Rezension: Ewiger Hass

Vorbemerkung: Genug der Jahresrück- und Ausblicke, genug ebenso der Altlasten, die ich zuletzt mit „Aventurische Magie“ und „Die Wölfin“ abgearbeitet habe. Mit „Ewiger Hass“ von David Schmidt ist nun die erste Publikation des Jahres 2017 erschienen, die sich schwerpunktmäßig mit den Hintergründen des endlosen Konfliktes zwischen den Streitenden Königreichen Nostria und Andergast auseinandersetzt. Interessant ist dabei der Umstand, dass ursprünglich „Ewiger Hass“ als Begleitabenteuer für die Regionalspielhilfe angedacht war, schlussendlich aber die Wahl auf „Neue Band & uralter Zwist“ fiel, schlicht weil dort der Kennenlernfaktor für beide Königreiche und die typischen Verhältnisse größer ist.

In Zahlen:

– 65 Seiten

– Preis: 14,95 Euro

– Erschienen am 25.1.2017

I. Inhalt und Aufbau

Der Aufbau des Abenteuers untergliedert sich grundsätzlich in drei Akte, von denen der Beginn sehr linear, der Abschluss aber ausgesprochen frei gehalten wurde. Am Anfang steht zunächst ein simpler Suchauftrag. Der Einstieg des Abenteuers orientiert sich sehr danach, ob eine eindeutige Loyalität der Heldengruppe zu einem der beiden Königreiche besteht. Somit existieren auch zwei unterschiedliche Auftraggeber mit ähnlichen Auftragsinhalten. Der Sume Arbogast der Alte entsendet die Helden, um einen anderen Sumen, Seffel, zu finden, der sich zu Forschungszwecken in der Waldwildnis nahe der  Siedlung Beilstatt (zu Andergast gehörig) befunden hat. Ein ähnliches Anliegen hat die nostrische Obristin Rondiane Krennelvind, der in derselben Gegend ein Spähtrupp abhandengekommen ist, der die Truppenbewegung der Andergaster beobachten sollte. Vor Ort können die Helden – als Fremde misstrauisch von den Einheimischen beäugt – schnell herausfinden, dass die Gesuchten alle in der Waldwildnis verschwunden sind, die von Bewohnern Beilstatts gemieden wird, treiben sich dort doch besonders viele Goblins herum, die teils ungewohnt aggressiv auftreten. Dringen die Helden ihrerseits dorthin vor, stellt es tatsächlich ihre erste Aufgabe dar, mit den Goblins zu verhandeln, um das von den Rotpelzen als „Bannland“ bezeichnete Gebiet durchqueren zu können, andernfalls bleibt ihnen nur die Alternative sich durchzukämpfen. So oder so steht am Ende die Erkenntnis, dass die Gesuchten offenbar unwissentlich in eine Feenwelt eingedrungen sind, in die die Spielercharaktere ihnen wohl oder übel folgen müssen.

Hier setzt der sehr offen gestaltete Mittelteil ein. Schnell fällt auf, dass es sich um eine wenig märchenhaft gestaltete Globule handelt, im Gegenteil wirkt dort alles wie eine verzerrte Realität. Abgebildet wird nichts anderes als der große Konflikt zwischen den Streitenden Königreichen im Kleinen. So sind die beiden wichtigsten Fraktionen unter den Bewohnern zwei Kriegshaufen von Nostriern bzw. Andergastern, die teils seit Jahrhunderten ein sich fast täglich stattfindendes gegenseitiges Abschlachten zelebrieren, dabei allerdings durch die Umgebungsfaktoren fast zur Unsterblichkeit verdammt. In diesem Akt gibt es keine konkreten Handlungsabläufe, stattdessen werden die unterschiedlichen Fraktionen vorgestellt, z.B. mit den herausragenden NSCs und der Truppenstärke. Zusätzlich wird noch auf die weiteren Bewohner der Globule eingegangen, die ebenfalls alle von starken Hassgefühlen erfasst sind. Daneben existiert ausgiebiges Kartenmaterial, vor allem auf den Kampfschauplatz bezogen, wobei auch die vier Jahreszeiten Auswirkungen auf die Begebenheiten und die Art der Kriegsführung haben. Für die Helden sind natürlich auch die Informationen von besonderer Bedeutung, die sie über die Globule in Erfahrung bringen können und die sie benötigen, um herauszufinden, was für den stetigen Kriegszustand und die starken Aggressionszustände verantwortlich ist, die auch in den Spielercharakteren selbst langsam aufsteigen.

Haben die Helden all dies ermittelt, sind sie hoffentlich in der Lage, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um im Finale eine Lösung der Konflikte herbeizuführen. Denn nur dies ermöglicht am Ende ein Verlassen der Feenglobule. Dazu finden sich im Anhang noch einige Hinweise zur Wirkung der Globule auf ihre Einwohner.

II. Figuren

Das Abenteuer lebt gerade ab dem Übergang in die Feenglobule von vielen NSCs, die auch in ihren Rollen nicht immer festgelegt sind, da ja z.B. nicht feststeht ob die Helden sich einer Fraktion anschließen oder nicht. Maßgeblich in jeglicher Hinsicht dürfte natürlich die Fee Lyranida als Herrin der Globule sein, die einerseits die typische Sprunghaftigkeit ihrer Art in sich trägt, eben aber auch mit ihren starken Hassgefühlen prägend auf die Situation einwirkt.

Ambivalent sind somit auch die beiden Kampftruppen gehalten, wobei stellvertretend deren Anführer Alfward (Andergast) und Helarike (Nostria) sowohl die Charakterzüge von charismatischen Kommandanten in sich tragen, beide aber auch von den ewigwährenden Kämpfen zermürbt wurden und nur noch auf die endlose Folge von neuen Gemetzeln fixiert sind. Auch die anderen Bewohner der Globule stellen diplomatische Herausforderungen dar, ist deren Loyalität doch nicht immer festgelegt.

Die Rahmenhandlung lässt die Helden zudem mit einigen NSCs interagieren, die auch im übergreifenden Metaplot der Region eine gewichtige Rolle spielen, hier vornehmlich die Sumen, wobei Arbogast die eher besonnene Gruppierung verkörpert, der junge Melanor die radikale Gegenseite.

III. Kritik  

Tatsächlich bin ich eher kritisch an das Abenteuer herangegangen, auch aus der Warte heraus, dass einige der grundsätzlichen Inhalte in Hinblick auf die letzten Monate nicht gerade originell klingen, handelt es sich doch mit Andergast wieder um eine Region, die zuletzt ohnehin schon mehr als großzügig mit Material bedacht wurde. Und Globulen wurden im Zuge der Theaterritterkampagne auch schon zweimal aufgesucht, in Bälde kommt zudem ein mit „Wächter der Feenpforte“ ein Albernia-Abenteuer, das ebenfalls an einem solchen Ort spielt. Im Gesamtbild klingt das schlichtweg zu verbraucht.

Allerdings ist das letztlich natürlich eine Frage der Umsetzung und hier bin ich im Gegenteil positiv überrascht worden. Zwar ist der Einstieg wirklich sehr konventionell ausgefallen, da sich hier außer ein paar Gesprächen in Beilstatt zur Informationssuche wenig an verzweigter Handlung ergibt. Auch der Teil in den Bannlanden ist bis auf eine oberflächlich gestaltete Begegnung mit einem Holzfällertrupp wenig temporeich ausgefallen, Reiz ergibt sich hier lediglich in der Frage, wie die Spielercharaktere sich mit den Goblins arrangieren.

Dafür ist die Globule ein wirklich gut ausgestalteter Handlungsort, der zudem sehr viel Spielfreiheit gewährt. Das Modell des fortgeführten Konflikts im Miniformat ermöglicht eine Beschäftigung mit den zentralen Mysterien der Region, ohne zeitgleich in Maßstäben eines ganzen Landstrichs denken zu müssen, was die Zwänge des Metaplots löst, trotzdem aber tiefgreifende Erkenntnisse ermöglicht. Die Konstellation mit den beiden größeren Kampftrupps, einigen unabhängigen Fraktionen bzw. Einzelgängern und der um Kontrolle bemühten Fee bedingt, dass die Umgebung zwar flächenmäßig begrenzt ist, trotzdem die Erkundung einige Zeit in Anspruch nimmt und es eben mehrere in der Globule gefangene Figuren gibt, mit denen man interagieren kann bzw. die eine Rolle in der finalen Lösung einnehmen können. Das ist gerade bei Figuren wie dem Rondrageweihten Odoran und dem Al´Anfaner Beltoro gut gelungen. Die beiden Kampftrupps sind ebenfalls passend gestaltet, hier allerdings sind die drei Führerfiguren zu ähnlich und somit stereotyp geraten (erfahrener Anführer, loyaler Adjutant und unsympathischer magiebegabter NSC). Das unterstreicht zwar die Gemeinsamkeiten beider Gruppen, hätte aber etwas abwechslungsreicher erdacht werden können. Gut konstruiert ist die Verteilung von Informationen auf die einzelnen Bewohner der Globule, so dass die Helden nur durch gründliches Erforschen der Umgebung auch ein korrektes Gesamtbild über die Problematik erhalten können, um im Finale erfolgreich sein zu können. Ein wichtiges Puzzleteil ist dabei auch der Umstand, dass es sicherlich für viele Spieler eine Überraschung darstellen dürfte, dass es nicht allein Lyranide selbst ist, die die Verantwortung für die Geschehnisse trägt.

Somit entsteht eine sehr interessante Atmosphäre durch die gar nicht heitere und unbeschwerte Feenwelt, die vornehmlich von den sich ständig wiederholten Kriegshandlungen geprägt wird, was sich auch in der Transformation der dortigen Biestinger in teils sehr unangenehme Kreaturen niederschlägt. Mit dem zentralen Kampfplatz ist zudem ein flexibel gestalteter Ort vorhanden, der sich von Jahreszeit zu Jahreszeit verändert, dafür aber immer die gleiche Trost- und Perspektivlosigkeit behält (die Jahreszeiten ergeben dafür noch zusätzliche taktische Möglichkeiten). Gleich mehrfach drängen sich hier Ähnlichkeiten zu ähnlichen Beispielen aus dem Fantasy- und Science-Fiction-Bereich auf, z.B. der Kampfarena aus „Die Tribute von Panem“.

Gute Arbeit hat der Autor David Schmidt generell in Sachen Gestaltung geleistet, erhält der Spielleiter doch alle wichtigen Angaben, um eine lebendige Umgebung entwickeln zu können. Neben den umfassenden Figurenbeschreibungen finden sich taktische Erwägungen, eben auch abgestimmt auf einen durch Jahreszeiten wandelbaren Kampfschauplatz, dazu eine ausgewogene Verteilung von Informationsbestandteilen auf unterschiedliche NSCs und Orte. Überall sind außerdem Hilfestellungen vorhanden, wie bestimmte Situation gelöst werden könnten. Lediglich das Finale selbst ist für meinen Geschmack etwas zu schmucklos ausgefallen, hier hätte ich mir noch ein stimmungsvolles Dungeon mit mehr Handlungsoptionen des Antagonisten gewünscht.

IV. Fazit

„Ewiger Hass“ ist ein wirklich gutes Abenteuer, das es schafft, eigentlich schon ausgetretene Handlungsmuster originell zu variieren. Vor allem der Mittelteil überzeugt durch eine sorgsame Gestaltung, die dem Spielleiter alle nötigen Informationen an die Hand gibt, um eine ausgesprochen lebendige Umgebung zu kreieren, in der die Spielercharaktere sehr frei agieren können.

Bewertung: 5 von 6 Punkten

4 Comments

  1. Danke für die Rezension, ich schließe mich ihr in weiten Teilen an, hätte mir aber doch einige konkretere Vorschläge gewünscht, wie die Aggressionen, welche in den Helden auflodern, am Spieltisch umzusetzen sind. Und zwar tatsächlich mit den Spielern, nicht nur den Charakteren. Vor allem da andere Bereiche des Meisterns mE unnötig ausführlich beschrieben werden (Was mache ich, wenn sich die Helden aufteilen?).
    Auch mir ist das Ende etwas zu blass, die angegebenen Variationen finde ich aber recht gelungen und plausibel.

    Gefällt mir

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