Rezension: Die Silberne Wehr

Vorbemerkung: Nachdem in „Der Grüne Zug“ der Epikfaktor deutlich angezogen hat, bewegt sich die Theaterritterkampagne spürbar auf die Zielgerade zu, indem die Helden sich immer mehr den Geheimnissen des längst vergangenen Ordens, der Goblins und des erwachenden Bornlandes annähern. „Die Silberne Wehr“, wie die anderen Bände auch verfasst von Daniel Heßler und Niklas Forreiter, fügt nun nach der eher grimmigen Schlachtplatte des unmittelbaren Vorgängers einen teils märchenhaften Ton hinzu.

In Zahlen:

– 5. Band der Theaterritter-Kampagne

– 65 Seiten

– erschienen am 9.12. 2016

– Preis: 14,95 Euro

I. Aufbau und Inhalt

Wie bewährt werden zu Beginn wieder drei optionale Auftraggeber angeführt, die aus unterschiedlichen Motiven handeln. Im Ergebnis steht allerdings immer die Bitte, die Goblinpauke in die Burg Trescha zu schaffen. In dieser Feste des Widderordens soll sie einer genauen Untersuchung unterzogen werden. Schon die Anreise gestaltet sich ob der Größe der Pauke nicht ganz einfach, vor allem begibt man sich auf der Flussreise in das Einflussgebiet der gefürchteten Walsachpiraten. Gelingt es dieses Hindernis zu überwinden, so erhält der folgende Teil in der Burg einen vorwiegend militärischen Charakter. Dazu erhält man eine genaue Beschreibung der Burg und seiner Bewohner, dazu viele Angaben, wie vor Ort eventuell stattfindende Gefechte aus Sicht der Verteidiger ausgetragen werden können. Exakte Ablaufe sind hier nicht vorgegeben, lediglich bestimmte Resultate.

Ebenso finden mehrere Ortswechsel statt, unter anderem wird auch der märchenhafte Aspekt des Bornlandes betont, vor allem durch einen folgenschweren Ausflug in eine Feenwelt. Hier können die Helden am Hof des Walsachfürsten in Erfahrung bringen, was es mit der titelgebenden Silbernen Wehr auf sich hat. Nach einem gewaltätigen Eingriff von außen müssen sie zudem versuchen, als Menschen Verbündete unter den Feenwesen zu finden, was primär mit Aufgaben zur persönlichen Vertrauensgewinnung prominenter Würdenträger unter den Feen verbunden ist, die allerdings durch Einwirkungen ihrer Gegner, die ihnen in die Feenwelt gefolgt sind, erschwert wird. Nach erfolgreicher Bewältigung ihrer Überzeugungsarbeit werden sie über eine größere Gefahr informiert, die in einer möglichen Invasion besteht, was die Kräfteverhältnisse zugunsten des Korsmal-Bundes verschieben könnte.  Letztlich mündet dies in ein Finale, in dem gerade kampfstarke Helden massiv gefordert werden.

Erneut ist auch dieser Band ebenfalls als Einzelabenteuer denkbar. Besondere Kampagnenpunkte sind als solche gekennzeichnet, gleiches gilt wieder für alle Bereiche, die das Erwachen des Bornlandes betreffen.

II. Figuren

Als vorletzter Kampagnenteil kann hier auf eine sehr große Figurenriege zurückgegriffen werden, neben den drei möglichen Auftraggebern handelt es sich dabei um die Adelsmarschalljn Nadjescha von Leufurten. Aber auch das Schicksal der vormaligen Begleiter Olko und Leudara wird wieder aufgegriffen, wobei auch diese bislang diffusen Rollen immer mehr Profil erhalten.

Eine ganz besondere Rolle erhält der ehemalige Adelsmarschall Jucho von Dallenthin und Persanzig, der nach seinem erstmaligen Erscheinen in „Die Thorwalertrommel“ nun seinen großen Auftritt feiern darf, auch als temporärer Begleiter der Helden.

Aber natürlich finden auch neue Figuren ihren Eingang in die Handlung, wobei der intensivste Kontakt zu den Bewohnern Treschas zustande kommen dürfte, die als Kampfgefährten der Helden über eine längere Zeit mit diesen zusammenleben, wozu beispielhaft einige Beziehungen unter den Streitern des Widderordens aufgeführt sind, um dem Spielleiter die Gestaltung eines lebendigen Alltages zu ermöglichen..

Gerade bei DSA- Veteranen dürften außerdem einige Erinnerungen aufkommen, wenn auf der Reise die konkurrierenden Walsachpiraten Rangnid Thorkilsdottir und Mjesko Einhand eine gewichtige Rolle spielen. Bei beiden handelt es sich um sehr alte NSCs, die schon in einigen Publikationen als Verbündete und Antagonisten im Mittelpunkt standen.

III. Kritik

Der letzte Band, „Der Grüne Zug“, war trotz einiger interessanter Ansatzpunkte nicht ganz nach meinem Geschmack, eben auch weil hier das zentrale Gefecht zwischen den Helden und ihren Widersachern meiner Auffassung nach deutlich besser hätte umgesetzt werden können. Genau hier gefällt mir die Dramaturgie von „Die Silberne Wehr“ insgesamt wirklich gut. Vor allem ist den Autoren ein passendes Zusammenspiel von groß angelegten Gefechten und einigen eher märchenhaft anlegten Passagen gelungen.

Die Belagerung der Feste des Widderordens ist gut umgesetzt, auch weil die Helden jede Menge Gelegenheiten erhalten, sich in Planung und Durchführung der Aktionen der Verteidiger einzubringen und jeweils auch Effekte auf die Gesamtsituation spürbar werden. Vor allem setzt dies nicht erst mit Beginn der Belagerung ein, sondern es wird auch ermöglicht, schon im Vorfeld einige Vorbereitungen zu treffen, die anschließend Effekte zeigen. Die Konzentration auf ein deutlich kleineres Gefecht ist dabei auch nicht spannungsmindernd, dazu ist die Überzahl der Feinde schlicht zu groß. Ähnliches gilt auch für das Endgefecht, mit dem kleinen Malus, dass mir hier als Anführer der Gegner ein echter Antagonist fehlt, die dortige Vertreterin der Widersacher wird in wenigen Worten abgehandelt. Letzteres erscheint mir generell eine der Schwächen der Kampagne, dass neben durchaus charismatischen Gegenspielern (siehe im Folgenden Mjesko) auch immer 08/15- Schurken als bloßes Schwertfutter herhalten müssen. Vorbildlich ist die örtliche Gestaltung gehalten, neben Beschreibungen beider vorkommenden Festungen sind auch Übersichtskarten beinhaltet.

Deutlich besser ist dies allerdings generell für die Figurenriege bestellt, indem der Band auf einige sehr charismatische NSCs zurückgreifen kann. In erster Linie sind hier Jucho und Mjesko zu nennen. Mit Jucho können die Helden auf einen echten Sympathieträger als Verbündeten zählen, der in dem Band seine große Stunde erhält, geschickter Weise ohne den Helden dabei die Show zu stehlen, da er auch in diesem Moment auf ihre Hilfe angewiesen ist, um sein letztliches Ziel zu erreichen. Mjesko hingegen ist ein würdiger Antagonist, der gleich bei seinem ersten Erscheinen durch einen dramaturgischen Kniff zu einem hassenswerten Gegner aufgebaut wird. Positiv wirkt sich generell aus, dass innerhalb der Kampagne eine mittlerweile sehr große und illustre Figurenriege aufgebaut wurde, so dass der Spielleiter an vielen Stellen auf alte Bekannte zurückgreifen kann, die aber immer wieder auch mit gewissen Überraschungen aufwarten können. Aber auch die Einzelkapitel des Abenteuers verfügen über interessante Figuren, z.B. die Kampfgefährten in der Burg Trescha. NSCs wie Mjesko und Ragnid schließlich sorgen auch bei dem einen oder anderen DSA-Veteranen für nostalgische Gedanken, sind sie schließlich doch schon seit vielen Jahren Teil der bornischen Geschichte, ihr erster Auftritt fand immerhin schon 1990 in „Stromaufwärts“ statt.

Einen gelungenen Kontrapunkt zum Schlachtgeschehen stellt der Rückgriff auf märchenhafte Umgebungen und Figuren dar, wobei die Helden hier vor allem auf ihre diplomatischen Fähigkeiten vertrauen müssen. Grundsätzlich passt dieser mythische Part zu dem erwachenden Bornland, auch weil gerade hier einige fehlende Mosaiksteine zu den Mysterien der Hintergrundgeschichte geliefert werden. Eine gelungene Idee stellt zudem der Umstand dar, dass die Spielercharaktere in einigen der dort anstehenden Prüfungssituationen auf Vorteile zurückgreifen können, die sie gegebenenfalls in den vorhergehenden Kampagnenteilen erworben haben, das betont den zusammenhängenden Charakter. Zusätzlich halte ich es für wichtig, dass die Autoren nach den (für regionale Verhältnisse) durchaus epischen Ereignissen aus „Der Grüne Zug“ nicht zwanghaft versucht haben, hier in noch größeren Dimensionen von Gefechten zu denken, sondern einen anderen Ansatzpunkt auf einer anderen, eben eher mystischen Ebene gefunden haben, um die Handlung sinnvoll fortzuführen. Somit verbindet das Abenteuer die grimmigen Gefechtsmomente mit leichtgängigeren Szenen, ohne in unpassende Komik abzurutschen. Allerdings erscheint mir die Idee einer drohenden Invasion des Bornlandes etwas unausgegoren, zumindest in der hier vorliegenden Form. Dafür ist allerdings der Gedanke, die Helden in der für sie ungewohnten Feenwelt quasi als „Wahlhelfer“ für einen ungewöhnlichen Kandidaten auf die Führungsposition einzusetzen, durchaus originell und driftet durch den ernsthaften Hintergrund einer vorhergehenden Mordtat auch nicht ins Alberne ab.

IV. Fazit

„Die Silberne Wehr“ stellt für mich neben „Das Blaue Buch“ den besten Teil der Kampagne dar, indem hier die mystischen Elemente in den Vordergrund gestellt werden, was mit einer abwechslungsreichen Szenerie von gut durchdachten Gefechtssituationen gegen die immer noch nicht geschlagenen Widersacher und im Gegenteil eher märchenhaften Passagen verbunden ist. Gerade letztere unterstreichen den Charakter und die Hintergründe des erwachenden Bornlandes.

Bewertung: 5 von 6 Punkten

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