Ein Blick in „Aventurisches Götterwirken I“

Vorbemerkung: Eines der zentralen Kennzeichen von Aventurien ist seit jeher das zwölfköpfige Pantheon, das mit den Jahren von der groben Ursprungsstruktur mit unterschiedlichen Domänen immer weiter ausdifferenziert wurde, bis hin zur Konturierung der einzelnen Glaubensgemeinschaften mit verschiedenen Strömungen. Zunehmend rückte damit auch der Geweihte als Spielfigur in den Vordergrund. In der 5. Edition war dies bislang nur eingeschränkt möglich, beinhaltete das Grundregelwerk doch nur einen Grundstock von 6 Geweihten. Die fehlende Hälfte nebst einiger weiterer Götter wird nun in „Aventurisches Götterwirken I“ nachgeliefert.

In Zahlen:

– 240 Seiten

– Preis: 39,95 Euro

– erschienen am 24.5. 2017

I. Aufbau und Inhalt

Genau wie im Bereich der Regionalspielhilfen wird auch hier das Bestreben um ein einheitliches Design direkt deutlich, ist der Band doch in dieser Hinsicht identisch zu seinem Pendant über die Aventurische Magie.

Nach einem kurzen Vorwort werden zunächst als Basis die Grundprofessionen vorgestellt. Auf je drei Seiten werden zunächst die Aspekte der jeweiligen Gottheit, der Moralkodex der Geweihten und ein stichwortartiger Überblick über die Kirche und ihre Ränge vorangestellt. Dem schließt sich jeweils ein typischer Zeremonialgegenstand mit regeltechnischen Ausprägungen an. Neben den Zwölfen werden dabei außerdem die Kirchen von Aves, Ifirn, Kor, Nandus, Swafnir und die des Namenlosen Kultes berücksichtigt (Diese Aufteilung zieht sich auch durch alle anderen Kapitel).

Ein Allerlei findet sich im Kapitel zu den erweiterten Liturgieregeln, vor allem aber werden Regelerweiterungen zu karmalen Objekten, Makeln und Predigten präsentiert. Ein neuer Aspekt sind die Zeloten, eigentlich Nichtgeweihte, die aber eine besondere Nähe zur Gottheit ihrer Wahl aufweisen. Die Namenlose Weihe setzt sich mit den Geweihten des finsteren Gottes auseinander, zusätzlich sind noch Liturgiestile für alle anderen beinhalteten Gottheiten vorhanden. Die Sonderfertigkeiten erstrecken sich auf die Bereiche der allgemeinen Sonderfertigkeiten, die Liturgiestile und die Liturgiesonderfertigkeiten.

Das Kernkapitel setzt sich dann in der Folge mit neuen Liturgien für die Geweihten aller Gottheiten auseinander, wobei jede Liturgie kurz beschrieben wird, dazu alle Probe- und Regelmechanismen enthalten sind. Hier werden zudem zu jeder Liturgie Erweiterungsmöglichkeiten aufgezeigt, um Varianten zu ermöglichen (z.B. eine schnellere Inkraftsetzung auf Kosten der Wirkung). Genauso verhält es sich mit den zeitintensiveren Zeremonien. Den Abschluss des Kapitels bilden Liturgieerweiterungen für solche Liturgien, die schon im Grundregelwerk enthalten waren.

Die folgenden beiden Kapitel stellen die Figuren in den Vordergrund. Zunächst werden auf je einer Seite Professionen vorgestellt (insgesamt 20), ebenfalls mit einer kurzen Beschreibung und dem dazugehörigen Professionspaket. Deutlich konkretisiert wird dies mit den Archetypen, die jeweils eine Doppelseite erhalten. Wie schon im Grundregelwerk und dem Magieband finden sich hier ausgewählte Figuren (insgesamt 8 verschiedene Geweihte) mit einer Hintergrundgeschichte, konkretisierten Werten und ein paar allgemeinen Anmerkungen. Genau wie in den anderen Bänden sind die Hintergrundgeschichten miteinander verknüpft und erzählen die Geschichte zweier Geweihtengruppen im Kampf gegen einen Kult des Namenlosen.

Der Anhang wiederum ergänzt den Band um all die notwendigen Angaben, die zwar zumeist nicht geweihtenspezifisch sind, sich aber aus beinhalteten Aspekten ergeben haben, z.B. das Schleudern als Kampftechnik, da diese Waffe von Avesgeweihten mit Vorliebe verwendet wird. Zuletzt ist auch ein Index als Nachschlagehilfe enthalten.

II. Kritik

Zu Geweihten hatte ich immer schon ein ambivalentes Verhältnis: Einerseits bin ich seit jeher vom aventurischen Götterpantheon angetan, Anzahl und Domänenaufteilung halte ich für sehr gelungen. In meinen seligen DSA3-Zeiten hatten die dazugehörigen Geweihten aber das Manko, dass ihre Fähigkeiten durch Regeln nur sehr schwach dargestellt werden konnten, das Potential wurde in meinen Augen nicht ausgereizt.

Über mangelnde Fähigkeiten oder zu schwache regeltechnische Abbildung kann man sich nach Durchsicht des vorliegenden Bandes sicher nicht beschweren. Das Grundregelwerk wird massiv ergänzt, für jeden Geweihten sind jetzt eine ganze Reihe von Liturgien, Zeremonien, Sonderfertigkeiten etc. vorhanden, die auch von der Spezifik her meist gut zu der jeweiligen Gottheit passen. Nicht alles davon erscheint mir spielbar, z.B. sind alle Gegebenheiten für einen Geweihten des Namenlosen enthalten, das Charakterkonzept kann ich mir allerdings als Spielfigur und vor allem als Mitglied einer Heldengruppe beim besten Willen nicht vorstellen. Allerdings erhält ein Spielleiter somit natürlich alle notwendigen Informationen, um eine solche Figur als NSC mit einem entsprechenden Machtlevel auszustatten.

Einen häufig geäußerten Kritikpunkt, dass durch die konkretere Regelausarbeitung und durch die Verwendung ähnlicher Regelmechanismen die Geweihten zu einer Art Karmalzauberern werden, teile ich nicht: Eine Vereinheitlichung solcher Mechanismen ist meiner Auffassung insofern sinnvoll, als dass DSA auch in der 5. Edition in dieser Hinsicht schon komplex genug ist, als dass ich auch hier noch neue basale Änderungen lernen möchte. Nimmt man die Fähigkeiten in ihren inhaltlichen Beschreibungen, halte ich es trotzdem immer für eindeutig erkennbar, dass man hier Geweihte spielt und keine Magier.

Mein Problem mit dem Band ist aber letztlich das Problem, dass ich ohnehin mit allen DSA-Regelbänden habe: Mir ist das Verhältnis zwischen puren Regeln und Hintergrundinformationen zur Ausgestaltung zu unausgewogen. Der gesamte Band liest sich somit doch eher dröge, bestehen doch viele Angaben aus stichwortartigen Informationen und natürlich auch aus den Zahlenangaben für Dauer und Kosten von Liturgien etc.

Selbstverständlich ist dies für einen Regelband auch wichtig, dennoch würde ich mir – auch in Hinblick auf mögliche DSA-Neulinge – eine etwas zugänglichere Gestaltung wünschen. Ein Beispiel dafür stellt gleich das erste Kapitel dar, in dem man ja eigentlich die Basisinformationen über jede Gottheit erhält. Jede Kirche wird in einem Kasten von etwa einer 2/3-Seite vorgestellt, noch dazu stichwortartig. Hier denke ich, dass ein etwas atmosphärischer Volltext deutlich hilfreicher sein könnte.

Platz dazu wäre meiner Meinung nach auch durchaus vorhanden: Genau jenes erste Kapitel ist sehr großzügig in der Platzverteilung, die 3 Seiten werden recht häufig nicht ausgereizt, mehrfach ist eine Drittelseite leer oder wird mit großen gegenständlichen Abbildungen ausgefüllt. Genauso sind unnötige Doppelungen enthalten, z.B. finden sich die Strömungen der einzelnen Kirchen auf vier Seiten im zweiten Kapitel als reine Infotexte, um wortgleich im 3. Kapitel erneut abgedruckt zu werden, eben nur ergänzt um die dazugehörigen Regelkomponenten.

Genauso zwiespältig sehe ich das Kapitel zu den Archetypen: Einerseits sind hier die von mir angesprochenen Hintergrundtexte tatsächlich zur Genüge vorhanden, nehmen sie doch mehr als die Hälfte einer jeden Doppelseite ein. Aber es sind eben narrative Texte, die natürlich auch durchaus allgemeine Informationen enthalten, allerdings sehr gemünzt auf die spezifische Figur. Die Geschichte hat zwar durchaus einen gewissen Spannungsfaktor und zeigt exemplarische Lebensentwürfe für Geweihte als Mitglieder von Heldengruppen, allerdings sind es eben auch sehr grob verfasste Texte, mit großen Handlungssprüngen und einigen sehr plakativen Szenen, wodurch eine erzählerische Tiefe fehlt (was wohl auch durchaus so beabsichtigt ist). Im Grundregelwerk war das meiner Auffassung durchaus angebracht, auch um eventuellen Rollenspielneulingen ein exemplarisches Zusammenwirken von aventurischen Helden zu demonstrieren. Hier wird das allerdings auch durch den Realismusfaktor ein wenig unterlaufen, da solche reinen Themengruppen (eben ausschließlich bestehend aus Geweihten unterschiedlicher Gottheiten) wohl kaum den Regelfall darstellen. Geeigneter würden mir hier doch eher Modelle erscheinen, die nur über einen kurzen Ingame-Teaser verfügen, dann aber viel mehr allgemeine Informationen enthalten, z.B. über die Verbreitung der Kirche, die Alveraniare und den Alltag eines Geweihten, was aktuell nur fragmentarisch enthalten ist. Genau solche Inhalte liefern zwar die kleinen Bände der Vademecum-Reihe, allerdings handelt es sich hier um einen basalen Band für alle Gottheiten und ihre Geweihten, der somit zumindest einen Grundstock solcher Informationen enthalten sollte.

III. Fazit

„Aventurisches Götterwirken“ schließt die Lücke zum Grundregelwerk, indem nun die Geweihten aller Zwölfgötter (und zusätzlich einiger wichtiger anderer Gottheiten) spielbar sind. Dazu werden die Geweihten durch die Liturgien und Sonderfertigkeiten mit dem notwendigen Rüstzeug an Fähigkeiten ausgestattet, wobei die einzelnen Ausgestaltungen zu den Göttern und ihren Domänen passen. Das Verhältnis zwischen Regeln und hilfreichen Hintergrundinformationen ist mir aber deutlich zu unausgewogen ausgefallen, obwohl ich durchaus alternative Gestaltungsmöglichkeiten sehe, z.B. durch eine optimierte Platzausnutzung (u.a. durch die Vermeidung von inhaltlichen Doppelungen). Wie üblich werde ich mich allerdings bei einem Regelwerk einer Punktewertung enthalten.

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