Rezension: Rabenbund

Vorbemerkung: Vor zwei Monaten wurde mit Rabenerbe die lange Durststrecke in Sachen Großereignisse in Al´Anfa nach vielen Jahren beendet. Insgesamt konnte mich der Roman von Heike Wolf überzeugen, mit der Anbahnung eines weitreichenden Intrigengeflechts unter den Machthabern, die den sich abzeichnenden Feldzug gegen das Kemi-Reich zum Ausbau der jeweils eigenen Machtposition nutzen wollen. Rabenbund setzt an dieser Stelle an, nachdem die Einführung und Positionierung der Figuren abgeschlossen ist, muss nun die Entscheidung zwischen den konkurrierenden Fraktionen herbeigeführt werden.

In Zahlen:

– 420 Seiten

– Preis: 14,95 Euro

– Erschienen am 6.12. 2017

I. Inhalt

Nach wie vor bleibt der Feldzug selbst eigentlich nur ein Hintergrundgeschehen, da immer noch die drängende Frage bleibt, ob und wann Boron dem Vorhaben seinen Segen schenken wird, ohne den ein Aufbruch des Heeres undenkbar erscheint. Allerdings erhält dieser Aspekt nun zusätzlich Dynamik durch die Erweiterung um eine neue Erzählperspektive. Der Patriarch Amir Honak höchstpersönlich gibt sich nun auch mit einer offengelegten Innenperspektive die Ehre, wobei zu Beginn vor allem die Zweifel ob des andauernden Schweigens des Totengottes gegenüber seinem höchsten Diener dominieren. Letztlich lähmt ihn das auch als Entscheider und Machtfaktor.

Genau das treibt letztlich die anderen Erzählfiguren an: Weiterhin drängen der machtgierige Esmeraldo und die undurchsichtige Shantalla in das entstehende Machtvakuum als Mitglieder des titelgebenden Rabenbundes, der insgeheim die Ablösung Oderin du Metuants vorantreibt, indem hinter den Kulissen weitere Verbündete gesucht werden, um im geeigneten Moment zuzuschlagen. Eine Gelegenheit dazu scheint unbeabsichtigt der ehemalige Attentäter Said zu bieten, indem er – nachdem er eingesehen hat, dass die offene Forderung nach seinem Geburtsrecht als Mitglied des Hauses Bonareth illusorisch ist – in den Armenvierteln der Stadt Rebellen um sich schart, die ebenfalls nach Gerechtigkeit verlangen, was letztlich mit dem Blut der sie unterdrückenden Granden erkauft werden soll. Nach wie vor nimmt Said dabei die Rolle eines naiven Spielballs ein, der zwar mit seiner Tatkraft weiterhin für Unruhe sorgt, das Intrigenspiel der erfahrenen Obrigkeitsmitglieder aber kaum durchschaut. Im Mittelpunkt dieses Handlungsstrangs stehen die beiden konkurrierenden Mitglieder des Hauses Paligan, Amato und Esmeraldo, wobei die Vorzeichen hier deutlich auf Seiten Esmeraldos stehen, der mehr und mehr eine Führungsrolle im Kreise der Verschwörer einnimmt, weil nur er über das Charisma und das militärische Know-how verfügt, um Oderin als Anführer im Feldzug zu ersetzen. Amato hingegen bleibt zunächst weiterhin der Zweifler und Zauderer, nunmehr noch stärker gehemmt durch die sich anbahnenden Gefühle für Said.

Genauso unterschiedlich agieren die drei Frauenfiguren: Weiterhin bleibt Emilia Bonareth die durchweg negative Rolle der grausamen Sadistin, die zwar ohne Raffinesse vorgeht, trotzdem aber gerade Said schwer zusetzt, in dem sie eine deutliche Bedrohung für ihr Haus sieht. Sehr viel filigraner verhält sich Shantalla, die es – ihrer üblichen Taktik folgend – vermeidet, sich klar auch einer Seite zu positionieren. Deutlich mehr an Profil gewinnt hingegen Saids Schwester Inion, die sich im Laufe der Handlung von ihrer Opferrolle trennen kann und mehr eigene Standpunkte entwickelt.

Letztlich steuert die Handlung auf den Entscheidungspunkt zu, an dem alle Figuren sich entweder für die Seite der bisherigen Machthaber um Amir und Oderin oder die Verschwörer aus dem Kreise des Rabenbundes entscheiden müssen. In einer Nebenhandlung wird auch der Sternenfall eingebunden, da auch Al´Anfa einen fallenden Stern erlebt, was die Situation zusätzlich verschärft, da dies als negatives Omen gedeutet wird.

II. Kritik

Erstmal muss ich sowohl Heike Wolf als Autorin auch dem Verlag ein großes Lob aussprechen: Diesmal ist wirklich gut geplant worden, so dass beide Bände in schneller Abfolge erscheinen konnten, was es bei Fortsetzungen unheimlich erleichtert, wenn man die Handlung noch im Kopf hat. Und es ermöglicht natürlich auch eine bessere Vergleichbarkeit. Salon der Schatten beispielsweise werde ich sicherlich vor dem Erscheinen der Fortsetzung ein weiteres Mal lesen müssen.

Tatsächlich hat der Band für mich in der ersten Hälfte gewisse Probleme das gute Niveau von Rabenerbe zu halten. Zwar sind die unterschiedlichen Erzählfiguren für mich zwar nach wie vor eine Stärke des Romanduos, allerdings erweist es sich als etwas problematisch, die Entwicklung von gleich sieben Erzählfiguren voranzutreiben. Hier fehlt es anfangs an Dynamik, auch weil manche Figuren ein wenig in ihrer Entwicklung stocken und immer wieder dieselben Verhaltensmuster zeigen, die bereits hinlänglich bekannt sind: So lässt sich Amato von einer vermeintlich aussichtslosen Liebschaft beeinflussen, was ihn daran hindert, aktiver gegen die Verschwörer vorzugehen. Said spielt weiterhin munter den naiven Elefanten im Porzellanladen, der in jede noch so offensichtliche Falle seiner Feinde hineintappt, während Inion lange Zeit das schwache Opfer der Umstände bleibt und ohne den Schutz von Ceibhin und Said hoffnungslos verloren ist.

Deutlich mehr Bewegung und Spannung kommt erst dann hinzu, wenn in der zweiten Romanhälfte die Handlungsfäden langsam zusammenlaufen und die Wege der Figuren sich immer häufiger kreuzen und sie miteinander agieren oder sich umgekehrt in offener Konfrontation gegenüberstehen. Dann entwickelt sich auch wieder mehr auf der Charakterebene, wenn gerade die bislang eher passiven Inion, Amato und Amir zunehmend an Entschlossenheit gewinnen und endlich das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Weiterhin liegt dabei der Schwerpunkt kaum in großem Schlachtgetümmel, bis auf wenige Ausnahmen führen die Protagonisten eine eher feine Klinge, wobei vieles nicht offenkundig, sondern hinter den Kulissen stattfindet. Die Intrige steht hier deutlich vor der offenen Konfrontation, wobei es durchaus ein effektreiches Finale gibt, wenn der Aufstand zuletzt wirklich ausbricht und die Verschwörer sich offenbaren müssen.

In diesem Abschluss ist Rabenbund dann wieder hochspannend, gerade auch wegen der individuellen Verwicklungen, in denen sich als Antagonisten im Prinzip die gesamte Führungsriege Al´Anfas auf beiden Seiten gegenübersteht. Reizvoll ist dabei auch die brisante Konstellation, dass sich dabei auch immer wieder enge Verwandte gegeneinander positionieren, Amato und Esmeraldo als die beiden jungen Hoffnungsträger des Hauses Paligan, hinter denen wiederum die alten Führungsfiguren Brotos und Goldo stehen. Emilia hingegen sieht in Said eine immense Bedrohung, da auch er Anspruch auf eine dominante Rolle im Haus Bonareth erhebt.

Letztlich sorgt dies im Resultat für eine spürbare Veränderung im Machtgefüge, während einigen der Machterhalt gelingt, gehen umgekehrt nicht wenige einflussreiche Protagonisten in Borons Hallen ein. Hier setzt dann auch der Übergang zur folgenden Kampagne an: Heike Wolf ist es einerseits gelungen, das Machtgefüge innerhalb Al´Anfas ein wenig in Bewegung zu bringen und ein spürbares Zwischenergebnis zu erreichen, andererseits steht mit dem Feldzug das eigentliche Großereignis noch aus. Wer die Romane gelesen hat, kann somit für viele der NSCs ein deutlich umfassenderes Bild gewinnen. Nach wie vor gelingt dies vor allem durch die ambivalenten Figuren: Amato, der zwar durchweg positiv besetzt ist, trotzdem mit seinem Zaudern immer wieder nah an ein Scheitern gelangt, Said, der nur sehr langsam aus seinen Fehlern lernt und immer wieder fast schon ärgerliche Fehler begeht und natürlich besonders im Fall von Shantalla, bei der im Prinzip bis zum Ende unklar bleibt, auf wessen Seite (neben der eigenen) sie eigentlich steht, was sie nach wie vor zu der interessantesten Figur macht.

Neben dieser individuellen Ebene wird auch ein anderer schwelender Konflikt fortgesetzt, der immer wieder in den Al´Anfa-Publikationen aufgeworfen wird: Die extreme Kluft zwischen den schwerreichen Grandenfamilien des Silberbergs und den Besitzlosen aus den Elendsvierteln. In dieser Hinsicht ist Saids Doppelfunktion interessant, da er einerseits auf genau dieses Potential des Zorns der Bitterarmen zurückgreift. Dabei trägt er den Widerspruch in sich, durch sein Aufwachsen eigentlich Teil dieser Gemeinschaft zu sein, trotzdem zeigt er mehrfach das Denken eines Granden, für den diese Menschen nur Mittel zu Zweck sind, indem sie ihn an sein persönliches Ziel bringen sollen, ohne dass er wirkliche Identifikation mit deren Belangen entwickelt.

III. Fazit

Rabenbund bleibt zunächst etwas hinter seinem Vorgänger, vor allem weil viele Figuren in ihrer Entwicklung stagnieren und hinlänglich bekannte Handlungsmuster zu oft wiederholt werden. Dies ändert sich jedoch im späteren Verlauf, wenn im zweiten Handlungsteil deutlich mehr Dynamik durch die verstärkte Interaktion der Erzählfiguren hinzukommt, womit letztlich auch die Entscheidungsfrage im Ringen der beiden konkurrierenden Fraktionen herbeigeführt und aufgelöst wird.

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