Rezension: Firun- Vademecum

Vorbemerkungen: Im Allgemeinen hat der Firun- Geweihte eher das Image des aventurischen Äquivalents einer Spaßbremse, gelten die Diener Firuns doch – gleich ihrem Herrn – als sprichwörtlich frostige Naturen, wortkarg, kauzig und eigenbrötlerisch. Umso interessanter wird in Anbetracht dieser Aspekte die Frage, inwieweit das dazugehörige Vademecum von Melanie E.C. Meier die besagten Klischees bestätigt oder gar im Gegenteil damit aufräumt und stattdessen ganz andere Facetten zu Tage fördert.

In Zahlen:
– Vademecum- Reihe
– 160 Seiten
– Erschienen am 19.6. 2014

I. Aufbau und Inhalt
Als im Prinzip reine Ingame- Beschreibung ist das Vademecum von regeltechnischen Anmerkungen bis auf einige knappe Hinweise über die Ausgestaltung eines Firun- Geweihten am Ende befreit, im Vordergrund steht tatsächlich eine möglichst umfassende Beschreibung vom Alltag und dem Leben eines Dieners des Frostgottes. Dazu wird sogar die konkrete Perspektive des Thorben Grimmwulf gewählt, dessen persönliche Aufzeichnungen die Grundlage des Vademecums sind, da in der Firun- Kirche ansonsten eine deutliche Tradition der mündliche Überlieferung präferiert wird und eine offizielle Kirchengeschichte in Niederschriften weitgehend nicht existent ist.

Zu Beginn begibt sich das Vademecum auf eher mythische Pfade, indem einige Erzählungen zum Wesen des Gottes selbst präsentiert werden, woraufhin einige Erzählungen zum Wirken Firuns und seiner Tochter Ifirn folgen. Ohnehin verdeutlicht das Vademecum, wie sich die Geweihten von Vater und Tochter oft gegenseitig ergänzen, wobei natürlich auch Gegensätze aufgezeigt werden.

Neben solchen eher theoretischen Passagen werden aber auch konkretere Handlungsoptionen im Alltag des Geweihten beschrieben, primär sind in dieser Hinsicht die Liturgien zu nennen, in denen die Wirkung einer speziellen Anrufung aufgeführt werden nebst den dazu gehörigen Aussprüchen.

In der Folge wird das Leben des Geweihten selbst in seinen typischen Ausprägungen thematisiert, beginnend mit Berufung und Noviziat bis hin zu den notwendigen Fähigkeiten, die ein Geweihter in seinem Leben entwickeln muss, wobei der Schwerpunkt auf dem Leben in der Wildnis – natürlich auch speziell in eisigen Gefilden – und der Jagd und ihren rituellen Abläufen gelegt wird.

Auch den Eigenheiten der Firun- und Ifirnskirche wird Rechnung getragen, indem sowohl Heilige, aktuelle Würdenträger, wichtige Gaben der Götter und geheiligte Plätze vorgestellt werden. Zuletzt werden noch unterschiedliche Typen unter den Geweihten beschreiben, wobei insbesondere zwischen den unsteten und wildniserfahrenen Wanderern und den eher in den Dörfern und Städten zu findenden Hütern der Jagd differenziert wird.

Lediglich der kurze letzte Abschnitt des Vademecums setzt sich grob mit regeltechnischen Aspekten auseinander, indem kurz auf typische Gestaltungselemente der Geweihten eingegangen wird, z.B. in Form bevorzugter Talente.

II. Kritik
Die Vademecum- Reihe kannte ich bisher noch nicht, da ich die ersten Veröffentlichungen nicht gelesen hatte. Grund dafür ist meine kritische Distanz zu Geweihten, die mir als Charaktere zu dogmatisch erscheinen, müssen sie doch logischer Weise einer klaren Linie folgen, manche erscheinen mir zu wenig heldenhaft, da oft wenig wehrhaft (Peraine, Tsa, Hesinde, Travia), andere zu ernst und unflexibel (Rondra, Boron, Praios). In letztere Kategorie fiel bislang für mich auch deutlich die Geweihtenschaft des Firun, existiert doch vornehmlich das schon angesprochene Bild des einsiedlerischen Eigenbrötlers, der auch noch vornehmlich in eher unwirtlichen und abgeschiedenen Gegenden zu finden ist.

Und zunächst bestätigt sich dieser Ausdruck in einigen Aspekten, wird doch das Wesen des Geweihten als Einzelgänger an vielen Stellen betont, die eher in soziale Komplexe eingebundenen Hüter der Jagd, die auch offizieller Funktion tätig sind, kommen vergleichsweise kurz weg. Zum Teil liegt das natürlich an der Entscheidung, aus der Sicht eines bestimmten Geweihten zu schreiben, der natürlich die eigenen Erfahrungen in den Vordergrund stellt.

Was das Vademecum dafür hervorragend leistet, ist es, einen tieferen Einblick in die Motivation und die Lebensweise eines Firun- Geweihten zu geben. Dabei werden die Entscheidung für ein Geweihtenleben und die Prägung durch Vorbilder ebenso thematisiert wie das Verhältnis zur Natur und dem Leben in der Wildnis. Durchaus kann man dadurch auch hinter die vordergründige Fassade des oft schroff wirkenden prototypischen Geweihten blicken, wobei auch deutlich wird, dass es „den Geweihten“ so nicht gibt, sondern die individuelle Entscheidung für ein Leben im Dienste des Gottes im Vordergrund steht.

Wirklich anschaulich zur Erläuterung des Glaubens an sich sind auch die zahlreichen Erzählungen und märchenhaften Passagen, die Firuns und Ifirns Wesen unterstreichen und auch das Handeln derer, die sich ihnen verpflichtet fühlen.

Ohnehin ist das Verhältnis des Wintergottes und seiner Tochter ein prägendes Element des Bandes, so erkennt man schnell, dass die vordergründig gegensätzlich Gottheiten sich passend ergänzen und eine enge Verbindung zwischen beiden Geweihtenschaften existiert, was z.B. in den gemeinsamen bzw. ähnlichen Liturgien zum Ausdruck kommt.

Etwas schade finde ich, dass der Firun- Geweihte in seinen Ansichten und Einstellungen zwar viel griffiger wird, allerdings trotzdem Hinweise fehlen, wie man diesen als Spielercharakter besser einbinden kann. Letztlich ist Aventurien auf die Interaktion von Helden in einer Gruppe ausgerichtet. Genau das wird für mich hier vernachlässigt, weder in den raren Anmerkungen zum Firun- Geweihten als Held noch in den Ingame- Texten finden sich passende Beispiele für eine Integration in eine Heldengruppe. Immerhin braucht solch ein in Normalfall eher introvertierter Charakter eine spezielle Motivation, die Abgeschiedenheit der Wildnis zu verlassen und in einer Gemeinschaft zu reisen, hier wären einige Anregungen durchaus wünschenswert gewesen.

Umgekehrt enthält der Band dafür viele Anregungen für das Leben in kälteren Gefilden, z.B. wenn die überlebensnotwendige Pflege der Ausrüstung bei extremen Witterungsbedingungen beschrieben wird. Auch die generelle Darstellung von Geweihten durch den Spielleiter kann von der Lektüre nur profitieren, werden hier doch viele Facetten aufgezeigt, die mehr als nur die harte Fassade hergeben, sondern auch die Geschichte, die hinter dem Gegenüber steht und was diesen dazu bewegt haben könnte, sein Leben dem Gottesdienst zu widmen.

Über die Kirche des Firun selbst erhält man lediglich einen sehr rudimentären Überblick, was z.B. eine Organisationsstruktur angeht. Dies wird allerdings sehr überzeugend mit dem Verweis auf die Eigenarten der Geweihtenschaft erläutert und trägt eher zur Einzigartigkeit dieser Glaubensgemeinschaft bei.

III. Fazit
Das Firun- Vademecum bietet einen interessanten und lesenswerten Einblick in das Leben und die Eigenarten eines Firungeweihten, was durch stimmungsvolle Texte unterstützt wird. Allerdings schafft es das Vademecum nicht, generelle Probleme im Bereich der Gruppenkompatibilität aus dem Weg zu räumen.

Bewertung: 4 von 6 Punkten
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