Retro lebt!

107.570 Euro von 791 Unterstützern – in nackten Zahlen liest sich das Endergebnis des Crowdfundings der sogenannten Kaiser Retro-Box für deutschsprachige Verhältnisse beeindruckend. Vor allem wenn man bedenkt, dass es dabei mit DSA1 weitgehend um etwas ging, was kein neuartiges Produkt darstellt, sondern lediglich um die Neuauflage einer Edition, die immerhin schon mehr als 30 Jahre auf dem Buckel hat.

Hat es sich gelohnt?

Einerseits sehe ich das Resultat natürlich auch mit der Zufriedenheit eines Unterstützers, der nun eine beachtliche Menge an Produkten erhält, auch weil Ulisses die Zusatzinhalte relativ eng gesetzt hat. Tatsächlich sind dabei in alle möglichen Richtungen Ideen kreiert worden, von denen allerdings mutmaßlich immer nur ein Teil der Unterstützer wirklich profitiert. So sind mir neue Videos von Spielesitzungen bei Orkenspalter TV weniger wichtig, einfach weil ich es nicht so spannend finde, anderen Leuten beim Rollenspiel zuzuschauen. Ähnlich verhält es sich mit Postern oder ähnlichem Material, aus dem Alter bin ich schlichtweg raus, genauso wenig brauche ich Pappaufsteller. Dafür freue ich mich ungemein über die ersten 10 Botenausgaben und die Kommentare von Werner Fuchs. Letzteres stellt hauptsächlich den Mehrwert bei den zusätzlich buchbaren Abenteuern und den Boxheften dar. Ganz am Ende hat sich sogar noch etwas ergeben, was mich sehr überrascht hat: Das Soloabenteuer „Die Burg der Ungeheuer“ ist als altes Promomaterial für die Spielemesse in Essen so rar, dass ich es überhaupt nicht kannte. Insofern für mich ein echter Bonus, auch wenn ich nach ein wenig Recherche vermute, dass es sich eher um ein Kuriosum als um den Gipfel der Rollenspielkunst handeln wird, aber da lasse ich mich wirklich gerne überraschen.

Andererseits habe ich natürlich auch Spaß an der Reflektion über das Ergebnis, also über die Frage, was die Zahlen denn wirklich aussagen und ob das Nostalgie-Produkt somit sogar noch Zukunftstauglichkeit hat.

Wirtschaftlich hat ein sechsstelliges Ergebnis die Erwartungen sicherlich übertroffen. Zwar sollte man sich von der Ursprungssumme von 2.500 Euro nicht täuschen lassen, die war ganz offensichtlich extrem niedrig angesetzt (und wurde ja auch nach nicht einmal 20 Minuten übertroffen). Nimmt man die Tatsache, dass die zubuchbaren Abenteuerhefte, die von Beginn an genannt wurden, in den Let`s Play -Varianten erst bei knapp 40.000 Euro komplett waren, vermute ich stark, dass da auch die Minimumerwartungen des Verlags gelegen haben. Trotzdem dürfte auch dort das finale Ergebnis positiv überrascht haben, da einige Zusatzinhalte offensichtlich nicht vorbereitet waren, sondern erst Überlegungen angestellt werden mussten. Natürlich wird der wirkliche Gewinn weit niedriger liegen, auch weil ein reiner Neudruck ja nicht vorliegt, sondern jede Menge Zusatzinhalte dazukommen und auch das Layout Arbeit machen wird, wenn z.B. Kommentare eingearbeitet werden müssen. Trotzdem wird die Kalkulation mit Sicherheit so angestellt worden sein, dass da im Endeffekt was hängenbleibt.

Ein teurer Spaß?

Interessant ist auch die Differenz zwischen den „Puristen“ und den Fans der Let´s Plays. Da sind die Zahlen ja deutlich unterschiedlich, da sich die deutliche Mehrheit (671) für die Retro-Box mit dem alten Design entschieden hat und „nur“176 Unterstützer das Let´s Play-Bundle genommen haben. Allerdings dürfte ich auch das für den Verlag rentiert haben, muss man ja hier noch die besonders hochpreisigen Varianten mit den eigenen Chibi-Illustrationen und die Teilnehmer an zukünftigen Let´s Plays dazu addieren. Hier sehe ich allerdings den Vorteil an der breiten Aufstellung, letztlich haben so alle Beteiligten die Gelegenheit erhalten, das zu buchen, was man konkret möchte.

Ohnehin muss man konstatieren, dass das Ergebnis ganz offensichtlich auch bekannte Umstände widerspiegelt, v.a. dass DSA mittlerweile von älteren Spielern gespielt wird, die mit dem Spiel erwachsen und eben auch berufstätig geworden sind. Anders lässt es sich für mich kaum erklären, dass die große Mehrheit weit über die 50 Euro für die Basisbox hinausgegangen ist, im Schnitt hat jeder deutlich über 100 Euro investiert, was ich mir in meinen Schüler- und Studentenzeiten definitiv nicht hätte leisten können. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die erkennbare Vorliebe für Print-Produkte, die Zahl der reinen pdf-Besteller liegt unter 10%.

Masse oder Klasse?

Das führt dann auch zur Betrachtung der Gesamtzahl der Unterstützer, losgelöst von der sicherlich beeindruckenden Geldsumme. Fast 800 Unterstützer sind für diese Nische ein hervorragendes Ergebnis, von dem so mancher Entwickler eines kleineren Rollenspielsystems sicherlich träumen dürfte. Allerdings zeigt es auch direkt die Grenzen auf, natürlich ist damit kein Massenmarkt erschlossen worden. Somit ist es sicherlich nicht so, dass man daraus schließen kann, dass DSA1 ein wirklich zukunftsfähiges System im großen Stil ist. Andererseits darf man auch nicht unterschätzen, dass es da ab Dezember gut 800 Leute gibt, die eine solche Box zuhause stehen haben, die voll nutzbar ist. Das hat sicherlich bestätigt, dass ein gewisser Liebhabermarkt vorhanden ist (die damals limitierte Auflage des Jubiläums-Abenteuers „Unheil im Schwarzen Keiler“ war ja als DSA1-Abenteuer auch schnell vergriffen). Von daher bin ich nach meiner schon zu Beginn des Crowdfundings geäußerten Hoffnung auf wirklich neue Produkte nun ziemlich sicher, dass das für den Verlag nun eine Überlegung wert sein muss. Natürlich steht zu vermuten, dass da bei vielen eine gehörige Portion pure Sammelwut als Motivation ausschlaggebend war, aber bei knapp 800 Leuten müsste dies doch deutlich über einen solchen Personenkreis hinausgehen und es auch etliche Käufer geben muss, die auch wirklich beabsichtigen, das Material zum Spiel zu nutzen. Andererseits ist auch vollkommen logisch, dass das Hauptaugenmerk absolut auf der Weiterentwicklung des „modernen“ Aventuriens liegen muss, das – nimmt man die zaghaft angedeuteten Verkaufszahlen für das DSA5-Grundregelwerk – natürlich erfolgreicher ist.

Macht was Neues!

Nach wie vor wäre das für mich der größte Erfolg, wenn dadurch hin und wieder echte Neuheiten mit Retro-Charakter entstehen würden, die die Stärken des System (einfache Zugänglichkeit) nutzen und die Schwächen (z.B. vollkommen unlogische Dungeonkonstruktionen, Vernachlässigung von echten Charakterzeichnungen der NSCs) zumindest ein bisschen „glattbügeln“ (soweit es dem Spielspaß eben zuträglich ist). Eine erster Neuwert ist ja sogar direkt beinhaltet, da Solo-Experte Sebastian Thurau „Nedime“ ein wenig Bonusmaterial aus seiner Feder spendieren wird, worauf ich mich besonders freue.

Denn so interessant ein solches Retro- oder Nostalgie-Produkt auch ist – und auch dem Zeitgeist entspricht, wenn man auch andere Medien wie Filme oder Computerspiele schaut, in denen seit vielen Jahren immer öfter solche nostalgischen Rückgriffe erfolgen – muss doch deutlich sein, dass das nur ein punktuelles Erfolgsrezept sein kann, das man nicht überstrapazieren sollte. Jetzt regelmäßig solche Crowdfundings zu starten würde ich im Sinne einer Weiterentwicklung für ein falsches Signal halten und würde dem Ganzen auch den spaßigen (in den Diskussionen im Netz aber auch durchaus auch kontrovers gesehenen) Highlightfaktor nehmen, den dieses Projekt ohne Zweifel hatte.

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Retro lebt!

4 Gedanken zu “Retro lebt!

  1. Koronus schreibt:

    Also ich bin Student mit einem Arsch als Vater. Wenn ich ordentlich studiere habe 200€ zur freien Verfügung. Keine Ahnung ob das wirklich sehr viel ist denn mir kommt es wenig vor.

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    1. Fürchten Sie den sozialen Absturz nicht, scheuen Sie niemals Arbeiterjobs (Industriearbeit, Handwerk). Unabhängigkeit vom Elternhaus hilft auch dem Verstand, sich auf das Studium auszurichten. Viel Erfolg für die Prüfungen.

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  2. Naja, das ist wohl bei den meisten von uns nicht gerade eine finanziell üppige Zeit. Und dann ist mit einer Beteiligung bei so einem Projekt das Monatsbudget mit einer einzigen Anschaffung schon ordentlich geschröpft. Das sieht bei eigener Berufstätigkeit eventuell (eben je nach Gehalt, Verpflichtungen durch Familie etc.) besser aus und dann kann man sowas eher schonmal machen.
    Nebenbei: Trotzdem möchte ich die Zeit nicht missen.

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  3. Mein Argument war immer, dass jeder fähige Meister des Schwarzen Auges mit dem „Grundregelwerk“ hätte arbeiten können. Weil keine Zeitersparnis durch Neukauf funktioniert, wenn man es wirklich für die eigene Rollenspielgruppe anpassen „darf/muss/undüberhapt“.

    Fünf Editionen und fast die Hälfte meiner einstigen Kritiker hält mich retrospektiv für geistreich & wachsam. Bringt auch nix, man hat den Spaß vor lauter Habgier totgelaufen. Im Internet wimmelt es von Leuten, die Ihre Besserwisserei rauslassen, aber schon seit 20 Jahren nicht mehr die sozialen Kompetenzen zusammenkriegen, um einen Abend am Rollenspieltisch durchzuhalten.

    Geil auch die Paare, verheiratet oder nicht, die in Selbstjustiz darüber wachen, dass niemand ungestraft das Rollenspiel, spezifisch DSA, je mehr genießen kann, als Sie selbst. Und dauernd das anti-soziale Blöken von Säufern und Kiffern, die noch nicht ein mal gecheckt haben, was selbst die Wissenschaft über Drogenexzesse längst kundtat: Man dreht durch und wrackt ab. Uncool, Sir Pflegefall.

    Ilaris hat doch auch gerade eine Version der Regeln auf Minimum gefahren. Zwar eher für pro-Satanisches Rollenspiel, als DSA typisches heroisches Rollenspiel, doch das merken die jüngeren Generationen kaum noch.

    Immerhin, da hat mal ein Deutsches Crowdfunding gefruchtet. Gratulation und viel Spaß!

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