Rezension: Das Heldenbrevier der Noioniten

Vorbemerkung: Das Cthulhu-Crowdfunding besteht nicht nur aus adaptiertem Material, einiges ist auch explizit neu verfasst worden, eben mit einem speziellen Fokus auf aventurische Verhältnisse. Dazu gehört auch Das Heldenbrevier der Noioniten von Carolina Möbis. Nach dem Vorbild der bisherigen Heldenbreviers handelt es sich wieder um eine Art Briefroman, thematisch aber angepasst an eines der prägenden Themen des Cthulhu-Mythos: den Wahnsinn. Aventurisch ist die Seelenheilung das Metier des Ordens der Noioniten, weshalb ein Mitglied des Ordens und sein Kampf gegen beunruhigende Fälle von Wahnsinn im Mittelpunkt steht, weshalb der Untertitel auch „Eine alptraumhafte Reise in fremde Welten“ lautet. Auch wenn ich dem Crowdfunding ja insgesamt eher skeptisch gegenüberstehe, handelt es sich hier um einen Band, an den ich gewisse Erwartungen habe, da ich die Heldenbrevier-Reihe bislang überwiegend als sehr positiv wahrgenommen habe.

In Zahlen:

– 160 Seiten

– 2 Erzählerfiguren

– Preis: 14,95 Euro

– Erschienen am 14.6. 2020

I. Aufbau und Inhalt

Wie schon angesprochen bleibt der Band dem bisherigen Schema des Briefromans treu. Lange Zeit wird die Geschichte also in Form eines Briefwechsels zwischen dem Noioniten Elgir Berendinger und dem Magier Jost Weidentreu vom Ordenshaus der Grauen Stäbe erzählt. Nachdem die beiden in der zweiten Hälfte der Handlung zusammentreffen, wird dieses Wechselspiel vornehmlich durch Auszüge aus Josts Tagebuch ersetzt. Gerade Elgir verbindet seine Schilderungen aber auch immer wieder mit Aussagen, in denen das Handeln der Noioniten und deren Prinzipien beschrieben werden.

Inhaltlich wird die Korrespondenz durch seltsame Fälle von Wahnsinn ausgelöst, nachdem Elgir eine Patientin mit einem ausgesprochen ungewöhnlichen Verhaltensmuster behandelt, die schnell unter mysteriösen Umständen verstirbt. Ungewöhnlich ist dabei vor allem die Tatsache, dass die Patientin keinerlei Probleme mit ihrem langsamen Verfall zu haben scheint und diesen fast zu begrüßen scheint. Zudem spielt dabei ein merkwürdiger Schlüssel eine Rolle, der verschwindet, wenn sie sich in ihrer Traumwelt befindet, die für sie eine gewichtige Rolle spielt und ihr Erfüllung bringt. Gemeinsam mit Jost versucht er das Rätsel zu lösen und stößt dabei auf eine Reihe ähnlich gearteter Fälle, in denen sich jeweils auch ein Schlüssel im Besitz der Betroffenen befunden hat. Schnell registrieren die beiden weitere Gemeinsamkeiten und versuchen, die Hintergründe zu erforschen, wobei sie unter anderem auf alte Aufzeichnungen stoßen und von Wesen erfahren, deren Existenz ihnen bislang unbekannt war. Ihre Reisen führen sie dabei unter anderem nach Elenvina, Donnerbach, Punin und Gareth.  Mehr und mehr müssen sie zudem registrieren, dass der Wahnsinn nicht nur schwache und für Einflüsterungen anfällige Personen betrifft, sondern auch sie selbst davon bedroht sind.

II. Figuren

Auffällig ist, dass die beiden Hauptfiguren Jost und Elgir sich in vielen Aspekten sehr wesensähnlich sind. Beide sind wissbegierige Forscher und Gelehrte, nicht getrieben von materiellen Bedürfnissen, sondern einzig und allein vom Erkenntnisgewinn. Als Freunde sind sie ausgesprochen loyal zueinander, was sich unter anderem allein darin ergibt, dass sich Jost auf Elgirs ersten Brief hin ohne zu Zögern in die Nachforschungen stürzt. Obwohl keiner ein typischer Kämpfer ist, zeigen sie sich beide ausgesprochen risikobereit, wobei Jost zumindest an einer Stelle auch die Schwelle zum Leichtsinn überschreitet. Bemerkenswert ist zudem, dass sie dem Wahnsinn kaum mit Furcht begegnen, sondern diesen eher als zu analysierendes Problem behandeln, beispielsweise neigen sie dazu, ihre eigenen Alpträume sofort in ihrer Bedeutung zu ergründen.

Alle weiteren Figuren sind nur episodenhafte Begegnungen, wobei vor allem die Erkrankten natürlich eine wichtige Rolle spielen, da sie die beiden Hauptfiguren Stück für Stück auf die richtige Spur führen bzw. sich ihnen natürlich auch teilweise als Antagonisten gegenüberstellen.

III. Kritik

Die Briefform der Heldenbreviers sorgt im Normalfall für eine etwas ruhigere Erzählform, auch da ja rückblickend geschildert wird, was gewisse Spannungsmomente aus dem Spiel nimmt. Aus diesem Grund war ich etwas skeptisch, ob das Versprechen einer „altraumhaften Reise“ wirklich eingehalten wird, auch wenn die literarische Vorlage für den Cthulhu-Mythos ja auf ähnliche Berichtformen zurückgreift. Aber gerade dieser oft eher nüchterne Stil, der von Auslassen durch den Erkenntnishorizont der Protagonisten geprägt ist, sorgt dafür dass die Bedrohung langsam immer realer wird, bis man plötzlich verspürt, dass Jost und Elgir selbst in große Gefahr geraten.

Der Aufbau ist dabei gut gewählt, von der Beschreibung erster Fälle, die man noch mit klinischer Distanz betrachtet bzw. von denen man mit einem gewissen zeitlichen Abstand zum Tode des Betroffenen erfährt, werden die beiden Ermittler immer stärker selbst involviert, von der Phase der getrennten Nachforschungen bis zu den abschließenden gemeinsamen Handlungen, die in die finale Konfrontation münden. Zudem wird eine gewisse Bandbreite an Handlungsorten aufgesucht, von den großen Städten über ein Treffen mit Elfen in einsamen Wäldern bis hin zur eigentlichen Beschaulichkeit einer Klosterbibliothek.

Das Böse ist dabei zumeist nicht greifbar, manifestiert es sich doch lange Zeit nur in den irrationalen Verhaltensweisen der Betroffenen, die durchweg völlig harmlos wirken. Dabei handelt es sich eben nicht um finstere Schurken, sondern völlig normale Menschen mit Alltagsprofessionen (Bäckergesellin, Dachdecker, Schweinehirtin). Dramatischer wird es dann, wenn sich die Recherchefortschritte einstellen und das Übel mit Yog-Sothoth einen Namen bekommt. Ab diesem Moment werden die Erlebnisse auch intensiver, wenn Besessene plötzlich attackieren oder auch die ersten eigenen Alpträume auftauchen und man auch als Leser feststellt, dass vielleicht gerade hier die eigentliche Gefahr droht. Mit einer Menagerie kommt zudem ein etwas surrealer Handlungsort hinzu, der die Überleitung zum Thema Wahnsinn darstellt und die Frage nach einer klaren Trennung von Realität und Traumwelt aufkommen und auch Jost und Elgir langsam an ihrem Verstand zweifeln lässt. Das Ende erscheint in diesem Zusammenhang dann auch sehr konsequent.

Der Einbau originär fremder Elemente in Aventurien gelingt im Rahmen des Heldenbreviers aus meiner Sicht überraschend bruchlos, wird Yog-Sothoth doch als eindeutig unbekanntes Wesen eingeführt und die beiden Protagonisten befinden sich quasi auf dem selben Wissensstand wie die Leser und nehmen diese mit ihren Recherchen einfach mit, so dass es keinen brachialen Einbruch in eine tradierte Fantasiewelt darstellt. Klug wird dabei das, was man bislang aus Aventurien kennt, mit den Cthulhu-Anteilen verbunden, wobei auch erklärt wird, warum bestimmte Elemente zuvor nicht erkannt wurden, sondern oft übersehen oder schlicht mit etwas Bekanntem verwechselt wurden. In dieser Form finde ich das Crossover von DSA und Cthulhu vollkommen akzeptabel. Das liegt sicherlich auch daran, dass hier mit dem Orden der Noiona, der sich für die geistige Gesundheit seiner Schützlinge einsetzt, eine passende Schnittmenge gefunden wurde als antagonistische Organisation zu den Mächten des Wahnsinns.

Lediglich in dem Aspekt, ob der Titel Heldenbrevier der Noioniten wirklich den Inhalt passend umschreibt, würde ich mit einem leichten Fragezeichen versehen, da nur ein Teil der Handlung wirklich das Wirken des Ordens in den Mittelpunkt setzt, spätestens ab Mitte des Bandes ist es klar eine Abenteuergeschichte, in der der Orden nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Zudem ist ja auch nur einer beiden Protagonisten ein Noionit und fast der gesamte zweite Handlungsabschnitt wird aus der Sicht des Magiers Jost erzählt, da dessen Tagebuch die Referenz ist.

IV. Fazit

Das Heldenbrevier der Noioniten ist ein gelungener Band, der die Mittel des Briefromans gekonnt ausschöpft und das Thema Wahnsinn inhaltlich spannend aufarbeitet, wenn die beiden Protagonisten in ihren Aufzeichnungen ihren Kampf gegen eine unbekannte Bedrohung beschreiben. Das Crossover von DSA/Aventurien und Cthulhu gelingt hier weitgehend störungsfrei, weil fremde Elemente behutsam eingefügt werden und die Leser diese neuen Eindrücke gemeinsam mit dem Erleben der beiden Hauptfiguren gewinnen.

3 Kommentare

  1. Nach dieser Rezension habe ich mir das Bändchen bestellt, obwohl ich mit dem Cthulhu-Mythos gar nicht vertraut bin. Ich muss sagen, mich hat die Geschichte sofort gefesselt und sie hinterlässt ein recht unangenehmes Ziehen im Magen, was wohl durchaus beabsichtigt ist. Mir wäre auch Elgir als Erzählfigur lieber gewesen, aber auch so freue ich mich über den Erwerb.

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    1. Geht mir genauso: Cthulhu kenn ich nur am Rande und mit den spielbaren Sachen des Crowdfundings werd ich definitiv nicht warm, aber das Brevier liest sich spannend, hinterlässt auch gewollt ein ungutes Gefühl.

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