Rezension: Töchter der Rache

Vorbemerkung: 2015 wird im DSA- Bereich vergleichsweise exotisch eröffnet, stellt „Töchter der Rache“ von Yvonne Klaas-Körner und Alexandra Körner doch mit den Amazonen eine Gruppierung in den Mittelpunkt, mit der sich nur alle Jubeljahre beschäftigt wird. Dafür wird es dann allerdings gleich sehr episch, geht es doch um kein geringeres Unterfangen als die Befreiung der Amazonenfeste Kurkum aus den Händen der Anhänger Borbarads, im Zuge dessen Rückkehrs das Bollwerk gefallen war (nachzuerleben in „Goldene Blüten auf Blauem Grund“ von 1996).

In Zahlen:
– AB Nr. 210
– 64 Seiten
– Erschienen am 8.1.2015

Inhalt und Aufbau
Das Abenteuer ist sehr gradlinig aufgebaut, erzählt es doch relativ schnörkellos die Geschichte des Feldzuges von der Rekrutierung der Helden hin zum Ankommen am Heerlager, des Zuges selbst und der Vollendung der Unternehmung, ohne dabei große Nebenhandlungen zu eröffnen.

Das Abenteuer geht davon aus, dass die Helden sich in Punin befinden, wo sie von der Amazone Rovena angeworben werden, ohne dass diese ihnen bereits jetzt das eigentliche Ziel verrät. Begleiten die Helden sie, so bringt sie sie in ein kleines Heerlager, wo man auf eine interessant durchmischte Truppe trifft: Neben Amazonen finden sich hier Nebachoten, einige Ritter aus Tobrien und eine Reihe von tobrischen Freischärlern.

Der wahre Zweck des Aufmarschs offenbart sich, als die Hochkönigin der Amazonen Thesia Gilia von Kurkum eintrifft. Zunächst fordert sie alle Anwesenden zu einem liturgisch begleiteten Treueeid auf, um anschließend die gesamte Streitmacht zur Amazonenfeste Keshal Rondra zu führen. Bei einem ersten Zusammentreffen des Kriegsrats stellt Gilia dann das Ziel der Unternehmung vor, die Rückeroberung Kurkums und die Befreiung des umgebenden Vildromstal von einer dämonisch pervertierten Eisschicht. Bei den folgenden Beratungen wird das Vorgehen auf dem Marsch geplant, wobei ein wichtiges Etappenziel die Einnahme des von Haffax Truppen besetzten Ortes Shamaham ist. Während des Aufenthalts auf Keshal Rondra werden ebenfalls der Stolz der Amazonen und ihr Misstrauen Männern gegenüber deutlich, vor allem die dortige Königin Ayshal teilt nicht die eher weltoffene Art von Hochkönigin Gilia.

Sobald sich das Heer in Bewegung setzt, ist die Aufgabe der Helden vor allem als die von aufmerksamen Beobachtern definiert, sei es als Vorhut oder als Detektive, die einer eingeschleusten Saboteurin auf die Schliche kommen sollen, die den Vormarsch zu verlangsamen versucht. Bei Shamaham angekommen, muss zunächst die Lage in der Stadt ausspioniert werden, unter anderem werden auch potentielle Ansprechpartner in Shamaham aufgeführt, die den Angriff von außen unterstützen können. Der Ablauf der Eroberung ist nicht festgelegt, allerdings werden einige mögliche Szenarien ausgeführt, unter anderem das Erwachen einiger vor Jahren ermordeter Rondrageweihter, die als Geister den Angriff unerwartet verstärken können. Schlussendlich sollte die Stadt in die Hände der Amazonen fallen, die dort Truppen zurücklassen, die verhindern sollen, dass dem Heer beim weiteren Vormarsch feindliche Streitkräfte in den Rücken fallen können.

Bevor allerdings Kurkum erreicht wird, treffen Gilias Gefolgsleute auf eine weitere Partei, die sich ihnen als Verbündete anbieten, die sogenannten Zeuginnen der Schwarzen Göttin, ebenfalls Amazonen, die in den Mactaleänata, den Schwarzamazonen, die jetzt in Kurkum leben, einen gemeinsamen Feind sehen. Da Gilias Ehrenkodex ein solches Bündnis aber verbietet, kommt es zu einem Duell von jeweils zwölf Streiter(-innen) beider Gruppen, bei dem auch die Helden ihr Scherflein zum Sieg von Gilias Amazonen beitragen sollten.

Nach dieser Auseinandersetzungen ist der Weg nach Kurkum frei. In der Tat offenbart sich dem kleinen Heer zunächst kaum Widerstand, da die Mactaleänata sich verbergen, um die Züge ihrer Feinde zu beobachten. Somit gerät die weitgehend zerstörte Feste kampflos unter Gilias Kontrolle. Das wichtigste Ziel allerdings ist die Befreiung des Tals von der dämonischen Kälte. Dazu hat Ayla ein Ritual vorbereitet, zu dessen Durchführung aber noch zwei Bestandteile fehlen: das Herz einer Feindin und der Karfunkelstein eines Drachens. Ersteres gedenkt Gilia während des Rituals zu erhalten, da sie davon ausgeht, dass die Mactaleänata mit Sicherheit angreifen werden. Als Karfunkel hoffte man, die Essenz Smardurs zu finden, eines Drachens, der mit den Amazonen im Bunde stand und der bei der Verteidigung gegen Borbarads Schergen fiel. Diesen hat allerdings inzwischen dessen Tochter Scathanae in ihren Besitz genommen. Somit müssen Gilia und die Helden sich zu ihr aufmachen und versuchen, diesen durch Verhandlungen leihweise zu erhalten. Wegen der Verbundenheit von Smardurs Geschlecht mit den Amazonen sollte dies gelingen.

Somit wird nach der erfolgreichen Rückkehr der Helden das Ritual eingeleitet, was in der Tat den feindlichen Angriff auslöst. Auf dem Höhepunkt der Schlacht kann optional Yppolitas Geist helfend eingreifen, bis es einem Held gelingt, die Anführerin Nakika Bärenfang zu töten und ihr Herz zu gewinnen, womit das Ritual erfolgreich beendet werden kann.

Im Anhang des Abenteuers sind neben einer Charakterbeschreibung und den Werten der wichtigsten NSCs auch noch Texte mit Informationen zu den einzelnen Gruppierungen, z.B. den drei Amazonenfraktionen oder den Nebachoten enthalten.

II. Figuren
Zentrale Figur ist natürlich Gilia, die in den letzten Jahren immer wieder präsent im Kampf gegen Borbarads Erben war. Ihr zentraler Antrieb war dabei natürlich der Wunsch nach Vergeltung, gerade auch weil sie wegen einer Liebschaft die heimische Feste Kurkum verlassen hatte und so nicht zugegen war, als ihre Muter Yppolita dort ihr Leben in der letzten Schlacht ließ. Genau diese schmerzende seelische Wunde kann sie hier endlich ausmerzen, wobei sie sich den Luxus von vollends ausgelebtem Zorn kaum leisten kann, sondern weitgehend als sehr beherrscht und rational (im Rahmen des Ehrenkodex der Amazonen) beschrieben wird.

Ihre wichtigste Ratgeberin ist dabei Ayla von Donnerbach, die oberste Rondrageweihte unter den Amazonen, die hier ebenfalls zu ihren Wurzeln zurückkehrt, war sie doch eine der wenigen, die den damaligen Fall Kurkums überlebt haben.

Die wichtigste Antagonistin Nakika Bärenfang, die Anführerin der Mactaleänata, bleibt lange im Hintergrund, da sie erst im Finale der Handlung auftritt und vor allem als hasserfüllte und grausame Kämpferin beschrieben wird.

Außerdem erhalten auch die anderen wichtigen Heerführer ein Profil, auch um die unterschiedlichen Motivationen der Teilnehmer zu beschreiben und um die Konflikte der Verbündeten untereinander mit konkreten Gesichtern anschaulich zu gestalten. Dabei reicht die Palette vom ausgleichenden Ritter Arnwulf oder dem unrondrianisch agierenden Freischärler Firutin hin zur misstrauischen Königin Ayshal bis zum Anführer der Nebachoten Ra´oul, der mit seiner Korverehrung bei dem Amazonen auf Unverständnis trifft.

III. Kritik
Nimmt man die Voraussetzungen, dann hat „Töchter der Rache“ richtig gute Grundlagen, um ein spannendes und abwechslungsreiches Abenteuer zu ergeben: ein Heerzug mit unterschiedlich motivierten Teilnehmern, ein Ziel mit viel Symbolcharakter, eine charismatische NSC- Figur als wichtigste Verbündete und eine offene Rechnung zwischen den beiden zutiefst verfeindeten feindlichen Fraktionen. Leider jedoch ist die Umsetzung meiner Meinung nach in wichtigen Gesichtspunkten missglückt.

Vor allem hat das Abenteuer einen zentralen Mangel: Der Einfluss der Spielercharaktere auf das Geschehen ist so gestaltet, dass ihr Handeln die Resultate der einzelnen Handlungsetappen kaum verändert. So sind sie oft Randfiguren, die an wesentlichen Entscheidungen kaum beteiligt sind, diese werden im Regelfall von Gilia getroffen und sind somit gesetzt.

Dabei bieten sich einige Episoden geradezu dazu an, dass die Helden hier einen Unterschied bewirken. So wird zu Beginn ein tiefgreifendes Misstrauen der Amazonen gegenüber ihren Verbündeten beschrieben. Hier stellt sich mir die Frage, warum kaum auf Möglichkeiten eingegangen wird, wie dieser Zustand verändert werden kann, gerade wahre Helden sollten hier Entfaltungsraum finden.

Sehr viel verschenktes Potential birgt auch die die Begegnung mit den Zeuginnen der Schwarzen Göttin, die sich als Verbündete anbieten. Die gewählte Lösung, die eine Reihe von Duellen vorsieht, mag zwar unter cineastischen Gesichtspunkten stimmungsvoll klingen, schade ist aber, dass hier keine anderes Optionen angedacht werden, eben unter anderem auch die reizvolle Konstellation, dass die Amazonen ihren Ehrenkodex beiseite lassen müssen, weil sie unbedingt Hilfe brauchen, hier hätte sich ein interessantes Konfliktpotential mit einem brüchigen Bündnis ergeben können, in dem die Helden immer wieder als Vermittler agieren könnten.

Ebenso cineastisch mutet an, dass in den beiden großen Gefechten Geistererscheinungen eine zentrale Rolle spielen sollen/können. Hier halte ich die Schlachten für zu grob ausgearbeitet, angeboten werden vor allem einzelne Szenen, taktische Vorgehensweisen werden kaum beschrieben. Gerade in jüngerer Zeit finden sich in anderen Abenteuern vergleichsweise gute Ideen, um die Beteiligung von Helden an einer Schlacht auszugestalten, z.B. in „Das Sterbende Land“ oder „Der Gott der Xo´Artal“, wo einzelne Aktionen auch noch mit regeltechnischen Aspekten versehen sind, was eine bestimmte Handlung für konkrete Auswirkungen auf den Ausgang haben könnte. So wäre es interessant gewesen eine Beziehung zwischen den Gefechten zu erstellen, wenn z.B. bei der Eroberung von Shamaham eine Einflussnahme auf die Zahl der Gefallenen bestehen würde, was dann wiederum das Endgefecht in Kurkum leichter oder schwerer gestalten könnte, je nachdem, wie viele Mitstreiter noch zur Verfügung stehen.

Eine Stärke des Abenteuers liegt sicherlich in den Charakteren der verbündeten NSCs, wo z.B. Gilia und Ayla durchaus tragische Züge in ihrer sonstigen Entschlossenheit und Zielstrebigkeit zeigen oder die generelle Konstellation im Heer eben deutliches Konfliktpotential birgt. Allerdings wird dies leider nicht auf die Gegenspieler ausgeweitet, so bietet die Antagonistin Narika Bärenfang kaum irgendeine greifbare Komponente, taucht sie doch tatsächlich erst in der letzten Szene auf und erhält so überhaupt kein Profil, hier wäre es sinnvoll gewesen, ihr vorher einen Auftritt zu verschaffen oder zumindest die Auswirkungen ihrer Schadtaten spürbar aufzuzeigen, um eine wirklich hassenswerte oder vielleicht auch tragische Feindin zu gestalten.

Somit ist die Aufgabe der Helden an vielen Stellen auf ihre Fähigkeit als Kämpfer beschränkt, während elegantere Lösungen oft dadurch unterbunden werden, dass die Amazonen ein gradliniges Vorgehen bevorzugen, also z.B. offen nach Kurkum ziehen. Hier fehlen mir häufig die Möglichkeiten, dies auszugleichen durch ein phexgefälligeres Vorgehen, was unter anderem auch bei den Verhandlungen mit Scathanae denkbar wäre. Generell finde ich Handlungen, die etwas engmaschiger sind, nicht per se problematisch, allerdings wird es für mich immer dann schwierig, wenn auch in den Einzelabläufen zu wenig Einflussmöglichkeiten vorhanden sind, wenn z.B. – wie in diesem Abenteuer- die Tötung eines wichtigen NSCs beschrieben wird, wobei ganz konkret die Handlungen der Gegner geschildert werden, etwaige Abwehrmaßnahmen der Helden aber überhaupt nicht in Erwägung gezogen werden.

IV. Fazit
Unterm Strich stellt „Töchter der Rache“ für mich eher eine Enttäuschung dar, da das vorhandene Potential häufig ungenutzt bleibt und die Helden nur wenig Entfaltungsraum erhalten, so existieren zwar viele stimmungsvolle Szenen, die aber den Einfluss auf die Handlungen oft eher hemmen als fördern.

Bewertung: 2 von 6 Punkten
Advertisements
Rezension: Töchter der Rache

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s