Carolina Möbis im Interview

Vorbemerkung: Mit der 5. Edition von DSA hat sich die Publikationsstrategie von Ulisses Spiele im Vergleich zu den vorhergehenden Editionen deutlich verändert, besonders im Bereich der Regionalspielhilfen. Neben dem Kernband gibt es nun immer mehrere Begleitbände, die zusätzlich Aspekte hinzufügen sollen. Eine dieser Neuerung sind die sogenannten Heldenbreviere, die auf narrative Art zur Vorstellung der Region beitragen sollen. Nachdem ich die bisherigen Exemplare sehr positiv wahrgenommen habe, hat sich nun die Gelegenheit ergeben, ein Interview mit Carolina Möbis zu führen, die sich aktuell für die meisten der Heldenbreviere als Autorin verantwortlich zeigt. Dabei haben wir ein wenig über ihren Werdegang als DSA-Autorin und natürlich auch die Breviere selber geplaudert.

Dereblick: Liebe Carolina, könntest du dich zunächst ein wenig vorstellen?

Carolina Möbis: Ich bin gerade noch so in den wilden Siebzigern geboren, aber das merkt man meinem biederen Lebensstil nicht an. Im zarten Alter von zehn Jahren fasste ich den Entschluss, Schriftsteller zu werden und habe das wider alle Vernunft durchgezogen. Während meiner Studienzeit in Leipzig habe ich das volle Programm des ausschweifenden Geeklebens absolviert mit LARPs und Rollenspielwochenenden praktisch ohne Schlaf aber voller Immersion. Heute habe ich das Hobby von damals zum Traumberuf gemacht und schreibe Romane, aktuell eine Trilogie zu Earthdawn, oder lektoriere Rollenspielbücher. Außerdem habe ich mir ein noch verrückteres Hobby zugelegt, das von allen belächelt wird, nämlich Cosplay. Jawohl, ich bin eine von denen!

Dereblick: Wann war dein Erstkontakt mit DSA als Spiel?

Carolina Möbis: Wenn man Schicksalsklinge und Sternenschweif rausrechnet, dann 1998, als ich nach Leipzig zum Studium ging. Da habe ich, wie das damals so üblich war, die Aushänge im örtlichen Comicladen angeschaut und mich schnell einer Spielrunde angeschlossen. Dann hatte ich einige Jahre lang ein Wochenendhäuschen in Aventurien. Bis dahin hatte ich in der einschlägigen SF-Literatur immer nur über Rollenspiel gelesen und es drängte mich, das endlich auch mal auszuprobieren.

Dereblick: Wie bist du zu deiner offiziellen Mitarbeit an DSA gekommen?

Carolina Möbis: Das begann noch zu Fanpro-Zeiten im Jahr 2008. Damals habe ich, nachdem ich mit Battletech Romanen Erfahrungen gesammelt hatte, einen Beitrag zu der Novellenreihe Der Kristall von Al’Zul beigesteuert. Allerdings unter dem Pseudonym Gernot Vallendar. Später habe ich die Hundstage Reihe redaktionell betreut. Als bei Ulisses Spiele die Position des Botenredakteurs frei wurde, besiegelte ich mein Schicksal.

Wenn man Jahre lang DSA suchtet und dann auch noch für einen Verlag arbeitet, der DSA produziert, dann wäre es ja schlimm, wenn man nicht die Gelegenheit ergreift, das liebgewonnene System mitzugestalten.

Dereblick: Wie ist die Idee zu den Heldenbrevieren entstanden, immerhin handelt es sich ja um eine Neuerung in Folge des Editionswechsels?

Carolina Möbis: Leider kann ich dazu wenig sagen, ich bin erst beim zweiten Heldenbrevier dazu gekommen. Da stand das Konzept für die neuen Regionalspielhilfen und ihre Zusatzprodukte schon.

Dereblick: Was macht für dich ein Heldenbrevier aus?

Carolina Möbis: Ich sehe die Heldenbreviere in erster Linie als Reiseromane. Auch wenn sie wie das Heldenbrevier Havena in einer einzigen Stadt spielen. Da ging es dann darum, die Charaktere durch so viele Stadtviertel wie möglich zu schicken und deren jeweiligen speziellen Charakter herauszuarbeiten. Witzig war auch, dass das Heldenbrevier zu Die Schwarze Katze ebenfalls in Havena spielte. Aber da die Perspektive der Katzen auf die Stadt eine völlig andere ist, war das kein Problem.
Das Heldenbrevier soll die Atmosphäre der verschiedenen Regionen einfangen, um Meistern und Spielern Inspirationen zu bieten. Darum drehen sich die Plotstränge oft um das zentrale Thema einer Suche.

Schnitzeljagden sind oft das beste Mittel, um Leute durch die Gegend zu scheuchen, daher werden in den Brevieren oft Gegenstände oder Personen gesucht. Wie in vielen Abenteuerszenarien ja auch. Wobei ich natürlich immer versuche, mich hierbei nicht zu oft zu wiederholen. Im aktuellen Brevier beispielsweise wurden die Charaktere auch stark von den Umständen getrieben.
Aus ähnlichem Grund interagieren auch oft sehr gegensätzliche Protagonisten miteinander, um die Bandbreite an spielbaren Charakteren erzählerisch aufzuzeigen. Und weil ich den Ragtag-Bunch-of-Misfits Trope einfach abgöttisch liebe. Das macht am meisten Spaß.

Oft arbeite ich im Brevier mit NSC, die in der RSH oder dem zugehörigen Szenario eine Rolle spielen und in der Region eingesetzt werden können. Feligra Steinlettner ist so ein Beispiel. Die denke ich mir dann nicht aus, sondern baue sie ein, um ihnen etwas mehr Substanz zu verleihen. Neben den „Leuten“, fokussiert das Brevier ja auch immer stark aufs „Land“. Deswegen sind es fast immer Reisegeschichten, in denen die Charaktere, und mit ihnen der Leser, so viele Regionen wie möglich kennenlernen. Dabei lässt sich zwar nie eine absolute Vollständigkeit erreichen, was allein schon der Länge geschuldet ist. Der Platz ist einfach begrenzt, und da muss ich Charakterisierung der Figuren, Plot und Schauplätze natürlich immer gegeneinander abwägen. Am Ende habe ich dann hoffentlich immer eine harmonische Melange kreiert.

Dereblick: Warum wurde das eigentlich fast schon altmodische Mittel des Briefromans gewählt?

Carolina Möbis: Weil es eine der elegantesten Lösungen darstellt, um möglichst viele Informationen über Land und Leute inneraventurisch an den Leser zu bringen. Die Vorgabe war nie „Briefroman“, sondern, dass alle Texte des Breviers ingame sein müssen. Beschreibungstexte zur Region gibt es ja schon in den Regionalspielhilfen, doch das Heldenbrevier kann und soll die jeweiligen Regionen aus inneraventurischer Sicht beleuchten. Daher bestehen die Breviere größtenteils aus Tagebucheinträgen oder Briefen.

Schwierig wird das Konzept dann, wenn ich Figuren habe, die nicht schreiben können. Und es ist einfach unrealistisch, dass beispielsweise ein Windhager Sippenkrieger, eine Gjalskerin oder ein Wildniskundiger der Waldmenschen Tagebuch schreiben oder elaborierte Briefwechsel führen. In dem Fall schiebe ich oft kurze gesprochene Berichte ein. Jemand erzählt am Lagerfeuer eine Geschichte oder unterhält sich in der Kneipe. Oder eine Behörde protokolliert Verhöre mit. Für das Heldenbrevier der Dampfenden Dschungel habe ich Tayas verfasst, weil diese erzählten Geschichten wichtiger Teil der Stammeskultur sind und ich den verschiedenen Stämmen der Waldmenschen und Utulus so eine Stimme geben konnte.

Richtig herausfordernd wurde es in dieser Hinsicht bei Katzenspuren, dem Heldenbrevier von Die Schwarze Katze. Denn die Katzen, obschon des gesprochenen Worts mächtig, besitzen keine verbreitete Schriftkultur, mit der ich hätte arbeiten können. Also besteht dieses Brevier ausschließlich aus Monologen oder szenischen Wortwechseln.

Dereblick: Wie bist du zu deiner aktuellen Aufgabe als „Heldenbrevier“- Spezialistin gekommen?

Carolina Möbis: Wie vieles im Verlagswesen hat sich das ein stückweit glücklich ergeben. Ich glaube, Daniel Richter fehlte damals einfach die Zeit, sich neben der damals aktuellen RSH Die Siebenwindküste noch um ein Brevier zu kümmern und ich bin eingesprungen. Von da an ging die Reise dann immer weiter.

Dereblick: Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit den Autoren der Regionalspielhilfe vorstellen, die dortigen Angaben sind ja sicher auch für das Brevier wichtig? Bzw. bist du umgekehrt auch in die Arbeit an der Spielhilfe eingebunden?

Carolina Möbis: Das ist unterschiedlich. Meistens bekomme ich ein paar Vorgaben und die Outline der Spielhilfe, oder auch eine WIP-Datei, um meine Texte an die Inhalte anpassen zu können. Wenn ich Fragen habe, läuft das immer über die Redaktion, da die ja alle Produkte, die mit der RSH erscheinen, im Blick haben. In welchem Maß das passiert, ist unterschiedlich.

Beim Heldenbrevier des Dornenreichs haben ja zwei Autoren gearbeitet und jeder von uns hat einen Handlungsstrang übernommen. Da haben wir Autoren uns direkt abgestimmt, wer was übernimmt, oder wie wir erzählerische Verbindungen zwischen den Handlungssträngen schaffen.
Beim Heldenbrevier der Gestade des Gottwals war die Arbeit mit der Redaktion intensiver. Was auch damit zu tun hat, dass wir den doch recht unterschiedlichen Kulturen der Gjalsker und der Thorwaler Rechnung tragen wollten und hier sehr genau abgestimmt wurde, wer und was wieviel Raum bekommt. Es ist am Ende dann aber auch ein Powerpaket geworden, das, so hoffe ich, dem Glauben der Thorwaler an die Macht von Vorbestimmung und Schicksal gerecht wird. Das abschließende Urteil wird natürlich der Leser fällen.

Vor allem in den Brevieren neuen Datums finden sich immer wieder Hinweise und Anspielungen auf andere Produkte, die zu der jeweiligen Region gehören. Diese Verknüpfungen sind oft eher subtil gehalten. Das Brevier soll ja als eigenständige Geschichte funktionieren. Aber es kann und soll durchaus vorkommen, dass man den einen oder anderen Gegenstand oder NSC, der in einem Abenteuer vorkommt, aus dem Brevier wiedererkennt.

Die Breviere spielen oft zeitlich vor den Abenteuern der jeweiligen RSH, daher eignen sie sich gut, um ein paar Weichen zu stellen. Die Szenarien werden aber meistens zuerst konzipiert und geschrieben. Ich ergänze dann in Absprache mit der Redaktion.

Dereblick: Bist du in der Konzeption frei oder erhältst du Vorgaben, welche Orte und welche Art von Figuren enthalten sein müssen?

Carolina Möbis: Das ist jedes Mal etwas unterschiedlich. Bei Albernia standen bereits ein Konzept und die Charaktere, als ich mich ans Schreiben gesetzt habe, bei Havena und Die Schwarze Katze konnte ich das Konzept weitgehend frei entwickeln, und bei den Flusslanden und Thorwal haben Nikolai Hoch und ich viel gemeinsam gebrainstormt, um einen stimmigen Plot auf die Beine zu stellen, der die RSH gut ergänzt und abrundet.

Beim aktuellen Brevier der Dampfenden Dschungel stellt das Brevier eine sehr freie Vorgeschichte für das Regionalabenteuer dar. Bis auf ein, zwei entscheidende Schlüsselszenen hatte ich aber freie Hand. Hier habe ich mich dann stark auf das Flair des Dschungels und der Örtlichkeiten konzentriert. Der Dschungel ist fast so etwas wie ein stummer Charakter geworden. Denn ich wollte so viele Anregungen wie möglich geben, wie man die Exotik der Tropen am Spieltisch konkret darstellen und für die Runde erlebbar kann. Also etwas mehr als „Es ist heiß und Lianen hängen von den Bäumen“. Daran hat es früher in meinen eigenen Runden leider oft gekrankt.

Die geringsten Vorgaben hatte ich beim Heldenbrevier des Noioniten. Da habe ich nur gefragt, ob der äußere Gott, den ich für das Brevier im Kopf hatte, schon irgendwo anders stärker thematisiert wurde, und da das nicht der Fall war, konnte ich loslegen. Da war die einzige Vorgabe, dass es um einen Noioniten gehen sollte.

Dereblick:  Wie findest du die Design-Entscheidung, die Illustrationen der Heldenbreviere entgegen der sonstigen DSA5-Optik in schwarz-weiß zu halten?

Carolina Möbis: Ich bin als Schreiber ja von jeher gewohnt, mir über das Design eher weniger Gedanken zu machen. Dass der Verfasser Vorschläge zu Illustrationen macht, wird zwar bei Rollenspielpublikationen als selbstverständlich angesehen, ist aber verglichen mit anderen Genres ein großes Privileg für den Autor. Insofern war ich begeistert, dass ich hier mitentscheiden kann, welche Motive ins Buch kommen.

Die schlichte S/W-Optik gefällt mir sehr, da das Brevier ja nur Ingame-Texte enthält, sollen natürlich auch die Illustrationen wirken, als könnten sie der Feder eines aventurischen Zeichners entsprungen sein. Zumal die Breviere ja vor allem die Stimmung einer Region thematisieren sollen und weniger die harten Fakten. Die Illus erinnern mich immer ein wenig an alte Kupferstiche oder Kohlezeichnungen und das passt.

Dereblick: Gibt es bei der Entstehung des Breviers (oder generell bei DSA-Texten) Kontakt zwischen dir als Autorin und den Illustratoren? Wenn ja, wie muss man sich das vorstellen, „bestellt“ man als Autor Illustrationen?

Carolina Möbis: Das tut man. Es gibt klare Richtlinien, wie eine Illubeschreibung verfasst sein sollte, damit der Zeichner weiß, worauf es bei den Bildern ankommt. Für die Breviere mache ich meistens neun Vorschläge für Bilder und noch einige für kleine Vignetten. Da schreibe ich insgesamt meist 3 – 4 Seiten Text, auf dessen Basis Tokala dann arbeitet. Bisher gab es noch nie Probleme. Ich bekomme dann irgendwann die fertigen Zeichnungen zu Gesicht und finde es jedes Mal unglaublich spannend, wie die Künstlerin meine Vorschläge umgesetzt hat.

Dereblick: Gibt es eine Region, bei der du dich besonders freuen würdest, das entsprechende Heldenbrevier zu schreiben?

Carolina Möbis: Klar. Alle. 😉

Dereblick: Hast du aktuell noch andere Projekte (für DSA oder etwas anderes), an denen du abseits der Heldenbreviere arbeitest?

Carolina Möbis: Das Abenteuer und den Hintergrundteil für Die Schwarze Katze zu schreiben war tatsächlich mal etwas ganz Neues. In meiner Zeit als Redakteurin des Aventurischen Boten habe ich so einige Heldenwerke lektoriert, aber selbst ein Abenteuer zu schreiben, ist dann doch noch mal etwas ganz Anderes. Das Format gut zu kennen, hat dabei sehr geholfen. Derzeit lektoriere ich auch. Zum Beispiel für HeXXen 1733 oder D&D. Da lernt man nebenbei auch unglaublich viel fürs eigene Schreiben.

Außerdem habe ich letztes Jahr zwei Romane für eine Earthdawn-Romantrilogie verfasst, aber wann diese erscheint und ob, steht durch die Umstände beim Uhrwerk Verlag leider noch in den Sternen.
Aber solche Dinge gehören zum Leben einer Schriftstellerin dazu, und ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Und das nächste Heldenbrevier scharrt auch schon mit den Hufen.

Dereblick: Dann dürfen wir ja gespannt sein. Vielen Dank für das Interview, liebe Carolina!

3 Kommentare

  1. Interviews mag ich sehr, gerne mehr davon!
    Das Heldenbrevier für die dampfenden Dschungel werde ich mir definitiv holen. Das klingt interessant.

    Gefällt mir

  2. Mir hat ihr DSA5 Roman Mehrer der Macht zur RSH Streitende Königreiche sehr gefallen, auch weil er sich sehr am aventurischen Hintergrund orientiert. Eine starke Bereicherung für das DSA5 Nostergast – wären da weitere Romane in Nostergast möglich?

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s