Rezension: Familienbande

Vorbemerkung: Dieses Jahr hatte der Weihnachtsmann ein besonders schönes Geschenk unter meinen Baum gelegt, dankenswerterweise lag mit „Familienbande“ von Jens Ullrich ein Band darunter, den ich bisher noch nicht kannte, da ich an der Umfrage damals nicht teilgenommen hatte, für die „Familienbande“ als Belohnung verteilt wurde. Somit kommt hier mit reichlich Verzögerung eine Rezension zustande.

In Zahlen:
– Band Nr. P1
– 56 Seiten
– Erschienen am 21.4. 2012

I. Inhalt und Aufbau
Der Band hat nicht umsonst einen roten Einband, er richtet sich sichtbar an Einsteiger, somit sind zwischendurch immer wieder kurze Passagen enthalten, die einige Regelaspekte erläutern, z.B. die Natur, Herkunft und das Verhalten von Dämonen.

Ein fester Einstieg in das Abenteuer ist nicht vorgesehen, grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass die Helden sich zu Beginn in Nostria aufhalten, wo gerade anlässlich der Hochzeit eines Mitglieds der Königsfamilie entsprechende Feierlichkeiten stattfinden sowie ein Turnier. Hierzu existieren dann auch einige Anregungen zur Turnierteilnahme, also die Regeln für die einzelnen Wettkämpfe und die Werte von möglichen Konkurrenten. Das eigentliche Abenteuer beginnt allerdings, wenn die Helden den jungen Zwerg Gallo begleiten, der einige Waren auf seinem Wagen transportiert, die sein Onkel auf einer Versteigerung erstanden hat.

Und genau diese Waren stellen den Knackpunkt dar, befindet sich doch darunter auch das Alicorn, also das Horn eines Einhorns. Genau dieses wollte eigentlich der Brabaker Dämonologe Achmad Al- Nassad erwerben, der es als Ingredienz für das Heilmittel für seinen Sohn Yussuf benötigt, der in einen komatösen Tiefschlaf gefallen ist. Da er allerdings zu spät zur Auktion gekommen ist, hat er beschlossen, das Horn zur Not auch auf einem unlauteren Weg in die Hände zu bekommen.

Dazu begibt er sich auf die Verfolgung der Helden, die allerdings ihrerseits bemerken, dass etwas auf ihrer Reise nicht stimmt, als sie von einer gemeinsam agierenden Schar von Wildschweinen und Wölfen angegriffen werden, die das Horn wittern, von dem die Helden noch nichts ahnen.

Zu einer ersten Konfrontation kommt es, als Al-Nassad und seine Schergen ihnen eine Falle stellen und sich als Wirtsleute ausgeben (die echten Bewohner des Gasthofs haben sie zuvor überwältigt), um so in der Nacht ungestört das Alicorn entwenden zu können. Mittels einiger wiedererweckter toter Tiere sollen die Helden bis zum nächsten Tag im Gasthaus festgehalten werden. Gelingt es ihnen allerdings, dieses Hindernis zu überwinden, können sie die Diebe in ihrer Zuflucht angreifen und überwältigen, wobei Al-Nassad selbst nicht anwesend ist, während hingegen sein Sohn Dschadir bei einem missglückten Versuch einer Dämonenbeschwörung sein Leben lässt. Hier spätestens werden auch die Motive der Diebe für die Entwendung des Alicorns klar, da die Helden auch den schlafenden Yussuf vorfinden. Bevor sie allerdings die Weiterreise an den Zielort Salza fortsetzen können, offenbaren sich ihnen die Tiere des Waldes, die ihnen unmissverständlich verdeutlichen, dass die Helden das Alicorn abgeben und begraben müssen.

Hier könnte das Abenteuer eigentlich vorbei sein, wenn da nicht die unheilvolle Tat Gallos wäre, der eben nicht ohne das Alicorn vor seinen Onkel Grotho treten will und deshalb noch einmal heimlich zurückkehrt, um das Horn wieder auszugraben.

In Salza angekommen, können die Helden sich zunächst unbeschwert in das dortige Leben stürzen, unter anderem an einem dort sehr populären Salzarelen- Wettessen teilnehmen. In der Zwischenzeit greift der verzweifelte Al-Nassad, nun bereits um einen Sohn ärmer, zu harten Mitteln und lässt einen beschworenen Heshthot Gallo foltern, um den Aufbewahrungsort des Alicorn zu finden, wobei die Helden den jungen Zwerg retten können. Zwar können die Helden Hinweise auf den Aufenthaltsort ihres Gegners finden, entsprechende Recherchen führen jedoch nicht zu einer direkten Konfrontation.

Schließlich fordert ein weiterer Dämon die Herausgabe. Als sich abzeichnet, das Al-Nassad zum Einlenken bereit ist, offenbart sich der eigentliche Schurke im Hintergrund Al-Nassads Diener Abul Abas, der als Blakharaz- Paktierer den Magier in ein Bündnis mit seinem Meister treiben will, um seine eigene Seele im Tausch zu retten. Überwinden die Helden seinen Diener, ist Al-Nassads Widerstand gebrochen und es ist an den Helden zu entscheiden, ob sie ihn seiner gerechten Strafe zuführen wollen oder ihm Gnade gewähren, damit er seinen anderen Sohn retten kann.

Zum Schluss enthält das Abenteuer noch einen kurzen Anhang, in dem die wichtigsten Figuren vorgestellt werden, denen die Helden im Laufe der Handlung begegnen können.

II. Figuren
Der Titel „Familienbande“ zieht sich als Roter Faden durch die gesamte Personenkonstellation, die meisten wichtigen Figuren treten in familiären oder familienähnlichen Verbindungen auf. So wird der Antagonist Al- Nassad von seinen beiden Söhnen Yussuf und Dschadir begleitet und auch sein Handlungsmotiv ist kein finsteres Schurkenstück, sondern der verzweifelte Versuch der Erweckung des schlafenden Yussuf.

Als Begleiter tritt der Zwerg Gallo auf, dessen teilweise unvernünftigen und moralisch zweifelhaften Taten mit dem Wunsch zusammenhängen, sich vor seinem erfolgreichen Onkel Grotho zu beweisen, in dessen Handelskontor viele Verwandte arbeiten. Als Randfiguren treten zudem einige Gesetzlose auf, die Bande von Zibbels Alrik, die ebenfalls eine Art von Familie darstellen, da andere Bezugspersonen fehlen.

Im Hintergrund agiert als eigentlicher Drahtzieher Al-Nassads Diener Abul Abas, der mit seinem Blakharaz- Pakt eine starke Triebfeder hat, für die Helden allerdings lange Zeit verbborgen bleibt und sich erst im Finale offenbart.

III. Kritik
In der Tat ist es nicht unbedingt die große, weite Welt, die die Helden in „Familienbande“ durchqueren und weder gibt es große Reichtümer zu gewinnen noch die Möglichkeit, in die Geschichtsbücher einzugehen. Doch das tut dem Spielspaß meiner Meinung nach überhaupt keinen Abbruch, im Gegenteil, gerade der kleine, familiäre Rahmen genügt vollkommen, um auch ohne epische Geschehnisse oder große Kulissen eine spannende Handlung zu entwickeln.

Vor allem den Antagonisten Al- Nassad halte ich für eine ausgesprochen gelungene Figur, der nur vordergründig als mächtiger Dämonenbeschwörer die Rolle eines klassischen Finsterlings einnimmt. In Wahrheit entpuppt er sich letztendlich nur als liebender Vater, dessen Triebfeder vor allem die Verzweiflung ist, die allerdings so stark ist, dass er auch vor extremen Maßnahmen wie der Folter von Gallo nicht mehr zurückschreckt. Folgerichtig ist auch der Ansatz, am Ende unterschiedliche Lösungswege anzubieten, um zu einer Auflösung zu kommen, wobei hier durchaus einige moralische Zwiespalte aufkommen dürften, zwischen den Extremen einer harten Abstrafung des Unglücklichen bis hin zur Begnadigung eines Mannes, der eindeutig Schuld auf sich geladen hat. Daneben werden aber auch noch weitere Optionen genannt, unter anderem auch die Möglichkeit, eher seine Goldgier zu befriedigen.

Solche Entscheidungen werden den Helden gleich mehrfach abgerungen, so gibt es auch bei der Diebesbande um Zibbels Alrik ähnliche Handlungsoptionen, sorgt doch eine Übergabe dieser Gruppe an die betreffenden amtlichen Stellen mit hoher Wahrscheinlichkeit für eine schnelle Hinrichtung.

Das etwas provinzielle Nostria erscheint dafür eine passende Kulisse, indem einerseits der eher kleinrahmige Plot mit Lokalkolorit angereichert wird, wie dem Salzarelen- Wettessen in Salza oder den dortigen Spannungen zwischen den Einheimischen und den ortsfremden Horasiern und Thorwalern, die die alteingesessenen Händler verdrängen. Nichtsdestotrotz enthält das Abenteuer ja durchaus auch stimmungsvolle und auch bedrohliche Momente, etwa die „Belagerung“ durch die untoten Tiere oder die Konfrontationen mit den Dämonen. Ohnehin ist gerade im Bereich der Kämpfe der Schwierigkeitsgrad etwas höher anzusiedeln, als man es von einem Einsteiger- Abenteuer erwarten würde. Allerdings gibt es für solche Situationen immer Hilfestellungen in Form von grauen Kästen, die Anregungen geben, wie man eine Aufgabe zur Not auch erleichtern kann (oder ggf. auch zu erschweren). Ohnehin werden dem Spielleiter häufig Optionen zur Verfügung gestellt, um auch hier einem Einsteiger einen reibungslosen Ablauf zu ermöglichen. Einzig Karten der Gebäude, in denen die Helden z.B. auch Gegner angreifen, fehlen mir hier teilweise.

Die Handlung ist an einigen Stellen, wie z.B. den oben angesprochenen moralischen Entscheidungen, relativ offen gehalten, allerdings gibt es durchaus auch Punkte, in denen das Handlungskonstrukt deutlich straffer gestaltet ist. So sind vor allem die Handlungen von Al-Nassad so gehalten, dass die Helden im Regelfall keine Chance erhalten sollten, ihn vor dem Finale in die Hände zu bekommen. Als etwas unrealistisch sehe ich die Maßgabe an, dass Gallo das bereits von den Tieren eingeforderte und übergebene Horn wieder ausgräbt, hier erscheint es mir eigentlich eher unwahrscheinlich, dass ihm dies gelingt, ohne dass die Helden etwas davon mitbekommen und vor allem ohne dass die Waldtiere ihn dabei mit aller Vehemenz behelligen.

IV. Fazit
„Familienbande“ stellt es sehr schönes Abenteuer dar, dessen Plot sich zwar in eher überschaubaren Dimensionen bewegt, trotzdem sowohl atmosphärische wie auch tragische Momente enthalt, vor allem in der Konfrontation mit einem vielschichtigen Antagonisten.

Bewertung: 5 von 6 Punkten
Advertisements
Rezension: Familienbande

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s