Aventurien für die Ohren: Im Kerker von Gareth

Vorbemerkung: Ich muss schon verdammt lange zurückdenken, wenn ich mich an meine letzten Hörspielerfahrungen erinnern möchte. Das müsste Anfang/Mitte der 90er Jahre gewesen sein, die Protagonisten damals hießen Asterix, Obelix, Kara Ben Nemsi und Winnetou. Danach folgte eher der Rückgriff auf die „erwachsene“ Hörbuchvariante. DSA hat mich in den letzten Jahren dazu gebracht, mich mit vielen Dingen wieder auseinanderzusetzen, nun also eben wieder mit einem guten alten Hörspiel. Hintergrund ist die neue Hörspielreihe von Audionarchie und WinterZeit Audiobooks, die mit einer Fortsetzungsreihe ihren Anfang nimmt.

I. Die Story

Im Zentrum der ersten Folge steht der 83jährige Jungzwerg Gundar Gemmenschneider, der sich in den Trubel der aventurischen Hauptstadt begeben hat, um bei einem Händler handgearbeiteten Schmuck zu verkaufen. Statt des erhofften Verkaufs endet der Ankunftstag im Kerker der Stadt, wird Gundar doch von Bardo von Faldir, dem Oberst der Stadtwache höchstpersönlich, zu Unrecht des Diebstahls bezichtigt. Wie es der Zufall will, trifft Gundar hinter den Gefängnismauern eine illustre Truppe von Mitgefangenen, bestehend aus dem Auelf Filoen, dem Thorwaler Hothar und der Streunerin Alinne. Die fast schon zwangsläufig erfolgende Flucht stellt allerdings nur den Auftakt in ein weitaus größeres Abenteuer dar, das anscheinend von Bedeutung für den gesamten Kontinent ist.

II. Kritik

Auffällig ist zunächst die aufwändige Machart des Hörspiels: Ein kleines Booklet führt kurz in die Produktionsgeschichte ein und stellt vor allem einige der Sprecher kurz vor. Die Namen Claus-Peter Damitz, Marcus Off, Gabrielle Pietermann, Eckart Dux oder Till Hagen dürften wohl nur Eingeweihten etwas sagen, spätestens aber wenn man die Stimmen hört, merkt man, dass hier sehr renommierte und begabte Sprecher eingesetzt wurden. Immerhin darf man Tyrion Lennister bei Streitgesprächen mit Jack Sparrow lauschen, die von Hermine Granger ironisch kommentiert werden, während Gandalf weise Ratschläge dazu gibt. Und der Bösewicht klingt haargenau wie Frank Underwood. Die Sprecher sind nicht nur hochkarätig, sondern passen auch gut zu den von ihnen zum Leben erweckten Figuren. Generell fällt diese gesamte Komponente der Stimmigkeit auf, auch die Hintergrundmusik und die atmosphärische Untermalung mit Geräuschen ist gelungen.

Die Geschichte mit ihrer Laufzeit von knapp 56 Minuten stellt insgesamt nur den Auftakt zu einer größeren Ereigniskette dar, letztlich handelt es sich um eine typische Exposition, in der das Kennenlernen der wichtigsten Charaktere geschildert wird. Die Story ist dabei ausgesprochen konventionell, Gundars Weg führt fast schnörkellos in den Kerker, wo er auf seine zukünftigen Mitstreiter trifft. Eine echte Charaktertiefe ist noch nicht erkennbar, die anderen Figuren haben im Prinzip jeweils ein paar kurze Szenen, in denen maximal 1-2 Charakterzüge aufgezeigt werden, die eigentlichen Hintergrundgeschichten bleiben (noch) im Dunkeln, in der Zusammensetzung wirkt die Gruppe (Zwerg, Elf, Streunerin, Thorwaler und Kriegerin) somit ausgesprochen klischeehaft.

Etwas schade finde ich, dass zumindest dieser Auftakt ganz offensichtlich so gestaltet wurde, dass aventurisches Hintergrundwissen im Prinzip vollkommen unnötig ist, alles ist so umschrieben, dass auch absolute DSA-Neueinsteiger keinerlei Verständnisprobleme haben. Das ist sicherlich nachvollziehbar, wenn man den Vermarktungsaspekt betrachtet, immerhin liegt die CD auch in den großen Elektromärkten für das Breitenpublikum aus. Somit sehe ich aber auch eine gewisse Beliebigkeit, wenn die Geschichte letztlich in jeder x-beliebigen Fantasywelt stattfinden könnte. Hier hätte ich mir doch die eine oder andere Anspielung gewünscht, immerhin hat Gareth durch die hervorragende Box eine der größten Beschreibungsdichten und eine hervorragende Recherchegrundlage für jeden Autor. Kleine Details würden da sicher nicht das Gesamtverständnis stören, wären für DSA-Kenner aber sicherlich willkommen gewesen.

Mag man das jetzt als leichte Schönheitsfehler einordnen, gibt es dafür aber auch ein paar Aspekte, die ich als wirklich störend empfinde, weil sie die Hintergrundwelt ignorieren. So wird Gundar mehrfach als „Halbling“ bezeichnet, eben bewusst eine Kategorie, die im offiziellen Aventurien nicht existiert (lediglich als Aprilscherz). Ebenso werden einfach urplötzlich Konstrukte entwickelt, die als allgemein bekannt bezeichnet werden, im offiziellen Kanon aber nie erwähnt wurden, z.B. die Spindel als berühmt-berüchtigter Strafort für die Gefangenen oder die Familie vom weißen Turm als wichtiger politischer Faktor, verbunden mit einem Massaker als bekanntes Ereignis (zumindest wird dies Gundar so in den Mund gelegt). Hier hätte ich eine passendere Einbindung der Hintergrundwelt als notwendig erachtet.

III. Fazit

„Im Kerker von Gareth“ ist ein durchaus unterhaltsamer Auftakt der neuen Hörspielreihe und kann vor allem mit seiner wertigen Machart überzeugen, gerade durch die sehr professionell agierenden Sprecher. Inhaltlich fehlt mir aber deutlich noch eine aventurische Originalität. Der überwiegende Teil der Geschichte hat keine Anbindung an die eigentlich sehr detailliert ausgearbeitete Hintergrundwelt. Ich hoffe, dass dies in den folgenden Teilen anders gehandhabt wird, z.B. wenn ein solch besonderer Ort wie Warunk aufgesucht wird, der gerade in der jüngeren Vergangenheit eine besonders bewegende Geschichte hatte.

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Aventurien für die Ohren: Im Kerker von Gareth

2 Gedanken zu “Aventurien für die Ohren: Im Kerker von Gareth

  1. Schöne Rezension, wie immer gut auf den Punkt gebracht. Wir haben anscheinend die selben Probleme mit der ersten Folge gehabt. Leider finde ich auch die zweite Folge nicht wirklich besser gelungen, zumindest was den aventurischen Hintergrund angeht. Entgegen der Ankündigung ist Folge 2 bereits jetzt als MP3-Download bei den WinterZeit Studios zu haben. Meine Rezension gibt es hier: https://vierheldenundeinschelm.blogspot.de/2017/07/horspiel-freund-oder-feind.html

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