Die unendliche Geschichte

Vorbemerkung: Narrativ sind dramatische Geschehen für eine Fantasy-Welt wie Aventurien von essenzieller Wichtigkeit, wobei ja gerade der sogenannte Metaplot seit jeher ein zentrales Erkennungsmerkmal ist. Blöd wird es allerdings dann, wenn sich die Dramen irdisch abspielen und dafür sorgen, dass innerweltlich Stillstand herrscht. Konkreter Anlass für teils sehr intensive Diskussionen ist die Ankündigung von Michael Masberg, seinen angekündigten Roman Schmiede des Verderbens nicht mehr schreiben zu wollen. Problematisch ist dies auch insofern, als es sich um den zweiten Teil eines Romanduos handelt und dass somit der Vorgänger Salon der Schatten (vorläufig) unvollendet bleiben wird.

Was ist schiefgelaufen?

Schon seit längerem steht die Ansage von Michael Masberg, dass er sich als Autor aus dem DSA-Bereich zurückziehen wird, gerade weil die 5. Edition und die damit umgestaltete Publikationsstrategie von Ulisses Spiele nicht seinen Geschmack treffen würde, Somit gab es seit längerem keine neuen Abenteuer-Publikationen von ihm, allerdings stand nach der Veröffentlichung von Salon der Schatten im Juni 2016 noch die Fortsetzung aus, von der es – auch laut Aussagen des Autors selbst – hieß, dass diese letzte Masberg-Ulisses-Kooperation noch erscheinen würde, wobei sich aber schnell abzeichnete, dass die angestrebte schnelle Fortsetzung nicht gelingen würde.

Das hat sich nun erledigt, nachdem zunächst Ulisses verkündet hat, dass der Roman nicht mehr erscheinen würde, weil „von seiner Seite (gemeint ist Michael Masberg) aus kein Interesse mehr daran besteht, sich mit DSA zu beschäftigen“. Michael Masberg hat dies in einem eigenen Statement insofern präzisiert, als dass nicht mit DSA ein Problem habe, sondern er „schlichtweg nicht mehr mit der DSA-Redaktion zusammenarbeiten“ möchte.

Bleibt das Unvollendete unvollendet?

Das Ganze ist insofern eine ausgesprochen unglückliche Entwicklung, als dass die beiden Romane selbst eigentlich schon eine Art von Ausgleich für ein gescheitertes Projekt darstellten. Im Zuge der Splitterdämmerung, dem Abschlusszyklus von DSA4, sollte eigentlich auch die Geschichte des Agrimoth-Splitters und seines Besitzers Leonardo erzählt werden. Allerdings konnte der eingeplante Autor Martin John sein geplantes und bereits angekündigtes Abenteuer Der Träumeschmied nicht vollenden. Da aber die Deadline für DSA4-Abenteuer bereits feststand, wurde der Band komplett gestrichen, statt eine Umbesetzung der Autorenschaft vorzunehmen. Stattdessen wurde folgend eine Aufarbeitung in Form der beiden Romane verkündet, wofür mit Michael Masberg auch ein Autor mit einem guten Namen im DSA-Kosmos präsentiert werden konnte.

Darf der das?

War schon damals die Enttäuschung relativ groß, ist auch jetzt die Resonanz beachtlich, mit einer breiten Palette an Meinungen, polarisch schwankend zwischen Unmut über die Entscheidung des Autors bis hin zu großem Verständnis. Natürlich habe ich selbst auch eine Haltung zu dem Geschehen, würde dabei aber zwei unterschiedliche Komplexe voneinander trennen:

Einerseits ist dabei natürlich Motivfrage wichtig. Und hier kann ich menschlich vollends nachvollziehen, dass es in dem Moment, in dem es menschlich zwischen Kooperationspartnern nicht mehr stimmt (und hier lassen die Äußerungen von Michael Masberg wohl keine Zweifel aufkommen, dass es ernsthafte Differenzen gibt) und wenn einem die damit verbundene Arbeit zur Belastung wird, eine folgerichtige Entscheidung darstellt, sich voneinander zu trennen, selbst wenn damit unangenehme Konsequenzen verbunden sind. Verfolgt man die Äußerungen des Autors in diversen Blogeinträgen und im social-media-Bereich, dann handelt es sich offensichtlich auch um keine Kurzschlussentscheidung, sondern um einen langwierigen Prozess der Distanzierung, wobei ich einige der Kritikpunkte am Verlag auch durchaus nachvollziehen kann.

Umgekehrt aber kann ich genauso die Position der enttäuschten Leser nachvollziehen, zu denen ich mich im vorliegenden Fall auch zählen muss. Und in dieser Hinsicht halte ich es ebenfalls für völlig legitim zu sagen: Ich bin enttäuscht von Michael Masberg. Wie viele andere habe ich den ersten Band gekauft und gelesen und in der Folge ausdrücklich für gut befunden. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass ein Zweiteiler für sich gesehen erst in der Vollendung genau bewertet werden kann, weshalb meine damalige Rezension auch mit dem Fazit endete:

Interessant wird natürlich die Frage, wie die aufgenommenen Handlungsstränge in der Fortsetzung aufgenommen werden, womit selbstverständlich auch vieles in der Bewertung des vorliegenden ersten Bandes verknüpft ist, da noch kein vollständiges Gebilde vorliegt.          

Und genau dieses vollständige Gebilde werden wir Leser nun nicht mehr erhalten, was mich auch aus der Warte enttäuscht, dass Michael Masberg zwischenzeitlich durchaus seine Absicht unterstrichen hat, Schmiede des Verberbens trotz seiner Unzufriedenheit mit der Entwicklung von DSA vollenden zu wollen. Das wirkt angesichts des jetzigen Resultats rückblickend zumindest unglücklich. Ich sehe es hier schon so, dass ein Autor für eine begonnene (und eben durchaus auch an diese Leser verkaufte) Geschichte eine Verantwortung gegenüber seinen Lesern trägt. Und jetzt steht eben das eindeutige Signal, dass dieser Bezug zu den Lesern offenkundig in der Entscheidung nachrangig hinter den Konflikten mit dem Verlag steht. Moralisch kann und will ich das nicht bewerten, das halte ich für völlig unseriös aus der Außenperspektive, dazu können nur die Beteiligten sich selber äußern, alles andere ist bloße und nicht sinnführende Spekulation. Aber natürlich finde ich es schade und bedauerlich, immerhin war meine Vorfreude auf die Fortsetzung groß, was ich auch in den letzten Jahresausblicken mehrfach geäußert habe. Angesichts seiner vorliegenden DSA-Beiträge war mein Vertrauen in die Qualität des Autors Michael Masberg so groß, dass ich von einer runden und gelungenen Geschichte fest überzeugt gewesen bin.

Und nun?

Ulisses hat in seinem Statement klar formuliert, dass die Geschichte mit der Romaneinstellung keineswegs beendet ist, allerdings ist dabei natürlich noch keine Präzisierung vorgenommen worden, in welcher Form das geschehen soll.

Auch hier habe ich aber eine klare Haltung: Selbst wenn offenbar die Rechte für die Geschichte bei Ulisses zu liegen scheinen (zumindest habe ich einige Aussagen im social-media-Bereich so verstanden), so würde ich es für eine grundfalsche Entscheidung halten, einfach einen anderen Autoren damit zu beauftragen, einfach die Geschichte um Gorodez und seine Mitstreiter fortzusetzen. Das kann in meinen Augen nur scheitern, wenn man quasi als reiner Lohnschreiber eine Auftragsarbeit angeht, die man nicht selbst entwickelt hat.

Ich habe – wie sicherlich viele DSA-Veteranen – einen besonderen Bezug zu der Figur von Leonardo, der uns alle schon seit Jahrzehnten in vielen Abenteuern begleitet hat, sei es als Auftraggeber, Verbündeter oder als Antagonist. Ihn in einer Randnotiz im Aventurischen Boten aus dem Metaplot zu fegen, wäre eine mehr als unwürdige Idee. Der alte Mechanicus hat einen würdigen Abgang verdient, vor allem einen besseren als ihn die Splitterdämmerung z.B. einem Helme Haffax verwehrt hat. Ein Problem der Splitterdämmerung war unter anderem, dass hier viel zu viel Fokus auf die Splitter selbst gelegt wurde, von denen mir (und in der Hinsicht bin ich sicherlich nicht der einzige) bis heute nicht klar ist, was man mit ihnen erzählerisch eigentlich in Zukunft anfangen will. Spannung erzeugt man nicht mit irgendwelchen diffusen Gegenständen, das Scheinwerferlicht sollte auf den Protagonisten einer Geschichte liegen, auf interessanten und facettenreichen Figuren.

Demnach meine Forderung: Verschiebt den Fokus weg vom Agrimoth-Splitter und verschafft Leonardo einen angemessenen Abgang, bei dem er noch einmal all die Verwerfungen zwischen Genie und Wahnsinn zeigen kann, die ihn als Figur ausmachen. Und da gibt es genug Potentiale für einen Autor, dies in einer eigenen Geschichte zu erzählen, ohne irgendein fremdes Konzept. So schade es um Salon der Schatten ist, aber hier würde ich für einen klaren Schnitt plädieren und den Weg für ein neues Konzept freimachen.

Michael Masberg hingegen möchte ich an dieser Stelle trotz der Enttäuschung über eine für mich falsche Entscheidung für viele DSA-Werke danken, die ich eigentlich durch die Bank genossen habe (Abenteuer und Romane). Vielleicht ergibt sich ja irgendwann in einer vom aktuellen Zeitpunkt aus sicherlich in ferner Zukunft liegenden Konstellation die Gelegenheit für einen weiteren Zigarillo mit Gorodez…

8 Kommentare

  1. Ich finde es wirklich absolut schade, dass Herr Masberg sein Werk nicht vollendet. Als großer DSA Roman Sammler und LIebhaber, fiebere ich schon seit bald 2 Jahre auf dieses Buch hin. Für mich das wichtigste Buch überhaupt. Entsprechend groß war auch für mich die Enttäuschung zu lesen, dass es hier nicht weiter geht.

    Ich wünsche mir, im Gegensatz zu Engor, dass die Geschichte in Romanform zu Ende geschrieben wird. Ich möchte wissen wie es ausgeht. Dabei sollte der Autor aber entsprechend Herzblut rein stecken und nicht einfach ein Auftrag annehmen und es irgendwie hin klatschen. Am liebsten wäre mir aber natürlich, dass sich Ulisses und Michael, den Fans und Kunden zuliebe, nochmal zusammen setzen, um eine Lösung zu finden, das Buch doch noch fertig zu stellen. Ich gehe einfach davon aus, dass auch gar nicht mehr so viel fehlen dürfte, um das Buch abzuschließen.

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    1. Letzteres wäre sicherlich die Lösung, die sich die meisten Leser wünschen würden, allerdings klingt das nach den beidseitigen Verlautbarungen zumindest mittelfristig mehr als unrealistisch.
      Was die Fortführung angeht, halte ich es für einfach unmöglich, das ein Fremder die Geschichte eines Autors übernehmen kann. Das kann meiner Meinung nach nur schiefgehen, allein schon in der Grundfrage, ob man damit auch den Stil der Vorlage imitieren soll, der ja nicht er eigene sein kann (aus der Sicht des Fortsetzers). Und gerade der Salon der Schatten ist gespickt mit Michael Masbergs eigenen Ideen und natürlich sind einige der Figuren seine eigene Schöpfung. Ich glaube sehr wohl, dass ein anderer Autor die Geschichte Leonardos fortsetzen kann, aber eben nicht so, wie Michael Masberg das vorhatte.
      Aber das wird sicherlich eine spannende Frage, welche Lösung uns Ulisses präsentieren wird.

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  2. Der Salon ist aber ja nicht der erste DSA-Roman, der ohne Fortsetzung bleibt. Schuldzuweisungen und Wehklagen helfen hier natürlich nicht. Solche Dinge passieren unter den gegebenen Umständen nun mal. Wir sollten das eher ins Kalkül ziehen. Ich habe den ersten Teil zum Beispiel erst gar nicht gelesen, weil ich so etwas schon befürchtet habe.
    Mir ist zwar nicht klar, was ein Verlag (oder ein Autor) tun muss, um eine weitere Zusammenarbeit unmöglich zu machen, aber vielleicht will ich es auch gar nicht wissen. Auf mich wirkt das derart unprofessionell, wie es zu den Ulrich Kiesow Klüngel Zeiten war. Ich dachte der Verlag hätte solche Kindereien zu Mario Truants Zeiten hinter sich gelassen. Womöglich habe ich mich getäuscht. Vielleicht gibt es auch völlig andere Gründe. Letztlich ist es auch egal, fehlende Fortsetzungen bleiben ein reales Risiko im DSA-umfeld.

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