Rezension: Historia Aventurica

Vorbemerkung: Mit Sicherheit ist es neben DSA5 das Diskussionsthema des Jahres im DSA- Bereich, kein Produkt hat so viel Aufsehen erregt und Textmassen in den Foren verursacht wie die Historia Aventurica. Was mit einer kuriosen Verzögerung aufgrund einer nicht am Einband haftenden Beschriftung begann, setzte sich nach Veröffentlichung fort in großem Unmut über eine gefühlt immense Umschreibung des Hintergrunds in einigen Kapiteln. Umso gespannter war ich also, als ich den dicken blauen Band nach besagter Warteschleife endlich selber in Händen halten konnte.

In Zahlen:
– Historia Aventurica
– 335 Seiten
– Erschienen am 27.11. 2014

I. Aufbau und Inhalt
Der umfangreiche Band beginnt zunächst mit einer Art Leseanleitung, wobei vor allem generell über Geschichtsschreibung referiert wird. Zentrale Aussage dabei ist, dass Geschichtsschreibung naturgemäß keine exakte Wissenschaft sein kann, aufgrund der Subjektivität ihrer Chronisten und der Lesart ihrer Verwender. Somit wird auch keine vollständige aventurische Geschichte angekündigt. Zusammen hängt dies mit der überraschendsten Ankündigung des Vorworts, nämlich dass ein Teil aus der Sicht von Chalwen, einer Unsterblichen, erzählt wird, die naturgemäß über eine eigene Sicht der Geschehnisse verfügt, vor allem auch, da sie selbst teilweise involviert ist, bzw. manches nur aus zweiter Hand berichten kann. Zudem wird auf die notwendige Trennung zwischen Spieler- und Charakterwissen hingewiesen, da kein Aventurier über das hier gebündelte Wissen verfügen kann.

Als Grundeinteilung wird auf die elf Zeitalter Deres verwiesen, wobei die Zeit von der Weltengründung bis hin zum Jahr 1030 BF inbegriffen ist. Dabei stehen zunächst natürlich das Entstehen des Götterpantheons im Vordergrund sowie die Handlungen der einzelnen Götter. Wichtig ist vor allem die Information, dass es nach einer Reihe von Zwistigkeiten zu Beginn des zweiten Zeitalters nicht nur 12, sondern 27 Götter in Alveran gibt. Mit Beginn jedes Zeitalters wird diese Liste aktualisiert und reduziert, bis im Elften Zeitalter schließlich die bewährten Zwölfgötter übrig geblieben sind, wobei interessanterweise nicht konstant jeder davon seine Wohnstatt in Alveran hatte.

Zwischendurch gibt es zudem immer wieder Exkurse, z.B. wie irdisch/stofflich man sich einen der Unsterblichen eigentlich vorstellen kann, was die Trennlinie zwischen Göttern/Halbgöttern/Giganten etc. sein kann. Nach und nach tauchen mit jedem Zeitalter neue Wesen auf, bis die Sterblichen entstehen, die im Regelfall Produkte einer Gottheit sind, die nach einem treuen Gefolge strebt.

Wichtig ist dabei auch das stetige Konfliktpotential, letztlich wird zunächst vor allem das Ringen der Götter um Macht beschreiben, wobei z.B. der Goldene (=der Namenlose) zu Beginn eine durchaus akzeptierte Führungsinstanz darstellt, dessen Korrumpierung im Lauf der Zeitalter aber zu seiner letztlichen Unterwerfung führt. Dabei spielen natürlich auch andere Wesen eine wichtige Rolle, die in diese Streitigkeiten involviert sind und die zeitweise die Vorherrschaft auf Dere einnehmen (eben oft auch stellvertretend für die sie unterstützenden Gottheiten), wie z.B. die Schrate (4. Zeitalter), die insektenartigen Vielbeinigen (7. Zeitalter), die Drachen (3. Zeitalter) oder die Meeresbewohner (9. Zeitalter). Eine Sonderrolle nimmt dabei das Achte Zeitalter ein, über das eben keine Erkenntnisse existieren, weshalb es auch als „der vergessene Äon“ tituliert wird.

Einen Einschnitt markiert das Zehnte Zeitalter, in dem Chalwen als Erzählinstanz von einem neutralen Erzähler abgelöst wird. Grund dafür ist das anbrechende Zeitalter der echsischen Vorherrschaft, in deren Zuge Pyrdacor Chalwens Gebirge mit einer Flutwelle in den Tiefen des Meeres versenkt, weshalb sie zu sehr vom Zorn gegen Pyrdacor geprägt ist, um weiterhin berichten zu können. Zuletzt markiert dieses Zeitalter den Wendepunkt hin zur aventurischen Jetztzeit, da mit der Ablösung der Echsen als dominante Spezies mit dem folgenden Elften Zeitalter die Menschen die Oberhand gewinnen, die bislang nur eine sehr unterordnete Rolle spielten.

Dieses Elfte Zeitalter nimmt dann auch den Löwenanteil des Bandes in Anspruch, immerhin bezieht dieser Zeitraum über 200 Bandseiten ein. Vor allem nimmt Götterwirken hier (auch aufgrund eines Erzählers, der über keine intimen Kenntnisse über Alveran und seine Bewohner verfügt) erkennbar weniger Raum ein, sondern der Charakter Historica Aventurica wandelt sich in der Tat in Richtung einer Überblicksdarstellung der Geschehnisse. Da hier die Ereignisketten deutlich dichter sind und sich immer detailliertere geografische und kulturelle Grenzlinien abzeichnen, wird immer häufiger auf zusammenfassende Infokästen zurückgegriffen („Der aktuelle Stand um XY“), die vor allem den Status der Großmächte zusammenfassen. Mit zunehmender Annährung an die Jetztzeit nimmt auch der Detailgrad der einzelnen Kapitel zu, so erhalten die meist spielbaren Jahre ab Hals Inthronisierung 993 BF bis zum Ende der Historia 1030 BF, mit dem Thronfolgekrieg im Horasreich als Endpunkt, vergleichsweise großzügige 22 Seiten.

Ein schwarzer Balken am linken Seitenrand einer Doppelseite fasst stichwortartig die wichtigsten Ereignisse zusammen, wobei zunächst natürlich nur die bloßen Umschreibungen verwendet werden, später dann (eben sobald solche bekannt sind) auch Jahreszahlen hinzugefügt werden. Zum Abschluss gibt es noch weitere Strukturelemente, z.B. eine Herrschertabelle (auch für einzelne Regionen), zudem existiert am Ende ein Index.

II. Kritik
In der Tat ist die Historia Aventurica ein sehr schwer zu umfassender Band, vor allem auch deshalb, weil für mich eine eher unglückliche Vorgehensweise existiert. Mir stellt sich dabei die Frage, was ich als Leser von einem solchen Produkt erwarte. Richtig ist – für irdische Verhältnisse – dass Geschichtsschreibung eine subjektive Angelegenheit ist, aufgrund von Ungenauigkeiten in der Überlieferung, der Schwerpunktsetzung und der Intentionen von Chronisten und natürlich auch der Fragestellungen und Forschungsschwerpunkte von Historikern. Hier geht es bei letzteren vor allem darum, ihre Arbeitsweise und ihre Quellen offenzulegen, auch um im Diskurs mögliche Korrekturen und Ergänzungen zu ermöglichen.

Allerdings ist Aventurien ja letztendlich nur ein Konstrukt, hier existierende Quellen werden ja nicht im Nachhinein entdeckt oder rekonstruiert, sie werden von Schreibern in einem kreativen Prozess entwickelt. Viele Abenteuer haben ja Rechercheanteile und ermöglichen genau diese Rekonstruktion, wobei diese Rolle von den Spielern eingenommen wird. Der Spielleiter allerdings hat im Regelfall die Kontrolle und das Überblickswissen, um die Fäden in der Hand zu halten.

Und genau an der Stelle setzt dann auch mein größter Kritikpunkt an, der sich vor allem auf die ersten acht Zeitalter beschränkt, die ja aus der Sicht von Chalwen erzählt werden. Wie schon in den Vorbemerkungen zum Band erläutert, handelt es sich hier um eine involvierte Instanz, als eine fiktive Figur, die als eine unzuverlässige Erzählinstanz verwendet wird, so dass beispielsweise nicht klar ist, ob bestimmte Ereignisse wirklich stattgefunden haben oder ob diese so vorgefallen sind, wie es von ihr geschildert wird.

Aus Spielleitersicht hätte ich da einen anderen, neutraleren Ansatz deutlich bevorzugt, in dem mit deutlich höherer Zuverlässigkeit Ereignisse beschreiben werden, wobei es ja auch hier möglich ist, solche Lücken in der Erzähldichte zu lassen, dass immer noch genug Deutungsraum enthalten ist, der einen gewissen Reiz der Unwägbarkeit enthält.

Hier hat man als Leser stattdessen einen etwas merkwürdigen Eindruck, vor allem drängt sich mir die Vermutung auf, dass Chalwen im Prinzip eine Art „Hintertürchen“ darstellt, um Raum zu lassen für die Kreativität zukünftiger Autoren, da so eventuell „lästige“ Setzungen, die einem Plot hinderlich sind, für hinfällig erklärt werden können, dort habe Chalwen dann im Zweifelsfall eben geirrt oder sogar bewusst die Unwahrheit geschildert.

Sehr merkwürdig mutet es dann auch an, ab dem Zehnten Zeitalter einen Erzählerwechsel vorzunehmen und damit einhergehend natürlich auch einen Wechsel im Erzählstil, der dann deutlich neutraler wirkt. Hier stellt sich mir umgekehrt die Frage, warum der bisherige Stil nicht konsequent verfolgt wird. So entsteht im Prinzip eine Trennlinie, der eher mythologisch gehaltene erste Teil des Bandes erhält somit einen eher nebulösen Charakter, der 2. Teil, der zumeist die historisch belegten und oft eher weltlich geprägten Ereignisse enthält, mutet dagegen wie eine wirkliche Chronik an. Für mich ist das insofern schwierig, als dass es diese Trennung zwischen Götter- und Menschenwelt wie nach irdischem Vorbild streng genommen weniger gibt, weil die Existenz der Götter in Aventurien ja als Tatsache dasteht.

Große Kritik richtet sich auch gegen einige der Inhalte, die von Chalwen vermittelt werden, vor allem gegen den temporären Austausch der Bewohner Alverans, wobei auch die Verhaltensweise mancher Götter von Chalwen gedeutet wird. So steht z.B. Phex in Bezug auf sein Verhalten zum Namenlosen stark opportunistisch da, was zum Teil im Gegensatz zum bisherigen Bild des listigen, aber potenziell menschenfreundlichen Gott steht.

Zum Teil kann ich diese Kritik nachvollziehen, ohne allerdings – anders als manche Diskutanten – jedes Detail der bisherigen Göttergeschichte zu kennen. Mich stört eher der Ansatz, hier eine Unmenge von zusätzlichen Grauschattierungen in der Zeichnung der Götter zu verwenden, was ein wenig wie eine Modernisierung (also angepasst an moderne Erzählweise) klingt, um dem Pantheon mehr Facetten zu verleihen. Ich tue mich generell mit Änderungen nicht unbedingt schwer, auch wenn mir nicht jede gefällt (so bin ich nicht unbedingt ein Freund aller Änderungen durch die Rückkehr Borbarads, erkenne aber an, dass das viel Erzählpotential geschaffen hat), allerdings sehe ich es als sehr schwierig an, wenn diese im Nachhinein ein bis dato funktionierendes Konzept überarbeiten, es ist ja – anders als bei Änderungen in den frühen Abenteuern, die viele Inkompatibilitäten zur Moderne aufweisen – keine notwendige Anpassung, sondern eine bewusste Umdeutung. Sprich: Ich möchte bei den aventurischen Gottheiten das klare Konzept von Zuständigkeiten und die – manchmal natürlich vereinfachte – Zuordnung von Werten, für die der einzelne Gott steht. Zumindest teilweise sehe ich dies in der Historia Aventurica hinterfragt. Das stellt für mich innerhalb eines Bandes, den ich mir als wichtige kanonische Informationsquelle erhofft hatte, einen durchaus gravierenden Mangel dar, wenn nach der Lektüre einige Fragezeichen größer denn je sind.

Generell muss man natürlich anfügen, dass sich dies letztlich nur auf einen kleinen Teil des Bandes beschränkt, ab Seite 66 fällt Chalwen als Erzählinstanz weg und ab diesem Zeitpunkt handelt es sich in der Tat um eine Art von Chronik, wie ich sie erwartet habe, also um eine Zusammenfassung der aventurischen Geschichte, die naturgemäß detaillierter wird, je näher man sich dem spielbaren Bereich annähert. Mehr am Faktischen orientiert ist der Erzählstil sehr sachlich gehalten, die Informationen werden aber auch so gehalten, dass mir an dieser Stelle nicht langweilig beim Lesen geworden ist. Schade ist allerdings, dass leserfreundliche Hilfestellungen stellenweise fehlen. So ist die zwischenzeitliche Zusammenfassung zum jeweiligen Stand der Dinge zwar hilfreich, aber es fehlen einfach Karten zur grafischen Verdeutlichung, um sich Machtbereiche besser veranschaulichen zu können, was in jedem irdischen Geschichtswerk ein absolutes Muss ist.

III. Fazit
Abschließend stellt sich mir dann natürlich die Frage, wie so ein Band zu bewerten ist, den ich in einem kleineren Teil leider sehr misslungen finde, der aber im deutlich längeren zweiten Teil erwartungsgemäße Chronikfunktionen erfüllt. Letztlich überwiegt bei mir dann doch der Eindruck eines sehr uneinheitlichen Designs, das bei mir dafür sorgt, dass die Historia Aventurica unterm Strich leider für mich die Enttäuschung unter den DSA- Produkten 2014 ist. Einschränkend muss aber auch gesagt werden, dass der Band vor allem auf die Zeit ab dem Zehnten Zeitalter bezogen eine gute Informationsquelle über historische Zusammenhänge ist.

Bewertung: 2 von 6 Punkten
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