Rezension: Das Mädchen und der Menschenfresser

Vorbemerkung: Kaum habe ich meine längere Rezensionsphase von Das Geheimnis des Drachenritters beendet, schon holt mich die Einsteigerbox bereits wieder ein: Das neue Heldenwerk Das Mädchen und der Menschenfresser von Nathan Fürstenberg schließt an die dort enthaltenen Abenteuer an, spielt es doch in der Grafschaft Heldentrutz bzw. dem Dorf Düsterrode, so dass dort Orte und Figuren vorhanden sind, die bereits bekannt sind. Das Szenario ist explizit so gestaltet, dass es auch nur mit den Regeln aus der Einsteigerbox gespielt werden kann, es ist aber genau nach „normalen“ Regeln spielbar.

In Zahlen:

– Heldenwerk Nr. 24

– 15 Seiten

– Erschienen am 12.6. 2019

I. Aufbau und Inhalt

Ein Teil des Abenteuers geschieht vor dem Eintreffen der Helden, stellt also die Vorgeschichte dar. Hierbei geht es um einen Oger, der die Umgebung Düsterrodes tyrannisiert und bereits mehrere Menschen auf dem Gewissen hat. Aus diesem Grund finden die Spielercharaktere das Dorf auch in einer gewissen Alarmbereitschaft vor. Eine nicht unberechtigte Maßnahme, wie sich kurze Zeit später erweist, als ein junges Mädchen verschwindet. Schnell verdichten sich die Hinweise, dass es dem Oger in die Hände gefallen ist. Die verzweifelten Eltern bitten die Helden darum, sich aufzumachen und ihre Tochter zu finden.

Dem schließt sich ein Wildnisteil an, in dem mehrere unterschiedliche Wege ausgewählt werden können, die jeweils andere Gefahren für Reisende aufweisen. Sowohl der Weg als auch das anschließende Finale können durch vorherige Aktionen der Spieler beeinflusst werden, dabei schwerer oder leichter werden, z.B. indem man sich mit bestimmten Gegnern zuvor auseinandergesetzt hat oder nicht.

Für das Dorf Düsterrode ist für Nicht-Besitzer der Einsteigerbox noch eine kurze Ortsbeschreibung enthalten, in der neben den Gebäuden auch die wichtigsten Einwohner vorgestellt werden, zudem ist eine Kartenansicht des Ortes vorhanden. Auffällig sind zudem die vielen Infokästen, die sich wieder an Einsteiger richten und zusätzliche Hilfestellungen bieten, z.B. wie man die Bodenpläne und Figurenmarker aus der Einsteigerbox hier verwenden kann.

II. Figuren

Auch wenn im Heldenwerk naturgemäß wenig Raum für Figuren ist, kann man doch einige NSCs aus den Abenteuern der Einsteigerbox wiedertreffen, natürlich vor allem die Bewohner Düsterrodes um den Dorfvorsteher Falber. Je nach Einstieg ist zudem ein Auftrag durch die Gardehauptfrau Erlgard Hohenwald oder den Vogt Tiro Gernbach von Reichsend denkbar. Als Antagonisten fungieren dieses Mal vor allem Exoten wie Orks oder Oger, mit denen allzu viel Interaktion im Sinne von ausgeprägter Kommunikation kaum stattfinden dürfte, sie sind in erster Linie Schwertfutter.

III. Kritik

Erkennbar bleibt das kleine Abenteuer den Prämissen der Einsteigerbox treu: Die Geschehnisse sind der gradlinig gehalten, die einzelnen Etappen bis zum Finale ergeben sich relativ logisch, für den Fall dass zwischendurch Probleme auftauchen, gibt es Hilfestellungen, z.B. kann ein Jäger aus dem Ort die Helden auf die Spuren des Mädchens hinweisen, falls sie an den entsprechenden Proben scheitern oder einen anderen Ansatz verfolgen.

Der Einstieg ist wenig beeinflussbar, da das Verschwinden des Mädchens in Abwesenheit der Spielercharaktere stattfindet und erst später entdeckt wird. Auch der Verweis auf den Oger und dessen Höhle folgt automatisch, ohne dass eine umfangreiche Recherche notwendig ist, lediglich die Wegstecke kann selbst bestimmt werden. Dafür gefällt mir gut, dass hier – passend zur Lernkurve der Einsteigerbox – mehrere Handlungen direkte Konsequenzen im späteren Verlauf haben, vor allem wie man sich gegenüber einem verletzten Wolf verhält oder ob man bei einer Begegnung mit einer Orkbande die direkte Konfrontation sucht oder ob man eine eher phexische Lösung gesucht hat. Die richtige oder falsche Wahl kann zu einem anderen Zeitpunkt die Mission erschweren oder auch deutlich erleichtern.

Insgesamt präsentiert sich das Szenario allerdings eher bodenständig, die Grundgeschichte des Menschenfressers und des unschuldigen Kindes hat fast etwas Märchenhaftes, mit Spinnen, Wölfen und Orks wird zudem das Standardrepertoire an Gegnern eines Wildnisabenteuers aufgerufen. Der finale Gegner verfügt über keine besonderen Ressourcen (außer einer stattlichen Sammlung an Keulen!), allerdings stellt ein ausgewachsener (und in diesem Fall auch noch kampferfahrener) Oger für eine Einsteigergruppe durchaus eine beträchtliche Herausforderung dar, zumal im schlechtesten Falle weitere Feinde auftauchen können. Da ja zudem ungewiss ist, ob das Mädchen noch lebt oder bald einen furchtbaren Tod durch den Menschenfresser erleiden muss, ist diesmal sogar ein nicht unbeträchtlicher Zeitdruck vorhanden (der allerdings in den Bedingungen des Abenteuers keine Rolle spielt, der Faktor Zeit ist bei der Wahl des Weges zum Finalort nur dafür relevant, wo man den Oger antrifft). Die Interaktion mit den Bewohnern Düsterrodes ist insofern etwas diffiziler als zuvor, als dass es im schlechtesten Fall zu einer handfesten Konfrontation kommen kann und somit auch diplomatisches Geschick gefragt sein kann. Dass es drei Wege zum Finalort gibt, die alle ein anderes Hindernis beinhalten, ist grundsätzlich eine nette Variable, allerdings ist für die Ausschmückung leider wenig mehr Platz als nur für eine kurze Beschreibung, ein paar Probenabfragen und Gegnerwerte.

Der Gedanke, die Einsteigerbox mit ihren reduzierten Regeln weiternutzen zu können, gefällt mir wirklich gut, steht sie somit ja nicht mehr als isoliertes Produkt dar. Allerdings stellt sich mir die grundsätzliche Frage, ob ein Heldenwerk, das im Regelfall von den Abonnenten des Aventurischen Boten wahrgenommen wird, die richtige Platzierung darstellt, erreicht das Werk ja somit eher Spieler, die schon lange mit der Spielwelt und den Regeln vertraut sind und die hier schlichtweg relativ wenig gefordert werden. Vielleicht wäre eine kleine Abenteuersammlung in Zukunft ein noch geeigneter Weg, bei dem man die Verbindung zur Box auch nach außen hin besser darstellen kann. Andererseits ist sicherlich der Faktor der Bewerbung der Einsteigerbox auch bei erfahreneren Spielern sicher ein gewollter Effekt bei einer so zeitnahen Veröffentlichung von Box und passendem Heldenwerk. Positiv ist allerdings anzumerken, dass in Sachen Regeln beide Spielertypen berücksichtigt wurden, indem auch komplexere Regelvarianten erwähnt werden, die aber für reine Nutzer der Einsteigerbox ausgeklammert werden.

IV. Fazit

Das Mädchen und der Menschenfresser ist für erfahrene Spieler ein sehr konventionelles und bodenständiges Abenteuer mit einer netten Geschichte, allerdings ohne allzu große Herausforderungen. Seine echte Wirkung kann das Heldenwerk allerdings in Kombination mit der Einsteigerbox entfalten, indem „Neuaventurier“ hier spannendes neues Material erhalten, das sich sehr gut in die Abenteuer der Box einfügt und auch in Sachen Lernkurve ein paar neue Facetten hinzufügt.

Bewertung: 4 von 6 Punkten (echte Einsteiger mögen getrost einen Punkt hinzufügen)

1 Kommentar

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