Wiederholungen gelingt es, hinter die Lösung zu kommen, die zu einer Auflösung des Dilemmas führt.

Zuletzt gab es mit der „Dunkle Zeiten“- Box in der Tat sogar eine Institutionalisierung eines Settings, das es den Helden ermöglichen soll, ausgewählte Passagen der Geschichte zu bespielen, wobei hier der Fokus auf bereits untergangenen Reichen und Kulturen liegt, z.B. dem ersten Bosparanischen Reich. Dies stellt eindeutig ein Zugeständnis an das Bedürfnis dar, eine zunehmend ausdifferenzierte Vorgeschichte der aventurischen Geschichte mitgestalten zu können. In über 30 Jahren hat die Hintergrundwelt eben nicht nur immer mehr Material zur Gestaltung der Gegenwart erhalten, sondern wurde gleichzeitig mit einer entsprechenden Historie ausgestattet, die die gegenwärtigen Ereignisse und Begebenheiten erklären soll. Logischerweise wurden dabei auch immer mehr Geschehnisse kreiert, die selbst dazu einladen, im Mittelpunkt eines Abenteuers zu stehen. Ähnliche Phänomene verbergen sich hinter einer zunehmenden Menge an Prequels zu bekannten Romanen oder Filmen, bei denen sich durch die Publikumsgunst ergeben hat, dass eine fiktionale Welt auch eine Vorgeschichte hat, die zu erzählen es sich lohnt.

Wünsch dir was…

Und in der Hinsicht hat auch Aventurien noch einiges zu bieten. Deshalb möchte ich an dieser Stelle auch nicht schließen, ohne meine Top 3- Wünsche für eine Zeitreise zu äußern, die ich gerne in die aventurische Vergangenheit unternehmen würde:

1. Mit Reto nach Maraskan: Nach wie vor fehlt mir in Aventurien mal ein groß angelegter Eroberungsfeldzug. Allein die teilweise äußerst ambivalenten Protagonisten wie Haffax, Lutisana oder Reto versprechen viele interessante Charaktermomente und sich durch das unwegsame Maraskan zu kämpfen ist ohnehin immer ein Highlight.

2. Der Untergang von Umrazim: Als großer Fan von „Brogars Blut“ üben Zwergenbingen ohnehin einen großen Reiz auf mich aus (ein Volk, das nach wie vor eher wenig mit Abenteuern bedacht wird). Die tragische Geschichte einer fallenden Zwergenbinge und eines sich selbst opfernden Königs bietet einen epischen Stoff. Da ein orkischer Angriff als auslösendes Ereignis fungiert, wäre das – nach den Eindrücken von „Firuns Flüstern“ – sicherlich auch eine denkbare Aufgabe für eine Orkgruppe, um gängige Formate zu unterlaufen.

3. Mit Sanin auf Expedition: Es muss ja nicht immer der große Krieg sein, gerade Entdeckungsreisen haben ihren eigenen Reiz, wenn man überall auf das Unbekannte treffen kann, die Erschließung des Perlenmeers mit dem knorrigen Sanin klingt vielversprechend. Zumal es in „An fremden Gestaden“ ja leider verpasst wurde, ein echtes Entdecker- Gefühl mit entsprechender Stimmung aufkommen zu lassen.

Soweit zu meinen eigenen Wünschen, ich bin mir sicher, dass man da sicherlich noch jede Menge anderer Ereignisse finden kann, die zu spielen es sich lohnen würde. Allerdings bin ich – gerade in den letzten Monaten mit einigen wirklich gelungenen Abenteuern – auch durchaus mit der Gegenwart zufrieden.

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Es war einmal vor langer Zeit…

4 Gedanken zu “Es war einmal vor langer Zeit…

  1. Ja, die aventurische Vergangenheit ist wirklich eine Settingaspekt den man mal nutzen kann.
    Ich persönlich tu es momentan auch verstärkt. Mit einer Runde in den Dunklen Zeiten und einer auf dem ambivalenten Maraskan, zwar zur Zeit der Tuzaker Aufstände aber auch sehr interessant.
    Ein One-Shot hat uns auch schonmal als Urtulamiden (mit DDZ Ferkinawerten) in eine Stadt der echsischen Hochkultur geführt, in Vorbereitung auf einen Angriff Rashdul al Sheiks. Da könnte ich mir auch mehr von vorstellen.
    Sonst wär auf meiner Interessenliste auch die Priesterkaiserzeit zu finden. Als verfolgte Magier eventuell.

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  2. Schöne Top3, wäre ich überall gerne dabei! Ich spiele gerade mal wieder Stadt des toten Herrschers – das hat ja neben der Zeitreise noch andere außergewöhnliche Aspekte.

    Weiß jemand was eigentlich aus der vor langer, langer Zeit einmal angekündigten „Zwerge & Elfen“ Zeitalter“ Box geworden ist? Arbeitet da noch jemand dran?

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  3. Ich würde mystische Ereignisse wie den Fall Umrazims nicht zum Nachspielen anbieten. Ist auch immer so eine Sache, wenn ein bestimmtes Ergebnis des Abenteuers vorausgesetzt wird, das nimmt Entscheidungsmöglichkeiten. Beim Maraskan-Feldzug bietet sich auch das Zusammentreffen mit der einheimischen Kultur an.

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  4. Das ist natürlich immer ein Problem beim Spiel mit der Vergangenheit, bestimmte Resultate sind ja bereits als Kanon gesetzt, man muss die Nischen finden, die noch ein offenes Ergebnis zulassen. Deshalb dürfte es auch schwierig sein, die ganz großen Ereignisse selbst nachzuspielen, das würde meiner Meinung nach eh viel Spielspaß nehmen. Aber als Rahmen ist das durchaus denkbar, ein Abenteuer müsste dann eben am Randbereich oder in einer speziellen Episode angesiedelt werden.

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