Rezension: Rabenerbe

Vorbemerkung: Al´Anfa ist seit jeher im DSA-Kosmos das Synonym für Verkommenheit und Dekadenz, verbunden mit einer mehr oder weniger latenten Bedrohung für jeden, der den Machthabern der Sklavenhalterstadt ein Dorn im Auge ist. Allerdings hat dieses Spannungspotential nun lange Jahre mehr oder weniger brachgelegen, ist das Setting doch seit 2011, als mit Rabenblut größere Umwälzungen in Gang gesetzt wurden, ungenutzt geblieben. Dies soll 2018 anders werden, wenn die zweite DSA5-Großkampagne die Perle des Südens in den Mittelpunkt stellt. Bevor es jedoch soweit ist, soll ein Romanzweiteiler von Heike Wolf das Feld bestellen, indem die Vorgeschichte der Kampagne in Erzählform dargereicht wird. In dieser Rezension soll nun der erste Teil Rabenerbe genauer betrachtet werden.

In Zahlen:

– 400 Seiten

– 6 Erzählfiguren

– 14,95 Euro

– Erschienen am 25.10. 2017

I. Aufbau und Inhalt

Das große Ganze wird im Roman nur stellenweise behandelt: Am Horizont deutet sich ein Großereignis an. Der Schwarze General Oderin du Metuant plant Al´Anfa nach Jahren der Uneinigkeit und politischen wie militärischen Fehlschlägen zu alter Größe zu verhelfen. Mittel dazu soll ein großangelegter Feldzug gegen das Kemi-Reich sein, mit dem Ziel, Königin Ela vom Thron zu stürzen und stattdessen ihre Schwester Rhonda als von Al´Anfa abhängige Monarchin einzusetzen. Die Vorbereitungen des Feldzugs sind zwar längst abgeschlossen und das nötige Heer lagert aufbruchsbereit vor den Toren der Stadt. Allerdings fehlt eine letzte Voraussetzung: der Segen Boron für das Vorhaben, zu erteilen von Patriarch Amir Honak.

Genau vor diesem Hintergrund setzt der Roman an: Der Aufbruch verzögert sich und während der Schwarze General ungeduldig auf ein positives Signal wartet, positionieren sich andere Einzelkämpfer und Strippenzieher im Ringen um die Macht. Vornehmlich sind da die großen Grandenfamilien zu nennen, deren Mitglieder nun zwei Optionen sehen: Entweder suchen sie ihr Heil darin, sich einen Posten in der Nähe du Metuants zu verschaffen oder aber beteiligen sich an einer Verschwörung, um diesen zu stürzen und anschließend den Feldzug in Eigenregie durchzuführen.

Als Erzählfiguren fungieren dabei sechs höchst unterschiedliche Charaktere, die mehr oder weniger freiwillig in die Ereignisse involviert sind. Zum einen sind dort zwei Vettern aus dem Hause Paligan: Der ehrgeizige Esmeraldo ist von du Metuant als einer der zentralen Heerführer angefordert worden und wird von Familienoberhaupt Goldo Paligan protegiert. Esmeraldo ist dabei der Prototyp des machthungrigen Emporkömmlings, kraftstrotzend und vollkommen skrupellos, wobei er alles seinen Zielen unterwirft. Das genaue Gegenteil verkörpert Amato, der als Leiter der Gladiatorenspiele und als Vertrauter Amir Honaks du Metuants Forderungen überbringen soll. Amato ist bedacht und loyal, sorgt sich um all diejenigen, für die er verantwortlich ist, weshalb er allenthalben für zu zögerlich gehalten wird. Im Mittelbereich zwischen diesen beiden bewegt sich die mit allen Wassern gewaschene Shantalla Karinor, die seit jeher versucht, auf allen Seiten ihre Anteile zu halten, um im entscheidenden Moment die Siegerseite zu wählen. Auch sie hat ihr Gegenstück in der verwöhnten Grandentochter Emilia Bonareth, die eher plump vorgeht. Trotzdem sind beide Teil der Verschwörung rund um Brotos Paligan, der das Patriarchenamt anstrebt und dazu Amir Honak und Oderin du Metuant vernichten möchte.

Gänzlich anders verhält es sich mit der Rolle der beiden letzten Erzählfiguren: Die Geschwister Inion und Said sind die Bastardkinder des verstorbenen Aurelian Bonareth. Besonders Said, der Jahre im Untergrund gelebt hat und vom Zweiten Finger Tsas zum Attentäter ausgebildet wurde, strebt nun nach seinem Geburtsrecht und fordert seinen Platz im Haus Bonareth. Genau dies lässt ihn für Shantalla interessant werden, die ihn als nützliches Werkzeug für ihre Pläne gegen Emilia verwenden möchte. Diese hingegen versucht Said bei seinem Schwachpunkt zu packen und bemächtigt sich seiner unschuldigen Schwester. Ihr steht das härteste Schicksal bevor, indem Emilia sie zu einem Dasein als Hure in der Arena verdammt hat. Ein Lichtblick in ihrer persönlichen Hölle ist Ceibhin ui Riadhan, ein Gladiator wider Willen in den Diensten Amatos, der trotz widrigster Bedingungen zum Helden der Arenaspiele aufsteigt.

Die individuellen Geschichten der Protagonisten sind dabei immer wieder miteinander verknüpft, z.B. durch das Aufeinandertreffen der beiden Paligans, wobei Amato bewusst ist, dass Esmeraldo der neue Günstling Goldos ist, dessen Vertrauen er selbst verloren hat. Esmeraldo hingegen wird auch von den Verschwörern um Shantalla als Schlüsselfigur angesehen, soll er doch im Fall eines gelungen Putsches an die Stelle des Heerführers rutschen. Während dieser Teil der Handlung das Intrigenspiel der Mächtigen aufzeigt, stehen Said und Inion für den anderen Teil Al´Anfas, bewegen sie sich doch vornehmlich in den Kreisen der Besitzlosen im ärmlichen Milieu der Elendsviertel. Aber genau hier liegt auch ein nicht zu unterschätzender Machtfaktor, sollte es einer Figur wie Said tatsächlich gelingen, sich zum Hoffnungsträger der unterdrückten Masse aufzuschwingen.

II. Kritik

Wie die Zusammenfassung vielleicht schon verrät, wird dem Leser hier die geballte Ladung Al´Anfa-Flair geboten: Grandenfehden, Gladiatorenkämpfe, Orgien, Attentate etc. Gerade in Sachen Atmosphäre kann der Roman voll überzeugen. Man merkt jederzeit, dass Heike Wolf Kennerin des Settings ist (welches sie ja in der Vergangenheit auch nicht unwesentlich mitentwickelt hat) und ihre Figuren dementsprechend so positioniert, dass sie die unterschiedlichen Milieus und Charakterzüge besetzen.

Fast logisch findet man auch keinen reinen Identifikationsfiguren: Emilia ist eine grausame und verzogene Göre, der man wenig zutraut (hier liegt in diesem sonst eher flachen Charakter vielleicht auch noch etwas Überraschungspotential). Esmeraldo wird schon nach wenigen Seiten als brutaler Mörder und Karrierist eingeführt, dessen wesentlicher Vorteil in seiner Tatkraft liegt. Shantalla ist die Meisterin der Intrige, die zwar über Empathie verfügt, diese aber als Waffe zu ihrem Vorteil einsetzt, wobei sie so konstruiert ist, dass man als Leser ständig zwischen Zuneigung und Ablehnung schwankt, was sie für mich zum interessantesten Charakter werden lässt. Said ist der ungestüme Kämpfer, dessen Anliegen man durchaus Wohlwollen entgegenbringt, andererseits ist er aber auch ein brutaler Assassine, der unter anderem seinen langjährigen Mentor kurzentschlossen ermordet. Amato ist schwer zu positionieren, wirkt er doch in vielen Charakterzügen sehr nobel, ist andererseits aber vielfach (noch) ein reiner Erfüllungsgehilfe ohne eigene Ziele. Inion hingegen ist zwar tatsächlich die unschuldigste Person in der gesamten Handlung, hat aber eben auch die unattraktive Opferrolle inne und ist auf Hilfe von außen angewiesen, um ihre Lage zu verbessern.

Daneben dienen die Perspektivfiguren natürlich auch dazu, um in ihren Interaktionen die großen Machthaber Al´Anfas zu spiegeln, wenn Esmeraldo, Amato und Shantalla mit dem stets beherrschten Oderin du Matuant Kriegsrat halten, Esmeraldo von Goldo in seine Pläne eingeführt wird oder Shantalla mit Brotos Paligan am Verschwörertisch sitzt, während Amato versucht, seinen Einfluss auf den grüblerischen Amir Honak wahrzunehmen.

Seinen Reiz gewinnt der Roman natürlich aus der Frage, wer in diesem Beziehungs- und Intrigengeflecht überdauern wird. Freilich bleibt Rabenerbe hier die ein wenig undankbare Rolle eines ersten Teils, hier werden die Fäden nur ausgelegt und die Spieler bringen ihre Figuren in Position, die entscheidenden Entwicklungen werden aber gerade mal in Gang setzt. Somit geschieht auf den fast 400 Seiten im Prinzip noch nicht allzuviel Entscheidendes. Tatsächlich hat mich das aber kaum gestört, weil es schlichtweg spannend ist, wie die Figuren mal große Pläne schmieden, mal freundlich säuselnd Boshaftigkeiten austauschen. Aufgelockert wird diese Intrigenhandlung immer wieder durch die Episoden mit Said, der als Kämpfer mehr tatkräftige Bewegung in das Geschehen bringt, angereichert um einen Hauch Assassins Creed-Flair. Gerade diese Verknüpfung unterhalt weitgehend gut, besonders gelungen in einer Passage, in der Shantalla in der Arena mit Said über ein Bündnis verhandelt, während im Hintergrund Ceibhin einen schier aussichtslosen Kampf gegen eine Übermacht ausficht, was quasi beiläufig in den Dialog zwischen Shantalla und Said eingewoben wird.

Interessant wird natürlich letztlich die Frage sein, ob und wie in der Fortsetzung Rabenbund all diese Handlungsfäden zusammengeführt werden und inwieweit diese dann auch abgeschlossen werden können, wenn ja im Anschluss die Rollenspielkampagne noch stattfinden soll. Diese Ebene fügt einen zusätzlichen Spannungsfaktor hinzu, weil man sich als Leser natürlich auch fragt, inwieweit die hier beinhalteten Figuren später als NSCs in der Kampagne eine Rolle spielen werden.

III. Fazit

Rabenerbe stellt einen gelungenen Auftakt dar, um die kommenden Ereignisse in Gang zu setzen, wobei vor allem das Flair Al´Anfas gut in Szene gesetzt wird, was in erster Linie an den gut gewählten Perspektivfiguren mit ihren teils extrem ambivalenten Charakteren liegt. Eine echte Einschätzung ist allerdings erst dann möglich, wenn die Gesamthandlung vorliegt, schließlich ist kein einziger Handlungsstrang wirklich schon beendet.

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