Der Spielleiter als Multitalent: Wie schlüpfe ich glaubhaft in möglichst viele Rollen?

Nachdem ich bisher ja eher theoretisches zum Juli- Karnevalsthema „Lebendige NSCs“ geschrieben habe, möchte ich mich auch noch von praktischer Seite äußern. Da ich mich im Theaterbereich etwas auskenne, liegt mir das Ausfüllen von unterschiedlichen Charakteren prinzipiell, auch weil das im Optimalfall unheimlich viel Spaß bereiten kann.

Allerdings hat ein Spielleiter im Rollenspielbereich eine nicht zu unterschätzende Aufgabe, immerhin muss er – anders als die Spieler – im Regelfall nicht einen Charakter lebendig werden lassen, sondern das gesamte Umfeld gestalten. Anders als ein Schauspieler kann er sich zudem nicht an einen vorgefertigten Text halten, sondern muss mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Großteil der Interaktion mit den Spielercharakteren improvisieren, da kaum im Detail vorhersagbar ist, wie sich eine Dialogsituation gestalten wird.

Die Vorbereitung

Zunächst ist natürlich eine gute Vorbereitung immens hilfreich: Der Spielleiter muss wissen, welche Rolle die Figur innerhalb der Handlung einnimmt und muss auch mit der Hintergrundgeschichte vertraut sein. Hilfreich sind hierzu einige Notizen, für die ich meistens kleine Karteikarten benutze, auf denen stichwortartig die wichtigsten Informationen notiert sind, z.B. in Bezug auf das, was die Spieler von mir wollen. Sprich: Wenn ich einen einfachen Bauern im Herrschaftsgebiet eines finsteren Barons spiele, muss ich auf jeden Fall wissen, wie gut meine Figur den Schurken kennt und wie sie zu ihm steht (rebellische Haltung/ Angst/ falsche Loyalität etc.).

Zudem muss ich mir über einige grundsätzliche Aspekte in der Ausgestaltung im Klaren sein:
– Welche Grundstimmung besitzt der Charakter? Ist er z.B. mürrisch, weil er spät am Abend noch gestört wird?
– Wie ist die Schichtzugehörigkeit? Ein Bauer verlangt einen eher simplen Wortschatz, kann zudem wahrscheinlich irgendwelche Pergamente, die die Helden ihm vor die Nase halten, nicht lesen, während ein Magister sein Gegenüber eher gestelzt mit Fremdwörtern und Fachbegriffen bombardieren könnte.
– Welche Ziele verfolgt meine Figur? Will er die Hilfe der Spielercharaktere oder will er sie eher loswerden oder verfolgt er kaum irgendwelche eigenen Absichten?
– Welche Handlungsoptionen hat die Figur? Wird der Schurke sich nach der Enttarnung fluchend auf eine wilde Flucht begeben oder reagiert er selbstgefällig, in dem Bewusstsein, dass auf seinen Zuruf seine Schergen aus dem Nebenraum angreifen werden?
– Zu welchen anderen Figuren existieren Verbindungen und wie sind diese Beziehungen jeweils gestaltet? Hier kann eine kurze Skizze der Personenkonstellation enorm hilfreich sein, um im Notfall gewisse Unklarheiten auf einen Blick klären zu können.

Sind diese primären Faktoren geklärt, kann der Feinschliff beginnen, der den Charakter individueller werden lassen sollte: Hier kann man Überlegungen anstellen, wie man Figuren unterscheidbar werden lässt, durch kleine Facetten der Gestik und Mimik, z.B. durch ein nervöses Zucken oder das ständige Spielen mit einem Gegenstand (natürlich nur, wenn das zu der Figur passt). Zentral ist auch die Körperhaltung, ob man z.B. mit geradem Kreuz Selbstbewusstsein signalisiert oder schuldbewusst Augenkontakt vermeidet.

In der Sprache kann man bestimmte Redewendungen immer wieder aufgreifen, zudem vor allem mit der Intonation arbeiten, indem man dem Burgherrn einen brummigen Unterton gibt, während der Hofnarr deutlich höher spricht (reizvoll und erinnerungswürdig sind natürlich gerade auch Charaktere, die in der Hinsicht vollkommen untypisch gestaltet sind, z.B. das wunderhübsche Burgfräulein mit der tiefen Stimme).

Selbstgespräche?

Schwierig wird es natürlich immer dann, wenn die Spielercharaktere mit mehreren NSCs gleichzeitig interagieren und die dann sogar auch noch miteinander sprechen: Gerade hier muss man als Spielleiter vorsichtig sein und mit solchen Szenen sparsam umgehen. Nichts ist langweiliger für die Spieler, als zu Zuhörern degradiert zu werden, während der Spielleiter mit sich selbst spricht. Ich persönlich halte eher weniger davon, dann die Rollen der NSCs auf die Spieler zu verteilen, dazu müssten diese ja intensiv mit deren Hintergrund vertraut sein und über all deren Kenntnisse verfügen. Wichtiger erscheint es mir, in solchen Fällen den Ball möglichst schnell wieder weiterzugeben, also z.B. auch in einem Streitgespräch zwischen zwei verfeindeten Figuren die SCs direkt wieder einzubinden, indem die NSCs immer wieder verlangen, für ihren Standpunkt Partei zu ergreifen („Da werdet Ihr mir doch zustimmen, mein Freund?“/ „So sagt doch auch etwas dazu, Ihr seht doch auch, dass der Mistkerl lügt!“).

Gewisse Handlungsaspekte, die die NSCs betreffen, sind natürlich oft mit einer gewissen Festlegung verbunden, trotzdem gilt auch hier, dass es möglichst die Spielercharaktere sein sollten, die Situationen auflösen, sind sie doch die eigentlichen Hauptfiguren und sind es ihre somit ihre Entscheidungen, die die Richtung bestimmen sollen, d.h. hier müssen die NSCs teilweise in den Hintergrund rücken, ohne dabei zu reinen Stichwortgebern degradiert zu werden.

Natürlich dürfen gewisse Punkte nicht unter den Tisch fallen, z.B. wenn die Helden mit deutlich hochrangigeren Personen sprechen, die sich im Normalfall ihre Aktionen nicht von Rangniederen diktieren lassen. Aber es ist auch möglich, dass eine Kaiserin ihre Entscheidung erst trifft, nachdem sie sich ausdrücklich den Rat der tapferen Recken eingeholt hat, die zuvor ihren Wert bewiesen haben und sich dann wohl auch deren Ratschlag zu Herzen nimmt, auch so erhalten die Spieler das Gefühl bzw. die Gewissheit, dass ihre Meinung ausschlaggebend war.

Nichtsdestotrotz ist es wichtig, an dieser Stelle gewisse Grundregeln einzuhalten, z.B. dass in der genannten Situation die Helden einer Herrscherin gegenüber respektvoll auftreten müssen oder dass Figuren – wie wohl auch im „richtigen“ Leben – ein Gespräch auch einfach abbrechen werden, wenn die Spieler ihnen nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit begegnen (die auch der Spielleiter verdient haben sollte). Damit verbunden sind auch Gesprächskonventionen, also ob die NSCs die Spieler duzen oder siezen, wer die Gesprächsinitiative hat und ob es bestimmte SCs gibt, die aufgrund ihres Standes, ihres Rufs oder ihrer Fähigkeiten bevorzugt angesprochen werden.

In besonderen Situationen muss man zudem auch vorher Gedanken darüber anstellen, wie man sie als Spielleiter darstellen will (und kann). Nicht jeder kann eine Sterbeszene oder eine Mutter, die um ihr verstorbenes Kind weint, hollywoodreif aufführen, das kann auch schnell ins Lächerliche abdriften. In solchen Fällen kann man entweder soweit reduzieren, wie es glaubhaft ist oder teilweise auf narrative Beschreibungen zurückgreifen.

Charaktertiefe

Tiefe gewinnt ein NSC für mich am Ende solcher Vorüberlegungen immer dann, wenn es gelingt, sich ihn so angeeignet zu haben, dass man selbst eine gute Vorstellung von seinem Leben in der Spielwelt hat, dass die Spieler ihn von den anderen Figuren der Handlung abgrenzen können und auch irgendeine Emotion (von inniger Liebe über Sympathie bis Ablehnung und Hass oder sämtlichen weiteren denkbaren Zwischentönen) mit ihm verbinden. Je besser man seine Spielrunde kennt, desto mehr ist es auch möglich, gewisse Reaktionen (zumindest in einem bestimmten Rahmen) vorherzusagen und gegebenenfalls auch damit zu spielen (wenn man z.B. genau weiß, dass die Spieler tendenziell mit ihrem übermäßig ausgeprägten Beschützerinstinkt auf die gespielte Unschuld der schönen Blondine hereinfallen könnten). Deshalb sollte man nach Möglichkeit in der Darstellung von Figuren variieren und diesen immer wieder auch unterschiedliche Facetten geben. Nichts ist langweiliger, als wenn eine Spielwelt nur von dem einen, ewig gleichen Typ Schankwirt (behäbig, gutmütig, hilfsbereit) bevölkert wird.

Spielt man auf Basis einer Printpublikation, sollte man demnach auch keine Skrupel haben, die dort enthaltenen Figuren so umzumodeln, wie man sie als Spielleiter gerne hätte, wenn man sie so besser spielen kann, schließlich kennt ein Spielleiter die individuellen Voraussetzungen seiner Gruppe besser, als es dem Autor möglich ist (womit dessen Arbeit nicht gering geschätzt werden soll!).

Für mich am allerwichtigsten ist aber eigentlich eine ganz simple Regel: Man sollte die NSCs so spielen, dass man selber Spaß daran hat und dass man sie selber faszinierend findet, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass das auf die Spieler abfärbt, auch relativ hoch. Allerdings gilt hier natürlich wie für alles weitere auch der Grundsatz, dass es sich all dem nur um meine eigenen Vorstellungen handelt, die garantiert nicht jeder Spielleiter teilen wird, was auch vollkommen richtig und gut ist, schließlich lebt Rollenspiel von Vielfalt.

Link: http://forum.rsp-blogs.de/rsp-karneval/lebendige-nscs-wie-man-figuren-tiefe-verleiht-%28juli-2014%29/

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