The next Tar Honak

Vorbemerkung: Es war einmal eine (Fantasy-Welt), in der wimmelte es nur so von großen und wichtigen Schurkengestalten: Da bedrohte der quasi wiederauferstandene Dämonenmeister Borbarad einen ganzen Kontinent, unterstützt von seinen Paladinen, den Magiern Galotta und Xeraan, dem untoten Drachen Rhazzazor, dem legendären Marschall Helme Haffax und dem wahnsinnigen Mechanikus Leonardo. Wie ich darauf komme? Der aktuelle Karneval der Rollenspielblogs im November (ausgerichtet von storiesandcharacters) hat das Oberthema Das Böse. Für mich natürlich ein Anlass über die Inkarnationen des Bösen in Aventurien ein paar Gedanken anzustellen, ist doch ein guter Antagonist das Salz in der (Story-)Suppe eines jeden Abenteuers. Und tatsächlich fällt meine Bestandsaufnahme im Vergleich zu vergangenen Zeiten eher dünn aus.

Die Anfangszeiten

Der Beginn der Spielwelt kennt tatsächlich noch keine Schurken, die für mehr als ein Abenteuer herhalten müssen und das gemeinsame ist, dass sie – dem alten Abenteuerdesign sei Dank – ein wenig wie Endgegner in einem Computerspiel wirkten, waren sie doch oft an einem festen Punkt verankert und warteten darauf, dort das finale Schwertfutter darzustellen, z.B. Murgol in Wald ohne Wiederkehr.

Einen Meilenstein stellt hingegen Die Verschwörung von Gareth dar, wird hier doch erstmals der gesamte Hochadel eingeführt und damit auch mit Answin von Rabenmund einer der bekanntesten und fähigsten Intriganten. Viel hat das auch mit der Idee des Metaplots zu tun, einer fortgeführten Geschichte für Aventurien, die es somit auch bedingt, dass viel langfristiger gedacht werden muss, große Helden und Schurken in das Weltengefüge eingebaut werden mussten, die über einen längeren Zeitraum als Antagonisten fungieren sollen.

Langjährige DSA-Spieler können hier sicherlich ohne großes Zögern viele unvergessliche Namen nennen: Neben Answin fallen mir das spontan der Schwarze Marschall Sadrak Whassoi und sein schamanischer Verbündeter Uigar Kai ein, ebenso der ehemalige Patriarch von Al´Anfa, Tar Honak, der allein ein ganzes Heer mattsetzen konnte. Ebenso denke ich natürlich an Liscom von Fasar, der Entfessler Borbarads oder der große Konkurrent während Phileassons Fahrt, Beorn der Blender. Und über allen thront natürlich eine übermächtige Figur wie Pardona.

Die goldenen Schurkenzeiten

Die absolute Hochzeit erinnerungswürdiger Antagonisten ist und bleibt natürlich die Phase ab der Rückkehr Borbarads mit den oben genannten NSCs (und vielen weiteren), als die Spielwelt insofern umgebaut wurde, als dass das Böse nicht mehr nur ein flüchtiges Problem wurde, das als Fehlentwicklung immer schnell von wackeren Helden getilgt wurde, sondern nun einen festen Raum bekam, nicht nur inhaltlich, sondern mit den Schwarzen Landen auch klar lokal verankert wurde. Auch der Fall des Initiators Borbarad änderte daran nicht, was sogar mit der Box Borbarads Erben manifestiert wurde. Das war für einige Jahre somit auch ein bestimmender Faktor der Spielwelt, verbunden auch mit einer neuen Erfahrung: Das Böse war nun kein temporäres Vorkommnis, sondern etwas, was den Helden auch echte Niederlagen zufügen konnte oder maximal Teil- bzw. Achtungserfolge zuließ.

Das Ende wurde erst mit der Splitterdämmerung wieder zurückgefahren, dafür aber drastisch: Fast hatte man den Eindruck, als sollten hier rigoros und restlos alle alten Zöpfe abgeschnitten werden, bekam man hier doch fast inflationär fast alle alten und teils über Jahrzehnte als Figuren gepflegte Charaktere in einem Abschlussabenteuer für den jeweiligen Heptarchen zum Abschuss freigegeben.

Das Heldenzeitalter

Natürlich war das auch dem Editionswechsel hin zu DSA5 geschuldet. Hintergedanke war sicherlich ein Abschluss möglichst vieler alter Storybögen, um wieder etwas mehr Übersichtlichkeit herzustellen und um die kommenden neuen Regionalspielhilfen wieder auf einen klar benennbaren Startpunkt zu setzen, von dem man aus quasi das nächste Jahrzehnt planen kann.

Zudem wurde ja gleichzeitig das neue Heldenzeitalter ausgerufen, in dem den aventurischen Helden die Rolle von Entscheidern in großen Konflikten zukommen soll, die bis in das Gefüge der aventurischen Götter hineinreichen sollen.

Und an dieser Stelle sehe ich aktuell noch sehr viele Fragezeichen, die auch damit zu tun haben, dass die vielen charismatischen und unverwechselbaren Antagonisten weitgehend ausgeschaltet wurden und ich im Prinzip kaum neue NSCs sehe, die an deren Stelle getreten sind. Wenn ich aktuelle Schurkenfiguren nennen sollte, so fallen mir zwar durchaus noch einige potente Figuren ein (Pardona, Aschepelz, Arngrimm von Ehrenstein, Leonardo, dessen vermutliche Ausschaltung ja vorerst ausgefallen ist, Torxes von Freigeist). Allerdings handelt es sich dabei quasi um die Übriggebliebenen, die den großen Kahlschlag bislang überlebt haben. Wirklich erinnerungswürdige neue Figuren mit echtem und dauerhaften Hasspotential fallen mir an dieser Stelle kaum ein.

Sicher hat das auch nachvollziehbare Gründe. Der Wunsch, mit der neuen Edition einen klaren Schnitt zu haben, ist verständlich, wenn auch etwas konstruiert, wenn urplötzlich in schnellster Reihenfolge all diejenigen in Borons Hallen eingehen, die bislang unverwüstlich erschienen. Und – auch wenn ich das an anderer Stelle selbst schon beklagt habe – ist es eben auch eine schwierige Entscheidung, ob man zu Beginn einer neuen Edition seinen Schwerpunkt auf die Regelentwicklung oder das Vorantreiben des Metaplots legt. Aus unterschiedlichen Gründen hat man sich für Ersteres entschieden und somit ist man nach drei Jahren erst jetzt an dem Punkt, an dem die Regelteile bis auf wenige Ausnahmen komplett erscheinen (an großen Bänden fehlen noch der bald erscheinende dritte Magieband und der zweite Band zum Götterwirken). Meine klare Hoffnung ist nun, dass mit einem nun hoffentlich verstärkten Fokus auf Regionalspielhilfen und den Metaplot nachhaltig auch solche Figuren geschaffen und gepflegt werden.

Ein paar zaghafte Ansätze waren ja durchaus auch schon zu sehen. Überraschenderweise sind dabei ausnahmsweise mal die Streitenden Königreiche besonders gelungen, ist doch mit Wendelmir eine ausgesprochen ambivalente und moralisch sehr fragwürdig orientierte Figur auf dem Thron platziert, im Hintergrund wird mit dem jungen Mehrer der Macht Melanor eine richtig spannende Figur aufgebaut. Allerdings ist seit dem Roman Mehre der Macht und der Regionalspielhilfe nebst Abenteuer auch schon wieder einige Zeit vergangen, ohne dass dort weitere Entwicklungen absehbar sind. Für die Havena-Stadtspielhilfe lassen sich auch dort einige Figuren mit Schurkenpotential finden, auch hier muss eben darauf geachtet werden, diese kontinuierlich zu nutzen.

Sehr wichtig wird natürlich auch das nächste Großereignis, weiterhin ist ja eine Kampagne zum kommenden Krieg zwischen Al´Anfa und dem Kemi-Reich angekündigt, die auch mit zwei intrigenbeladenen Romanen schon vorbereitet ist (aber seit fast einem Jahr auf ihren Startschuss wartet). Hier sind natürlich gerade unter den Grandenfamilien viele spannende altbekannte Gesichter dabei, wobei hoffentlich auch neue Formatschurken aufgebaut werden. Wichtig wäre mir allerdings, dass wirklich auch kampagnenübergreifende Gegenspieler verwendet werden, was im Rahmen der Theaterritter-Kampagne nur sehr eingeschränkt der Fall gewesen ist, der große Strippenzieher im Hintergrund hat mir dort eindeutig gefehlt, Figuren mit entsprechendem Potential wurden meiner Auffassung nach oft viel zu früh verheizt. Wenn schon nach so vielen Jahren endlich wieder ein neuer großflächiger Konflikt ausbricht, dann hätte ich auch gerne wieder eine solch charismatische Figur wie Tar Honak. Und natürlich wäre es sicher richtig, wenn diesmal darauf geachtet würde, sie nahbarer zu gestalten, nimmt man als (abschreckendes) Beispiel dessen Rolle in der Uralt-Kampagne Der Löwe und der Rabe.

Die Gesichter des Bösen

Die Möglichkeiten dazu sind ja mannigfaltig vorhanden, einen guten Schurken aufzubauen. Das Böse hat viele Gesichter und hier würde ich mich in allen Regionen und in allen Lebensbereichen wieder über mehr solcher Figuren freuen, die übergreifende Pläne verfolgen und öfter mal die Wege der Helden kreuzen. Besonders interessant sind beispielsweise diejenigen, die man auf den ersten Blick gar nicht als solche erkennt, die teils sogar als Auftraggeber der Helden fungieren. Oder im Endeffekt auch jene wie Haffax, die eine Wendung hin zur dunklen Seite vollziehen, nachdem sie lange Jahre ganz anders wahrgenommen wurden. Gerade Verräter haben ein besonders großes Hasspotential.

Modern sind ja die gebrochenen Figuren, deren Werdegang hin zum Antagonisten menschlich nachvollziehbar ist, durch tragische Ereignisse verursacht wurde, wobei mir hier vor allem Haffax Intimfeind Leomar vom Berg einfällt, der unglücklich zu seinem Verräterstatus gekommen ist.

Ich habe umgekehrt aber – wenn es gut gemacht ist – auch gar kein Problem mit Klischeefiguren. Auch der klassische Bond-Bösewicht mit irrwitziger Behausung und schier unbegrenzten Mittel bei der Umsetzung seiner wahnwitzigen Pläne, die fast ausschließlich von grenzenloser Gier bestimmt sind, kann unheimlich spaßig sein. Und solche Schurken verfügen neben ihren namenlosen Schergen auch immer über besonders befähigte Handlanger, die öfter persönlich die Wege der Helden kreuzen können. Für Beißer-artige Figuren hätte ich durchaus etwas übrig und auch solche Handlanger gibt es in der aventurischen Publikationsgeschichte genügend.

Fazit

Das kommende aventurische Heldenzeitalter verdient in Zukunft weit mehr Intensivierung durch größere und epischere Plots, als sie seit dem Editionswechsel bislang stattgefunden haben (sieht dazu auch diesen etwas älteren Artikel von mir). Aber Helden werden eben in der Regel auch vornehmlich durch Gegner auf Augenhöhe zu wirklichen Höchstleistungen befähigt. Dazu muss das Böse in Aventurien wider mehr Konturierung erhalten und neben vielen noch aktiven Schurkenfiguren auch eine neue Generation von Figuren mit entsprechendem Potential aufgebaut werden. Die hoffentlich jetzt kommende Fokussierung auf die inhaltliche Ausgestaltung sollte daher intensiv auch dazu genutzt werden.

5 Kommentare

  1. Sehr gute Analyse, die vollkommen ins Schwarze trifft. Ich vermisse sie auch, die Schurken der Vergangenheit – die großen wie die kleinen und ich stimme voll zu: Ohne die kontinuierliche Nutzung eines geschaffenen Antagonisten, wird dieser zur leblosen Randnotiz – ohne besonderes Aha, austauschbar und wenig tauglich für große Geschichten. Kein Gefühl von „nicht der schon wieder“.

    Zitat: „Zudem wurde ja gleichzeitig das neue Heldenzeitalter ausgerufen, in dem den aventurischen Helden die Rolle von Entscheidern in großen Konflikten zukommen soll, die bis in das Gefüge der aventurischen Götter hineinreichen sollen.“

    Hierin sehe ich nicht einen Teil des Problems. (Das sehe ich in den alten Zöpfen, die damit abgeschnitten werden sollten – wie du ja auch geschrieben hast.) Ich sehe darin auch eine Lösung. Wer sagt denn, dass die Heldenzeit nur solche Helden hervorbringt, die Praios‘ Ordnung und Rondras Ehr‘ hochhalten und dabei selbst Mütterchen Travia ein Lächeln beim Suppe kochen auf das Gesicht zaubern? Wenn man den Begriff „Held“ eher als „Champion eines Unsterblichen“ sieht, dann können solchen „Helden“ auch im Sinne Numinorus, Brazoraghs, Shinxirs, Bylmareshs, des Namenlosen, eines Erz- oder Freien Dämonen … agieren.

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    1. Vollkommen richtig, ich persönlich denke da oft sehr in traditionellen Grenzen von Gut und Böse. Bei konsequenter Fortführung des Gedankens des Götterkonfliktes können da solche Grenzen schnell verschwimmen oder völlig neue Bewertungen vorgenommen werden, wer zu welcher Seite zählt. Allerdings habe ich da noch Zweifel, ob das wirklich derart radikal umgesetzt wird.

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  2. Hallo Engor. Das ist eine sehr schöne Analyse, die gut auf den Punkt bringt, wo wir als Autoren wohl nochmal verstärkt ansetzen müssen. Und du hast natürlich recht; durch das „Abschneiden der Zöpfe“ ist erstmal viel Freiraum entstanden, der eigentlich nur durch wiederholtes Aufgreifen neu aufgebauter (und einiger alter) Schurken in Abenteuern etc. wieder gefüllt werden kann, damit irgendwann der Wiedererkennungswert eintritt. Ich nehme deine Gedanken dazu auf und werde mich bewusster bemühen – „er war stets bemüht“ 😉 – interessante Schurken in Aventurien einzuführen und aufzubauen. Gerade die „Champions“ anderer, alter und neuer Götter aufzugreifen ist denke ich ein interessanter Ansatz, wenn man an so ambivalente Gottheiten/Dämonen/wasdazwischen wie die von dir erwähnten denkt; da steckt viel Potential drin. Ich hoffe, die Nai Ashyrr mit ihrer Anführerin Dar’ylil im Norden waren schonmal ein passabler Ansatz (aber klar, noch zu neu, so dass sie erst noch bekannter werden und öfter thematisiert werden müssen etc.). Es ist halt ein Prozess, der einfach eine Weile dauert. Bei der kommenden Sternenträger-Kampagne habe ich den Weg gewählt, einen wie ich finde ziemlich finsteren und grundbösen Schurken aufzugreifen, der schon lange (erste Erwähnung glaube ich 2006) existiert, dessen Potential mMn hoch ist und der noch sehr unverbraucht ist (nur wenige Auftritte bisher). Neben der Einführung neuer Schurken sollte man sich ja immer mal auch die Frage stellen „was macht eigentlich…“ und bestehende, unverbrauchte ältere Setzungen aufgreifen. Also danke für den Artikel und die Denkansätze!

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    1. Lieber Dominic,
      danke für die Rückmeldung aus Autorensicht, finde es immer spannend, wie Fandiskurse bei den Schreibenden so aufgenommen werden. Sternenträger ist sicherlich ein Hoffnungsträger, auf den sich viele sehr freuen, wird es mutmaßlich doch epischer als im Durchschnitt zugehen. Zumindest spekuliere ich mal einfach so.
      Richtig ist natürlich auch der Ansatz, bestehende Figuren mehr zu nutzen. Bei der immensen Figurendichte Aventuriens gibt es sicherlich auch viele, deren Potential bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist und die einfach nur mehr Rampenlicht benötigen. Ich bin jedenfalls gespannt auf das kommende Jahr.

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  3. Ein sehr schöner Text. In meiner Schublade liegt schon lange eine Sammlung zu aventurischer Schurken von Format. DSA5 hat dazu bislang noch nichts beigetragen. An potentiellen Figuren mangelt es ja nicht. Allerdings müsste man dann mal statt dem fünften Regelband endlich mehr Abenteuer raus bringen.
    Sehr passend finde ich den Verweis auf die Heldenzeit. Wo sind die Champions von Giganten und anderen Völkern? Wer bedroht die Vorherrschaft der Menschen? Wer lässt gen Alveran stürmen?
    Wahnsinnspotential. Bislang noch überaus maues Angebot.

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