Rezension: Echsengötter

Vorbemerkung: In etwa im Halbjahresrhythmus hat sich seit einigen Jahren die Phileasson-Saga eingependelt, so dass in der letzten Woche erfreulicherweise mit Echsengötter der 9. Band eingetroffen ist. Hierbei fällt direkt auf, dass Robert Corvus und Bernhard Hennen ihrem Hang zu epischer Breite immer mehr nachgeben, handelt es sich mit 862 Seiten doch um den mit Abstand umfangreichsten Band der gesamten Reihe. Geschuldet ist dies sicherlich auch dem Umstand, dass die Wege der beiden Wettfahrergruppen nunmehr weit auseinandergedriftet sind.

In Zahlen:

– 9. Band der Phileasson-Saga

– 862 Seiten

– Preis: 14,99 Euro

– Erschienen am 10.8. 2020

I. Aufbau und Inhalt

Bestimmt ist der Band vor allem dadurch, dass Beorn und Phileasson mit ihren jeweiligen Gefährten buchstäblich in anderen Welten unterwegs sind: Während der Blender sich weiterhin auf den Inseln in Nebel zurechtfinden muss, befindet sich Foggwulf nach wie vor in Aventurien.

Das erste Schlaglicht erhält allerdings keiner der beiden ehrgeizigen Hetmänner, sondern Irulla, ist sie doch die Protagonistin des Prologs. Dabei wird geklärt – nachdem dies lange sehr diffus geblieben ist – wie die Fährtensucherin nach Thorwal gelangt ist. Dies reicht in ihre Kindheit zurück, in der die junge Irulla zusammen mit anderen Mitgliedern ihres Stammes entführt wurde. Statt allerdings wie ein verängstigtes Kind zu reagieren, agiert sie extrem abgeklärt und kaltblütig, auch im Angesicht von drohender Sklaverei und Tod. Im Zuge des recht blutigen Prologverlaufs wird auch deutlich, wie sich ihre besondere Beziehung zu Tod und Sterblichkeit entwickelt hat.

Der Hauptteil weist die Besonderheit auf, dass für beide Gruppen das eigentliche Ziel der Wettfahrt aktuell kaum im Fokus scheint bzw. die Kontrahenten sich jeweils auf der Verliererstraße wähnen. Beorn ist weit von den heimischen aventurischen Gestaden unterwegs und hat sich von dem Gedanken verabschiedet, schnell von dort wegzukommen. Vielmehr nimmt er mittlerweile eine sehr aktive Rolle in den dortigen Konflikten der Elfen untereinander ein, indem er sich mit den sogenannten „Wilden“ verbündet hat und mit seiner offensiven Strategie überraschende Erfolge feiert. Nach wie vor strebt er aber an, einen Ausweg zu finden, wobei ein erstes Etappenziel die Wiederbelebung des jungen Arn ist, wozu er an den legendären Kessel der Cammalan gelangen will. Dazu ist es aber wiederum notwendig, sich in eines der sogenannten lebendigen Bilder zu begeben, in denen Ereignisse der Vergangenheit in einer Art Endlosschlaufe ablaufen.

Phileasson hingegen verfolgt mit seiner Gruppe die Spur der Echsenmenschen, die am Ende von Elfenkrieg die Siedler von Brokscal entführt haben, womit auch er den Eindruck hat, nicht seiner Hauptqueste zu folgen. Getreu seinem Charakter stellt er aber seine persönlichen Ziele nicht über das Wohlergehen seiner Gefährten. Damit rückt er aber zunächst in den Hintergrund, werden doch lange Zeit nur die Eindrücke der Entführten geschildert, zu denen auch Shaya, Abdul, Salarin und Leomara gehören. Diese Gruppe sieht sich der Willkür und der Grausamkeit ihrer Entführer ausgesetzt. Dabei dringen sie gleichzeitig aber auch tief in die Kultur der Echsenmenschen vor und werden am Ziel der Reise, dem sogenannten Tal der Tempel in den Widerstreit der religiösen Oberschicht verwickelt, deren Oberhäupter um die derzeit vakante Führung innerhalb des Tals ringen. Dabei ist es notwendig, Verbündete zu finden, um gegen diejenigen vorzugehen, die die Gefangenen in ihrer Hand zu haben. Letztlich ergibt sich aus dieser Konstellation die Notwendigkeit, eine Art Mordermittlung durchzuführen.

Beide Handlungsstränge laufen auf ein Finale zu, das insbesondere die Kampfkraft beider Ottajaskos beansprucht, wobei vor allem Beorn mittlerweile den Status eines Heerführers angenommen hat und es in seinen Konflikten um das Schicksal ganzer Städte geht.

II. Figuren

Beorn ist nach wie vor eine besondere Figur, da er als Anführer einerseits die Gemeinschaft betonen muss und Kompromisse unter seinen Mannschaftsmitgliedern schaffen muss. Dabei steht ihm allerdings entgegen, dass er umgekehrt immer wieder die Tendenzen eines Einzelgängers aufweist, der schwierige Entscheidungen allein treffen will. Das führt immer wieder dazu, dass seine Autorität hinterfragt wird, vor allem von der ehrgeizigen Eilif. Als bedingungslose Stütze kann er sich nach wie vor nur auf Zidaine verlassen.

Phileasson rückt bis zur Romanmitte völlig in den Hintergrund, da zunächst nur die Perspektive der Entführten eingenommen wird, womit Shaya, Salarin, Abdul und Leomara im Fokus stehen. Vor allem Shaya befindet sich im Zwiespalt, zwischen der Notwendigkeit, den anderen Halt zu geben und der Existenz eigener Ängste. Salarin hingegen verhält sich weiterhin ausgesprochen irrational, gefangen zwischen seiner gegenwärtigen Persönlichkeit und den Einflüssen der Vergangenheit.  Daneben ist diesmal natürlich Irulla eine wichtige Protagonistin, da man im Prolog vieles darüber erfährt, was ihre Nähe zum Tod herbeigeführt hat und was großen Einfluss auf ihr aktuelles Handeln hat.

Als neue Figuren sind primär die Oberschicht der Elfen auf den Inseln im Nebel zu nennen, z.B. Shadruel als Vertreter der Wilden, aber auch Figuren der Gegenseite wie die standesbewusste Flottenkommandantin Orristani oder die ehrgeizige Lynissel, die eine schnelle Entscheidung herbeiführen will. Im Tal der Tempel sind es die Echsenpriester, die als wichtige Ansprechpartnerin fungieren, wobei der enorm kampfstarke Maru Xch´War und die gerissene Chimäre Zsintiss herausragen.

III. Kritik

Durch die räumliche Trennung beider Gruppen ergibt sich natürlich auch ein größerer Erzählraum, bewegen sich Beorn und Phileasson doch in völlig unterschiedlichen Umgebungen. Beorn hat eine völlig eigene Welt um sich herum, die er und die Seinen für sich erst erschließen müssen und in denen für sie fremde Konventionen herrschen. Das ist auch insofern sehr großformatig, als dass die Thorwaler hier wieder ihrer Seefahrernatur entsprechen können und im Laufe der Handlung mehrere unterschiedliche Inseln und Städte ansteuern. Dadurch erhält sein Handlungsstrang wiederum den deutlich epischeren Charakter. Aus meiner Sicht sind dabei vor allem die Passagen besonders gelungen, in denen Beorn sich als Heerführer beweisen kann und seinen Charakter als Außenweltler unterstreichen darf, der sich mit seinen harten Methoden vollkommen den gängigen Konventionen der dort üblichen Kriegsführung entzieht, die die Elfen gewohnt sind. Als von seinen Gegnern unterschätzter „Barbar“ zeigt seine Figur dabei immer wieder die Wandlungsfähigkeit, die seinem Charakter innewohnt. Einerseits verfügt er – auf seine Ottajasko bezogen – über einen klar erkennbaren Gemeinschaftssinn, zeigt sich in den Konflikten aber immer wieder skrupellos. Konkret äußert sich dies in den Extremen, wenn er einerseits bereit ist, alle Unternehmungen hinter einer fast aussichtslosen Aktion zur Rettung des jungen Arn hinten anzustellen (und ein hohes persönliches Risiko einzugehen) und andererseits ganze Städte verheert, um seine Entschlossenheit zu beweisen.

Was hier den Eindruck etwas trübt ist eine gewisse Eindimensionalität in der Charakterzeichnung der anderen Mitglieder seiner Gruppe. Für mich sind viele von Beorns Gefährten auf gewisse Funktionen reduziert: Eilif ist und bleibt die kräftige Rebellin, Zidaine verkörpert derzeit die treue Geliebte (gepaart mit ihrer Kompromisslosigkeit als tödliche Kämpferin), Galayne den mysteriösen Außenseiter, die anderen Mitglieder kommen oft nur sehr vereinzelt vor. Lediglich Leif hat kurze Momente, in denen eine neue Tiefgründigkeit aufkommt. Hier sind für mich schon große Unterschiede zu Phileassons Ottajasko zu erkennen.

Phileassons Handlungsstrang hingegen ist diesmal deutlich kleinformatiger, spielt dieser Part doch fast ausschließlich im Tal der Tempel. Und auch wenn dies laut Prophezeiung Teil der Wettfahrt ist, scheint die Jagd nach dem Titel in den Hintergrund zu rücken, steht doch die Rettung der Freunde im Vordergrund. Hier dürfen einige Mannschaftsmitglieder mehr Bandbreite zeigen, vor allem die von ihrer Todesangst geprägte Shaya. Ähnliches gilt aber auch für Abdul, der in seinen Gedanken sehr sprunghaft ist, mal wie ein abgehobener Gelehrter doziert, mal wie ein verängstigtes Kind wirkt.

Ganz allgemein fällt nach wie vor auf, dass man als Leser weiterhin sehr mit dem Schicksal der Figuren mitfühlt, begleitet man das Schicksal vieler von ihnen doch nun seit mehreren Jahren und über mehrere Tausend Seiten hinweg. Diese Bindung ist weiterhin eine Stärke der Romanreihe und sorgt dafür, dass sogar bei über 800 Seiten im Prinzip nie das Gefühl von erzählerischen Längen aufkommt. Die konkrete Handlung von Echsengötter kann dabei aus meiner Sicht nicht immer mithalten, weil sich gewisse Motive wiederholen, z.B. wenn ein weiteres Mal der Hintergrund der lebendigen Bilder bemüht wird, durch die Beorn sich arbeiten muss (mit einem merklichen Hauch von Und täglich grüßt das Murmeltier), wobei allerdings das Ende dieser Episode um Cammalans Kessel eine sehr überraschende Wendung aufweist. Bei Phileassons Abenteuern im Tal der Tempel fehlt dem gegenüber ein gewisses Überraschungselement, die Elemente einer Kriminalhandlung zur Aufklärung zweier Todesfälle sind von Beginn an völlig offensichtlich, auch der Antagonist ist absolut in seinen Handlungsmustern festgelegt, was vieles vorhersehbar werden lässt. Allerdings gilt auch hier, dass es weiterhin abwechslungsreich und spannend geschrieben ist, so dass auch hier keine Eintönigkeit aufkommt. Zudem gibt es auch immer wieder neue Eindrücke von altgewohnten Figuren, wie der Prolog belegt, der Irulla deutlich greifbarer werden lässt. Was mir aber stellenweise auffällt, ist die plakative Blutigkeit des vorliegenden Romans, die vom Prolog an vorherrscht und bei mir oft den Eindruck erzeugt, dass hier nicht immer handlungstragende Erkenntnisse befördert werden, sondern vieles auch sehr plakativ gedacht ist, um LeserInnen bewusst zu schocken. Sicherlich ist das ein Stil, der die ganze Reihe von Beginn an auch prägt, stellenweise wäre eine gewisse Dosierung aber nicht verkehrt. Gerade im Prolog wären statt einiger Splatter-Effekte in Form der expliziten Beschreibung von Ritualen, Leichenverwesung und Todesarten etc. mehr raffinierte Überraschungsmomente denkbar gewesen, angesichts der Möglichkeiten, die eine tödliche Bedrohung auf engem Raum bieten würde.

IV. Fazit

Echsengötter ist eine spannende Fortführung der Wettfahrt, die vor allem durch zwei sehr unterschiedliche Handlungsstränge gekennzeichnet ist. Die vielen Figuren und deren Schicksal sorgen dafür, dass trotz einiger sich wiederholender Motive keine echten Längen aufkommen. Allerdings zieht sich weiterhin durch die Romane, dass Phileassons Mannschaft deutlich facettenreicher gezeichnet ist als die seines Kontrahenten Beorn.

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