Rezension: Nachtgeheul

Vorbemerkung: Nachdem ich zuletzt mit Samtpfoten die etwas bodenständigere DSK-Anthologie betrachtet habe, soll nun Nachtgeheul in den Fokus rücken. Schon das Cover verrät, dass hier nun die deutlich düstereren Seiten des Settings in den Fokus rücken, die ja auch schon mit Hintergrundteil des Regelwerks erkennbar betont wurden und die vor allem mit Spuk und Geistererscheinungen verbunden sind.

In Zahlen:

– 49 Seiten

– 3 Abenteuer

– Preis: 12,95 Euro

– Erschienen am 11.8. 2019

I. Aufbau und Inhalt

Genau wie Samtpfoten enthält auch Nachtgeheul drei Abenteuer mit einem ähnlichen thematischen Schwerpunkt, indem die eher unheimlichen Seiten des Havenas der erwachten Katzen aufgezeigt werden.

Polternde Geister von Julian Härtl versetzt die Katzenhelden in eine ungewöhnliche Situation: Nachdem sie von einem herumstreunenden Hund in ein Spukhaus gejagt werden, ist es nicht ihre Aufgabe, der dort lebenden Geisterfamilie zu ihrem Seelenfrieden zu verhelfen oder sie gar zu bekämpfen. Vielmehr ist diese mit ihrem Dasein höchst zufrieden, der einzige Störfaktor ist eine menschliche Familie, die sich in dem verwaisten Haus breitmacht. Somit liegt es an den Helden, die ungeliebten Mitbewohner zu vertreiben (da die Geister aus Angst vor einem Exorzismus nicht selbst aktiv werden wollen). Einen konkreten Handlungsablauf gibt es – abseits von ein paar Begegnungsszenen – nicht, vielmehr ist es Spielern freigestellt, wie es eine Handvoll Katzen schaffen können, die menschliche Familie zum Rückzug zu bewegen. Als Hilfsmittel sind Charakterisierungen der Geister und der Eindringlinge vorhanden sowie ein Gebäudeplan nebst Beschreibungen der einzelnen Räumlichkeiten.

Auf die Spuren von Nahema persönlich setzt Jens Ullrich die Helden in Jenseits des Spiegels. Nach wie vor existiert in Havena ihr Turm, der anscheinend nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Katzen eine große Anziehungskraft ausübt. Nachdem sie auf der Mäuserennbahn von einem dort verborgenen Schatz erfahren, gilt es in das alte Bauwerk vorzudringen, wozu man allerdings noch einen trockenen Weg in die Unterstadt finden muss. Dort setzt der Kern des Abenteuers ein, bei dem es sich um einen Dungeon-Crawl handelt. Auch für Katzen hält der Turm dabei eine Reihe von unliebsamen Überraschungen bereit, so dass man sich seine Belohnung hart verdienen muss. Grundlage ist neben einer Karte des Turmes eine Beschreibung der wichtigsten Räume.

Bei Der Hund von Orkendorf von Carolina Möbis handelt es sich zuletzt um ein Kriminalabenteuer, in dem die Bedrohung sehr handfest wird, gilt es doch einer Mordserie an Katzen in Orkendorf auf den Grund zu gehen. Dabei wird zunächst eine alte Legende vorgestellt, die den Hintergrund für die Untaten erklären könnte, bevor die konkreten Anhaltspunkte und die wichtigsten Örtlichkeiten beschrieben werden. Hierbei können mehrere unterschiedliche Hintergründe ermittelt werden, wozu beispielsweise eine Reihe von Informanten und deren Informationen gehören. Als mögliche Antagonisten fungieren sowohl Menschen als auch Tiere. Da es sich um das blutigste Abenteuer beider Anthologien handelt, sind hier – passend zu den Kinderregeln des Kompendiums – Vorschläge vorhanden, wie die Ereignisse entschärft und kindergerecht aufbereitet werden können.

II. Kritik

Vergleicht man Nachtgeheul mit Samtpfoten, so fällt tatsächlich der deutlich düstere Unterton ins Auge, allerdings handelt es sich zumeist eher um unterschwellige Gruselmomente und (bis auf wenige Aspekte von Der Hund von Orkendorf) weniger um echten Horror. Das sorgt aber nicht minder für Spannung, vor allem weil aus meiner Sicht hier überwiegend originelle Ideen umgesetzt wurden.

Das nimmt seinen Anfang in Polternde Geister, handelt es sich hierbei doch genau genommen um die Umdrehung eines sonst eher gängigen Plots: Statt selbst in ein Gebäude einzudringen und sich mit den dortigen Gegebenheiten auseinandersetzen zu müssen, sollen sie hier stattdessen die Eindringlinge verscheuchen, zudem aus einer unterlegenen Position, sind ihnen doch ihre Gegner körperlich völlig überlegen. Das Abenteuer ist abseits der Einführung sehr offen gehalten, ist es doch der Kreativität der Helden selbst überlassen, wie sie die unliebsame Familie vertreiben. Die zusätzliche Schwierigkeit ergibt sich aus dem Umstand, dass sie kaum auf die Fähigkeiten der Geister zurückgreifen können, fürchten diese doch einen Exorzismus. Mit der Beschreibung des Gebäudes und der NSC sind allerdings alle Hilfsmittel vorhanden, die zur Ausgestaltung vonnöten sind.

Jenseits des Spiegels spielt erstmals mit dem reizvollen Perspektivwechsel zwischen menschlichen Helden und den Katzencharakteren. Stellt für den durchschnittlichen Havener ein Besuch im legendären Turm Nahemas eine schier unlösbare Aufgabe dar, haben Katzen hier ganz andere Voraussetzungen, allerdings gibt es für sie ganz andere Dinge zu entdecken. Passend zum Charakter der großen Zauberin ist hier auch weniger rohe Gewalt gefragt, sondern das Lösen von Rätseln. Allerdings hätte ich mir hier noch ein wenig mehr Entdeckungen gewünscht, z.B. mehr Geistererscheinungen. Zudem ist es fast etwas enttäuschend, dass das Regenbogenknäuel im Prinzip nur einen gewissen Verkaufs- und Marktwert hat und eben kein besonderes Artefakt darstellt. Gerade bei Nahema hätte ich mir hier noch den einen oder anderen boshaften Scherz vorstellen können.

Im Vergleich dazu ist Der Hund von Orkendorf weitaus profaner gestaltet. Hier allerdings gefällt mir das Spiel mit der Erwartungshaltung, indem nach und nach aus den Ermittlungen die Erkenntnis wächst, dass die Hintergründe der Morde, das Heulen und die merkwürdigen Erscheinungen weit weniger mystisch sind, sondern recht rational erklärt werden können. Hier ist sicherlich die Konfrontation mit dem zentralen Antagonisten ein Höhepunkt, da auch hier kreative Mittel gefunden werden müssen, um mit dessen Überlegenheit fertig zu werden. Und umgekehrt ist hier der reale Horroranteil am Ende doch vorhanden. Positiv erscheint mir aber auch der Gedanke, dass im Zuge der Vorstellung der Kinderregeln eine optionale Entschärfung angeboten wird.

Allen Abenteuern gemein ist meiner Auffassung nach, dass die eine oder andere zusätzliche Seite nicht hätte schaden können, in allen Anthologie-Teilen wäre ein wenig zusätzliches Material wünschenswert gewesen. Umgekehrt stehen hierfür natürlich die anderen Bände des Crowdfundings zur Verfügung, Nachtgeheul ergänzt sich in dieser Hinsicht sehr gut mit dem Geisterbaukasten aus dem Regelwerk und optional sicher auch mit den untoten Wesen aus dem Bestiarium.

III. Fazit

Nachtgeheul setzt die etwas gruseligeren Facetten im Havena der erwachten Katzen in Szene. Alle drei Abenteuer der Anthologie verfügen über gelungene Spannungsmomente, wobei vor allem Polternde Geister originell ausfällt, weil es einen gängigen Plot variiert, während Jenseits des Spiegels einen der bekanntesten Orte Aventuriens aus einer anderen Perspektive zeigt. Der Hund von Orkendorf beinhaltet eine gut konstruierte Krimihandlung, bei der der erste Anschein trügt.

Bewertung: 5 von 6 Punkten

3 Kommentare

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