Rezension: Die Elfe vom Veitner Moor

Vorbemerkung: Fast hätte man es schon vergessen, dass nicht nur Ulisses und Heyne (mit der sehr erfolgreichen Phileasson-Romanreihe) DSA-Romane veröffentlichen, sondern auch Fanpro seit geraumer Zeit wieder die Möglichkeit hat (nicht Kanon-relevante) Geschichten aus Aventurien zu publizieren. Als zweiter Band dieser Reihe ist jetzt Die Elfe vom Veitner Moor von Katja Angenent erschienen. Der Titel selbst klingt tatsächlich nach einer typisch-aventurisch-bodenständigen Handlung, zumal der Klappentext das Geschehen auch noch in das beschauliche albernische Städtchen Abilacht verlegt.

In Zahlen:

– 324 Seiten

– erscheinen am 28.1. 2020

– Preis: 14,95 Euro

I. Aufbau und Inhalt

Im Mittelpunkt steht Ayla saba Nasreddin, die aus dem Süden stammende Hauptfrau der Stadtgarde von Abilacht (wobei dieser Titel eindrucksvoller klingt, als es sich in der Realität darstellt, kommandiert sie doch ganz drei Gardisten). Sie ist im Folgenden auch die eindeutige Hauptfigur, wird doch abseits der wenigen Seiten des Prologs ausschließlich aus ihrer Perspektive erzählt. Prägend scheint zunächst ihre zunehmende Unlust zu sein, besteht ihre Aufgabe doch nur aus unbefriedigenden und langweiligen Tätigkeiten, während sie sehnsüchtig an den warmen Süden denkt. Aus dieser Lethargie wird sie jäh gerissen, als im nahegelegenen Veitner Moor eine Leiche gefunden wird. Die Tote entpuppt sich als eine Elfe, die offensichtlich keinerlei Bekannte in Abilacht hat. Erste Versuche, die Identität des Mordopfers zu ermitteln, erweisen sich als fruchtlos, stattdessen verspürt Ayla, dass ihr Ermittlungseifer sogar ausgebremst wird, ihr sogar recht deutlich zu verstehen gegeben wird, dass es sich sicher um einen Unfall gehandelt habe und weitere Andeutungen eines Mordfalls nicht erwünscht sind.

Etwas Licht ins Dunkle scheint die Ankunft der Elfe Saliniome zu bringen, die die Tote kurz vor ihrer Ermordung zufällig gesehen haben will. Entgegen ihren Anweisungen macht Ayla sich mit Saliniome auf den Weg, um nachvollziehen zu können, warum die Elfe ermordet wurde (und natürlich auch von wem). Im Folgenden ergibt sich eine Reise durch das ländliche Albernia, wobei sich immer deutlicher herauskristallisiert, dass eindeutig ein Mord verübt wurde und es für die beiden ungleichen Ermittlerinnen immer dringlicher wird, die Umstände zu klären, da auch sie sich zunehmend verfolgt fühlen. Und auch die Dimensionen des Falles nehmen schnell zu, steht doch plötzlich das Schicksal der gesamten Region auf dem Spiel, wenn die beiden erkennen, dass sie sich mit ausgesprochen mächtigen Gegnern angelegt haben. Somit nimmt gerade das Finale des Romans an Dramatik zu und verlässt die Tragweite eines einfachen Kriminalromans.

II. Figuren

Im Fokus der Handlung sind eindeutig die ungleichen Protagonistinnen Alya und Saliniome zu verorten. Alya stellt dabei eindeutig ein offenes Buch dar, da ihre Gedanken als Erzählfigur jederzeit offenliegen. Ihr Auftreten als kompetente Kriegerin und motivierte Ermittlerin steht dabei im Gegensatz zu ihrem zweifelnden Inneren, das von Fernweh aber auch dem Gefühl des langsamen Alterns geprägt ist.

Saliniome hingegen gibt dem Leser deutlich mehr Fragezeichen auf, verbirgt sich doch deutlich mehr hinter dem ersten Eindruck einer naiven Elfe, was vor allem mit ihrer diffusen Vergangenheit zu tun hat. Zudem nimmt sie häufig die Rolle der Retterin in der Not ein, wenn sie mit ihren magischen Fähigkeiten (die sie teilweise erst situativ zu entdecken scheint) plötzlich neue Lösungsmöglichkeiten für brenzlige Situationen parat hat.

Auf ihrer Reise durch Albernia begegnen die beiden noch einer Reihe anderer Figuren, die aber im Regelfall nur eine kurze Rolle spielen. Beispielhaft kann man hier die drei Untergebenen von Ayla nennen, ihren etwas begriffsstutzigen Adjutanten Toran, den Zwerg Siglom und den jungen Callan, die einen provinziellen Kontrast zu ihrer weitgereisten Befehlshaberin verkörpern.

Als Obrigkeitsvertreter agiert der Stattmeister von Abilacht, Brin Nalwyn, der in jeglicher Hinsicht negativ charakterisiert wird, indem er keinerlei Interesse an einer Aufklärung des Mordfalles offenbart und im Gegenteil Ayla in ihren Bemühungen fast schon behindert.

III. Kritik

Der Titel, der ein wenig wie der eines Heimatromans klingt, ist aus meiner Sicht im positiven Sinne eine Irreführung des Lesers. Was zunächst ein einfacher Mordfall zu sein scheint, entpuppt sich als ein kleines Puzzleteil in einem großformatigen Geschehen. Somit handelt es sich letztlich auch nur eingeschränkt um einen Kriminalroman, stattdessen steht eine fast staatstragende Intrige im Mittelpunkt, wobei statt eines einzelnen Mörders plötzlich Gegner in Heeresstärke vorhanden sind.

Die Stärke des Romans liegt daher auch eindeutig in dem Schaffen einer Atmosphäre, die zunehmend bedrohlicher für die Protagonistinnen wird. Das beschauliche Abilacht ist deshalb auch nur kurz Schauplatz der Handlung, stattdessen sind Alya und Saliniome die meiste Zeit in der Wildnis unterwegs, weit weg von möglicher Verstärkung. Die Tote im Moor, verschlossene Dörfler, unheimliche Burgen, diese Hintergrundschilderungen sorgen dafür, dass man schon rein örtlich verspürt, wie die Bedrohung zunimmt. Man merkt zudem, dass die Autorin die Rollenspielvorlage kennt, gerade die Erforschung einer alten Burganlage, bei der Ayla sich immer wieder entscheiden muss, welche Türe jetzt geöffnet werden soll, wirkt tatsächlich wie der Plot eines Abenteuers.

Alya und Saliniome stellen zudem zwei sehr sympathische Hauptfiguren dar, mit denen man mitfiebert. Abseits von Kämpfen sind sie eben auch keine Überfiguren, sondern agieren oft aus dem Bauch heraus und zeigen ihre Unsicherheit, was sie sehr lebensecht wirken lässt. Umgekehrt sind es gerade die Kämpfe, die teils völlig überzogen dargestellt werden, beispielsweise, wenn Ayla sich einer riesigen Übermacht stellt, nur unterstützt vom einem Mitstreiter, dem sie in kürzester Zeit beigebracht hat, wie man mit gefährlichen Feinden fertig wird. Das ist eindeutig zu dick aufgetragen.

Hier beginnt auch allgemein das Problem des Romans. Zwar sind die meisten Fakten passend recherchiert (Ortsnamen, Figuren, Einbindung in die aktuelle aventurische Geschichte), vieles erscheint aber sehr weit hergeholt. Vor allem ist natürlich die Tatsache, dass mitten in Albernia ein großes Heer unbemerkt geblieben ist (von dem umgekehrt einige Leute wie Brin schon wissen), aus meiner Sicht deutlich überkonstruiert, vor allem, wenn es wirklich stark genug sein soll, um Havena ernsthaft bedrohen zu können (in der genannten Größe ist es nämlich deutlich zu klein). Gerade solche Größenverhältnisse stimmen mehrfach nicht, auch im Kleinen, z.B. wenn Abilacht, eine Stadt mit allein 3 Stadttoren, nur über insgesamt 4 Gardisten verfügen soll.

Ganz generell sind es vergleichsweise viele Logiklücken, die mich stören, die nicht nur solche Zahlenverhältnisse (die ich aus dramaturgischen Gründen im Zweifelsfall für vernachlässigbar halten würde) betreffen, sondern eben auch den Inhalt. So wird zwar eine staatstragende Bedrohung aufgebaut, die Hintergründe werden aber nur sehr unzureichend aufgearbeitet. So bleibt das Motiv des eigentlichen Drahtziehers sehr diffus (er erhält noch nicht mal einen Namen), gleiches gilt für die greifbaren Figuren (v.a. den zentralen Antagonisten), nicht zuletzt weiß man am Ende kaum etwas über das Mordopfer (im Prinzip nur ihren Namen und eine grobe Ahnung, warum sie getötet wurde). Zudem erscheint es extrem unwahrscheinlich, dass die Schurken denselben dummen Fehler, ihr brisantes Material offen liegen zu lassen und es sich entwenden zu lassen, gleich zweimal binnen weniger Tage begehen. Auch bleibt unklar, warum ein einzelner Verfolger sich an die Fersen der beiden Ermittlerinnen haftet, anstatt sie einfach zu überholen und mit einer Streitmacht unsanft zu empfangen, stattdessen eher indirekte Methoden nutzt, um sie aufzuhalten. Gerade die Kampfaktionen des letzten Romanviertels sind dann einfach stark übertrieben, hier wäre es sicher sinnvoll gewesen, die Dimensionen deutlich kleiner zu halten und den Fokus mehr auf die Lösung des Kriminalfalls zu legen, hier hätte mehr aus der Erforschung der Burganlage gemacht werden können, die aus meiner Sicht weniger als Basis einer Invasionsarmee hergibt, denn als unheimliches Gruselschloss. Zu ersterer Variante passt es außerdem nicht, dass dort fallengespickte Gänge vorhanden sind, die offensichtlich seit ewigen Zeiten nicht betreten wurden, wenn man davon ausgeht, dass unmittelbar vor dem Eintreffen der beiden HeldInnen schon jemand dort etwas entwendet hat. Eine ausführliche Durchsuchung sollte da aus meiner Sicht also vorher schon stattgefunden haben. Generell wäre zudem der Ausbau der Kriminalhandlung auch insofern günstiger gewesen, weil die Auflösung aus meiner Sicht letztlich sehr vorhersehbar ist, da kaum Verdächtige aufgebaut werden.

IV. Fazit

Die Elfe vom Veitner Moor ist ein unterhaltsamer Roman, der vor allem durch seine Atmosphäre und seine sympathischen Protagonistinnen überzeugen kann. Als problematisch empfinde ich allerdings die Vielzahl an logischen Brüchen, die vor allem durch ein etwas überdimensioniertes Finale zustande kommen.

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