Rezension: Kurs Südmeer

Vorbemerkung: Spätestens seit Johnny Depp als tollpatschig-schlitzohriger Jack Sparrow auf den Kinoleimwänden die Karibik unsicher macht, sind Piraten wieder ein beliebtes Thema im Bereich des abenteuerlichen Erzählens. Auch im DSA-Kosmos sind sie ein fester Bestandteil, sei es durch Abenteuer wie Die Verdammten des Südmeers oder durch wagemutige Freibeuter-NSCs wie El Hakir oder Kodnas Han. Im Romansektor hat sich mit Hans-Joachim Alpers sogar einer der Schöpfer der Spielwelt mit seiner Die Piraten des Südmeers-Trilogie an der Thematik versucht (wenn auch meiner Meinung nach ausgesprochen unglücklich in der Umsetzung). Auch der neueste Band der Romanreihe Kurs Südmeer von Marie Mönkemeyer stellt eine solche Mannschaft von Gesetzlosen in den Vordergrund.

In Zahlen:

– 352 Seiten

– Preis 14,95 Euro

– Erschienen am 7.2. 018

I. Inhalt

Letztlich stellt der Roman vier Figuren in den Vordergrund: Zum einen sind die Edeldame Sabella Cardunetti und ihre Zofe Geronita unterwegs nach Sant Ascanio, einer horasischen Siedlung im Südmeer, wo die vom Schicksal gebeutelte Sabella ihren zukünftigen Gatten Dragio ya Frecelli ehelichen soll. Begleitet werden die beiden auf ihrer Schiffsreise von Dragios Cousin Pericomo, einem Perainegeweihten.

Allerdings wird ihre Reise jäh unterbrochen, als ihr Schiff plötzlich von dem Piratenschiff Morgentau geentert wird und die bedeutenden Passagiere als Geiseln genommen werden, um ein hohes Lösegeld zu kassieren. Somit setzen die drei ihre Fahrt von nun an nicht mehr in einer komfortablen Kabine, sondern im Gefangenenbereich der Morgentau fort.

Im Folgenden wird vor allem das Binnenverhältnis der Mannschaft der Morgentau genauer beleuchtet, natürlich vor allem aus der Sicht der vierten Hauptfigur, der Kapitänin Elissea Braiolini. Ihr Problem ist die vergleichsweise flache Hierarchie an Bord des Piratenschiffs, ist sie doch nicht von irgendeiner Autorität zur Kapitänin bestimmt worden, sondern wurde von der Mannschaft nach einer Meuterei in ihre Position gewählt. Demnach stehen ihr nicht die straffen und harten Maßnahmen innerhalb der Marine zur Durchsetzung ihrer Befehle zur Verfügung, stattdessen ist sie auf die Kooperation ihrer Mannschaft angewiesen.

Besonders die Anwesenheit von Pericomo sorgt für Verwerfungen, sind doch Teile der Piratentruppe nicht einverstanden mit der Entscheidung, einen Geweihten gefangen zu nehmen und Lösegeld für ihn einzufordern. Somit spielt sich in der Folge der Mittelteil des Romans vornehmlich im Gefangentrakt ab, wo Pericomo einerseits das Vertrauen einiger Mannschaftsmitglieder gewinnt, anderseits aber mit den zunehmenden Streitereien zwischen der herrischen Sabella und der romantisch veranlagen Geronita umgehen muss.

Dramatik erzeugen in der zweiten Hälfte die unvorhergesehenen Ereignisse, die zwischen Elissea und ihrem Lösegeld stehen: ein heftiger Sturm, der das Schiff schwer beschädigt, aber auch eine sich anbahnende Meuterei gegen ihre Entscheidungen. Zudem ist Dragio, seines Zeichens Kapitän in der Marine des Lieblichen Feldes, keineswegs ohne weiteres bereit, seine zukünftige Gattin einfach auszulösen, sondern sticht seinerseits mit seinem Kriegsschiff in See, um sie mit allen zur Verfügung stehenden Mittel zu befreien.

II. Kritik

Wenn ich an Piraten denke, dann habe ich vor allem rasante Degenduelle, buntgekleidete Gestalten, Schatzjagden und viel Tempo vor Augen. Und auch das Thema der Seefahrt ist gerade in der angelsächsichen Literatur sehr verbreitet, z.B. in den umfangreichen Romanreihen um die fiktiven Seehelden Horatio Hornblower, Jack Aubrey oder Richard Bolitho (gerade letztere kann ich wärmstens empfehlen). Thema dort ist oft der Antagonismus zwischen dem Helden und einem unnachgiebigen Antagonisten, der nach einem Vorgeplänkel in einem großen Finale ausgetragen wird. Genau das aber fehlt mir in Kurs Südmeer leider weitgehend. Gerade der Aufbau eines Spannungsbogens ist für mich größtenteils nicht gelungen. Die Gefangennahme fällt eher unspektakulär aus, gelingt das Kapern des Passagierschiffs doch ohne Gegenwehr. Bis Seite 166 dauert es dann, bis die nächste Spannungsspitze erkennbar ist, wenn das Schiff in einen Sturm gerät. Zuvor wird unheimlich viel geredet, wenn die Gefangenen in ihrer Zelle sitzen und zeitweise Besuch erhalten. Grundsätzlich ist das dann unproblematisch, wenn sich dabei viel Unterhaltsames ergibt, aber letztlich ergibt sich hier nur wenig Charakterentwicklung: Sabella und Geronita zicken sich ein wenig an, verbleiben aber in ihren Rollen als traumatisierte Edeldame und romantisch verklärter Zofe, auch Pericomo bleibt von Beginn an die Rolle des zaghaften Ratgebers, der geduldig und selbstzweifelnd alles über sich ergehen lässt. Fast die Hälfte des Romans darauf zu verwenden, halte ich für unproportional.

Dafür gerät dann der potentiell spannendere zweite Teil viel zu kurz: Nach der besten Passage des Romans, in der der Sturm bezwungen wird, gelangt das beschädigte Schiff an eine Insel. Sofort wird auch die Frage aufgeworfen, ob diese bewohnt ist und was die Mannschaft dort erwartet. Die Antwort lautet: nichts! Es ist einfach eine Insel, das Schiff ankert dort und die Mannschaft führt die notwendigen Reparaturen aus. Auch hier sehe ich massiv verschenktes Potential, indem z.B. die Atmosphäre des Vordringens in eine vollkommen unbekannte Umgebung überhaupt nicht verwendet wird. Genauso verhält es sich mit der abschließenden Flucht, die sehr grob und für den Leser schwer vorstellbar beschrieben wird, wenn die unbewaffneten Piraten von Bord des Kriegsschiffes entkommen. Hier sind einige Szenen kaum nachvollziehbar: ein Wächter, der den Schlüssel freiwillig übergibt, damit zwar einen Kameraden rettet, aber die gesamte Besatzung in Gefahr bringt und selbst natürlich ein Kriegsgerichtsverfahren befürchten müsste. Eine Piratenkapitänin, die einen Umweg in Kauf nimmt, nur um etwas zu trinken für ihren Steuermann aufzustöbern, der angeblich betrunken besser navigiert. Und zuletzt Nilas Opfer, das zwar erwähnt wird, aber eben nicht mehr emotional aus ihrer Innensicht gezeigt wird, stattdessen verschwindet sie einfach.

Ähnliches gilt für viele innere Konflikte: So werden die Piraten von einer Matrosin letztlich an die verfolgenden Horasier verraten. Dieser Loyalitätskonflikt wird zwar aufgebaut und überzeugend motiviert, dann aber nicht ausgeführt. Der Verrat wird rückblickend erwähnt, aber die Kontaktaufnahme, der Moment des faktischen Überlaufens, wird nicht geschildert, wenn die wahrscheinlich von Gewissensbissen geplagte Nila einem horasischen Offizier ihr Wissen übergibt. Nebenbei ist unklar, was genau sie verraten haben soll. Irgendeine Art von Geheimwissen wird kaum verwendet, die Soldaten haben sich lediglich an dem ihnen ohnehin bekannten Übergabeort schon im Vorfeld versteckt und dort ein paar Späher der Piraten überwältigt. Ein Manko ist hier auch, dass dem Leser zu keinem Zeitpunkt klar ist, wie Elissea sich ihren Fluchtplan nach der Geiselübergabe vorstellt, also wie sie folgend gedenkt, mit der angeschlagenen Morgentau dem hochüberlegenen Kriegsschiff zu entkommen.

Generell ist Elisseas Darstellung unter den Figuren dafür vergleichsweise gelungen. Das Dilemma einer Kapitänin, die nicht von einer klaren Befehlskette gestützt wird, sondern eher die Erste unter Gleichen darstellt, wird absolut greifbar. Die Mannschaft wirkt dem gegenüber manchmal etwas merkwürdig inkompetent, die teils kopflosen Handlungen lassen die Frage aufkommen, wie diese uneinige Truppe sich mehrere Jahre auf See gehalten haben soll, teilweise wird die dauernd wechselnde Stimmung etwas übertrieben. Für etwas unglücklich halte ich zudem die stilistische Entscheidung, neben den Einzelcharakteren, die beispielhafte Mannschaftmitglieder vorstellen, ständig auf unbestimmte Sprechakte (also mit unklarem Sprecher) zurückzugreifen, das wirkt mich zu Comic-haft und dient nicht dazu, die Charaktere auszudefinieren.

Schade ist in diesem Zusammenhang, dass Dragios Handlungen nur ansatzhaft aufgegriffen werden, so dass ein echter Antagonismus kaum aufkommen kann, da er lediglich als etwas umständlicher und penibler Offizier gezeichnet wird, viel mehr Charakterzüge werden nicht deutlich. Merkwürdig mutet auch Sabellas Entscheidung an, die Ehe letztlich abzulehnen. Hier wird u.a. Feigheit angeführt, weil er seine Männer im Kampf nicht selbst anführt, was aber eigentlich in der Marinehierarchie nicht ungewöhnlich scheint.

Um nach all der Kritik durchaus noch etwas Positives anzuführen: Zwar mag der Roman für meinen Geschmack viel zu spannungsarm sein, dennoch habe ich mich oft auch gut unterhalten gefühlt, die Autorin verfügt über einen guten Sinn für Humor und die Charaktere sind durchweg sympathisch, trotz vieler fehlender Ecken und Kanten. Angemessen gelingt auch die Anbindung an die Hintergrundwelt, indem hier quasi eine Lücke aus dem Abenteuer Der Schrecken der Schädelbucht gefüllt wird, in dem die Meuterei auf der Morgentau nur eine Randnotiz ist, was hier nun erläutert wird. Auch nimmt hier erstmals ein Roman den Untergang Arivors auf, indem dies das traumatische Vergangenheitserlebnis von Sabella darstellt, allerdings sehe ich auch hier verschenktes Potential, da nie genau darauf eingegangen wird, z.B. in Form von denkbaren kleinen Rückblenden, die Sabellas Charakter etwas handfester ausgestalten könnten.

III. Fazit

Kurs Südmeer unterläuft leider vielfach meine Erwartungshaltung an einen solchen Roman. Der Schwerpunkt der Autorin liegt eher auf der Beziehungsebene, die dialogisch ausgestaltet wird, während ich mir unter einer Piratengeschichte deutlich mehr Spannung und Wendungen versprochen hätte. An sehr vielen Passagen fehlt es mir zudem an Ausgestaltung von intensiven Momenten, was ebenfalls an der anderen Schwerpunktsetzung liegt.

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