Rezension: Rosentempel

Vorbemerkung: Fans der Game of Thrones-Romane sind in Sachen Wartezeit leidgeprüft, müssen sie doch schon seit vielen Jahren darauf warten, dass Mr. Martin endlich mit dem nächsten Band seines Epos rausrückt. Dahingegen muss man das Gespann Bernhard Hennen/Robert Corvus ausdrücklich loben, liefern die beiden doch quasi zuverlässig wie ein Uhrwerk im Halbjahresrhythmus den nächsten Wälzer ihrer Phileasson-Saga ab. Mit Rosentempel ist der siebte Roman und damit auch die zweite Hälfte der Saga erreicht, inhaltlich gehen die Ideen offensichtlich auch nicht aus, erreicht das vorliegende Werk doch über 700 Seiten. Sicherlich ist dies auch den über zwei Dutzend zentralen Charakteren geschuldet, die sich in beiden Mannschaften befinden und deren Entwicklung weiter vorangetrieben wird.

In Zahlen:

– 7. Band der Phileasson-Saga

– 736 Seiten

– Preis: 16,99 Euro

– Erschienen am 11.3. 2019

I. Aufbau und Inhalt

Erneut beginnt der Roman mit einem ausführlichen Prolog, in dem diesmal Galaynes Vergangenheit geschildert wird. Somit handelt es sich hier auch um den bislang größten zeitlichen Rückgriff, werden doch zum Teil Ereignisse berücksichtigt, die bereits fast 900 Jahre vor der Wettfahrt spielen. Zunächst wird Galaynes Verbannung aus dem Himmelsturm erläutert, was mit schmerzhaften Jahren der Gefangenschaft verbunden ist und einer anschließenden Phase des ziellosen Umherwanderns in ganz Aventurien, wobei unter anderem Gareth aber auch die gorische Wüste Stationen sind. Zuletzt wird als Bindeglied erzählt, wie es dazu kommen konnte, dass der Elf sich Beorns Mannschaft anschließen konnte, was mitnichten auf einem Zufall beruht.

Die folgende Haupthandlung trennt beide Mannschaften nach ihren gemeinsamen Erlebnissen im Sargassomeer. Die letzte Prophezeiung weist zwar eindeutig nach Fasar, allerdings wählen beide Kapitäne einen anderen Weg: Während Beorn sich für Zorgan als Endpunkt des Seewegs entscheidet, landet Phileasson in Khunchom. Für beide beginnt damit auch der endgültige Übergang der Reise hin auf das Festlands Südaventuriens. Somit ist dieser Handlungsabschnitt vor allem von der Reorganisation geprägt, müssen die nun nutzlosen Schiffe doch veräußert und neue Ausrüstungsgegenstände erworben werden. Zudem treffen sowohl Beorn als auch Phileasson trotz der eigentlich weit entfernten Heimat auf alte Bekannte. Zusätzlich müssen einige innere und äußere Konflikte aufgearbeitet werden: Galayne verspürt nach wie vor die Ablehnung der Ottajasko, bedingt durch den durch ihn verschuldeten Verlust der Silberflamme, während in Phileassons Mannschaft Tylstir unter dem Konflikt mit Zidaine mehr denn je leidet.

In Fasar angekommen versuchen beide Mannschaften nach der Person zu suchen, die in der sehr vage zu deutenden Prophezeiung genannt wird. Dabei verspüren sie die Besonderheit der ältesten Stadt des Kontinents, wird die Metropole doch nicht von einem einzigen Herrscher gelenkt, sondern von den sogenannten Erhabenen, einer illustren Gesellschaft aus Hochgeweihten, Magiern, Kaufleuten und Unterweltgestalten. Kein Geschäft kann innerhalb der Stadt ohne deren Zustimmung abgeschlossen werden, wobei die eher herb veranlagten Nordleute immer wieder anecken und in teils sehr riskante Geschehnisse hineingeraten. Hier verspüren sie auch zum ersten Mal, dass ihre Fahrt Resonanz erfährt, ist der Wettkampf doch allseits bekannt (wobei die Geschichten teils sehr aufgebauscht werden). Schnell kristallisiert sich heraus, dass Fasar allerdings nur eine Zwischenstation ist und der weitere Weg tief in die Khom hineinführen wird, weiterhin den Geheimnissen der uralten Hochelfen-Kultur folgend. Bevor es dazu kommt, müssen weitere Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, z.B. versuchen Phileassons Gefolgsleute nach wie vor ein Mittel gegen Galandels rapiden Alterungsprozess zu finden, während vor allem Praioslob und Mirandola Reittiere besorgen müssen, werden beide Mannschaften doch von einem der Erhabenen aufgefordert, an einem mehrtägigen Pferderennen teilzunehmen. In Beorns Mannschaft mutiert hingegen unerwarteterweise ausgerechnet Pardona zum Sorgenkind, leidet sie doch unter einer rätselhaften Schwäche, die sie trotz all ihrer Macht nicht aus eigenen Kräften überwinden kann.

Zuletzt werden die unterschiedlichen Reisegruppen mit der unerbittlichen Härte der Khom konfrontiert, wo sie ein weiteres Mal auf das Vermächtnis der Hochelfen stoßen. Erneut ergeben sich dabei Veränderungen in der Zusammensetzung, kommen doch jeweils neue Mannschaftsmitglieder hinzu, genauso wie es nach wie vor auch immer wieder tragische Verluste gibt.

II. Figuren

Wie in jedem Roman der Reihe verschieben sich die Schlaglichter: Neben den beiden Kapitänen, die diesmal einige sehr schwere Entscheidungen treffen müssen, rücken einige der anderen Figuren in den Mittelpunkt. Bei Beorn ist es vor allem Galayne, der nicht nur im Prolog im Vordergrund steht, sondern auch in der Handlungsgegenwart seinen Wert beweisen muss, um den Verlust der Silberflamme wettzumachen. Dabei fokussiert sich seine Sorge auf die leidende Pardona, die aufgrund ihrer Schwäche weit weniger dominant und im Gegenteil deutlich nahbarer agiert. Währen Leif und einige Mitglieder von dessen Ottajasko ja schon alte Bekannte sind, kommt mit der fähigen Reiterin Nazanin ein neues Mitglied hinzu.

In Phileassons Gruppe sind es vor allem die beiden besten Reiter Praioslob und Mirandola, deren Stunde geschlagen hat. Aber auch abseits davon werden die Gedanken und Motive beider Charaktere vertieft. Eine deutlich prominentere Bedeutung als zuvor nimmt zudem Ohm als engster Berater des Kapitäns ein, zumal sein alter Freund mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Als ortskundige Dolmetscherin und fähige Kämpferin stößt zudem die Ferkina Azrubat dazu, der vor allem imponiert, dass – anders als in ihrer Sippe – die Frauen in Phileassons Begleitung gleichberechtigt sind.

III. Kritik

Nach wie vor ist die Vorfreude bei mir jedes Mal hoch, wenn ich den neuesten Band der Saga in den Händen halte, immerhin ja auch jeweils nach einem halben Jahr des Wartens. Wenn eine Handlung es schafft, mich über den Zeitraum von mehreren Jahren weiter mitzunehmen, dann ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass die Autoren sehr vieles richtig machen.

Allerdings muss ich zugeben, dass Rosentempel mich in Sachen Haupthandlung mit zwiespältigen Eindrücken zurücklässt. Die Wettfahrt selbst wird nur sehr allmählich fortgesetzt: Gefühlt ewig dauert es bis zur Ankunft in Fasar, während in Zorgan bzw. Khunchom Nebenhandlungen dominieren und auch die Suche nach dem richtigen Propheten in Fasar wird nicht stringent thematisiert, sondern überlagert von Plots wie Galandels Alterung, der Vorstellung der neuen Mannschaftsmitglieder Nazanin bzw. Azrubat, dem Widerstreit der Erhabenen, Zidaines ungebremster Rachegier, einer alten Liebesgeschichte Phileassons etc. Das Vordringen in die Khom geschieht demzufolge erst sehr spät und die alte Hochelfenstadt Tie´Shianna mit all ihren uralten Geheimnissen wird quasi im Zeitraffer durchquert. Gerade an dieser Stelle hätte ich mir deutlich mehr Fokus gewünscht. Beispielsweise trifft Beorn auf die nach Jahrtausenden immer noch mit Leben erfüllten Überreste Kazaks, des Feldherrn des Goldenen, der die Truppen bei Tie´Shianna anführte, was aber nur wie ein touristisches Highlight im Vorbeigehen behandelt wird, ohne es für die Geschichte zu nutzen.

Allerdings muss ich diese Kritik gleichermaßen direkt wieder einschränken, denn all das macht aus Rosentempel aus meiner Sicht mitnichten einen schlechten Roman. Im Gegenteil, auch bei den weniger epischen Begebenheiten in Zorgan, Fasar und Khunchom wird man abwechslungsreich unterhalten. Das liegt vor allem an der kontinuierlichen Arbeit an den Charakteren, die sich nun ja bereits über sieben Romane zieht. Das Schicksal der Protagonisten lässt den Leser nicht kalt, hat man doch mit ihnen bereits viel durchlebt, kann ihre Zweifel, ihre Euphorie und ihre jeweilige Motivation nachvollziehen.

Und trotzdem brechen die Konstellationen immer wieder auf und es ergeben sich neue Wendungen: Mirandola beispielsweise rückt erstmals verstärkt in den Vordergrund und kann – genau wie Praioslob – endlich Großes zum Erfolg des Unternehmens beitragen. Bei Pardona überrascht hingegen die plötzliche Schwäche und Nahbarkeit der gottähnlichen Hochelfin, während sie sich in Totenmeer noch einmal von ihrer grausamen Seite zeigen durfte. Lediglich der Handlungsstrang um Zidaine wirkt auf mich zunehmend anstrengend, da ihr Charakter immer irrationaler wird und gerade ihr Zorn auf Praioslob sich mir in diesem Ausmaß nicht plausibel erschließt. Besonders überraschend ist dafür allerdings die Entwicklung Galaynes, der gefühlt erstmals menschliche Züge erhält und das trotz seiner vampirischen Natur, mit der er aber seit der Verbannung aus dem Himmelsturm fast schon rücksichtsvoll umgeht, wie seine Vorgeschichte verrät. Zudem kristallisiert sich immer stärker der Wunsch nach mehr Bindung zu seiner Außenwelt heraus.

Interessant wirkt auf mich nach wie vor der Umstand, dass es den Autoren immer mehr gelingt, die Sympathien für beide Mannschaften im Gleichgewicht zu halten, was in den ersten beiden Romanen noch eine klare Polarisierung zwischen Gut (=Phileasson) und Böse (=Beorn) voraussetzte. Nach wie vor agieren die Mannschaften deutlich unterscheidbar: Beorn ist moralisch flexibler, lässt sich diesmal sogar als Mörder anwerben, was aufgrund der Natur des Opfers aber moralisch vertretbar erscheint, ebenso sorgen Winkelzüge für eine Sabotage an Phileassons Mannschaft. Dafür müssen Beorn und seine Reckinnen und Recken in der Wüste mehr leiden. Immer noch wirkt Beorn Truppe zudem robuster und packt ihre Probleme oft handfester an.

Phileasson geht die Dinge hingegen merklich überlegter an, aber auch mit deutlich mehr Abenteuerlust und weniger Angst vor dem Unbekannten. Hin und wieder sorgt das Zaudern aber auch beim Leser für etwas Unverständnis, wenn extrem häufig Umwege genommen werden. Dass Beorns Mannschaft in diesem siebten Roman stark anwächst und bislang mehr Erfolge bei den Aufgaben hatte, rückt die Ottajasko Foggwulfs mehr und mehr in die Rolle des unterschätzten Außenseiters, allerdings mit dem Vorteil des deutlich empathischeren Vorgehens. Weiterhin gibt es außerdem eine spannungsfördernde Ungewissheit, was das Schicksal der Figuren betrifft, kommt das Ausscheiden einiger Charaktere doch ausgesprochen überraschend.

IV. Fazit

Rosentempel führt vor allem die Charakterentwicklung gelungen fort, indem auch altbekannte Charaktere immer wieder neue Facetten aufzeigen können, was insbesondere der gute Prolog am Beispiel Galaynes demonstriert. Generell bietet die Figurendichte jede Menge Potential für Nebenplots, die teilweise seit mehreren Bänden konsequent verfolgt werden und den Leser mehr an die einzelnen Charaktere binden. Was die Haupthandlung der Wettfahrt betrifft, würde ich mir allerdings wieder deutlich mehr Fokus wünschen, um gerade den epischen Geschehnissen den verdienten Raum zu gewähren. Dies wirkt im vorliegenden Band fast ein wenig in den Hintergrund gedrängt, vor allem was das Vordringen in die Khom betrifft, wovon lange viel geredet wird, was in der Umsetzung dann aber vergleichsweise knapp ausfällt.

2 Kommentare

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