Rezension: Madame um Mitternacht

Vorbemerkung: Eine Sache, die mich 2019 besonders gefreut hat, war der Umstand, dass mit Ina Kramer eine der Schöpferinnen von DSA mit der Kurzgeschichte Kann nicht lesen, kann nicht schreiben, aber will Baronin werden ein kleines Comeback gefeiert hat. Dabei soll es aber offensichtlich nicht bleiben, hat sie doch – mit eifriger Unterstützung von Kai Frerich von Vier Helden und ein Schelm – mit Madame um Mitternacht nun ihre zweite Kurzgeschichte im Scriptorium Aventuris veröffentlicht. Natürlich lasse ich es mir nicht nehmen, auch hier einen kurzen Blick in die Geschichte zu werfen.

In Zahlen:

– 60 Seiten

– Preis: kann selbst gewählt werden, etwaige Erlöse kommen dem Verein fiftyfifty / Asphalt e.V. zugute

– Erschienen am 14.1. 2020

I. Aufbau und Inhalt

Mit Mittelpunkt von Madame um Mitternacht steht Marissja Stoerrebrandt, die Gattin des Handelsmagnaten Stover. Auch wenn sie Mitglied einer der berühmtesten Familien Aventuriens ist, hat sie ihr Leben bislang immer im Schatten ihres Ehemanns geführt und ihr Leben dem seinen und dem ihrer gemeinsamen Kinder (zu denen sie anscheinend ein überwiegend sehr durchwachsenes Verhältnis hat) untergeordnet. Genau diesen Gedanken sinniert sie am Abend ihres fünfzigsten Geburtstages nach, was sie alles andere als glücklich wirken lässt.

Hier setzt der Kern der Erzählung an, wird doch die Geschichte einer einzigen Nacht geschildert, die ihren Anfang nimmt, als Marissja ihre abendliche Pfeife mit einem leichten Rauschkraut raucht und plötzlich der geheimnisvolle Herr Lamert auftaucht. Der junge Mann lädt die Händlergattin auf einen nächtlichen Spaziergang ein. Was Marissja folgend erlebt, lässt sich vor allem als ein rauschhafter Reigen beschreiben. Der Ausflug durch Festum ist keineswegs realistisch gestaltet, sondern geprägt von kuriosen Erlebnissen mit Fortbewegung durch Fliegen, Verwandlungen in andere Gestalten und eine für diese späte Stunde merkwürdig belebte Stadt. Lamert zeigt der alternden Dame dabei eine Welt, die ihr sonst in ihrem abgeschirmten Leben als Gattin eines einflussreichen Mannes verborgen bleibt. Gliederndes Element sind dabei 12 Gongschläge, wobei jeder eine Station der kleinen Rundreise begleitet. Offen bleibt am Ende auch die Frage, was an dem Erlebten wirklich geschehen und was reines Produkt eines Rausches gewesen ist.

II. Figuren

Im Mittelpunkt steht natürlich wie angesprochen Marissja, die offenkundig ein unglückliches Leben führt, der große Reichtum ihres Mannes kann innerlich nicht kompensieren, dass sie weder ein warmherziges Verhältnis zu ihrer Familie hat noch mit sich selbst zufrieden ist. Im Laufe der Erzählung zeigt sie umgekehrt aber, wie viel ursprüngliche Lebensfreude immer noch in ihr steckt. Der Rest ihrer überaus prominenten Familie spielt nur eine untergeordnete Rolle, allerdings bleiben weder ihre Kinder (insbesondere Peranka, Emmeran und Vanjescha) in einem besonders guten Licht noch ihr Mann Stover, der ebenfalls einen kurzen Auftritt erhält.

Die zweite prägende Figur ist Herr Lamert, hinter dem sich für eingeweihte DSAler natürlich eine ausgesprochen bekannte Persönlichkeit verbirgt. Ihm wird die Rolle des Lenkers zugewiesen, der Marissjas Erlebnisse steuert und mit seinen offensichtlich magischen Fähigkeiten fantastische Situationen kreiert. Allerdings erscheint es zuletzt wiederum ebenfalls ungewiss, ob er wirklich die Nacht mit Marissja verbracht hat, oder ob es sich bei ihm nur um rauschgeschaffenes Trugbild handelt.

III. Kritik

Wenn es irgendetwas gibt, was ich in Filmen oder Büchern im Regelfall eher anstrengend finde, dann sind es psychedelische Szenen. Und wenn man es genau nimmt, dann ist – bis auf wenige Seiten zu Beginn und am Ende der Erzählung – Madame um Mitternacht eine einzige längere Rauschszene, gefüllt mit unlogischen Elementen, Seifenblasenromantik und Jahrmarktkuriositäten. Kurz: ein Potpourri von Dingen, die mir Fiktion eigentlich verleiden.

Genau hier ist die Kurzgeschichte aber im Gegenteil extrem unterhaltsam. Marissjas nächtlicher Erlebnisreigen hat eben nichts Verstörendes, sondern wirkt eher märchenhaft, wenn die alternde Dame ihr persönliches Wunderland betritt. Der gesamte Ablauf hat eher etwas Ruhiges an sich, wenn man Gongschlag für Gongschlag den einzelnen Reiseepisoden folgt, was zudem sehr bildhaft untermalt ist.

Lamert ist dabei bezeichnenderweise die Rolle des Spielleiters zugedacht, was ein sehr passendes Bild ist, hier aber nicht platt eingefügt, sondern der Situation angemessen. Störend empfinde lediglich, dass in Bezug auf den Begleiter Marissjas eine offene Demaskierung stattfindet, die aus meiner Sicht eher überflüssig ist, da so ziemlich jeder DSA-Spieler mit dessen Identität vertraut sein dürfte. Hier hätte das leicht Geheimnisvolle der Figur weiterhin gut zu Gesicht gestanden. Abseits davon funktioniert das Zusammenspiel der unglücklichen Millionärsgattin und des jugendlichen Lebemanns mit seinem hintersinnigen Charme sehr gut. Besonders Marissjas desillusionierende Lebensbeichte offenbart viel über die Familienkonstruktion, auch wenn sich nicht alles mit dem deckt, wie ich die einzelnen Familienmitglieder in anderen Publikationen wahrgenommen habe, vor allem was Emmeran betrifft. Gut wirkt dann umgekehrt der Kontrast zu diesem geballten Frust, der sich im Laufe der Nacht auflöst und einem deutlichen Optimismus weicht.

Dieser leichte Unterton wirkt auch durch die ganze Erzählung hindurch, was auch insofern notwendig ist, als dass der Reiz der Geschichte nicht aus einem stringenten Spannungsaufbau entsteht. Immerhin gibt es hier keinen Antagonisten, keine dramatischen Konfrontationen und keinen entscheidenden Höhepunkt, der über Sieg oder Niederlage entscheidet. Vielmehr handelt es sich um eine romantisch-wehmütige Erzählung, bei der man als Leser Marissja den Ausbruch aus ihrem Luxusgefängnis vergönnt und ihren abschließenden Triumpf mit einer gewissen Genugtuung betrachtet.

Wie schon bei ihrer ersten neuen Veröffentlichung gelingt es der Autorin erneut, viele Reminiszenzen an das „alte“ Aventurien zu erzeugen, ist die Handlungszeit doch wiederum deutlich in einer Zeit vor den weltumspannenden Krisen der jüngeren aventurischen Geschichte verortet. Sicherlich spricht das gerade auch Nostalgiker in einem hohen Maße an, was gerade auch durch die Familie Stoerrebrandt als Fixpunkt unterstrichen wird. Aus diesem Grunde freue ich mich sehr, dass Ina Kramer offenbar nachhaltig einen Weg zurück nach Aventurien gefunden hat, mindestens ein weiterer, dann sogar längerer Erzähltext ist ja bereits angekündigt.

IV. Fazit

Madame um Mitternacht ist eine sehr kurzweilige Erzählung, deren Stärke in ihrer Leichtigkeit liegt und die eine sympathische Hauptfigur in den Mittelpunkt stellt. Marissjas Reise hat einen sehr märchenhaften Unterton, was dafür sorgt, dass die Geschichte auch ohne große dramaturgische Effekte auskommt.

3 Kommentare

  1. Vielen Dank, lieber Engor, für die tolle Rezension. Alles hier gelesene kann ich voll unterschreiben: Auch mir sind Traumsequenzen eigentlich ein Gräuel, und eine ganze Kurzgeschichte, die darauf basiert, müsste für mich eigentlich unerträglich sein. Aber irgendwie schafft Ina es, den Trip so bildhaft und märchenhaft zu schildern, dass ich die literatische Reise voll genießen konnte. Und Madame ist mir am Ende sehr ans Herz gewachsen. Ich hoffe, dass möglichst viele Leser die Geschichte im Scriptorium finden, lesen und genießen.

    Wer mehr von Ina Kramer lesen möchte, darf sich auf den Roman Greetja freuen, der hoffentlich bald den Weg auf gedrucktes Papier findet!

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