Rezension: Sinnestaumel und Begierde

Vorbemerkung: Das Crowdfunding zu Wege der Vereinigungen war abseits von allen kritischen Stimmen extrem erfolgreich, was unter anderem dazu geführt hat, dass gleich zwei Abenteuer-Anthologien von den Unterstützern finanziert wurden. Nachdem ich mich zuletzt Intrigenspiel & Leidenschaft gewidmet habe, folgt nun mit Sinnestaumel & Begierde die zweite Sammlung. Der entscheidende Unterschied liegt auf den ersten Blick in der Tatsache, dass hier neben zwei Gruppenabenteuern auch ein Soloabenteuer enthalten ist.

In Zahlen:

– 64 Seiten

– 3 Abenteuer (2 Gruppenabenteuer und ein Soloabenteuer mit 155 Abschnitten

– Preis: 14,95 Euro

– Erschienen am 1.8. 2018

I. Aufbau und Inhalt

Tatsächlich ist die Aufteilung etwas ungleich, nehmen die beiden Gruppenabenteuer doch zusammen nur die ersten 30 Seiten ein, während das Soloabenteuer mehr als die Hälfte des Bandes in Anspruch nimmt. Als Gemeinsamkeit ist in allen drei Fällen wiederum Belhanka der Schauplatz, womit sich häufig Verweise auf die entsprechende Spielhilfe in Kurtisanen & Bordelle finden.

Das Bordell der Geheimen Lüste

Erneut handelt es sich im Grunde um eine Detektivgeschichte, gilt es doch das Verschwinden einiger Prostituierter aufzuklären. Als zusätzliche Motivation wird zudem die Ausgangssituation vorgeschlagen, zu Beginn eine Figur als sympathische Bekanntschaft (oder gar Liebschaft) einzuführen, die später entführt wird, um das persönliche Engagement der Helden zu erhöhen. Die Recherchen führen in die Unterwelt Belhankas und schnell kann man feststellen, dass hier gegen die Gebote Rahjas verstoßen wird. Das Finale kann sogar als eine Art von Dungeoncrawl gespielt werden, wozu eine ausführliche Beschreibung des Ortes samt Karte enthalten ist.

Fest der Sinnlichkeit

Wie schon in der anderen Anthologie geht es auch hier um eine Wahl, allerdings dieses Mal um eine von Bedeutung für den gesamten Kontinent. Während des sogenannten Fest der Freuden wird alljährlich das neue Oberhaupt der Rahjakirche gewählt. In diesem Jahr muss eine Kandidatin unter besonderen Anfeindungen wegen ihrer Herkunft leiden. Offenbar gibt es hintergründige Kräfte, die die Wahl der al´anfanischen Geweihten Morisca Belaflores verhindern wollen. Die resolute Frau beschließt, sich nicht einschüchtern zu lassen und wirbt deshalb die Helden an. Diese sollen zweierlei Aufgaben erfüllen: Einerseits sollen sie als Leibwächter für Morisca fungieren, da die Gegenseite schon unter Beweis gestellt hat, dass sie auch vor körperlichen Übergriffen nicht zurückschreckt. Andererseits gilt es, Wahlkampf zu betreiben. Dazu müssen die Spielercharaktere u.a. ein Fest ausrichten, wozu man die geeignete Örtlichkeit anmieten muss und das passende Personal anheuern soll, um diese Festivität für die Gäste zu einem einmaligen Ereignis werden zu lassen. Genauso können Maßnahmen im Bereich der Werbung ergriffen werden, z.B. durch Annoncen in der Lokalzeitung oder durch Ausrufer. Hier gibt es ein Punktesystem, mit dem am Ende ausgewertet werden kann, ob der Erfolg so umfassend war, dass Moriscas Bewerbung erfolgreich war. Zuletzt gibt einige Szenen zur möglichen Handlungsentwicklung.

Auf der Jagd nach dem Schwertkönig

Hierbei handelt es sich im Gegensatz zu den beiden vorherigen Szenarien um ein Soloabenteuer (von Mháire Stritter und Nico Mendrek). Eine Besonderheit ist, dass als Spielercharaktere gleich zwei Figuren zur Verfügung stehen, die man durch das Abenteuer führen kann: Man kann sich nach der Schilderung der Eröffnungsszene, eines Empfangs im Rahmen des Festes der Freuden, entweder für die Rahjageweihte Yasmina oder den Sexualmagier Djidhe aus Fasar entscheiden. Letzterer bringt ein Geschenk seines Meisters Thomeg Atherion nach Belhanka, einen Olisbus mit dem verheißungsvollen Namen Schwertkönig, der durch seine magische Beschaffenheit besondere Befriedigung verspricht.

Allerdings – wie könnte es auch anders sein – kommt es zunächst zu keiner Übergabe des Schwertkönigs, wird er doch kurz nach der Ankunft Djidhes Leibwächter entwendet. Folgend entwickelt sich eine turbulente Recherche, in der man einige Spuren verfolgen kann, die zu mehreren Orten auf den Inseln Belhankas führen. Dabei ist hin und wieder Talenteinsatz gefragt, gekämpft wird allerdings nicht, da mehr Interaktion denn Konfrontation gefragt ist (natürlich kommt hier die erotische Komponente nicht zu kurz, kann man doch mit den meisten Figuren anbandeln). Das Finale ist stufig gestaltet, so dass im Resultat vom Scheitern über einen Achtungserfolg bis hin zum Triumph auf ganzer Linie alles erreichbar ist. Im Anhang finden sich die Spielwerte und Hintergrundinformationen zu beiden Spielfiguren.

II. Kritik

Gerade für die beiden Gruppenabenteuer gilt im Prinzip ähnliches wie für die andere Anthologie Intrigenspiel & Leidenschaft: Die Grundideen sind durchaus gelungen, allerdings mangelt es ein wenig an Platz, um eine hilfreiche Ausarbeitung zu bieten. So ist im Fall von Das Bordell der geheimen Lüste zunächst einmal Abwechslung vorhanden, kann es doch in einen kleinen Dungeoncrawl ausarten und nach den viele Rechercheaufgaben in den einzelnen Abenteuern wäre hier durch die Dämonen auch endlich die Stunde der Kämpfer gekommen. Die Figuren sind allerdings nur sehr knapp umrissen, genauso wie der Finalort im Aufbau eher unspektakulär ist. Gerade wenn man den Gegnern noch ein paar mehr Abwehrtaktiken spendieren würde, könnte man hier noch mehr Herausforderung schaffen.

Fest der Sinnlichkeit weist gewisse Parallelen zu Ein Spiel um Macht und Liebe auf, geht es doch zum zweiten Mal innerhalb der Anthologien um eine Wahl. Interessant ist hier vor allem der Anteil, in dem die Helden quasi als Wahlkampfmanager fungieren sollen, das regeltechnische Punktesystem ist gut mit Spielinhalten wie den Verhandlungen mit NSCs um Festlokalitäten oder andere Unterstützung verbunden und je nach Erfolg oder Misserfolg hat man damit echten Einfluss auf den offen gehaltenen Wahlausgang. Der Intrigenteil ist wiederum nach der ersten Begegnung mit Morisca nur sehr rudimentär ausgearbeitet, hier muss ein Spielleiter viel zusätzliche Arbeit investieren.

Reichlich Raum nimmt hingegen Auf der Jagd nach dem Schwertkönig ein, auch wenn es innerhalb der Historie der Soloabenteuer eines der Kürzeren ist. Allerdings ist die Handlung überschaubar konstruiert. Beispielsweise wird der reine Rechercheteil dadurch reduziert, dass eigentlich nur zwei Verdächtige angeboten werden, deren Spur zudem nicht allzu schwer zu verfolgen ist. Den finalen Clou mit den wirklichen Hintergründen um den gebundenen Geist finde ich aber durchaus gelungen. Ein spaßiges Highlight ist die Verfolgungsjagd, bei der man die richtigen Entscheidungen treffen muss, um der Diebin auf der Spur zu bleiben, garniert mit einigen witzigen Ideen. Ebenso durchdacht ist die Idee des stufigen Ausganges, je nach Erfolg und je nach moralischer Entscheidung ergibt sich ein anderes Ende mit einer anderen Zahl an Abenteuerpunkten.

Etwas irritierend wirkt die Option, mit fast jeder Kontaktperson Anbahnungsversuche starten zu können, wobei diese meist gar kein spielrelevantes Resultat erzeugen bzw. immer gleiche Auswirkungen haben und keinerlei Auswirkungen mit sich bringen. Ein abschließendes Gruppenerlebnis, das keinerlei inhaltliche Relevanz hat, setzt dem ein wenig die Krone auf. Hier merkt man deutlich, dass es sich (siehe die Erläuterungen von Mitautorin Mháire Stritter hier im Orkenspalter TV-Video) um nachträgliche Zufügungen handelt, die nicht so recht reinpassen und mit dem Holzhammer Regelanwendungen erzeugen sollen.

Die Auswahl der beiden Heldentypen mit verschiedenen Geschlechtern passt absolut zum Tenor der Gesamtpublikation, allerdings irritiert hier mehrfach, dass die Abschnitte nicht an die jeweilige Figur angepasst sind, auf diese Variante wird nur ausgesprochen selten zurückgegriffen. Ebenso gibt es nur wenige Stellen, an denen es eine wirkliche Rolle spielt, welche der beiden Figuren man führt (z.B. gibt es nur wenige Stellen, in denen Djidhe mit seiner Magie auf Szenen einwirken kann). Anders als bei den bisherigen DSA5-Soloabenteuern bleiben die Helden für meinen Geschmack etwas konturlos, hier würde mir etwas mehr Einblick in das Innenleben reizvoll erscheinen. Beispielsweise fragt sich Djidhe kaum, was der Diebstahl für eine Auswirkung auf seine Reputation bei seinem nicht gerade als nachsichtig bekannten Lehrmeister haben könnte.

III. Fazit

Sinnestaumel & Begierde verfügt über drei unterhaltsame Abenteuer, wobei vor allem die Gruppenabenteuer die eine oder andere zusätzliche Seite vertragen hätten können, weil gerade die Handlungsbeschreibung etwas kurz kommt, während in beiden Fällen die Grundidee gelungen ist (vor allem der Wahlkampf kann sicher am Spieltisch sehr spaßig ausgestaltet werden). Das Soloabenteuer Auf der Jagd nach dem Schwertkönig ist mein inhaltliches Highlight, auch wenn die Regelverwendungen teils etwas absurd wirken.

Bewertung: 4 von 6 Punkten

1 Kommentar

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