Rezension: Ketten für die Ewigkeit

Vorbemerkung: Zu einer DSA5-Regionalspielhilfe gehört natürlich auch ein entsprechendes Abenteuer. Die Anforderungen an ein solches Abenteuer sind im Prinzip relativ klar: Es soll einen gewissen Querschnitt durch die regionalen Begebenheiten (also in Sachen Örtlichkeiten, Mentalität, Kultur etc.) bieten. Dabei soll zudem eine enge Bindung an die Regionalspielhilfe selbst gegeben sein, sprich dort beschriebene Begebenheiten sollten hier direkt ihre Umsetzung erfahren. Dies soll für die Flusslande nun Ketten für die Ewigkeit von Jeanette Marsteller leisten. Im Falle der Spielhilfe selbst hatte ich einen durchaus ordentlichen Eindruck, allerdings mit dem Makel von vergleichsweise wenig konkreten Abenteueranregungen. Deshalb ist hier für mich vor allem relevant, ob es dem Band gelingt, genau solche Anregungen hervorzubringen.

In Zahlen:

– 48 Seiten

– Preis: 12,95 Euro

– erschienen am 13.12. 2018

I. Aufbau und Inhalt

Das Abenteuer beginnt nach einer kurzen Überblicksdarstellung relativ schnörkellos in Elenvina, wo die Helden in die Verfolgung einer Diebin verwickelt werden. Dazu ist eine Beschreibung des Kanzleiviertels nebst Karte enthalten. Gelingt es ihnen, das gestohlene Objekt, eine schwere Metallplatte, zurückzugewinnen, so erhalten sie von Reichskanzleirat Egtor von Ibenburg einen Auftrag: Die Platte beinhaltet einen alten zwergischen Vertrag, der zur Bindung eines alten Schreckens aus der Zeit der Magierkriege erfüllt werden muss, wobei aber die exakte Bedeutung des Inhalts sich noch nicht erschließt. Allerdings erscheint klar, dass die Vertragspartner vor vielen hundert Jahren ihre Pflichten nicht oder nur teilweise vollbracht haben. Und der aktuelle Sternenfall ist ein erkennbares Signal, dass die alte Bedrohung in naher Zukunft erwachen könnte, weshalb die Zeit plötzlich nach Jahrhundert drängt.

Egtor schickt die Helden daher auf eine Reise durch die Flusslande, um nähere Informationen über besagten Schrecken zu sammeln und um die im Vertrag namentlich erwähnten Personen ausfindig zu machen. Dummerweise existieren nur vage Angaben über Orte und Inhalte, so dass der Weg der Helden nun von Recherche zu Recherche führt. Dazu sind sie unter anderem an Bord eines Flussseglers unterwegs, suchen aber in der Folge auch diverse Ortschaften bis hin zu einer Zwergenbinge auf. Die Auseinandersetzungen mit ihren Gegenspielern finden dabei auf sehr unterschiedliche Weise statt: Meist gilt es, sie mit blanker Klinge zu bekämpfen, unter Umständen kann es aber auch zu einer Gerichtsverhandlung führen. Dabei ist zwar eine grundsätzliche Ereignisfolge vorgesehen, allerdings sind dabei viele Bereiche variabel gehalten, indem z.B. für den zentralen Antagonisten über den ganzen Band Hinweise zu seinem mutmaßlichen Vorgehen vorhanden sind, mit einer offenen Entwicklung, wann er aus der Handlung ausscheidet.

Neben unterschiedlichen Orten treffen die Helden aber auch auf einen bunten Querschnitt an typischen Figuren, von der korrekten Atmosphäre der Reichskanzlei zu den raubeinigen Flussschiffern bis hin zu missmutigen Erzzwergen und ausgesprochen gastfreundlichen Hügelzwergen.

In jedem Fall steuert das Abenteuer auf ein dramatisches Finale zu, in dem die Helden eine massive Bedrohung für die Region dauerhaft ausschalten können, wobei auch hier Angaben zu denkbaren Folgeszenarien eingebracht werden.

II. Figuren

Innerhalb des Abenteuers wird eine Geschichte erzählt, die zwar von großer Relevanz für die Region ist, aber wenig Aufmerksamkeit erhalten wird. Dementsprechend agieren die Helden nicht im ganz großen Rahmen der obersten Adelsschichten, womit Egtor die prominenteste Figur innerhalb des Geschehens ist. Immerhin kann es gelingen, ihn als wohlwollenden Unterstützer zu gewinnen, auch wenn sein Auftritt sich auf den Beginn der Handlung beschränkt. Auf der Reise sind es unterschiedliche Begegnungen, die prägend sind, z.B. wird es sicherlich einige Interaktionsmomente mit der Mannschaft des Flussseglers Prinz Imadil geben, der von Kapitänin Isfrid Fegentritt mit harter Hand geführt wird. Ebenso sind sicherlich die Begegnungen mit einer Reihe von Zwergen unterschiedlicher Herkunft prägend.

Zudem verfügt das Abenteuer über eine Folge von verschiedenen Antagonisten, wobei neben dem Drahtzieher im Hintergrund zunächst einige seiner wichtigen Handlanger die Helden konfrontieren werden. Wie schon zuvor angesprochen ist dabei relativ offen, wann und ob es den Helden gelingt, sich ihrer Gegner zu entledigen. Eine nicht unwichtige Rolle im Hintergrund spielt zudem das Vermächtnis des Schwarzmagiers Zulipan, dessen Wirken in der Vergangenheit ja auch erst der Auslöser für die aktuelle Handlung ist.

III. Kritik

Wie schon die bisherigen Begleitabenteuer zu den Regionalspielhilfen ist auch Ketten für die Ewigkeit vornehmlich ein Reiseabenteuer. Die Besonderheit der Spielhilfe ist letztlich die Teilung zwischen dem Kosch und den Nordmarken und zusätzlich zwischen den Erzzwergen und den Hügelzwergen. Dies alles in einem Band zur exemplarischen Darstellung der Region unterzukriegen, ist auf knapp 50 Seiten nicht einfach, zumindest wenn das ohne Brüche und natürlich wirkend transportiert werden soll.

Das gelingt in mancherlei Hinsicht gut: So ist die Handlung plausibel gestrickt, die Recherche nach dem Geheimnis des alten Vertrags und die Suche nach den erwähnten Familien gestalten die Rundreise nachvollziehbar und involviert die oben angesprochenen unterschiedlichen Personengruppen gleichermaßen. Allerdings ist es naturgemäß schwierig, die vielen Einzelepisoden ausführlich darzustellen. Insbesondere die Auseinandersetzung mit den Flusspiraten wird nur skizzenhaft ausgeführt, ebenso die meisten Handlungen der Gegenspieler und vor allem die Zwergenbinge. Umgekehrt ist dafür die Vernetzung mit der Spielhilfe sinnvoll gelungen, gerade die Städte Elenvina und Albenhus werden somit direkt genutzt, ebenso ergänzen die vielen Anmerkungen zu den Erz- und Hügelzwergen das Abenteuer gut.

Die Auseinandersetzung mit dem zentralen Antagonisten Cassius ist insofern gut ausgearbeitet, als dass man diesen zunächst nur als Drahtzieher im Hintergrund wahrnehmen kann, während man mit seinen Handlangern konfrontiert wird und dabei verspüren kann, dass finstere Mächte ebenfalls nach dem Geheimnis streben. Dass sich dahinter kein abgrundtief finsterer Schurke verbirgt, sondern eine ambivalente Figur, ist eine reizvolle Idee. Dazu passt auch, dass er auch insofern als kompetenter Gegenspieler konstruiert ist, als dass variabel angelegt ist, wie lange er im Spiel bleibt und in allen Handlungsabschnitten Verweise auf sein mögliches Wirken existieren. Die Möglichkeit, in Albenhus ein Gerichtsverfahren gegen ihn anzustrengen, ist ein ausgesprochen origineller Einfall, wenngleich für meinen Geschmack etwas wenig abenteuerlich.

Zur Ausgangsfrage nach Abenteuerlichkeit der Flusslande im Allgemeinen ist aber positiv hervorzuheben, dass das Abenteuer deutlich zeigt, dass auch in den auf den ersten Blick geordneten und etwas behäbigen Flusslanden allerlei für Helden zu tun ist. Der Bezug zu den alten Geheimnissen der Umgebung, z.B. den Hinterlassenschaften der Magierkriege, borbaradianische Umtriebe, die Unzugänglichkeit der Erzzwerge und Kämpfe mit Flusspiraten – all das unterstreicht, dass hier viel Potential vorhanden ist, das nur entsprechend genutzt werden muss. Umgekehrt wird gerade die typische Ordnung durchaus betont, sei es durch die Figur eines Bürokraten als Auftraggeber, einen Gerichtsprozess als Möglichkeit der Schurkenbekämpfung oder die gastfreundliche Zwergenfamilie. Gerade diese Kontraste passen auch zu den Flusslanden.

Da hier eine konkrete Folge des Sternenfalls thematisiert wird, ist dementsprechend auch eine Verbindung zum großen aventurischen Geschehen gegeben, was hier zusätzlich mit dem regionalen Metaplot vernetzt wird. Auch wenn es hier keine bahnbrechenden Ereignisse bzw. Erkenntnisse gibt, so ist es positiv, hier ein Fortschreiten zu erkennen.

IV. Fazit

Ketten für die Ewigkeit ist ein gutes Abenteuer, das die Besonderheiten der Flusslande gut unterstreicht, allerdings auch zeigt, dass die Region neben einer gewissen Behäbigkeit auch viel Potential für spannende Plots bietet. Die Handlung ist sehr linear gehalten und zeigt die Bandbreite an Land und Kultur, ohne dabei überfrachtet zu wirken. Trotzdem sind einige Handlungsteile etwas grob ausgearbeitet, wohingegen die Anbindung an die begleitende Regionalspielhilfe gut gelingt.

Bewertung: 5 von 6 Punkten

3 Kommentare

  1. Es ist immer wieder interessant zu sehen, welch unterschiedliche Wertungen sich aus den individuellen Sichtweisen und Perspektive ergeben.

    Ich persönlich hatte das Abenteuer gekauft, um es mit meiner Gruppe, die sich gerade auf Durchreise in den Flusslanden befindet, zu spielen. Ich habe nach dem Lesen aber davon abgesehen, da:
    – die Handlung an einem Ort beginnt, an dem man durch Zufall kaum glaubhaft gelangt (abgelegenes Kanzleiviertel von Elenvina)
    – der Plot im Kern unglaubhaft ist (gerade Erzzwerge „vergessen“ einen extrem bedeutsamen Vertrag nicht einfach)
    – das Finale daraus besteht, ein Monstrum, welches bereits (schlecht) gefesselt ist, noch einmal gut zu fesseln. Unepischer gehts kaum!
    – der Weg zum Finale mit uninspirierten Lückenfüllern gepflastert ist (u.a. zusammenhangsloser Piratenüberfall). Hier merkt man, dass der Autorin nichts Sinnvolles eingefallen ist, um den blutleeren Plot mit Abenteuer zu füllen.

    Vielleicht würden die Mankos am Spieltisch weniger auffallen, aber das Risiko war mir dann doch zu groß, gerade auch weil das Abenteuer bei unerwarteten Heldenreaktionen aufgrund seiner sehr linearen Handlung in sich zusammenfällt.

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    1. Genau das finde ich auch immer spannend, dass das ja oft wirklich eine Geschmacksfrage ist und man da manchmal genau gegensätzliche Meinungen hat und auch andere Perspektiven. Ich hab mir beispielsweise überhaupt keine Gedanken drüber gemacht, dass das Kanzleiviertel nicht unbedingt der beste Ort für einen Einstieg sein könnte. Genauso fand ich den Piratenüberfall nicht unmotiviert, aber zu grob eingearbeitet. Und gerade lineare Abenteuer sind ja oft sehr kontrovers.
      Auf jeden Fall vielen Dank für deine Rückmeldung!

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