Rezension: Fesseln der Lust

Vorbemerkung: Zu den Dingen, die sich im Laufe des extrem erfolgreichen Crowdfundings von Wege der Vereinigungen mehr und mehr verselbstständigt haben, gehört sicherlich die Kurzgeschichten- Sammlung Fesseln der Lust. Aus einzelnen Kurzgeschichten, die innerhalb der Finanzierungsphase als zusätzliche Schwellenziele eingestellt wurden, ist im Endeffekt ein Band von über 400 Seiten geworden, mit einer stattlichen Anzahl von 11 Kurzgeschichten in einer Bandbreite von 11 bis über 50 Seiten. Natürlich handelt es sich – der Natur der Gesamtpublikation folgend – um Geschichten, die sich vor allem durch ihre erotische Komponente auszeichnen.

Ein kleiner Zusatz: Anders als gewohnt werde ich im Folgenden nicht die Autorennamen nennen, da die Mehrheit der Geschichten unter Synonymen verfasst wurden, einzig Alex Spohr (Fesseln der Lust), Serina Hänichen (Das Glück der Feen) und Mháire Stritter (Blick in den Spiegel) haben unter ihren Text ihre Klarnamen gesetzt.

In Zahlen:

– 406 Seiten

– 11 Kurzgeschichten

– Preis: 14,95 Euro

– erschienen am 1.8. 2018

I. Inhalt und Aufbau

Der Aufhänger der einzelnen Kurzgeschichten hat sich bereits im Crowdfunding selbst ergeben, ist der gemeinsame Nenner doch, dass es sich bei den Protagonisten der einzelnen Texte um prominente NSCs des aventurischen Gesamtgeschehens handelt (wobei diese allerdings nicht immer die Hauptfigur sein müssen). Es gibt auch keinerlei Verbindungen zwischen den Geschichten (mit einer Ausnahme), jede erzählt eine Einzelepisode aus dem Leben der betreffenden Figuren.

Die titelgebende Geschichte Fesseln der Lust ist gleichsam die Kürzeste der gesamten Anthologie und beschreibt die Nöte der Rahjageweihten Yasmina, die eine Freundin bei einem sehr speziellen Stelldichein mit einem tulamidischen Prinzen vertreten soll. Dabei ist die eher sanft veranlagte Yasmina dazu gezwungen, ihre harte Seite zu zeigen, um dessen pikante Wünsche zu befriedigen.

Der Levthansweg und Die Rache des Erzmagus bilden die beiden einzigen Geschichten, die inhaltlich zusammengehören, unter dem Untertitel Die Chroniken  von Zirbel und Lutti. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Engasaler Sexualmagier Zirbel, der unverhofft zum Günstling des legendären Erzmagiers Thomeg Atherion aufsteigt und von diesem in die Geheimnisse einer lustgeprägten Magie eingeweiht werden soll. Die Beziehung zwischen Meister und Schüler verläuft dabei nicht ohne Brüche. In diesen Momenten steht Zirbel seine Freundin, die Erotikschriftstellerin Lutisana, zur Seite.

Ein Hund stellt eine der prominentesten Frauen Aventuriens ins Rampenlicht: die Kaiserwitwe Alara Paligan. Ständig hinter ihr steht Alaras treu ergebener Leibwächter Adaro Serrez. Schnell wird deutlich, dass seine Gefühle zu Alara weit über Loyalität hinausgehen. Dies wird allerdings auf die Probe gestellt, als die geheimnisvolle Dame Marteniel auftaucht und Alara ihren Beschützer zu deren Unterhaltung abstellt.

Rahjanisches Ränkespiel fällt insofern ein wenig aus dem Rahmen, als dass die Handlung in Form von Briefen vorangetrieben wird. Hierbei wird eine Viererbeziehung zwischen den beiden Geschwistern Vittorio und Madalena Laklosiez, Thurvin Rosenquell und Casmira Volidaz erzählt. Das leichtlebig veranlagte Geschwisterpaar aus Drol schließt dabei eine Wette ab, ob es ihnen gegenseitig gelingt, die jungen und tugendhaften Thurvin und Casmira dazu zu bringen, sich ihren Begierden hinzugeben.

Der Rote Ritter hingegen ist eine Abenteuergeschichte, in der der Rosenritter Dscheridan al´Awan im Mittelpunkt steht. In Elburum muss er im Auftrag der Sultana Shanya ash Shaya einer scheinbaren oronischen Verschwörung auf den Grund gehen. Allerdings benötigt er dazu die Hilfe der Magierin Khelbara ay Baburia, einst selbst im Bunde mit den ehemaligen borbaradianischen Machthabern, nun aber scheinbar eine Geläuterte.

Das Glück der Feen hingegen schildert die Umtriebe einiger junger Frauen und Männer, die am Rande des albernischen Farindelwalds leben. Durch Zufall sind sie auf eine Lichtung gestoßen, die die Erfahrungen beim Liebesspiel auf wundersame Weise verändert bzw. verstärkt. Natürlich hängt dies mit den dort lebenden Feenwesen zusammen, was der gesamten Geschichte eine sehr märchenhafte Komponente verleiht.

Rakorium Muntagonus und der Fluch der Sss´Varr erzählt – wie der Titel schon verrät – eine Episode aus dem Leben des zerstreuten Echsenforschers. Bei einer seiner Expeditionen lösen er und sein treuer Helfer Nottel einen rätselhaften Fluch aus, der alle Personen in der Umgebung zu selbstzerstörerischen Liebesakten zwingt, während sogar Rakorium um seine Fassung ringt. Der Figur angepasst hat diese Kurzgeschichte eindeutig einen humoristischen Ton.

Amir und die Piraten schildert die Geschichte von Amir Honaks Gefangennahme durch einige Piraten. Diesen wehrlos ausgeliefert, beschließt Amir unter Einsatz sowohl seines Körpers als auch seines Verstandes, die Mannschaft des Schiffes so zu manipulieren, dass er seine Freiheit wiedererlangt. Allerdings sind seine Versuche meist nicht von Erfolg gekrönt, stattdessen gerät er mehrfach vom Regen in die Traufe.

Schloss Rohjaslust setzt sogar die Kaiserin persönlich in Szene. Hier wird vor allem ihre Einsamkeit aufgrund ihrer einzigartigen Position thematisiert. Eine Komponente dieser Distanziertheit ist auch die eheliche Verbindung zu Reichsgroßgeheimrat Rondrigan Paligan, die vornehmlich auf Loyalität, nicht auf Liebe zu basieren scheint.

Blick in den Spiegel führt zuletzt nach Myranor, wo sich die wohl bekannteste DSA-Schurkin Pardona mittlerweile befindet. Während sie dort stetig ihre Machtbasis ausbaut, finden sich in ihrer Umgebung fast ausschließlich Personen, die sie fürchten und ihr dementsprechend nicht das mitteilen, was sie denken. Eine Ausnahme bildet jedoch ihre Sklavin Apaugiya, deren Äußeres zu einem Ebenbild Pardonas umgestaltet wurde und die ihr scheinbar ohne jegliche Form von Furcht begegnet.

II. Kritik

Naturgemäß ist eine Kritik einer solchen Sammlung nicht einheitlich zu leisten, zu sehr unterscheiden sich die Themen, die Figuren und natürlich auch der Stil von Autor und Geschichte, was – zumindest bei mir – fast zwangsläufig dazu führt, dass einem die einzelnen Texte unterschiedlich zusagen. Zudem muss ich natürlich auch einräumen, dass Erotikliteratur nicht unbedingt mein Fachgebiet ist. Umgekehrt hat mich bei dieser Anthologie schon im Vorfeld die Ankündigung gereizt, dass hier quasi das Who is who Aventuriens im Mittelpunkt steht.

Die Titelgeschichte beispielsweise hat für mich überhaupt keine echte Tiefe, geht es doch letztlich nur um die Begegnung der Rahjageweihten und dem Prinzen mit den außergewöhnlichen sexuellen Vorlieben. Hier wirkt es ein wenig so, als hätte man möglichst viele Elemente aus dem Hauptband Wege der Vereinigungen in eine narrative Form pressen wollen, was sich im Endresultat sehr gezwungen liest.

Die beiden Geschichten um Thomeg Atherion und Zirbel hingegen erscheinen mir zwar einerseits besonders tiefgehend, was die inneren Konflikte der Figuren angeht, andererseits sind gerade diese Episoden aufgrund ihrer Verbindung von Erotik und Gewalt teils doch sehr verstörend, zumindest fand ich sie nicht angenehm zu lesen. Ein wenig stört mich hier auch, dass bestimmte Aspekte schwer nachvollziehbar sind, z.B. was der mächtige Thomeg wirklich in dem zögerlichen Zirbel sieht und in welche Richtung sich diese Beziehung zukünftig wenden könnte.

Ein Hund hingegen wirkt zwar in der Figur des Adaro ein wenig simpel gestrickt, ist sein Charakter doch im Wesentlichen auf Loyalität und unerreichbare Liebe reduziert, hier passt aber vor allem die Darstellung von Alara und Nahema, die den Leibwächter zum Spielball ihrer Unterhaltung gemacht haben, ungeachtet der langjährigen Treue von Adaro zu seiner Herrin. Allerdings wirkt hier seine schicksalshafte Entscheidung am Ende der Geschichte für mich nicht ausreichend motiviert, warum er nach wenigen Tagen der Beeinflussung schon derart bereit ist, all seine Werte umzukehren.

Rahjanisches Ränkespiel nutzt die Briefform gekonnt aus, um die Charaktere der Protagonisten zu unterstreichen, zwischen den Polen der hedonistischen Geschwister, deren ganzes Leben nur ein Spiel zur eigenen Belustigung ist und den beiden unerfahrenen Thurvin und Casmira, die den geschickten Verführen nur allzu bereitwillig ins Netz gehen.

Der Rote Ritter ist zwar weitgehend eine eher einfache Abenteuergeschichte, baut aber eine spannende und abwechslungsreiche Handlung mit sympathischen Figuren auf, die gut unterhält. Die abschließende Wendung ist zudem gelungen, da sie – zumindest für mich – so nicht vorhersehbar war. Lediglich die finale Konfrontation mit dem Antagonisten fällt mir etwas zu schlicht und beiläufig aus.

Das Glück der Feen fängt die albernische Atmosphäre gut ein, wirkt die gesamte Geschichte mit dem verwandelten Ehepaar, das sich langsam wieder annähert, doch wie ein Märchen. Auch die freudig-irritierte Sicht der Fee auf das Treiben passt gut zu meiner Vorstellung eines solchen überderischen Wesens.

Rakorium Muntagonus und der Fluch der Sss´Varr ist mein persönliches Highlight innerhalb der Sammlung, ist die Handlung um das amouröse Treiben um den zerstreuten Magus doch gerade in den Dialogen köstlich ausgefallen, wenn der alte Rakorium sich den Avancen der ihn umgebenden Personen entziehen will. Die Rahmengeschichte zeigt ihn umgekehrt aber auch im Kontrast als jemanden, der trotz des verschusselten Ersteindrucks niemals unterschätzt werden sollte.

Die größten Diskussionen tauchten ja schon im Vorfeld um Amir und die Piraten auf, wobei hier der Vorwurf des Sexismus auftauchte, immerhin ginge es ja um Geschlechtsverkehr wider Willen, wobei aber der eigentlich vergewaltigte Amir dabei sogar Lust empfindet. In der Hinsicht muss ich einen solchen Eindruck meinerseits aber klar verneinen. Die abschließende Auflösung als Trivialgeschichte, die lediglich in der Fantasie eines Autors stattgefunden hat, wirkt für mich keinesfalls gezwungen, sondern aufgrund der bewusst trivialen Erzählweise und des völlig untypischen Verhalten Amirs eher sogar vorhersehbar. Hier ist bewusst eine derbe Kitschgeschichte verfasst worden, der man meines Erachtens jederzeit anmerkt, dass das irrationale Verhalten der Figuren überkonstruiert ist und keinerlei Bezug zur (aventurischen) Realität hat. Meine Kritik setzt eher an der Frage an, was für einen Zweck eine solche Geschichte haben soll. Letztlich ist es eine Aneinanderreihung von Szenen, in denen Amir auf alle erdenklichen Arten in alle Köperöffnungen penetriert wird, während alle seine Pläne schieflaufen und sich jede seiner Intrigen gegen ihn wendet. Das ist einfach unangenehm zu lesen und ist auch kaum unterhaltsam. Mit der Grundidee, was ein Trivialautor aus einer bekannten Person machen könnte, hätte man deutlich kreativer umgehen können.

Ähnliches gilt auch für Schloss Rohajaslust, wobei die Handlung letztlich viel zu stark auf eine einzige Liebesnacht zwischen Rohaja und Rondrigan fokussiert ist, ohne abseits davon allzu viel Tiefe aufzuweisen. Ziel scheint es einzig zu sein, Rohaja einmal als „normale“ Frau mit gewöhnlichen Sehnsüchten darzustellen. Einzig der Aspekt, dass hier ein wenig mehr Einblick in die Beziehung der beiden gewährt wird, erscheint mir interessant, aber auch hier bleibt es bei einigen Andeutungen, allzu viel über ihr sonstiges Verhältnis erfährt man nicht.

Ein Blick in de Spiegel schließlich hebt sich durch den Schauplatz Myranor ein wenig ab, wobei ich es alleine schon positiv finde, dass der sträflich vernachlässigte Kontinent mal wieder berücksichtigt wird. Die Geschichte von Pardona und ihrem Ebenbild kann aber auch abseits davon überzeugen, auch wenn einige Szenen stark von Game of Thrones inspiriert wirken, vor allem wenn Pardona neue Gefolgsleute zu gewinnen versucht. An das Soloabenteuer Legatin des Bösen anknüpfend wird hier die menschliche Seite Pardonas wiederum gelungen verbunden mit ihrer Darstellung als grausame und skrupellose Herrscherin.

III. Fazit

Wie schon in der Kritik deutlich wird, hinterlassen die Geschichten einen sehr durchwachsenen Eindruck bei mir. Positiv bleibt der Einblick in das Innenleben einiger wichtiger aventurischer Figuren. Gerade die Geschichten, die sich selbst nicht ganz so ernst nehmen, sind für mich die lesenswertesten Texte, allen voran Rakorium Muntagonus und der Fluch der Sss´Varr. Als jemand, der mit Erotikliteratur nicht besonders warm wird, muss ich umgekehrt sagen, dass mir manche Kurzgeschichten etwas zu schwülstig ausgefallen sind. Den Vorwurf des Sexismus kann ich nach meinem Eindruck nicht bestätigen, wohl aber sind gerade die beiden Thomeg Atherion-Geschichten und Amir und die Piraten in ihrer Darstellung der Verbindung von Sexualität und Gewalt nicht gerade ein Lesevergnügen.

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