Rezension: Kann nicht lesen, kann nicht schreiben, aber will Baronin werden

Vorbemerkung: Für viele von uns ist DSA ein Hobby, das nicht zuletzt auch viel mit Nostalgie zu tun hat. Nicht nur die (aventurische) Gegenwart ist dabei interessant, hin und wieder verliert man sich in die Jugenderinnerungen und die Anfangszeiten. Hier im Blog bringe ich das durch die gelegentlichen Retro-Checks zum Ausdruck, wobei ich immer wieder feststellen kann, dass den alten Abenteuern und Romanen oft immer noch ein gewisser Zauber innewohnt und nicht selten bedauert man es, dass die Autorin/der Autor aus den verschiedensten Gründen nicht mehr für DSA schreibt. Umso mehr habe ich aufgemerkt, als ich bei meinem hochgeschätzten Bloggerkollegen Kai Frerich von Vier Helden und ein Schelm lesen durfte, dass (offenbar durch seinen Kontakt zu ihr motiviert) Ina Kramer, eine der Gründerinnen von Aventurien, eine neue Kurzgeschichte mit dem Titel Kann nicht lesen, kann nicht schreiben, aber will Baronin werden im Scriptorium veröffentlicht hat. Selbstredend, dass ich hier natürlich umgehend einen Blick hineingeworfen habe.

I. Inhalt und Aufbau

Als Erzähler der 69seitigen Kurzgeschichte fungiert der Pelzhändler Stover Semmelgelb, der allerdings nicht seine eigenen Erlebnisse schildert, sondern die seines Großvaters Grorben, wobei er sich auf dessen Aufzeichnungen bezieht. Allerdings handelt es sich dabei um keine umfassende Widergabe seiner Biografie, vielmehr konzentriert sich Stover auf eine ganz bestimmte Episode in Grorbens Leben.

Nachdem dieser sich mit einer untergeordneten Position als 7. Schreiber in Diensten des Handelsherren Stoerrebrandt nicht arrangieren kann, verdingt er sich als Marktschreiber, eine Aufgabe, mit der er halbwegs über die Runden kommt, ohne allerdings allzu viel Vermögen ansparen zu können. Einschneidend ändert sich Grorbens Lebenssituation allerdings, als eines Tages die junge Dotlind seinen Schreibstand aufsucht und ihn um seine Hilfe bittet: Das Mädchen ist eigentlich eine Leibeigene, die aus ihrem Dorf geflohen ist. Wie viele andere will sie sich den Umstand zunutze machen, dass nach einem Jahr und einem Tag des ununterbrochenen Aufenthalts in einer Stadt ihr unfreier Zustand erlischt. Allerdings wähnt sie sich von Häschern ihres Herrn verfolgt und sucht daher Schutz, auch nachdem sie zuvor nicht immer die besten Erfahrungen mit der Hilfsbereitschaft ihrer Mitmenschen gemacht hat. Grorben nimmt sich ihrer an, wobei seine Motive oft unklar erscheinen, ob er nun aus reiner Nächstenliebe handelt oder ob die Schönheit des Mädchens der ausschlaggebende Faktor ist. Schnell zeigt sich, dass in Dotlind verborgene Talente schlummern, womit sie Grorben einige Überraschungen bietet, was nicht zuletzt in den titelgebenden Wunsch mündet, Baronin zu werden.

II. Kritik

Ich habe tatsächlich vor sehr langer Zeit das letzte Mal einen Roman von Ina Kramer in Händen gehalten, allerdings ist mir vor allem ihr einziges Abenteuer Der Zorn des Bären in positiver Erinnerung geblieben, gerade auch, weil es eine besondere Atmosphäre kreiert, in der einem auch ohne epische Handlung die Bewohner einer kleinen Dorfgemeinschaft sehr ans Herz wachsen.

Genau dieselbe Empathie erzeugt meinem Empfinden nach auch Kann nicht lesen, kann nicht schreiben, will aber Baronin werden (nebenbei ein extrem gut gewählter, weil enorm einprägsamer und aussagekräftiger Titel). Die beiden zentralen Figuren Dotlind und Grorben sind sehr gut gezeichnet, wobei sie zunächst als sprichwörtliche naive Unschuld vom Lande erscheint (aber mehr und mehr Talent und Entschlussfreudigkeit demonstriert) und er mit seinen zweifelhaften Motiven für den Leser etwas undurchsichtig erscheint, weshalb man nicht sicher ist, ob er sie nur für eine Liebelei ausnutzen will oder ob er ihr wirklich ganz uneigennützig helfen will.

Innerhalb der Geschichte herrscht ein eher ruhiger Erzählstil vor, einerseits verursacht durch die rückblickenden Schilderungen Stovers, andererseits aber auch durch die Handlung, die auf epische Höhepunkte verzichtet, sondern sich eben sehr auf das Schicksal der Figuren konzentriert. Dabei sind die Entwicklungen nicht immer gerade, sowohl für Grorben als auch für Dotlind gibt es durchaus tragische Momente, was aber innerhalb der Handlung konsequent erscheint.

Vor allem aber verspürt man eine zutiefst bornische Atmosphäre, indem Ina Kramer einerseits das einfache Leben in Grorbens Schreibladen sehr anschaulich schildert, wie dieser mit einfachen Plänen in der Stadt vorankommen will und andererseits auch ein kurzer Blick auf das kontrastreiche Leben der sogenannten Pfeffersäcke geworfen wird, wenn Dotlind bei niemand Geringerem als der Familie Stoerrebrandt persönlich als Zofe arbeitet. Gleiches wird auch durch ihren Aufstieg verkörpert, indem sie von der flüchtigen Leibeigenen, der eine harte Strafe droht, zur Anwärterin auf das verantwortungsvolle Amt einer mittelreichischen Baronin mutiert.

Tatsächlich wirkt die Geschichte im besten Sinne altmodisch, erinnert an frühe Erzählungen aus dem Bornland z.B. an das eben schon genannte Abenteuer oder auch an Ulrich Kiesows Roman Das zerbrochene Rad. Natürlich wird dies auch durch den Rückgriff auf eine Handlungszeit während Hals Herrschaft erreicht und durch lang vertraute Figuren wie die Familie Stoerrebrandt, deren Oberhaupt für Generationen von Helden beliebter Auftraggeber gewesen ist. Die Vertrautheit mit der Hauptfigur erklärt sich auch durch den Umstand, dass Dotlind tatsächlich ein Briefspielcharakter von Ina Kramer war (wie das Nachwort verrät), wobei sich hier die Symphatie der Autorin für den Charakter keineswegs als hinderlich erweist.

Ohnehin freut es mich sehr, dass Ina Kramer nach so vielen Jahren einen neuen Beitrag zu Aventurien geschaffen hat und trotz der langen „Auszeit“ immer noch ein klares Gespür dafür beweist, was diese Welt ausmacht. Ich würde mich tatsächlich sehr freuen, wenn weitere Geschichten folgen würden, die nebenbei bemerkt durchaus auch eine Printversion verdient hätten.

III. Fazit

Kann nicht lesen, kann nicht schreiben, aber will Baronin werden ist eine wunderschön altmodische Kurzgeschichte mit zwei sehr interessanten und gleichermaßen unterschiedlichen Hauptfiguren, die ihr nicht einfaches Leben meistern müssen. In einem angenehm ruhigen Erzählstil wird sympathische Geschichte der beiden Lebenskünstler geschildert, wobei die besondere Vertrautheit der Autorin mit der bornischen Atmosphäre jederzeit spürbar ist.

6 Kommentare

  1. Ganz herzlichen Dank, lieber Engor! Ich stimme dir in allen Punkten zu. Für mich war das Lesen der Geschichte wie „nach Hause kommen“. Ich würde mir eine Printversion sehr wünschen. LG

    Gefällt 2 Personen

  2. Danke für die Rezi, Engor! Über die schiere Existenz freue ich mich. Ich hatte sofort meinen verklärten Moment, als ich vor einigen Tagen auf Inas Geschichte stieß.
    Leider habe ich Ina schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen, seit sie nicht mehr auf den Bielefelder Einladungscon kommt. … Tja, ihr Pupsis, ich habe schon mit ihr am selben Tisch gespielt! 🙂 *nasedreh*

    Gefällt 2 Personen

    1. Oje, gleich erzählt Opa wieder von seiner Orklandexpedition…

      Im Ernst, ich vermute dass langjährige DSA-Spieler die Geschichte aus rein nostalgischen Gründen ohnehin mögen dürften, auch der Erzählstil klingt eher nach den 90er Jahren. Mich würde natürlich auch interessieren, was je,and, der mit DSA5 eingestiegen ist, darüber denkt.
      Und vielleicht bringt das ja den einen oder anderen alten DSA-Schreiber darüber nachzudenken, ob es nicht doch wieder in der Schreibfeder lockt. Liegen bei dir vielleicht noch ein paar Wudu-Abenteuer auf der Festplatte?

      Gefällt 1 Person

      1. Ja, damals, im Orkland! Für meine wackeren Gefährten und mich war es eine Zeit der Entbehrungen und der Schrecknisse, bei denen sich uns der Magen umdrehte! Es gab nur Orks! Morgens, mittags, und selbst zum Abendessen! …

        Wudu-Abenteuer nun nicht gerade. Andere schon, aber manchmal möchte man da niemanden mehr heranlassen. 🙂 Ich beschäftige mich in Sachen DSA in jüngerer Zeit eigtl nur mit den Klassikern. Hier habe ich tatsächlich vor, nicht nur Spielberichte anzubieten wie für Hexennacht, sondern auch jeweils einen kurzen Leitfaden, der das Original ergänzt (also nicht obsolet macht) und ebenfalls zum Spielen der Überarbeitung einlädt.

        (Fürs Protokoll: Dieses eine Mal habe nicht ich von den Wudu angefangen! :))

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