Rezension: In den Nebeln Havenas

Vorbemerkung: Irgendwie scheint in den letzten Monaten die Zeit etwas schneller als sonst verflossen zu sein, habe ich es doch nicht geschafft, meinen Stapel mit noch nicht rezensierten Exemplaren rechtzeitig zu verkleinern, bevor etwas Neues reingekommen ist. Schon länger hatte ich mir unter anderem die Lektüre von In den Nebeln Havenas vorgenommen, schließt der Roman von Daniel Jödemann doch direkt an das von ihm mitverfasste Abenteuer Schrecken aus der Tiefe an. Da es sich allerdings genau genommen um eine Neuauflage der Erstauflage von 2007 handelt, kommt es auf eine kleine Verzögerung ja im Prinzip nicht unbedingt an. Gespannt war ich vor allem deshalb auch auf den Roman, weil er das Bindeglied zwischen den beiden Abenteuern Schrecken aus der Tiefe und Nebelschwaden aus dem Aventurischen Jahrbuch 1035 darstellt, die ich beide als gelungen empfunden habe.

In Zahlen:

– 350 Seiten

– 3 Erzählfiguren

– Preis: 14,95 Euro

– erschienen am 25.10. 2018 (als Neuauflage im Havena-Crowdfunding)

I. Aufbau und Inhalt

In den Nebeln Havenas stellt gleich drei Protagonisten in den Mittelpunkt, die abwechselnd die Erzählfiguren in den einzelnen Kapiteln repräsentieren und sich in der Regel wechselseitig ergänzen. Dabei handelt es sich um die Magierin Caibre Arnstätter, den Efferdgeweihten Mero Cervoletha und die Händlerin Vilai ni Vecushmar. Allein drei gemeinsam ist dabei eine große Unsicherheit in der Bewältigung ihrer aktuellen Lebenssituation.

Mero nimmt die Perspektive des Ortsfremden ein, kommt er doch gerade erst aus Bethana in Havena an. Für ihn bestimmend ist eine Glaubenskrise, da er nicht mehr davon überzeugt ist, dass er als Geweihter des Efferd wirklich Erfüllung findet. Dementsprechend sucht er in Havena neue Orientierung, wo der Meeresgott eine besonders intensive Verehrung erfährt. Seine Schwierigkeiten kann er dort mit promienten Vertretern seiner Kirche wie Larona Seeträumerin und Graustein erörtern, die er gezielt aufsucht.

Caibre ist Havena doch gleichzeitig fremd und urvertraut. Zwar stammt sie aus der Stadt und hat auch dort Familie, allerdings muss sie seit ihrer Kindheit mit dem „Fluch“ der Magiebegabung leben, was in Havena besonders kritisch betrachtet wird. Dementsprechend hat sie ihre Familie schon jungen Jahren verlassen müssen, um in Nostria eine Magierausbildung zu erhalten. Nach erfolgreichem Abschluss entschließt sie sich allerdings, in ihre Heimat zurückzukehren. Begleitet wird sie dabei von dem jungen Alrikas, der durch einen einjährigen Aufenthalt in einer Stadt das Joch seiner Leibeigenschaft ablegen will.

Die Händlerin Vilai hingegen muss nach dem verfrühten (und gewaltsamen) Ableben ihrer Eltern schmerzlich erfahren, wie schwer es ist, sich als junge Kontorleiterin zu beweisen, befindet sich ihr Handelshaus doch auf dem absteigenden Ast, indem viele langjährige Geschäftspartner ihr keine erfolgreiche Weiterführung der Geschäfte ihrer Eltern zutrauen.

Schnell kreuzen sich vor allem die Wege von Mero und Caibre. Mero wird mit dunklen Prophezeiungen konfrontiert, die schon in den nächsten Tagen eine neuen Flut ankündigen, nachdem sich – wie schon bei der ersten derartigen Katastrophe vor Jahrhunderten – Havena von den Zentralmacht des Mittelreichs losgesagt hat. Durch die Konsultation verschiedener Personen (u.a. Graustein und sogar der legendären Lata) versucht er herauszufinden, wie sich die Ereignisse stoppen lassen bzw. ob es sich vielleicht doch nur um Hirngespinste handelt.

Caibre hingegen befindet sich auf der Suche nach Alrikas, der zügig nach der gemeinsamen Ankunft verschwindet. Dabei zeichnet sich ab, dass er entführt wurde und ihm das gleiche Schicksal droht, wie einigen anderen Verschwundenen, die später ermordet aufgefunden wurden. Eine Begegnung mit Mero führt sie zu der Erkenntnis, dass zwischen ihren beiden selbstgewählten Missionen eine Schnittmenge besteht. Bei ihrer Recherche müssen sie viele der bekannten Örtlichkeiten Havenas aufsuchen, nicht zuletzt die berüchtigte Unterstadt.

Vilai zuletzt gerät in immer größere Schwierigkeiten, kommt doch plötzlich zu der schlechten Auftragslage ein schwerwiegender Vorwurf hinzu, wird sie doch vor dem Ältestenrat der Stadt eines der schlimmsten Verbrechen bezichtigt, das in Havena vorstellbar ist: dem sogenannten Neckerschmuggel. Gelingt es ihr nicht, den Vorwurf zu entkräften, ist der Verlust des elterlichen Handelshauses unabwendbar.

II. Kritik

Zunächst ist augenfällig, dass Daniel Jödemann selbst viel zur Beschreibung Havenas beigetragen hat: Die Atmosphäre der Stadt wird ausgesprochen stimmig transportiert, während man sich als Leser mit den Protagonisten durch die Stadt bewegt: So wird das zwielichte Orkendorf beinahe zur lebensgefährlichen Falle für Mero und Caibre, was natürlich im gleichen Maße für den fast unvermeidlichen Besuch in der Unterstadt gilt, die voll alter Geheimnisse steckt. Der Ältestenrat hingegen zeigt eine städtische Oberschicht, deren Mitglieder sich offenbar hinter einer Maske falscher Höflichkeit einen knallharten Machtkampf liefern, in dem ein Verlust der eigenen Reputation das Aus im Mächtequartett bedeutet. Im alten Tempel von Havena offenbart sich hingegen das Mystische der Meeresstadt, werden dort doch die religiösen Werte und Gegenstände bewahrt und kann man dort mit Lata sogar ein Wesen antreffen, das vom Meeresgott selbst dorthin berufen wurde.

Ein etwas zweischneidiges Schwert ist der Handlungsstrang um Caibres Magiebegabung, die zu einer fast vollkommenen Entfremdung von ihrer Familie geführt hat. Einerseits ist das ein von Beginn an bestimmender Teil des Settings und sorgt hier für eine beklemmende Atmosphäre, wenn die Verwandten zusammensitzen und sich eigentlich nichts zu sagen haben. Andererseits lässt es Havena in diesem Aspekt immer unheimlich rückständig wirken, hier noch verstärkt durch den Umstand, dass selbst das als verschlafen geltende Nostria die Magierin offener empfangen hat.

Die Haupthandlung um Entführung und Verschwörung entwickelt sich zwar anfangs gemächlich, sorgt aber für eine spannende Zuspitzung hin zum Finale. Allerdings ist es besonders der Handlungsstrang um Mero, der auch mich eher bremsend wirkt, ist doch die Grundlage für seine Zweifel eher diffus, ebenso ist sein Beitrag zum glücklichen Ende vergleichsweise überschaubar, ist es doch im Regelfall Caibres Zauberkraft, die Probleme löst. Umgekehrt nimmt er den Leser stellvertretend als Ortsunkundiger mit, hat er doch die Perspektive des Fremden, dem die lokalen Zustände erläutert werden müssen. Das Finale ist zudem recht konventionell, endet doch gefühlt jede zweite Abenteuerepisode mit dem Hereinplatzen heroischer Retter in eine Opferzeremonie von Anhängern dunkler Meereswesen.

Den reizvollsten Part nimmt hingegen Vilai ein, die über eine sehr ambivalente Persönlichkeit verfügt. Zum einen erahnt man dunkle Flecken in ihrer Vergangenheit, was auch durch ihr teils irrationales Verhalten verstärkt wird. Zum anderen blendet man dies aber teilweise aus, wenn ein intriganter Widerling sie mit aller Macht aus ihrem Geschäft drängen will, ohne zu ahnen, dass sie bei weitem nicht so schwach und überfordert ist, wie sie auf den ersten Blick in nach außen wirkt.

Gut gefällt mir auch der Ansatz, einen Roman als Bindeglied für Abenteuer zu verwenden, indem dort die lebendige Geschichte bzw. der lokale Metaplot weitergesponnen wird. Hierbei ist es möglich, den Figuren mehr Profil zu verleihen, ohne umgekehrt im Rahmen eines Abenteuers den Spielercharakteren das Rampenlicht zu nehmen.

III. Fazit

In den Nebeln Havenas ist ein unterhaltsamer Roman mit drei sehr unterschiedlichen Protagonisten, der viel von der Atmosphäre Havenas transportiert. Die Geschichte ist stellenweise eher konventionell ausgefallen, allerdings ist besonders der Handlungsstrang um die Händlerin Vilai sehr wendungsreich und unterhaltsam ausgefallen und stellt ein gutes Bindeglied zwischen den dazugehörigen Abenteuern dar.

3 Kommentare

  1. Eine schöne Rezension! Beim lesen ist mir auch wieder eingefallen was mir sehr gut an dem Buch gefallen hat. Nämlich die Einbindung der Zauber von Caibre, die ja allesamt eher keine klassischen Kampfzauber sind, aber sehr intelligent eingesetzt wurden. Kann man wunderbar als Tipp fürs Spiel nehmen.

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