Wege der Vereinigungen – ein Ersteindruck

Vorbemerkung: Der Paketbote ist gerade dann, wenn ein neues DSA-Crowdfunding ausgeliefert wird, nicht unbedingt zu beneiden. Zumindest hat man den Eindruck, wenn man das Paket ausgepackt hat und alles in Gesamtheit vor einem ausgebreitet liegt: Wege der Vereinigungen ist selbst dann ein ziemlicher Brocken, wenn man wie ich nicht alle Produkte unterstützt hat. So oder so kann man nachvollziehen, warum der Produktausstoß in den letzten Monaten immens zurückgegangen ist, hier müssen erkennbar einige Kräfte gebündelt worden sein. Wie schon bei der Retro-Box möchte ich im Folgenden aber nur einen kurzen Ersteindruck loswerden, die Besprechung der Einzelbände wird dann etappenweise in den nächsten Wochen folgen (sicherlich auch mit Unterbrechungen durch weitere Artikel zu anderen Themenkomplexen).

Was ist alles drin im Paket?

Das Herzstück ist natürlich der 240 Seiten starke Regelband Wege der Vereinigungen, der schon im Vorfeld für viele (teils sehr intensive) Diskussionen und sogar Autorenrücktritte gesorgt hat. Bemerkenswert erscheint mir hier tatsächlich der Umfang, dass also ein Band zum Thema Sexualität wirklich inhaltlich so viel hergibt, zu dem jemand etwas geschrieben hat. Allerdings fällt schon beim ersten Durchblättern auf, dass neben vielen Regelanteilen vergleichsweise viele Komplexe narrativ angegangen werden und vornehmlich Hintergrundinformationen gegeben werden. Sprich: Hier geht es deutlich weniger um staubtrocken-nüchterne Datenmassen.

Das Begleitheft Kurtisanen & Bordelle (48 Seiten) versteht sich offenkundig als Ergänzung zum Hauptband, liefert es doch einige konkrete Beispiele für den Spieltisch, unter anderem eine Beschreibung von Belhanka (dazu ist auch noch separat eine farbige Karte enthalten). Zudem sind entsprechende Einleger für einen Universal-Meisterschirm vorhanden, mit Covermotiven bzw. Regeleinlegern. Der zweite Ergänzungsband Lustschlösser & Zauberwesen ist mit 32 Seiten etwas knapper ausfallen und hat ebenfalls Abenteuerschauplätze als Thema, setzt dabei aber offensichtlich einen Schwerpunkt auf exotischere Orte und Wesenheiten. Ebenfalls als Beilage gibt es noch themenbezogene Heldenbögen sowie einige Zustands- und Regelkarten.

Daneben habe ich auch die beiden Abenteueranthologien unterstützt. Sowohl Intrigenspiel & Leidenschaft als auch Sinnestaumel & Begierde beinhalten auf 64 Seiten jeweils drei Abenteuer. Davon sind die meisten tatsächlich neu, lediglich Ein Spiel um Macht und Liebe aus Intrigenspiel & Leidenschaft ist die erweiterte Neufassung eines alten DSA4-Abenteuers. Als Besonderheit ist zudem mit Auf der Jagd nach dem Schwertkönig auch ein Soloabenteuer enthalten, welches mit 34 Seiten auch das längste Abenteuer ist. Gemeinsam ist allen Abenteuern dabei der Schauplatz, findet das Geschehen doch jeweils in Belhanka statt. Somit dürfte ein wesentlicher Beitrag von Wege der Vereinigungen sein, dass die Stadt eine erhebliche Aufwertung in ihrer Beschreibungsdichte erhält.

Aber auch purer Lesestoff ist enthalten: Mondsilberne Nächte ist ein reiner Ingame-Roman im Heldenbrevier-Format (160 Seiten), wobei als Verfasserin Lutisana da Mazarin angegeben wird, eine Figur, die im Regelband als Archetyp bereits vorgestellt wird, hier ist also eine inhaltliche Verbindung gegeben. Fesseln der Lust hingegen ist ein 406 Seiten starker Band, der insgesamt 11 Kurzgeschichten von verschiedenen Autoren enthält, wobei die Protagonisten aventurische Prominente wie Kaiserin Rohaja, Amir Honak oder Thomeg Atherion sind.

Einige andere Produkte habe ich aus unterschiedlichen Gründen ausgelassen, z.B. stehen Spielkartensets weniger in meinem Fokus. Bei Namenlose Nacht habe ich deshalb verzichtet, weil ich bereits die hervorragende DSA4-Variante besitze, das gleiche gilt für das Rahjasutra.

Erste Auffälligkeiten

Wie schon beim Retro-Crowdfunding ist der Ersteindruck etwas erschlagend, liegen ja immerhin sieben Einzelbände mit zusammen knapp 1000 Seiten (wenn auch in unterschiedlichen Formaten) vor mir. Die getätigte Arbeit sieht man dem Endergebnis auf jeden Fall an.

Natürlich merkt man der gesamten Publikation ihre besondere Genese an: Ein erstes Indiz ist die hohe Anzahl an Autoren-Synonymen, nur wenige Autoren schreiben hier unter ihren Klarnamen. Offenkundig möchte nicht jeder unter den Schreibenden eindeutig mit einer Spielhilfe über Sexualität verbunden werden.

Genauso sticht die sehr hohe Dichte der Bebilderung ins Auge. Es sind zwar nicht alles neue Illustrationen, z.T. handelt es sich um bereits bekannte Bilder, z.B. aus dem Rahjasutra, aber auch aus anderen regulären Bänden. Trotzdem fällt natürlich gerade die große Menge an expliziteren Darstellungen von Nacktheit und Sexualität auf. Die vorab kritisierte Unausgewogenheit zwischen den Geschlechtern kann ich tatsächlich bestätigen, weibliche Nacktheit ist deutlich dominant.

Was geschieht im Blog?

Wege der Vereinigungen wird in den nächsten Wochen sicherlich einen Schwerpunkt in den kommenden Blogeinträgen einnehmen. Konkret ist natürlich eine Rezension der Spielhilfe selbst geplant, die beiden Ergänzungshefte möchte ich getrennt davon besprechen. Das gleiche gilt für die beiden Abenteueranthologien und den Roman bzw. den Kurzgeschichtenband, die ich jeweils einzeln rezensieren möchte. Hier kann man aber auch erkennen, dass die neue Publikationsstrategie von Ulisses auch für Rezensenten gewisse Veränderungen bedingt, immerhin handelt es sich um das zweite von drei großen Crowdfundings mit einer breiten Produktpalette in diesem Jahr, die jeweils viele Bände auf einen Schlag mit sich bringen, während es in den Zwischenphasen wohl ruhiger wird. Auch hier wird es spannend zu verfolgen, ob dies nur eine Zufälligkeit dieses Jahres 2018 sein wird oder ein Dauerzustand.

Ich kann nicht verhehlen, dass ich weiterhin eine extrem skeptische Haltung dazu einnehme, ob es wirklich sinnvoll ist, das Thema Sexualität derart breit aufzuarbeiten, auch weil mir Teile der Bände aus der vorherigen Lektüre der vorab versendeten PDF-Varianten bereits bekannt sind. Somit wird sicherlich auch die Frage im Vordergrund stehen, inwieweit ich eine solche Publikation im Abgleich mit „regulären“ Bänden wie den Regionalspielhilfen als sinnhaft erachte. Ebenfalls wird dabei eine Rolle spielen, inwieweit ich die im Vorfeld geäußerten Vorwürfe im Bereich Rassismus und Sexismus für zutreffend halte. Das Spannungsfeld geht hier sicherlich von einer vollständig ausgearbeiteten und einsetzbaren Publikation über einen aufgeblähten Aprilscherz bis hin zu einem harmlosen Scherzprodukt. Immerhin wird Wege der Vereinigungen neben dem Havena-Crowdfunding die größte Neupublikation des Jahres darstellen. Zudem muss man sicherlich jetzt schon konstatieren, dass es sich hierbei – anders als bei den Regionalspielhilfen, die ja letztlich „nur“ Aktualisierungen darstellen – um eine der größten Neuerungen seit dem Start von DSA5 handelt, immerhin hat es eine solche Spielhilfe noch nie gegeben, auch meisten Einzelthemen sind bislang noch nie in einem größeren Zusammenhang angepackt worden.

Wenn ich nach Interesse differenzieren sollte, hoffe ich natürlich vor allem darauf, dass die Abenteuer sich als qualitativ gut erweisen, ist das doch in diesem Jahr insgesamt der Bereich, in den es extrem wenige Neuheiten gegeben hat. Hier stimmt mich die Tatsache etwas kritisch, dass alle Abenteuer an demselben Ort spielen: Bietet Belhanka genug Abwechslungsreichtum, um allen Abenteuern etwas Eigenes zu verleihen oder gibt es zu viele Ähnlichkeiten? Bei dem Roman bzw. den Kurzgeschichten setze ich darauf, kurzweilige Lektüre zu erhalten, allerdings besteht auch hier sicherlich die Gefahr, dass die plakative Darstellung von Sexualität inhaltliche Originalität überlagert. Zu den DSA5- Regelbänden habe ich ohnehin ein ausgesprochen kritisches Verhältnis, kann ich doch zumeist den Zahlenwüsten und den vielen inhaltlichen Wiederholungen wenig abgewinnen. Kurioser Weise ist es hier aber eine Eigenart der pikanten Thematik, dass deutlich mehr narrative Textanteile vorhanden sind, was im Regelfall eher meinen Geschmack findet.

Grundsätzlich dürfte ich zudem die Position nicht weniger Leser bzw. Spieler einnehmen: Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, Sexualität wirklich in mein Konzept von Rollenspiel einzubauen. Kann man unter dieser Voraussetzung dem Band und dem Thema trotzdem etwas abgewinnen? Zuletzt freue ich mich natürlich auch, meine eigenen Einschätzungen mit denen anderer Rezensenten in Foren, Vlogs, Blogs etc. abzugleichen.

5 Kommentare

  1. Ich kann etwas zu den Pseudonymen sagen. Einige Autoren und Autorinnen haben Jobs (oder sind in der Bewerbungsphase für solche), bei denen es einfach schwierig ist, mit Erotik in Verbindung gebracht zu werden. Bei anderen ist es so, dass sie überhaupt kein Problem damit haben, aber es richtig finden, sich für einen Erotikband auch Pseudonyme zu überlegen. 🙂
    Ich denke, dass ist in beiden Fällen völlig legitim. Ich selbst bevorzuge z. B. nie Pseudonyme, weil ich nichts schreiben möchte, dass mich stört. Aber ich kann das schon sehr gut nachvollziehen.

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  2. Ich kenne die 4E Version von Namenlose Nacht nicht aber die 5E Version die ich in der Box bekommen habe macht durchaus einen imposanten Eindruck. Eine Rezension dafür würde ich vermutlich interessanter finden als eine für das WdV Grundbuch. Dem merkt man doch stellenweise sehr stark den Nicht-ganz-ernst-nehmen Charakter an. Für die ganzen extra Hefte scheint das vom groben Ersteindruck her weniger der Fall zu sein.

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