Ein wenig Nostalgie

Im Regelfall steht hier ja die aventurische Gegenwart im Mittelpunkt, wenn ich die jeweiligen Neuerscheinungen rezensiere. Ab und an ist aber auch ein Blick in die Vergangenheit angebracht. Anlass ist dieses Mal die Tatsache, dass die Ankündigung von Ulisses, dass der neuaufgelegte Mammut- Wälzer um die G7- Kampagne fast vergriffen ist und so auch nicht mehr aufgelegt werden soll, mich dazu veranlasst hat, hier zuzugreifen.

Beim Blättern holt einen dann tatsächlich viel Nostalgie ein, hat man hier doch noch an vielen Stellen ein sehr ursprüngliches Aventurien vor sich. Zwar hat es im Gegensatz zu den eher „wilden“ Anfangstagen mit unrealistisch vollgestopften Dungeons und einigen futuristischen Ausflügen schon eine klare Struktur, die Personenriege hingegen ist dafür in der Mehrzahl schon fast historisch, hat man hier doch die prominenten NSCs der „ersten Stunde“ vor sich, die heutzutage zumeist schon in Borons Hallen eingegangen sind: Man wird ein letztes Mal von Waldemar dem Bären mit einem Auftrag versehen, zieht mit Brin, Emer und Raidri in die Schlacht, während auf der anderen Seite Galotta, Xeraan und Rhazzazor warten. Die Ereignisse um die sieben Gezeichneten stellt eine bemerkenswerte Zäsur in der Geschichte Aventuriens dar, nachdem vorherige Kampagnen eben nur im kleineren Ausmaß Auswirkungen hatten. Genaueres zum Krieg und seinen Folgen habe ich ja zuletzt schon in einem anderen Artikel beschrieben.

Hier geht es mir mehr um die Qualität der Abenteuer und da sehe ich die G7- Kampagne als eine Sternstunde von DSA: Erstmals gab es den Mut seitens der Autoren, Veränderungen in großem Stil herbeizuführen. Nicht alle diese Veränderungen mag man gut finden, schließlich verlor sich damit auch viel Liebgewonnenes, viele Figuren, die jahrelang prägend waren, mussten weichen, es entstand sogar ein „Reich des Bösen“ und der Borbarad- Plot wurde bis heute die dominante Konstante, weitergeführt im Jahr des Feuers, der Box „Borbarads Erben“ und aktuell der Splitterdämmerung.

Federführend waren die prominentesten Autoren der damaligen Zeit, von denen heute kaum noch jemand für DSA tätig ist. Der Schreib- und Spielstil ist dementsprechend ein anderer, in den 90ern lagen zumeist noch deutlich mehr klare Schienen aus, die die Helden zum Finale führten, auch der Umfang der Abenteuer war dementsprechend geringer, während heute über 100 Seiten ja quasi der Normalfall sind.

Dennoch haben sich gerade diese Abenteuer besonders in mein Gedächtnis eingebrannt mit ihren Schurken und für uns damals eklatanten Wendungen. Wie überrascht waren wir, als wir Liscom von Fasar ein zweites Mal gegenüberstanden und wie perplex waren wir, als wir vor der letzten Schlacht plötzlich von einem Augenblick auf den anderen in einem Heer ohne Anführer standen.

Sehr schmerzhaft war vor allem auch der Auftakt der Kampagne, unsere Helden mussten plötzlich etwas lernen, was sie bis dahin so eigentlich nicht kannten: verlieren. Zwar konnte man immer seine Achtungserfolge einfahren, der Aufstieg Borbarads und wichtige Etappensiege seiner Schergen ließen sich aber im großen Stil nicht verhindern. Das blieb bis zuletzt eine Konstante, als auch nach der letzten Schlacht im Prinzip nur ein Teilsieg errungen wurde und die Schwarzen Lande ihren Meister überlebten und sich nicht wie in alten Zeiten am Ende alles wieder in Wohlgefallen auflöste und zum Ursprungszustand mit einem geordneten Mittelreich und intakter Herrschaftsstruktur zurückkehrte.

Gerade das ist etwas, was letztlich zu einer Weiterentwicklung im Erzähl- und Spielstil geführt hat, die Vorhersehbarkeit aventurischer Ereignisse hat meiner Meinung nach deutlich abgenommen, die Spielwelt ist deutlich düsterer geworden, was vielleicht an manchen Stellen wehtut, aber im Gesamten eine klaren Fortschritt darstellt.

Und wenn ich mir den Wälzer so in seiner Gesamtheit anschaue, merke ich auch, was für eine Wahnsinnsleistung das nicht nur den Autoren, sondern auch den Spielern abverlangt hat. Will man die komplette Kampagne mit allen Nebenschauplätzen spielen, ist man mit seiner Gruppe auf Jahre hinaus beschäftigt. Bei meiner Gruppe führte dies damals z.B. zu einer baldigen Auflösung nach dem Ende der Kampagne, was nur zum Teil bedingt war durch persönliche Veränderungen wie ein begonnenes Studium, sondern vor allem durch das Gefühl, etwas zu einem Abschluss gebracht zu haben und alles erreicht zu haben, was möglich ist, mehr konnte nicht mehr aus unseren Helden werden. Und dann habe ich für mich tatsächlich lange gebraucht, um die Veränderungen „meines“ Aventuriens mit dunklen Flecken auf der Landkarte und ohne eine Reihe von alten Weggefährten unter den NSCs so zu akzeptieren, dass ich mich wieder damit anfreundete.

Das hatte unter anderem auch mit einem Nachteil der gesamten Kampagne zu tun: Durch den schieren Umfang wurde der Borbarad- Plot ab Mitte der 90er Jahre so dominant, dass eine Zeit lang fast jedes Abenteuer direkt damit verbunden war oder mit einer Nebenlinie. Da war dann irgendwann aus meiner Sicht eine zu große Lücke vorhanden zwischen den naturgemäß ziemlichen epischen Abenteuern der G7- Kampagne und allen Begleiterscheinungen und auf der anderen Seite „kleineren“ Abenteuern ohne großen Einfluss auf den Metaplot, die gab es zwischenzeitlich kaum noch.

Heute ist der Blick zurück für mich vor allem ein Schwelgen in Erinnerungen, wenn man beim Durchblättern immer wieder auf Stellen stößt, bei denen man sich an die Lösung erinnert, die wir damals in unserer Gruppe für ein Problem gefunden haben. Bei der Fülle der Abenteuer gibt es in der Tat eine Vielzahl solcher Momente.

Immer wieder taucht seit den G7 auch wieder die Planung von TNBT (=The next big thing) auf. Spannend finde ich in diesem Zusammenhang die Frage, inwieweit noch einmal ein Handlungsplot auftaucht, der derart umfangreich sein wird und eine solche Tragweite haben kann, auch allein aus der Warte betrachtet, dass ein solches Projekt enorme Kapazitäten bündeln dürfte. Solange jedenfalls bleibt erstmal weiterhin der Blick auf die Splitterdämmerung, in der ja einige der alten Protagonisten – allen voran Helme Haffax – immer noch eine gewichtige Rolle spielen und von der ich mir einen „runden“ Abschluss von dem erhoffe, was 1994 mit Thomas Römers „Alptraum ohne Ende“ seinen Anfang nahm.
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Ein wenig Nostalgie

4 Gedanken zu “Ein wenig Nostalgie

  1. Das ist lustig, weil ich als jemand der die Dämonenkriege nicht mehr mitgekriegt habe und nie Aventurien jenseits der Beschaulichkeit (höh) bespielt hat, mit diesen Dingen immer so eine Art Antinostalgie verbinde.
    „Das ist nicht mehr mein Aventurien!“ 😉
    Wo sind eigentlich Borbarads Roboter geblieben? ;D

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  2. „Das ist nicht mehr mein Aventurien!“ würde ich eher zu dem sagen, was wir heute haben. Ich denke gerne an die Zeiten zurück, als ich mit meiner Gruppe die Borbarad Kampagne gespielt habe und acuh an die vielen Abenteuer die zeitlich noch davor spielten. Aber zum Glück gibt es ja noch Myranor. Da sthet demnächst die Wächter des Imperiums Kampagne an. Gehört für mich mit zum Besten, was DSA jemals hervorgebracht.

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  3. Stimmt allerdings, „Wächter des Imperiums“ ist eine sehr coole Kampagne, habe ich ja auch schonmal sehr positiv rezensiert.
    Mitlerweile kann ich irgendwie allen Phasen der Abenteuerentwicklung was abgewinnen. Die ganz alten Abenteuer haben einen archaischen Charme, weil einfach noch nicht viel geregelt war, da wohnte der Tatzelwurm neben der Gromenfamilie mitten im Bergwerk unter dem Herzogsschloss.
    G7 war für mich der Höhepunkt einer stimmungsvollen Ereigniskette, mit deren Umwälzungen ich mich nicht sofort anfreunden konnte.
    Das heutige Aventurien ist mir stellenweise schon zu dicht beschrieben, allerdings bin ich im Schnitt mit der heutigen Machart der Abenteuer sehr zufrieden, bei dem hohen Output gibt es sicherlich auch einige schwächere Titel (die es früher aber genauso gab), aber auch immer noch viele Perlen, wie die tolle Gareth- Box, die Quanionsqueste oder das coole Thorwal- Abenteuer Friedlos.

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  4. Hola Engor!

    Ich lese deinen Blog sehr gerne. Ich mag deinen differenzierten Blick auf die Dinge. Und bei diesem Thema muss ich mich mal melden, denn letztens war ich auch ein wenig aventurisch-nostalgisch.

    Die G7 markiert wirklich einen Wendepunkt – und zwar auf so vielen Ebenen, dass die Liste darüber sehr lang wäre. Für mich hat es nicht nur die Welt, sondern auch das Spiel verändert. Wenn man allein bedenkt, dass die federführenden Autoren und Redakteure nach eigener Aussage am Anfang selbst keinen Masterplan hatten, wo und wie das alles enden soll … Zum ersten Mal wurde wirklich die gesamte Spielwelt in einen Gesamtkontext gestellt, jede Ecke Aventuriens war Teil der großen Narration von Borbarads Rückkehr.

    Ich weiß nicht, ob sich das in der Form wirklich noch einmal wiederholen lässt. Toppen ließe sich der gefallene Alveraniar in der nächste Stufe nur von Pyrdacor – und ich weiß nicht, ob ich ein Aventurien sehen will, nachdem ein gefallener Gottdrache da sein Ding abgezogen hat.

    Ab davon: Ohne Frage hat die G7 die nachfolgenden Autoren und Redakteure beeinflusst, die mit der Kampagne ‘groß geworden’ sind. Während die Rückkehrhelfer Borbarads DAS Großrojekt des Schwarzen Auges mit einer teils erfrischenden, mitunter kritischen, aber auch kuriosen Naivität angingen, wurden danach große, zusammenhängende Erzählungen wichtiger. Nein, das ist bitte keine Metaplotdiskussion, aber die Spieler und Meister, die die G7 erlebt, bespielt und erzählt haben, haben später viel davon – auch den Anspruch an große Erzählungen sowie die Sehnsucht danach – mitgenommen, als sie selbst zu Autoren wurden. Ich kann da für mich sprechen und weiß, dass es nicht wenigen Mitstreitern ähnlich geht.

    Auch in dieser Hinsicht war die G7 ein game changer. Sie veränderte das Spiel nachhaltig. Die Art, die Spielwelt zu erzählen, wurde eine andere.

    Ich glaube nicht, dass es darum gehen sollte, noch einmal „etwas wie die G7“ zu stemmen, vor allem, wenn das der wichtigste Anspruch wäre. Daran krankt für mich u.a. auch die Drachenchronik. Der Anspruch muss da liegen, gute, begeisterden – und für mich ganz wichtig – die Fantasie anregende Geschichten zu erzählen. (Auch wenn die nicht immer jedem in allen Details gefallen können. Abey hey, das hat die G7 auch nicht, ebenso manch anderes Abenteuer, das ich trotzdem zu meinen Lieblingen zähle.) Ob diese Geschichten dann groß oder klein sind, ist da für mich schon fast nebensächlich.

    (Obwohl ich gerade eher die Sehnsucht nach kleinen Abenteuern habe. Und dann schreibt mein Lieblingsösterreicher diese Quanionsqueste und ich denke: Wow, vielleicht doch nicht.)

    Beste Grüße!
    Michael

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