Rezension: Nordwärts

Vorbemerkung: Denke ich an meine Anfangsjahre in Aventurien zurück und an prägende Momente, dann geht es mir sicherlich wie vielen anderen, die in den frühen 90ern schon DSA gespielt haben, vor allem dominieren hier die Reminiszenzen an die Phileasson- Saga. Viele Spielgruppen dürften unzählige Spielnachmittage und -abende damit verbracht haben, dem legendären Thorwalerkapitän bei seiner aventurischen Weltumsegelung mit den 12 Aufgaben zum Sieg zu verhelfen. Neben der Kampagne um die 7 Gezeichneten handelt es sich um eines der populärsten DSA-Produkte, das in der Zwischenzeit auch mehrere Neuauflagen erfahren hat und somit auch jüngeren Spielern geläufig sein dürfte. Umso erwartungsfroher waren nun viele nach der Ankündigung, dass Bernhard Hennen und Robert Corvus jetzt an einer Romanumsetzung arbeiten, wobei es sich um nicht weniger als ein 12bändiges Mammutprojekt handelt. Somit sind an „Nordwärts“, den Auftaktband, selbstredend nicht geringe Erwartungen geknüpft, wenn hier das Wettrennen von Phileasson und Beorn seinen Auftakt nimmt.

In Zahlen

– 496 Seiten

– Preis: 14,99 Euro

– erschienen am 11.4. 2016

I. Inhalt

Tatsächlich beginnt der Band anders als erwartet, die ersten 80 Seiten haben keinerlei Verbindung zur Rollenspielvorlage, da hier die Geschehnisse in dem kleinen Thorwalerdorf Stainakr geschildert werden, in deren Mittelpunkt der junge Tylstyr steht, ein Außenseiter, der von der gesamten Dorfgemeinschaft wegen seiner magischen Fähigkeiten ausgegrenzt wird. Vor allem wird hier eine sehr archaische und rohe Szenerie heraufbeschworen, in der die Dorfbewohner sich durchweg von einer unsympathischen und brutalen Seite zeigen, wenn sie als blutdürstige Piraten beschrieben werden, bei denen schon die Jugendlichen, die sogenannten Jungmannen, zu Brutalität und Gnadenlosigkeit herangezogen werden, die auch vor Mord und Vergewaltigung nicht zurückschrecken. In der Konsequenz laden dabei alle außer Tylstyr große Schuld auf sich, was unter anderem in eine Serie von Racheakten ufert, ausgeführt von einem der gequälten Opfer.

Erst nach diesem langen Prolog wird ein Zeitsprung vorgenommen und die Originalgeschichte aufgenommen. Hier finden sich dann auch die bekannten Protagonisten, indem z.B. aus der Perspektive von Phileasson und Beorn erzählt wird. Bevor es zur Herausforderung an die beiden Kapitäne kommt, werden hier vorab einige der zentralen Figuren vorgestellt, die in der Folge wichtige Rollen einnehmen sollen, dabei gibt es alte Bekannte aus der Rollenspielvorlage wie die Travia-Geweihte Shaya oder den Skalden Ohm Follker aber auch neue Figuren wie den andergaster Ritter Eichward vom Stein oder den Elfen Saladir. Daneben tauchen auch Figuren aus dem Prolog auf, die den neuen Handlungsstrang mit der alten Geschichte verbinden.

Nach der Wettannahme folgt noch ein kurzer Abschnitt, in dem die Rekrutierung einiger Mannschaftsmitglieder für Phileassons Otta geschildert wird, bevor die eigentliche Fahr beginnt. Ein Schwerpunkt ist dabei natürlich das Leben innerhalb der Ottajasko, wobei auch die Gebräuche der Thorwaler ausführlich geschildert werden. Zudem wird schnell differenziert zwischen dem um seine Mannschaft besorgten Phileasson und dem skrupellosen Beorn, der rein auf das Ziel fixiert ist und durchaus auch bereit ist, dafür Mannschaftmitglieder zu opfern.

Im letzten Drittel des Romans wird schließlich das Vordringen beider Mannschaften zur Insel der Schneeschrate beschreiben, wo die erste Aufgabe vollbracht werden soll, das Einfangen eines Mammuts.

II. Kritik

Mir geht es sicherlich nicht anders als vielen, die schon sehr lange DSA spielen, die Ankündigung der Romanumsetzung hat zunächst mal große Vorfreude ausgelöst, einfach weil unheimlich viele Erinnerungen mit dieser Kampagne verbunden sind (z.B. durch die vergleichsweise lange Spielzeit der 12 Einzelepisoden). Zumindest lässt die Resonanz in den verschiedenen Foren darauf schließen, auch die Anzahl der Vorbestellungen scheint ja – laut den Autoren – richtig gut gewesen zu sein. Umgekehrt kam bei mir allerdings auch eine gewisse Skepsis auf angesichts der Tatsache, dass der Inhalt tatsächlich auch auf zwölf Bände verteilt werden soll, für die Bernhard Hennen auch direkt eine ordentliche Seitenstärke in Aussicht gestellt hat.

Bietet die Rollenspielvorlage wirklich genug Stoff, um jede Episode in epischer Breite auszuschmücken? Hier komme ich zu einem eher zwiespältigen Eindruck. Für mich sind doch einige Längen erkennbar, z.B. ist der 80seitige Prolog schon eine gewisse Hausnummer. Zwar bietet sich dem Leser so ein Mehrwert, da hier die bekannte Geschichte mit einem eigenständigen Subplot verbunden wird, dessen Entwicklung eben nicht – zumindest in den Grundzügen – schon bekannt ist. Interessant wird auch sein, wie dieser Handlungsbereich in den Folgebänden weitergeführt wird und wieviel Raum dies im Vergleich zur eigentlichen Saga einnehmen wird. Trotzdem ist es schon sehr gewöhnungsbedürftig, wenn man so viele Seiten darauf warten muss, bis die Kernhandlung beginnt. Und auch sonst gibt es zwar viele Szenen, in denen die Charaktere vorgestellt werden, die eigentliche Handlung ist dafür aber vergleichsweise überschaubar, Spannungshöhepunkt sind noch rar gesät. Insgesamt lässt sich der Roman aber relativ flüssig lesen, trotz besagter Längen kommt kaum Langeweile auf, zumal dem Auftaktband ja auch die Aufgabe zukommt, die Figuren einzuführen. Die stetigen Perspektivwechsel sind ohnehin ein häufig gewähltes Stilmittel, im Fantasybereich bei „Game of Thrones“ auf die absolute Spitze getrieben.

Genauso schwer fällt mir eine Bewertung der Atmosphäre, die gestaltet wird. Hier steht natürlich vor allem das Leben der Nordmänner (bewusst so formuliert, die Frauen kommen vergleichsweise kurz weg) im Vordergrund. Das gelingt meiner Auffassung nicht immer gut, vor allem der Auftakt fällt mir zu klischeehaft aus, wenn die ganze Dorfgemeinschaft – abgesehen von der strahlenden Ausnahme Tylstyr – wie eine Horde primitiver und blutrünstiger Unsympathen agieren darf, dann ist mir das etwas zu dick aufgetragen. Umgekehrt ist vor allem das Leben der Schiffsgemeinschaft Phileassons gut beschrieben, vor allem, wenn der Leser die Perspektive eines Elfen erhält, dem dies zunächst sehr fremd erscheint. Die stärksten Passagen der Reise sind ohnehin für mich die, in denen die beiden rivalisierenden Gruppen in die eisigen Gebiete vordringen und dort mit den widrigen Bedingungen zu kämpfen haben.

Diese steten Wechsel sorgen tatsächlich auch für eine gewisse Abwechslung, vor allem, da Beorns Reise in der Rollenspielvorlage kaum berücksichtigt wird. Hier irritiert mich aber ein wenig die etwas eindimensionale Darstellung der beiden Kontrahenten: Während Phileasson als charismatischer und stets um seine Mannschaft besorgter Sympathieträger aufgebaut wird, wird Beorn etwas arg skrupellos und egoistisch geschildert, der jederzeit bereit ist, Mannschaftsmitglieder für den Wettbewerbsvorteil zu opfern. Verstärkt wird dies noch durch seinen Gefolgsmann Galayne, der seinen Kapitän an Gefühlskälte noch deutlich übertrifft, allerdings durch seine undurchsichtigen Beweggründe eine reizvolle Figur ist. Sein elfisches Gegenstück in Phileassons Mannschaft, der junge Salarin, weist im Gegenteil Neugier als dominanten Charakterzug auf und tritt häufig als Retter und Heiler auf. Für den Leser ist er vor allem in seiner Funktion als naiver und weltfremder Charakter wichtig, da durch dieses Stilmittel viele Erläuterungen über Aventurien, die Thorwaler und ihre Gebräuche glaubhaft eingebracht werden können, ohne dass dies aufgesetzt wirkt, wenn andere Figuren ihm Erklärungen liefern. Somit wird eine Schwachstelle vieler DSA-Romane vermieden, die Hintergrundwelt wirkt vergleichsweise natürlich, Informationen über Zusammenhänge sind gut eingewoben und künstliche Exkurse bleiben aus.

Im letzten Drittel gewinnt die Geschichte deutlich an Tempo, wenn die Wettfahrt endlich in Gang kommt und beide Mannschaften sich beweisen müssen und die unterschiedliche Herangehensweise der Kapitäne ihre Auswirkungen zeigt. Besonders spannend ist für mich die Frage, wie die Folgeepisode um den Himmelsturm gestaltet wird, die einen deutlich höheren Epikfaktor als die Mammutjagd hat und einen frühen Höhepunkt der gesamten Sage darstellt.

Bei zwei Autoren schwang bei mir zudem die Sorge mit, dass das Endergebnis inkongruent sein könnte. Hier konnte ich aber tatsächlich keine Unterschiede feststellen, die einzelnen Kapitel wirken passend, ohne dass Stilungereimtheiten erkennbar wären. Grundsätzlich ist der Sprachstil in Ordnung, stellenweise ist mir die wörtliche Rede der Figuren etwas zu modern geraten. So passt es beispielsweise nicht unbedingt in meine Vorstellung der Ausdrucksweise eines Aventuriers, wenn Beorn einen gewonnenen Kampf mit „Es war irre“ kommentiert, das reißt mich als Leser schon etwas aus der Illusion einer konsistenten Fantasywelt heraus.

III. Fazit

„Nordwärts“ weist durchaus einige Längen auf, erzählt im Ganzen trotzdem eine spannende Geschichte. Interessant wird sicherlich, wie die folgenden Einzelepisoden ausgeführt werden und ob es gelingt, den Wettstreit so zu gestalten, dass weitere 11 seitenstarke Romane auch getragen werden können. In Sachen Atmosphäre und Figurengestaltung sehe ich den Roman zwiespältig, da hier auch durchaus Passagen vorhanden sind, in denen ich mir mehr Vielschichtigkeit gewünscht hätte, vor allem was Beorns Charakter angeht.

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5 Gedanken zu “Rezension: Nordwärts

  1. Alrik Normalpaktierer schreibt:

    Es ist also wirklich so, dass der bisher im aventurischen Vergleich für die thorwalsche Kultur prägende Zug der absoluten Gleichberechtigung quasi im Vorbeigehen gestrichen wird? Das hat mich an der Leseprobe sehr befremdet. Wird dafür irgendeine Erklärung geboten?

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    1. Ich hab gerade nochmal geblättert, eine explizite Erklärung finde ich nicht. Allerdings gilt das primär für den Prolog, in Thorwal erkennt man eigentlich keine männliche Dominanz mehr. Allerdings kommen insgesamt wenig Frauenrollen vor, interessanterweise gibt es in Beorn Mannschaft mehr Frauen, die Erwähnung finden, bei Phileasson werden hauptsächlich Shaya und die Moha Irulla berücksichtigt, dazu noch das junge Mädchen Leomara.
      Allerdings kann ich die Kritik, die ich irgendwo gelesen habe, nicht teilen, dass nur schwache Frauengestalten vorkommen würden. Trotzdem sind mehr Männerfiguren vorhanden, was eventuell auch an der Rollenspielvorlage liegen mag, in der Foggwulfs Mannschaft ja fast nur aus Männern besteht, zumindest bei den angegebenen NSCs.

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      1. Mir sind die Frauenfiguren als außergewöhnliche flach und schwach aufgefallen. Shaya ist an Peinlichkeit in der Darstellung kaum zu überbieten – und übrigens klein und zierlich. Die Shaya der Vorlage war stärker gezeichnet. Zidaine muss sich wie Shaya und Fianna bereits in ihrer ersten ausführlichen Beschreibung sexuellen Übergriffen erwehren (und ist erstaunlich stark dafür dasss sie so zierlich ist). Irulla ist vor allem über ihren Exotismus definiert und damit keine starke Rolle mehr hat. Die anderen sind Randfiguren. Ich bin allerdings jetzt erst zur Hälfte durch und muss leider hören, dass da eher nicht mehr so viel kommt.

        Eichwald hätte perfekt eine starke Frauenrolle hergegeben. Solche Chancen sind aber vertan worden bisher.

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  2. Portha schreibt:

    Bern vom Anfang an als Mann der über Leichen geht…. passt mir gar nicht und verfehlt Bern als verführten und gefallen Helden was die Sache viel spannender gemacht hat. Manche Dinge fand ich dagegen gut. Aber einen der beiden Hauptcharaktere jetzz schon so klischeemäßig und mit billigen Effekten zum Bösewicht zu machen ist sowas von lame. Shame on Hennen und Corvus

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