Ein Abschied und ein Neuanfang – Myranor und Tharun wandern zurück zu Ulisses

Es ist mittlerweile fast schon eine liebgewonnene Beschwörungsformel für mich geworden, regelmäßig bei allen sich bietenden Gelegenheiten meiner Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass Myranor und Tharun endlich wieder mit frischem Materialnachschub versorgt werden. Allerspätestens bei jedem Erscheinen einer neuen Ausgabe des Uhrwerk-Magazins lässt sich vortrefflich anbringen, dass hier zur Zeit im Alleingang die Fahne beider DSA-Kontinente hochgehalten wird. Damit ist es nun wohl vorbei, aber tatsächlich gänzlich anders, als ich gedacht hatte: Die aktuellste Neuigkeit ist wider Erwarten kein konkretes Erscheinungsdatum für ein DSA5-Regelwerk für Myranor, sondern die gemeinsame Verlautbarung beider Verlage, dass die Lizenz von Uhrwerk wieder von Ulisses übernommen wird. Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Das lachende Auge

Eines lässt sich nicht wegreden: Es ist extrem unvorteilhaft, dass seit Ende 2015 (!) keine offiziellen Publikationen erschienen sind. Abgesehen von besagten Magazinartikeln und hin und wieder durchsickernden Informationen über angedachte oder seit Jahren verschobene Produkte herrscht seitdem komplette Funkstille. Das ist für Spielwelten, die ohnehin im Nischenbereich angesiedelt sind, eine fatale Situation. Insbesondere um Tharun war und bin ich da sehr besorgt: Schließlich ist schon das Vorgängerprojekt „Schwertmeister“ aus den 80er Jahren in den Ansätzen steckengeblieben. Allerdings damals aufgrund mangelnder Resonanz. Das sieht diesmal anders aus, die Reaktionen auf den Weltenband waren ja durchweg positiv, vor allem steckt da seitens der Macher wahnsinnig viel Herzblut drin.

Ein Grund war sicherlich die unglückliche Entscheidung, dass mit dem Erscheinen von DSA5 ab Ende 2015 keine neuen Produkte für die 4. Edition erscheinen durften. Gerade für Tharun und die zum Zeitpunkt der Deadline noch nicht veröffentliche Abenteueranthologie „Schwerter und Giganten“ war das aus meiner Sicht eine Katastrophe: Die Spieler haben nun einen Hintergrund- und einen Regelband, offizielle Versorgung mit Abenteuern ist aber ausgeblieben, wohlgemerkt für einen Weltenband, der seit 2013(!) auf dem Markt ist. Aus Verlagssicht ist das sicherlich eine verständliche Entscheidung, keine Regelkonkurrenz aufkommen lassen zu wollen, aber damit ist den Machern ja quasi die Arbeitsgrundlage entzogen worden, wenn nichts mehr geht, bis ein neuer Regelband erschienen ist.

Genau diese Verzögerung, also dass Verlag A auf Verlag B warten muss, bis er mit Produkten nachziehen kann, ist ja nun ausgeschlossen. Aus dieser Warte ist es vollkommen sinnvoll, alles unter einem Dach zu produzieren. Gerade Ulisses ist da in den letzten Jahren enorm umtriebig geworden, Produktenachschub für Aventurien und DSA5 erscheint oft sogar im Wochentakt. Sicherlich werden beide Linien nicht den gleichen Produktausstoß haben wie „der große Bruder“ Aventurien, aber die Spieler können wohl mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass hier wieder regelmäßig etwas passieren wird. Zudem sind damit auch endlich wieder verbindende Publikationen wie „Die Reise zum Horizont“ möglich, also Abenteuer, die auf mehreren Kontinenten spielen, was bisher zumindest problembehaftet war.

Das weinende Auge

Aber ich werde auch vieles vermissen. Ich halte zwar nichts von der Romantisierung des kleinen, netten Uhrwerk-Verlags im Gegensatz zur harten Kapitalmaschine Ulisses. Ohne da irgendwelche internen Kenntnisse zu haben, wage ich diese Darstellung mal stark zu bezweifeln. Geld wollen sicherlich beide mit dem verdienen, was sie tun. Für mich eine vollkommen legitime Selbstverständlichkeit. Und beide erwecken den Eindruck – bei dem was in diversen Medien zu sehen bzw. zu lesen ist – dass dort Menschen arbeiten, die ihren Job sehr gerne ausfüllen und ihre Produktlinien mit großer Wertschätzung betreiben, dabei selber große Rollenspielfans sind.

Aber trotzdem hat mir der Stil, den Uhrwerk mit beiden Kontinenten gefahren ist, sehr gefallen, auch in der etwas puristischeren Darstellung, vor allem aber mit tollen Produkten wie „Unter dem Sternenpfeiler“, „Die Welt der Schwertmeister“, der „Wächter des Imperiums“-Kampagne oder „Das Lied des Lor“. Und die liebevolle (und gleichzeitig sogar kostenfreie) Begleitung der Produktlinien durch das Uhrwerk-Magazin wird mir fehlen, weil dieses ohne DSA-Inhalte leider aus dem Fokus meines Blogs rücken wird.

Offene Enden und Fragen  

Gleichzeitig ist der Abschied ja noch nicht vollends, der Uhrwerk-Verlag wird sich noch mit zwei Produkten für beide Kontinente verabschieden: Für Myranor erscheint noch der lang geplante Südmeer-Band, während für Tharun endlich „Schwerter und Giganten“ veröffentlicht wird. Beides Publikationen, auf die ich unheimlich gespannt bin.

Wie viele andere Fans beider Settings stelle ich mir aber auch die Frage, wie genau es weitergehen wird. Der neue Regelband für Myranor wird ja laut Ankündigung mit den Vorarbeiten der Uhrwerker von Ulisses herausgebracht werden, weil die Arbeiten schon weit fortgeschritten sind. Aber was passiert danach? Gibt es auf der Autorenseite einen totalen Cut oder wird es weiterhin „bewährte“ Schreiber geben, die ihre Tätigkeit fortsetzen? Gerade bei Tharun ist es ja überhaupt erst dem Durchhaltevermögen und Enthusiasmus einiger weniger Spieler zu verdanken, die eine eingestellte Spielwelt am Leben gehalten haben und schließlich sogar die Wiederveröffentlichung erreicht haben.

Und der Blick nach Uthuria, das nach einem produktintensiven Start ebenfalls durch die Konzentration der Verlagskräfte auf die neue Edition fast vollends eingeschlafen ist, lässt zumindest leise Zweifel aufkommen, ob zwei weitere Kontinente nicht auch die Kräfte des größten Marktführers unter den Rollenspielverlagen übersteigen. Ich hoffe tatsächlich inständig, dass dem nicht so ist. Aus der Perspektive erwartet uns sicher ein hochinteressantes Jahr 2018. So oder so verbleibt, dem Uhrwerk Verlag für viele schöne Produkte zu danken und umgekehrt Ulisses ein gutes Händchen für die Zukunft zu wünschen, vor allem auch in der Beachtung der Besonderheiten, die Myranor und Tharun von Aventurien abgrenzen.

5 Comments

  1. Hallo Engor,
    ich war gestern auch erstmal sehr überrascht über die Neuigkeit. Wie du schon sagst, die Verzögerungen und Publikationspausen waren unschön, allerdings weiß man da ja auch, worans gelegen hat. Und so sehr ich hoffen möchte, dass es mit Myranor in derselben Qualität weitergeht – da wird man wohl sehen müssen, was die Zukunft bringt. Ich bin ganz froh, dass der Südband noch demnächst kommt, dann ist der Kontinent ja regel- und hintergrundtechnisch abgedeckt und man kann von da aus zur Not selber weiterwursteln.

    Für die Tharun-Jungs tut es mir auch richtig leid – zumal von einer Weiterführung bisher nur bei Myranor die Rede ist. :/

    Danke übrigens, dass du Lied des Lor hier nochmal so lobend erwähnst 😉 . Freut mich.
    LG
    Curima

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  2. Ich nehme an, Uhrwerk wird sich ganz auf Splittermond konzentrieren wollen – verständlicherweise.
    Allerdings fürchte ich, dass bei Ulisses auch Myranor (von Tharun reden wir mal gar nicht…) auf Dauer untergehen wird. Wieviel kam nochmal insgesamt für Uthuria raus in den letzten fünf Jahren…? Und wie verbreitet ist die DSA5-Begeisterung bei den überzeugten MYranern?

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