Rezension: Die Paligan-Akten

Vorbemerkung: Bisher hatten die Heldenwerk-Hefte vor allem zwei zentrale Schwerpunkte, einerseits kleine Abenteuer vor regional begrenztem, meist dörflichem Hintergrund oder Detektiv-Handlungen. „Die Paligan-Akten“ von David Schmidt erweitert dies – schon am Titel zu erahnen – um einen politischen Aspekt. Allerdings liegt der Kern des Geschehens nicht in einem großformatigen Intrigenspiel auf offener Staatsbühne sondern im phexischen Besorgungsgeschäft zu nächtlicher Stunde.

In Zahlen:

– Heldenwerk Nr. 12
– 15 Seiten
– Erschienen am 1.6. 2017

I. Inhalt und Aufbau
Das Abenteuer setzt in der Folge von Haffax Vorstoß nach Perricum an, in dessen Verlauf Rimiona Paligan, die Schwester der Kaiserwitwe Alara, zu Tode kommt. Das größte Kapital der gewieften Politikerin stellte Zeit ihres Lebens ihr umfangreiches Arsenal an Informationen dar, von pikanten Details aus dem Privatleben anderer Würdenträger bis hin zu Staatsgeheimnissen. Genau dieser Umstand ruft jetzt gleich mehrere Interessensgruppen auf den Plan, die Handlanger entsenden, um den brisanten Nachlass zu sichern. Egtor von Ibenburg, ein Sekretär des Rats für Reichsangelegenheiten, wittert hier die Gelegenheit für seinen politischen Aufstieg und engagiert die Helden, mit dem Auftrag, die Informationen von Rimionas Leibdiener Dalman zu erwerben.
Der erste spielbare Teil des Abenteuers handelt demzufolge von der Suche nach dem mittlerweile verschwundenen Dalman, wozu sich die Gruppe nach Perricum begeben muss. Aus Platzgründen wird dies nur narrativ beschrieben, es existiert zusätzlich lediglich eine halbe Seite mit Basisinformationen zu Perricum.
Der entscheidende Teil des Abenteuers hingegen spielt in Rimionas Wohnsitz, dem Gut Marschenhof, wozu ein Gebäudeplan und Beschreibungen der einzelnen Räume vorhanden sind. Ebenso finden sich hier denkbare Handlungen der Konkurrenten sowie Angaben über die Aufenthaltsorte der Gutsbewohner, gegliedert nach Tageszeiten. Somit erhält dieser anschließende Part den Charakter eines Diebesabenteuers, womit die Stunde der Helden schlägt, die mit eher phexischen Fähigkeiten ausgestattet sind.

II. Figuren
Die Figuren passen selbstredend genauso in dieses Schema, handelt es sich doch durchweg um zwielichtige Charaktere. Ansprechpartner der Helden sind ihr Auftraggeber Egtor, der mit aller Macht seinen politischen Aufstieg anstrebt, sich trotzdem aber im Interesse des Reichs engagiert. Dalman war zu Rimionas Lebzeiten ihr treuer Bediensteter, will sein restliches Leben aber durch die Weitergabe der Informationen versilbern. Mit Ishara Cavazaro und Sinold von Sturmfels gibt es zudem Konkurrenten, die im eigenen Interesse bzw. dem ihrer Auftraggeber auch nicht vor Einbrüchen oder handfesten Aktionen zurückschrecken, keiner ist jedoch so verbissen, dass nicht auch eine Verhandlungsbasis denkbar wäre.

III. Kritik
Als ich Titel und Klappentext des neuen Heftes studiert hatte, kamen mir deutliche Bedenken, ob es sich hier nicht um einen Plot handeln könnte, der nicht für den Umfang eines Heldenwerk-Abenteuers geeignet ist. Immerhin war das mehrfach schon ein Kritikpunkt, vor allem bei den Detektiv- und Intrigenplots. Und hier steht immerhin eine Staatsaffäre im Mittelpunkt, die ja auf der Figurenebene bis in die kaiserliche Familie hineinreicht.
Genau dies ist aber im Prinzip gut gelungen, weil der Autor der Versuchung widerstanden hat, eine allzu große Intrigenstory zu entwickeln, sondern stattdessen die Beschaffung des Informationsdossiers im Mittelpunkt steht, die letztlich im Kern auf den Einbruch in Rimionas Anwesen reduziert ist. Hierzu sind alle notwendigen Angaben für den Spielleiter enthalten mit der ausführlichen Karte des Gebäudes, den Beschreibungen der Räumlichkeiten und den Aktionen und Charakterprofilen der Bewohner und der Konkurrenten.
In dieser Hinsicht harmoniert das Gefüge von Vorgeschichte und Diebstahlszenario am Ende, lediglich die Episode um das Auffinden und Befreien von Dalman ist sehr grob ausgeführt und bedarf größerer Ergänzungen. Der abschließende Teil hat natürlich kein Storygerüst, da das Vorgehen der Helden nicht komplett vorhersehbar ist, allerdings werden genügend Optionen berücksichtigt, z.B. die Bandbreite von getarntem Einschleichen über den Einbruch bis hin zum offenen Überfall. Das weist dem Spielleiter zwar immer noch eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe zu, gewährt ihm aber ausreichende Hilfestellungen. Auffällig ist einzig der Umstand, dass meiner Auffassung nach vergleichsweise wenig Sicherungseinrichtungen zum Schutz der Informationen vorhanden sind, hier würde ich von einer Figur vom Format der verstorbenen Rimiona mehr Umsicht erwarten. Zuletzt wären ein paar Anregungen wünschenswert gewesen, was für Informationen Rimiona gehütet hat, offenbart wird ja lediglich das belastende Material gegen Sinold. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es allzu viele Heldengruppen gibt, die nicht wenigstens einen Blick in das Dossier werfen würden, weshalb ein wenig Unterfütterung erfreulich gewesen wäre, wobei ein paar Stichwörter ja vollkommen ausreichend wären. In der Hinsicht könnten “Die Paligan-Akten“ zudem ein ideales Vorspiel zu jedwedem Abenteuer darstellen, dass auf einem solchen brisanten Geheimnis basiert.

IV. Fazit
„Die Paligan-Akten“ ist ein gut durchdachtes Abenteuer mit einem Einbruchplot, wobei der Spagat zwischen einer Hintergrundgeschichte auf höchster politischer Ebene und einer konkreten Handlung mit überschaubarem Ausmaß gelungen ist. Stellenweise wären kleinere Ausschmückungen zur Abrundung wünschenswert gewesen, trotzdem gefällt mir das Heft dieses Mal wirklich gut, auch weil die notwendigen Materialien für den Spielleiter trotz des knappen Raums vorhanden sind.

Bewertung: 5 von 6 Punkten

 

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