Kurzrezension: Dexters Depesche

Vorbemerkung: Auch im neuen Jahr möchte ich mein Vorhaben weiter fortführen, neben offiziellen Publikationen auch immer mal wieder einen Blick auf das zu werfen, was abseits davon von kreativen DSA-Spielern produziert wird. Im Dezember ist dabei mein Augenmerk auf eine ungewöhnliche Aktion von Kai Frerich gelenkt worden, die er für seinen Blog Vier Helden und ein Schelm erdacht hat: Statt wie sonst eine monatliche Umfrage durchzuführen, hat er mit der Umfrage-Software gleich ein ganzes Soloabenteuer mit dem Titel Dexters Depesche entwickelt. Als großer Fan von Soloabenteuern konnte ich mir das natürlich nicht entgehen lassen.

I. Aufbau und Inhalt

Die Software ermöglicht eine Funktionsweise, die identisch ist mit dem Ablauf eines normalen Soloabenteuers: Es gibt Einzelabschnitte, an deren Ende man häufig eine Entscheidung treffen bzw. eine korrekte Eingabe in ein Textfeld leisten muss, um dann weiterlesen zu können.

Inhaltlich steht die namensgebende Depesche im Vordergrund: Der Spielerheld gerät bei einem Tavernenbesuch zufällig in den Besitz einer Depeschentasche, die ein Bote mit sich trug, der im Jahr des Feuers getötet wurde, bevor er seine Botschaft zustellen konnte. Das Spektakuläre an dieser Nachricht ist, dass sie offenbar von Dexter Nemrod persönlich verfasst wurde, kurz vor seinem Tod während der Schlacht über den Wolken.

Im Folgenden ergibt sich einerseits ein Rechercheabenteuer, in dem man den eigentlich längst verblassten Spuren aus der chaotischen Zeit im Jahr des Feuers nachgeht, was unter anderem in die Noralec-Sakrale führt, aber auch an viele weitere Orte in und um Gareth. Den eigentlichen Kern des Abenteuers bilden allerdings vier recht knackige Logikrätsel. Nur wer diese lösen kann, wird am Ende die Geheimnisse der Depesche entschlüsseln können. Dabei sind sowohl gewisse Grundkenntnisse aventurischer Begebenheiten verlangt als auch logische Kombinationsgaben (letztere dominieren eindeutig). Begründet wird diese Rätselqueste mit der Notwendigkeit von Verschlüsselung in Agentenkreisen, es handelt sich also in der Regel um Geheimbotschaften. Während die Abschnittzahl im Vergleich zu einem offiziellen Soloabenteuer vergleichsweise klein ist, nimmt das Abenteuer doch einige Zeit in Anspruch, da die Lösungen zum einen nicht ganz einfach sind und zum anderen selbst bei Kenntnis der richtigen Vorgehensweise teilweise zeitintensiv erarbeitet werden müssen.

Grundsätzlich war das Abenteuer als Gewinnspiel für die Adventszeit vorgesehen, mittlerweile ist es aber ganz normal spielbar. Zudem gibt es nun auch einen ausführlichen Blogartikel, der den Lösungsweg für jedes einzelne Rätsel sehr gründlich erläutert.

II. Kritik

Als ich von dem Soloabenteuer unter dem Label eines Gewinnspiels gelesen habe, hatte ich ursprünglich an eine nette Kleinigkeit gedacht, mit der man sich ein paar Minuten beschäftigt und weiter nicht drüber nachdenkt. Tatsächlich hat mich Dexters Depesche einen ganzen Abend bis spät in die Nacht gefesselt: Das liegt tatsächlich nicht so sehr an der umfangreichen Textmasse oder wahnsinnig viel Wahlmöglichkeiten in den einzelnen Abschnitten, sondern an den vier Rätseln, deren Lösungen in der Tat zeitaufwändig sind. Ich bin als Fan der ganzen Escape-Spiele in den letzten Jahren das Knobeln gewohnt und habe auch eine gewisse Routine in solchen Angelegenheiten, aber in zwei Fällen war mir die Art des Rätsels noch nicht geläufig, womit ich mir das erst noch anlesen musste. Und anscheinend ging es einigen anderen Spielern ebenso, allerdings lässt sich das in allen vier Fällen zur Not schnell erlernen. Tatsächlich sollte man aber eine gewisse Begeisterung für solche Knobeleien und etwas Geduld mitbringen, sonst könnte das Durchspielen eine frustrierende Angelegenheit sein. Allerdings wurde auch das miteinkalkuliert, so dass sogar im Abenteuer selbst Hinweise erhältlich sind, die zumindest die Vorgehensweise nachvollziehbar werden lassen.

Was überraschend gut gelingt ist die Einbindung der Rätsel in aventurische Kontexte, indem der Umstand genutzt wird, dass die Rätsel nichts anderes eine codierte Kommunikationsform darstellen, deren Gebrauch man Agenten innerhalb ihrer Art von Parallelwelt gemeinhin unterstellt. Somit ist eine glaubhafte Atmosphäre vorhanden, wenn man z.B. nach der Identität von Kontaktpersonen sucht, während man ein Codewort ermittelt. Mit den Ergebnissen generiert sich dann gleichsam der Fortschritt im Abenteuer, indem man sich zur nächsten Station vorgearbeitet hat.

Die kleine Agentenstory selbst ist zwar sehr knapp gehalten, trotzdem merkt man, dass der Verfasser sich gut in Aventurien auskennt, auch wenn die einzelnen Abschnitte meist eher kurz abgefasst sind und z.B. Personen- und Umgebungsbeschreibungen weitgehend ausgespart werden bzw. nur das Allernötigste enthalten. Letztlich sind die Rätsel der Mittelpunkt, eine ausführliche Charakterisierung der NSCs ist nicht vorgesehen. Trotzdem hat mich die kleine Geschichte dennoch gut unterhalten, alleine die Aussicht, auf den Spuren des legendären Dexter Nemrod unterwegs zu sein, sorgt für einen gewissen Nervenkitzel. Fast schon klassisch motiviert sind auch hier einige der berühmt- berüchtigten Passagen eingebaut, die einen in Borons Hallen manövrieren. Allerdings sind diese nicht allzu breit gestreut und einer furchbaren Antagonistin namens Kunigunde verdankt man einen der kuriosesten Tode aller Zeiten. Ohnehin blitzt immer wieder eine gehörige Prise Humor auf.

III. Fazit

Ich kann Dexters Depesche jedem weiterempfehlen, der sich für eine Verbindung von einem aventurischen Abenteuer mit einigen Logikrätseln begeistern kann und der auch die Geduld mitbringt, ein wenig Zeit in die Lösung zu investieren. Das Gewinnspiel (bei dem ich glücklicherweise auch Erfolg hatte, was aber tatsächlich nichts mit dieser Rezension zu tun hat) mag zwar als Anreiz nicht mehr existieren, das Abenteuer ist aber auch so definitiv einen Blick wert und man merkt auch, dass jede Menge Arbeit in das Verfassen der Texte und das Basteln der Rätsel geflossen ist.

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