Rezension: Kor-Vademecum

Vorbemerkung: Wenn ein Vademecum je eine passende Optik hatte, dann trifft dies sicherlich die blutrote Optik zu, die der Ulisses Verlag dem Kor-Vademecum (von Nicole Euler) spendiert hat, zeigt sich das Bändchen doch auch inhaltlich recht martialisch (und trägt auch den bezeichnenden Untertitel „Brevier des kämpfenden Geweihten“). Nebenbei läutet es damit offenbar auch eine nun folgende zweite Welle innerhalb dieser Reihe ein, indem jetzt erstmals ein Halbgott berücksichtigt wird, nachdem im letzten Jahr die Travia-Version den Reigen der Zwölfe beschlossen hatte.

In Zahlen:

– 160 Seiten

– Preis: 14,95 Euro

– Erschienen am 2.6. 2016

I. Inhalt und Aufbau

Grundsätzlich ist das „Kor-Vademecum“ bis auf wenige Ausnahmen wie seine Vorläufer auch als Ingame-Text verfasst, die martialische Note wird aber direkt zu Beginn betont, wenn erwähnt wird, dass der fiktive Verfasster Karmal ibn Dajin sich unlängst seinem Herren zu Ehren als Opfer selbst entleibt hat.

Zunächst werden in einigen Quellentexten Ursprung und Wesenszüge Kors beschrieben, wobei vornehmlich der Bezug zu Rondra erstellt wird und gleichzeitig die Unterschiede – trotz des Kampfes als gemeinsamer Domäne – unterstrichen werden.

Im Kapitel „Kors blutige Streiter“ wird verdeutlicht, dass Personenkult nicht die Sache der Korkirche ist, gibt es doch nur wenige Alveranier und Heilige, primär wird sich dabei auf den ersten Streiter Ghorio von Khunchom bezogen. Ähnliches lässt sich über die Heiligtümer sagen, wird im Bereich der Örtlichkeiten statt großer Tempel auf eine Reihe von Schlachtfeldern der Vergangenheit und der jüngeren Geschichte verwiesen. Dementsprechend handelt es sich bei den heiligen Artefakten hauptsächlich auch um Waffen.

Bei der Beschreibung der Gemeinschaft des Gottes fällt vor allem der Umstand ins Auge, dass in der Kor-Kirche trotz ihrer inhaltlichen militärischen Ordnung vergleichsweise flache Hierarchien herrschen, was aber auch damit zusammenhängen mag, dass es nur eine kleine Zahl an Geweihten gibt. Dabei gestaltet sich die Kor-Verehrung in den einzelnen Gebieten Aventuriens sehr verschieden, wobei ein klarer Schwerpunkt im Süden ist, während hingegen die Wurzeln der Gemeinschaft im Bornland liegen. Als neuer Schwerpunkt haben sich in den letzten Jahren die Schattenlande mit ihren Schrecknissen herauskristallisiert, warten hier doch mannigfaltige Herausforderungen auf die stets kampfbereiten Korjünger. Die kleine Zahl der Geweihten spiegelt sich auch in den Orden und Gruppierungen wider, werden hier doch vor allem Söldnerhaufen genannt, die in Kors Namen handeln und nach seinen Idealen leben, dabei aber nicht selten auch von Korgeweihten begleitet oder gar angeführt werden.

Die Söldner als wichtigste Klientel stehen auch im Mittelpunkt des heiligen Buches des Kor, dem Khunchomer Kodex, der vor allem Ehrenkodex und statthafte Lebensweise eines Söldners im Namen Kors definiert. Dabei geht es gleichermaßen um das Verhalten auf dem Schlachtfeld wie auch um das Einhalten von vertragsmäßigen Bindungen.

In den Liturgien wird der Halbgottstatus hervorgehoben. Auffällig ist dementsprechend, dass neben Kor jeweils einer der Zwölfe zusätzlich angerufen wird, je nachdem, in wessen Domäne man sich mit seinem Anliegen befindet, z.B. wird Boron mitinbegriffen, wenn ein Gefallener seinen Grabsegen erhalten soll.

Auffällig im Vergleich zu den Vorgängerbänden ist das relativ lange Kapitel mit Anregungen zur Verkörperung eines Kor-Geweihten am Spieltisch. Hier werden einzelne Charaktertypen vorgestellt, z.B. „der Taktiker“ oder „der Vertragstreue“. Aber auch Verhaltensaspekte werden erörtert, z.B. der Aspekt der Gnadenlosigkeit im Kampf oder der Umgang mit Blutopfern. Dabei wird auch explizit der Frage nachgegangen, wie ein solcher Charakter sich in eine Gruppe integrieren lässt.

Im Anhang findet sich noch ein beispielhafter Vertragsentwurf für einen mittelreichischen Söldner, bei dessen Formulierung und Abschluss ein Kor-Geweihter recht häufig als Vertrauensperson konsultiert wird.

II. Kritik

In Abenteuern sind Kor-Geweihte recht häufig sehr stereotyp gezeichnet, mit den vornehmlichen Merkmalen der Brutalität, Rücksichtslosigkeit und ideologischen Engstirnigkeit, zudem völlig humorbefreit in ihrer aufbrausenden Art. Gerade in dieser Hinsicht räumt das vorliegende Vademecum zwar nicht unbedingt auf, allerdings gelingt es dafür sehr gut, die Philosophie zu vermitteln, die hinter diesem Charakterkonzept steht. Vor allem werden dabei die Aspekte des Guten Goldes und des Guten Kampfes hervorgehoben, zwischen deren Extremen sich das Verhaltensspektrum solcher Figuren bewegt.

Gerade dieses Verhalten im Kampf und die Funktion als Ansprechpartner, Mitglied oder gar Anführer einer Söldnereinheit werden sehr gut dargestellt und erhalten auch viel Raum innerhalb des Bandes, so dass innerhalb dieser Themenschwerpunkte eine sehr breite Informationsbasis vorhanden ist. Ein wenig schade ist allerdings, dass daneben weitere Gesichtspunkte, z.B. wie sich ein solcher Geweihter abseits des Kampfes im Alltagsleben verhält, wenig berücksichtigt werden.

Auch merkt man hier, dass bei einem Halbgott die Kirchenbasis vergleichsweise klein ist, es  finden sich wenige Angaben, schlicht weil die Gemeinschaft des Kor deutlich kleiner ist als die der Zwölfgötter, die in diesem Punkt deutlich mehr Inhalte liefern können.

Die große Stärke des Vademecums liegt für mich eindeutig in der hohen Relevanz für den Spieltisch. Kor-Geweihte haben den oben erwähnten stereotypischen Ruf und genau an dieser Stelle setzt das ausführliche Outgame-Kapitel ein, indem viele spielbare Facetten aufgezeigt werden, die einerseits natürlich die Eigenheiten einer solche Figur aufzeigen, andererseits aber viele Anregungen liefern, wie ein Kor-Geweihter innerhalb einer Heldengruppe nicht zum Außenseiter mutieren muss. Dabei werden sogar ausgesprochen viele Alternativen genannt durch die vielen Rollenbeispiele, welche Aufgaben ein Kor-Geweihter übernehmen könnte, um ein produktives Mitglied sein zu können.

Genauso wird die Rolle der Geweihtenschaft innerhalb der Glaubensgemeinschaften Aventuriens gut ausdifferenziert, vor allem natürlich das mitunter sehr problematische Verhältnis zur Rondra-Kirche wird beleuchtet. Hier ergibt sich eine natürlich eine gewisse Metaplot-Relevanz, deuten sich gerade in diesem Bereich Konflikte an, was ja sowohl in der Historia Aventurica als auch in der aktuellen Theaterritterkampagne wiederfindet.

Abseits davon ergeben sich auch viele Verbindungspunkte zur Hauptklientel des Kors, den Söldnern. An sehr vielen Stellen wird auch deren Lebensphilosophie angesprochen, die von ähnlichen Gedanken wie die der Kor-Geweihten beseelt ist, was unter anderem in der Nennung der Söldnertruppen als Hauptteil der Glaubensgemeinschaft berücksichtigt wird. Gerade der Aspekt des Berufsethos und auch der Entlohnung wird beleuchtet, so ist unter anderem der beispielhafte Vertrag im Anhang eine gute und konkret nutzbare Idee, ohnehin erfährt man einiges über den Khunchomer Kodex, der in dieser Hinsicht eine gewichtige Rolle spielt.

In der Aufmachung weist der Band die gewohnte Qualität auf, erwähnenswert scheinen mir hier die schönen Bleistiftzeichnungen, deren Minimalismus gut zur Natur der Geweihtenschaft passt. Schade fast, dass eine sehr atmosphärische Idee aus Kostengründen unter den Tisch fallen musste. Wie Eevie Demirtel mir auf der RPC erzählte, gab es kurzfristig die Idee, die dicken schwarzen Blutstropfen, die sich überall im Band finden, tatsächlich in rot zu drucken. Verständlicherweise ließ sich das wohl nicht im normalen Preisrahmen realisieren, in den Gesamtkontext des Inhaltes hätte es sich gut eingefügt.

III. Fazit

Das Kor-Vademecum ist augenscheinlich von der Idee erfüllt, die Philosophie der Kor-Geweihtenschaft transparent zu gestaltet, was überwiegend gut gelingt. Positiv hervorzuheben ist die hohe Spielrelevanz durch die vielen Hinweise zur Ausgestaltung eines Kor-Geweihten und zu dessen Integration in eine typische Heldengruppe.

Bewertung: 5 von 6 Punkten

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