Rezension: Peraine- Vademecum

Vorbemerkungen: Hat man meine Rollenspiel- und Fantasie-Sozialisation durchlebt, verbindet man damit vor allem große Abenteuer: finstere Dungeons, Schlachtgetümmel, mächtige Herrscher und bösartige Monster. Allerdings ist Rollenspiel natürlich viel facettenreicher, vor allem wenn es so mit einem mittlerweile respektablen Alter und entsprechend hoher Publikationszahl so engmaschig gestrickt ist wie DSA. Ein Band, der sich mit der Göttin des Ackerbaus und der Heilkunst bzw. deren Geweihten auseinandersetzt, ist demnach nicht ungewöhnlich, klingt aber natürlich deutlich unspektakulärer als oben genannte Liste, d.h. hier stellt sich mir die Frage, ob das Vademecum trotzdem auch Spieler/Leser wie mich ansprechen kann.

In Zahlen:
– Vademecum- Reihe
– 160 Seiten
– Preis: 14,95 €
– Erschienen am 12.3.2015

I. Aufbau und Inhalt
Wie die anderen Vertreter der Vademecum- Reihe besteht auch dieser Band hautsächlich aus Ingame-Texten, die sich an einen Geweihten der jeweiligen Göttin richten und diesem Grundsätze des Glaubens vermitteln. Schon in den Kapitelüberschriften findet sich das Naturaffine von Peraine wieder, wenn von den „Wurzeln des Glaubens“ die Rede ist und vor allem Bezug zu den unterschiedlichen Jahreszeiten und dem Saat-Kalender genommen wird, die die Aufgaben der Peraine-Geweihten definieren.

„Die Wurzeln des Glaubens“ erläutert somit die Säulen, auf denen der Glauben in seiner Gesamtheit basiert: Fruchtbarkeit und Heilkunst als Domänen der Gottheit, Bescheidenheit, Fleiß als eingeforderte Grundtugenden der Geweihtenschaft und Mission als zentrale Aufgabe. Als ein wichtiges Feld wird dann der Saatkalender ausgeführt, wobei man unter anderem nach Monaten sortiert Hinweise zur Aussaat und Ernte von landwirtschaftlichen Produkten erfährt. An den Jahreszeiten werden zudem einzelne Glaubensschwerpunkte festgemacht.

So erfährt der Frühling seine Ausdefinierung als Saatzeit, demzufolge finden sich hier vor allem nähere Angaben zu einzelnen Feldfrüchten und ihrem jeweiligen Anbau und dem Verwendungszweck, wobei der Fokus auf den Pflanzen liegt, die der Peraine als besonders heilig gelten. Zudem werden einige Saatgebete vorgestellt, z.B. zur Ausgestaltung des Saatfestes.

Der Sommer steht dann unter dem Zeichen der Pilgerreisen. Darunter versteht die Peraine-Kirche vor allem das Reisen einer Gruppe in Form eines Pilgerzuges. Passend dazu werden die heiligen Orte des Glaubens vorgestellt, die als Ziele dienen können, z.B. die Heiligen Quellen von Ilsur oder die Insel Frühlingsstrand, eine Dämonenarche, die mithilfe der Göttin in eine fruchtbare Insel verwandelt wurde. In der Vorstellung der Kirchenheiligen wird deutlich, dass Peraine über eine ausgesprochen große Zahl an verdienstvollen Kirchenvertretern verfügt, vor allem natürlich aus den Reihen der Familie Phraisop, die seit der Zeit der Siedler aus dem Güldenland eine führende Rolle einnimmt.

Der Herbst ist als Jahreszeit der Ernte definiert. Dementsprechend finden sich hier Tätigkeiten zur Unterstützung der Arbeit der Bauern, vor allem Segnungen und Lieder der Peraine-Gläubigen für die alltägliche Feldarbeit.

Der Winter ist dem Themenkomplex der Heilkunst gewidmet, ist doch in vielen Gebieten Aventuriens die Erntetätigkeit durch die Witterungsbedingungen beendet oder zumindest eingeschränkt. Zunächst werden unterschiedliche Gebiete der Anwendung vorgestellt, von der Heilung von Mensch und Vieh bis hin zur Geburtshilfe. Ebenfalls werden die dazu benötigten wichtigsten Pflanzen und Kräuter berücksichtigt. Natürlich wird die religiöse Komponente nicht vernachlässigt, indem auch Gebete aufgeführt werden, mit denen ein Geweihter einen von ihm initiierten Heilungsprozess begleiten kann.

Die darauf folgenden Liturgien orientieren sich dann auch an den beiden Haupttätigkeiten, der Heilkunst und der Begleitung des bäuerlichen Lebens, wobei z.B. auch spezielle Situationen, wie z.B. die Abwehr einer dämonischen Seuche oder der Peraine-Bund zweier Liebender berücksichtigt worden sind.

Das Kapitel mit der Geschichte des Glaubens schickt direkt voran, dass vergleichsweise wenige Großtaten überliefert sind, was mit der Eigenheit der Glaubensgemeinschaft begründet wird, deren Betätigungsfelder eben vornehmlich im alltäglichen Leben der einfachen Menschen liegen. So sind hier vorrangig erfolgreiche Bekämpfungen von Seuchen und Krankheiten aufgeführt.

In der Kirchenstruktur wird vor allem der Charakter einer Laienkirche betont, schließlich verlangt der Glaube vor allem die Einhaltung der eingangs erwähnten Tugenden, keine herausragenden Fähigkeiten. Bei den Geweihten handelt es sich oft um Wanderer, die sich immer wieder dorthin aufmachen, wo ihre Dienste angesichts von Armut und Not besonders dringlich benötigt werden. Kurze Erwähnung finden zudem die wichtigsten Orden wie die Therbuniten oder der Dreischwesternorden.

Dem gesamten Charakter des Bandes folgt auch das abschließende Kapitel zur Ausgestaltung eines Perainegeweihten im Spiel. Auch hier werden vor allem Grundsätze angeführt, an denen sich ein solcher Charakter orientieren sollte, z.B. Hilfs- und Opferbereitschaft, aber natürlich auch Fähigkeiten benannt, primär natürlich die Heilkunst. Vor allem wird hier auch die Eignung der eher friedfertigen Peraine- Jünger als Mitglieder eine Heldengruppe hervorgehoben, da sie einerseits über das Knowhow als Nothelfer verfügen und andererseits eine charakterliche Disposition vorhanden sein sollte, primär das Wohl der einfachen Menschen im Auge zu haben, die sich selbst nicht helfen können. Dementsprechend wird der Prototyp der Heilerin auch um andere Varianten erweitert, z.B. die Exorzistin, die gegen dämonische Mächte vorgehen möchte oder die Mystikerin, deren Antrieb die Neugier ist, den Glaubensmythen auf den Grund zu gehen.

II. Kritik
Grundsätzlich ist das Peraine- Vademecum für mich sehr schwer bewertbar. Letztlich dürfte es mir da wie sehr vielen Spielern gehen, bei der Wahl eines Charakters wäre der/die Perainegeweihte nicht unbedingt die erste Wahl. Zu wenig abenteuerlich und viel zu bodenständig klingt die grundsätzliche Orientierung, wenn eben bäuerliche Tätigkeiten als primäre Aufgabe beschrieben werden und auch sonst sehr bodenständige Tugenden eingefordert werden. Der Perainegeweihte erfüllt damit sicherlich nicht das klassische Heldenprofil, verfügt er doch z.B. kaum über nennenswerte Kampffähigkeiten und strebt er doch auch nicht nach Ruhm und Ehre. Sein Betätigungsfeld dürfte auch deutlich häufiger der Acker eines kleinen Dorfs sein als die erste Schlachtreihe im Gefecht.

Das klingt grundsätzlich wenig spannend und gerade in den ersten Kapiteln liest sich das Vademecum auch eher wie ein Handbuch für den tüchtigen Bauern, wenn vornehmlich Erntetätigkeiten, Bodenfrüchte und Saatgebete aufgeführt werden, dazu immer wieder Tugendhaftigkeit und Bodenhaftung eingefordert werden.

Hier wird eben auch deutlich, dass sich die Geweihtenschaft der Peraine vornehmlich die kleinen Probleme der einfachen Bevölkerung zu ihrer Aufgabe gemacht hat, was eben kaum mit den üblichen Heldentätigkeiten übereinstimmt, wo man ja im Regelfall dem Bauern nicht bei der Aussaat seines Getreides hilft, sondern den Oger erschlägt, der seine Tochter zum Frühstück verputzen möchte.

Allerdings hat das Vademecum eben auch eine andere Facette. Nach kompletter Lektüre hat man als Leser einen guten Gesamtüberblick über Alltag und Leben eines Geweihten, vor allem wirkt der gesamte Band in sich sehr geschlossen, weil die einzelnen Kapitel gut und schlüssig aufeinander aufbauen und viele Aspekte immer wieder aufgegriffen und erweitert werden.

Die Lebensbeschreibung wirkt somit zwar sehr bodenständig, allerdings werden eben immer wieder Anknüpfungspunkte gegeben, wie man dies in einen größeren Kontext setzen kann und inwieweit die Tätigkeiten, so klein sie zunächst wirken mögen, wichtig und wertvoll sein können, eben durchaus auch für eine Heldengruppe. Als besonders hilfreich nehme ich in dieser Hinsicht das Kapitel über die verschiedenen Ausrichtungen eines Geweihten wahr, das wirklich hilfreich zur Ausgestaltung im Spiel sein kann. Positiv ist dabei auch, dass eben mehr Einsatzmöglichkeiten als die des besonders kompetenten Heilers genannt werden, sondern mit der Exorzistin und der Mystikerin auch anderweitig interessante Charakterkonzepte aufgeworfen werden, wobei ich mir allerdings fast noch mehr Hintergrundinformationen gewünscht hätte, der Großteil des Vademecums betont eben doch die beiden Standbeine der Unterstützung der Bauern bei Saat und Ernte und die Tätigkeit als Heiler.

Letztlich ist das Peraine-Vademecum nicht anders als seine Vorgänger zu bewerten, nämlich als Nischenprodukt, das sich eben nur an einen kleinen Teil der DSA-Spielerschaft richten kann, weil hier natürlich eine extreme Spezialisierung beschrieben wird, bei der ein Spieler sich sehr auf das bodenständige Konzept einlassen muss und dafür im Bereich mancher Mainstream-Fähigkeiten deutliche Defizite in Kauf nehmen muss. Allerdings sehe ich dies durchaus als eine Stärke von DSA an, dass hier über die Jahre sehr vielfältige Charakterfacetten entwickelt wurden, die auch unterschiedliche Vorlieben der Spieler berücksichtigen.

III. Fazit
Wer sich für das Charakterkonzept der Perainegeweihten interessiert, erhält eine sehr anschauliche und gut aufgebaute Schilderung der alltäglichen Lebensweise und Aufgaben, die sich allerdings klar erkennbar vom gängigen Heldenbild unterscheiden.

Bewertung: 4 von 6 Punkten
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