Rezension: Wandel im Chaos

Vorbemerkung: Die Ulisses-Conventions werden seit Jahren von einem Heldenwerk begleitet, dass zusätzlich zu den regulären Botenbegleitern erscheint. Da am vergangenen Wochenende die RatCon als Online-Convention ausgetragen wurde, hat mich unlängst das Con-Paket mit dem betreffenden Heft erreicht. Wandel im Chaos von Thorsten Most und Josch K. Zahradnik (unter Mitarbeit von Altmeister Karl-Heinz Witzko) stellt dabei insofern eine Besonderheit dar, als dass das Abenteuer zwar in Khunchom spielt, sich aber mit den dort lebenden Maraskanern auseinandersetzt. Somit spielt die Handlung auch in dortigen Maraskanerviertel As´Tuzak.

In Zahlen:

– 15 Seiten

– 4. Con-Heldenwerk

– Erschienen: März bzw- Juli 2020

I. Aufbau und Inhalt

Laut Klappentext ist das Abenteuer als Recherche- und Intrigenabenteuer angedacht. Dementsprechend verfügt es über eine durchaus komplexe Hintergrundhandlung, vor allem in der Personenkonstellation. Diese wird zunächst beschrieben, zusammen mit der Ausgangssituation: Das lokale Oberhaupt der Maraskaner Khunchoms ist unlängst verstorben und derzeit ist die Stimmung im Viertel geprägt von der Nachfolgefrage, für die sich zwei Kandidaten ergeben haben.

Eine Einführungsszene versetzt die Heldengruppe in die Retterrolle, werden sie doch direkt bei Betreten des Viertels Zeugen eines Angriffs einer Übermacht auf einen Einzelnen. Gelingt es ihnen, den Mann zu retten, stellt er sich ihnen als Quinziber vor. Fragt man ihn nach dem Anlass des Angriffs, so offenbart er, dass er unlängst ein Gespräch belauscht hat, indem es um die geplante Ermordung einen Fremden gehen soll, der in den nächsten Tagen in der Stadt ankommen soll. Allerdings weiß er außer einigen Namen nichts über die Hintergründe des Attentats.

An dieser Stelle beginnt der Rechercheteil: Ziel ist es, mehr über die Hintergründe und vor allem über Identität und Aufenthaltsort der Hintermänner (und -frauen) in Erfahrung zu bringen. Dazu ist der sogenannte Kladj (das maraskanische Wort für Gerücht) dienlich, der hier in Form von mehreren Informationslisten zusammengefasst ist. Folgend sind mehrere Orte angegeben, die kurz beschrieben werden, auch mit den jeweiligen Ansprechpartnern und den Gerüchten, die man dort erhalten kann. Somit ergibt sich im Idealfall eine Kette, die die Spielercharaktere an immer neue Orte und Ansprechpartner verweist, bis man sich valide Informationen hat angeeignet hat, um das Finale zu initiieren.

Das Finale ist ortsgebunden. Somit existieren ein Plan des Gebäudes sowie eine Beschreibung des Gegnerverhaltens, das aber auch davon abhängig ist, wie sich die Helden zu bestimmten Personen im Vorfeld positioniert haben. Im Anhang finden sich die Werte und Kurzschilderungen der zentralen Figuren.

II. Figuren

Zunächst bestimmend ist natürlich Quinziber als Auftraggeber, der als hilfreicher Unterstützer fungieren kann, allerdings auch eine außerordentlich mysteriöse Figur darstellt, verfügt er doch über Informationen, von denen unklar ist, unter welchen Umständen er diese genau erhalten hat. Die Stimmung im Viertel ist hingegen geprägt von der Rivalität der Tetrarchen-Anwärter Zajda aus Uuz´Dornak und Denderan. Die Antagonisten hingegen bleiben zunächst noch sehr diffus, bis man sich ihnen im Laufe der Recherche annähert.

III. Kritik

Rechercheabenteuer in einer Großstadt sind für das schlanke Heldenwerk-Format nicht unbedingt prädestiniert, gleiches gilt auch für Intrigenabenteuer mit einer komplexen Figurenkonstellation, in der manche NSC auch noch sehr diffus angelegt sind.

Ersteres erweist sich in der Tat als auf den ersten Blick etwas verwirrend, zumindest in der Art, wie der Text verfasst ist. Wenn zunächst von zwei Anwärtern auf die Tetrarchen-Würde die Rede ist, zwei Meuchlern, mehreren im Hintergrund stehenden Organisationen und einem potentiellen Mordopfer, über das man quasi nichts weiß. Allerdings ist dies offenbar sehr bewusst so angelegt, um das Irrationale und Unvorhersehbare in vielen Maraskan-Geschichten einzufangen. Zudem gewinnt die Geschichte auch aus der Undurchsichtigkeit der Figurenhintergründe ihren Reiz. Trotzdem wäre an einigen Stellen ein wenig mehr an Information sicher wünschenswert gewesen.

Was die Darstellung der Großstadt angeht, so ist dies insofern etwas entschärft, als dass die komplette relevante Handlung in As´Tuzak spielt. Zudem sind alle wichtigen Orte und Ansprechpartner berücksichtigt worden. So ist die Recherche gut gelöst worden, indem nicht auf die beliebten (und aus meiner Sicht völlig reizlosen) Sammelproben zurückgegriffen wird (obwohl man vor Ort optional durchaus auf Proben zurückgreifen kann, um die jeweilige Person zu befragen). Jede Information führt an einen neuen Ort, wo man wiederum neue Informationen gewinnen kann, bis man schließlich genügend davon gesammelt hat, um den Finalort zu entdecken. Gerade dieser Prozess ist sehr interaktiv angelegt und gewährt viele Gelegenheiten, den maraskanischen Kladj zu erleben. Mit Kladjbekannt wurde zusätzlich ein guter Mechanismus integriert, um Recherchefortschritt zu begleiten, indem immer auch das Risiko besteht, dass die vielen Fragen der Heldengruppe dafür sorgen, dass ihre Gegner auf sie aufmerksam werden und ihnen demensprechend Hürden in den Weg stellen.

Zudem gibt es viele entsprechend undurchsichtige Figuren, so dass die gesamte Story ein wenig wie die bekannten Honinger Geschichten wirkt, in denen am Ende immer noch großer Aufklärungsbedarf herrscht, hier vor allem in der Frage, wer das potentielle Mordopfer eigentlich ist (bzw. was er eigentlich in Khunchom will). Was dem Abenteuer aber sicherlich zuträglich gewesen wäre, ist eine Karte des Viertels. Ohnehin handelt es sich wie bei vielen Heldenwerken um eines, das sicherlich schwer von dem Erscheinen einer entsprechenden Regionalspielhilfe profitieren wird, die eine Stadtbeschreibung von Khunchom enthält.

Im Bereich der Flexibilität muss man zwischen den Abenteuerteilen differenzieren. Der Einstieg ist natürlich sehr szenisch angelegt und lässt den SpielerInnen wenig Möglichkeiten, sich anders als vom Plot gewollt zu verhalten. Der Mittelteil lenkt letztlich zu einem gewünschten Ergebnis, da die Informationen früher oder später zur entscheidenden Erkenntnis über den Finalort führen werden. Trotzdem können die HeldInnen sich hier völlig frei bewegen und die Reihenfolge selbst bestimmen, so dass dieser Teil auch kürzer oder länger ausfallen kann. Schön ist auch, dass hier variable Informationen vorhanden sind, so dass man sich durchaus auch auf eine falsche Spur begeben kann. Das hängt insbesondere damit zusammen, ob man Quinziber vertraut oder nicht. Dieser ist ohnehin die gelungenste Figur im gesamten Intrigenreigen, da er sehr doppelbödig angelegt ist. Einerseits handelt er im Rahmen der Ereignisse völlig richtig und wird als verlässlicher Verbündeter agieren, wenn man ihn nicht hinterfragt. Andererseits gibt sein Hintergrund allen Anlass, ihm zu misstrauen, was bis ins Finale nachwirken kann. Dieses ist zwar auch an einen festen Ort gebunden, je nach vorherigem Verhalten kann die Ausgangssituation dort aber anders sein: Man kann direkt zusammen mit Quinziber dorthin kommen, oder ihn später als Verstärkung erhalten, gleichermaßen kann man dort den Gegnern eine Falle stellen oder aber in eine selbige laufen. Im schlechtesten Fall hat man sogar bis zu diesem Zeitpunkt nicht durchschaut, wer Freund und wer Feind ist. In einigen Setzungen hingegen ist das Abenteuer dafür eher unflexibel angelegt, z.B. in der Vorgabe, dass bestimmte Figuren unauffindbar bzw. bis zu einem gewissen Zeitpunkt unerreichbar sind.

IV. Fazit

Wandel im Chaos ist ein gutes Rechercheabenteuer mit einer breiten und spannenden Figurenriege. Die Stimmung im Maraskanerviertel Khunchoms wird gut eingefangen, besonders durch den Kladj und die damit verbundene intensive Interaktion mit den Figuren. Einige Aspekte des Abenteuers könnten etwas übersichtlicher gestaltet sein, allerdings verfügt es im Rahmen eines Heldenwerks über eine angemessene Flexibilität im Ablauf zwischen einigen überwiegend notwendigen Setzungen.

Bewertung: 5 von 6 Punkten

1 Kommentar

  1. Preiset den Wandel, den so gefällt es Schwester Tsa!

    Danke für deine Rezension. Mir gefällt das HW ausgesprochen gut, aber als Wahlmaraskaner bin ich da auch uuz’befangen.
    Es muss zweifach mehr zu Maraskan geben!

    Liken

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