Rezension: Das Heldenbrevier der dampfenden Dschungel

Vorbemerkung: Die Heldenbreviers haben sich in den letzten Jahren als Ergänzung zu den Regionalspielhilfen etabliert, vor allem in der Funktion, die Inhalte der jeweiligen Spielhilfe um eine Ingame-Perspektive anzureichern und sie anschaulicher auszugestalten. Gleiches gilt natürlich auch für Das Heldenbrevier der dampfenden Dschungel von Carolina Möbis. Hier jedoch weist das Brevier noch eine zusätzliche Besonderheit auf: Es stellt die Vorgeschichte zum Abenteuer Jadegrün und Kobaltblau dar, das wiederum neue Setzungen für die Regionalspielhilfe schafft. Somit sind die drei Publikationen wesentlich enger als sonst üblich miteinander verbunden.     

In Zahlen:

– 160 Seiten

– Preis: 14,95 Euro

– Erschienen am 2.9. 2020

I. Inhalt

Der größte Teil des Bandes wird aus der Perspektive der horasischen Gelehrten Yalsinia ya Tarcallo erzählt, indem ihre Expeditionsaufzeichungen verwendet werden. Zu Beginn der einzelnen Kapitel wird dies aufgebrochen, zumeist durch kurze Sagen der Waldmenschen und Utulus. Später sind auch Passagen aus der Sicht des Napenwanha Nepi-Luhan vorhanden.

Die Aufzeichnungen beginnen mit Yalsinias Aufbruch aus ihrer Heimat Methumnis, von wo sie sich nach der Bewilligung von entsprechenden Forschungsgeldern zügig in Richtung Süden aufmacht, mit dem Ziel, die Totenkulte der Waldmenschen und Utulus näher zu erforschen. Nach Stationen in Mirham und Brabak erreicht sie schließlich Hot-Alem, von wo aus sie die Weiterreise bis zu den Perleninseln plant.

Die folgende Reise nimmt allerdings die verschiedensten unerwarteten Wendungen, von Piratenüberfällen und Schiffbruch bis hin zu Begegnungen mit riesigen Dschungelbewohnern und Untoten. Als Begleiter weicht ihr nach einem gemeinsamen ersten Abenteuer nicht mehr der Krieger Nepi-Luhan von der Seite. Dabei fällt ihm zumeist die Rolle des Retters in der Not zu muss, muss er doch der Theoretikerin Yalsinia mehrfach in Notsituationen beistehen, in denen sein Geschick und seine Erfahrung gefragt sind.

Wie auch in den vorherigen Bänden der Reihe handelt es sich um einen Reisebericht, Yalsinia und Nepi-Luhan gelangen zu vielen unterschiedlichen Orten wie Hot-Alem, Sant Ascanio, Neu-Bosparan, auf die Insel Andikan und nach Tyrinth und zu Stämmen wie den Darna, den Haipu und den Miniwatu. Am Ende steht dabei nach vielen Widrigkeiten doch noch eine wichtige Entdeckung.

II. Figuren

Hier liegt der Fokus bis auf wenige zwischenzeitliche Begegnungen fast ausschließlich auf Yalsinia und Nepi-Luhan. Die Forscherin nimmt dabei die ortsfremde Perspektive ein, womit die LeserInnen quasi im Gleichklang mit ihr den Tiefen Süden erkunden können. Augenfällig bei ihr ist die Konstruktion als weltoffene Person, die zwar mit den Gefahren des Dschungels hadert, den Utulus und Waldmenschen aber völlig ohne Vorurteile begegnet und nie abschätzende Vergleiche zwischen ihrer Heimat und den Begebenheiten vor Ort zieht. Nepi-Luhan hingegen fungiert als ihr Führer und als derjenige, der einen Einblick in das Denken der Waldmenschen gewähren kann, zudem seine Tatkraft einbringen kann, vor allem dann, wenn die beiden in Gefahr geraten.  

III. Kritik

Zunächst ist wie üblich der klare und ruhige Erzählstil augenfällig, den man mittlerweile von Carolina Möbis gewohnt ist. Hier ist es vor allem die analytische Art der Wissenschaftlerin Yalsinia, die den Charakter einer Forschungsreise unterstreichen soll, wobei der Tonfall oft differenziert zwischen knappen, stichwortartigen Schilderungen von organisatorischen Abläufen und sehr ausführlichen Passagen, wann immer etwas ihr Interesse weckt. Dabei ändert sich auch merklich das Verhältnis zu Nepi-Luhan, der im Laufe der Handlung immer mehr von fremden Verbündeten in der Notsituation zum Freund wird. Etwas auffällig ist die Ernsthaftigkeit in den Aufzeichnungen, wobei für meinen Geschmack der Humor etwas auf der Strecke bleibt.   

Dabei ist die Dramaturgie trotz der Gestaltung als Briefroman bzw. Tagebuch durchaus mit den notwendigen Spannungsspitzen versehen. Neben den Schilderungen von Land und Leuten mit dem Fokus auf die kulturspezifischen Besonderheiten gibt es immer wieder Höhepunkte, wobei besonders eine Gefangenschaft bei Piraten nebst dem folgenden Schiffbruch zu nennen ist, aber auch Begegnungen mit einem Schlinger und einem Yaq-Hai.

Nach wie vor bemerkt man, dass ein Fokus der gesamten Publikationsreihe zu den Dschungeln des aventurischen Südens darauf liegt, das Setting modern zu gestalten und vor allem frei von Vorurteilen wie z.B. kolonialen Klischees. Auch wenn es in diesem Kontext merkwürdig erscheint, ausgerechnet eine auswärtige Forscherin als Perspektivfigur zu wählen, gelingt dies trotzdem gut, was in der expliziten Anlage von Yalsinia als aufgeklärte Frau liegt, die bewusst darauf achtet, die dort einheimischen Menschen nicht abzuwerten, auch wenn sie eine völlig andere Lebensweise führen. Was ich in diesem Kontext etwas schade finde, ist dass mit Nepi-Luhan nur auf eine weitere zentrale Figur aus der Region selbst zurückgegriffen wird. Die Regionalspielhilfe stellt eine Reihe von Stämmen und Orten vor, die sicherlich noch weitere Optionen geboten hätten. Somit hätte man kulturelle Unterschiede auch unter den Angehörigen verschiedener Stämme anschaulicher aufzeigen können, z.B. besuchen die beiden Protagonisten ja die Darna, die aufgrund ihrer Magiebegabung durchaus reizvolle Möglichkeiten geboten hätten. Sicherlich liegt das auch in der Vorgabe, dass es hierbei überwiegend um nicht-schriftliche Kulturen handelt, die somit schwerer als Perspektivfiguren in einen Briefroman einzubinden sind, allerdings zeigt ja auch Nepi-Luhan, dass dies möglich ist.   

Gut gelingt einmal mehr ein Einblick in viele verschiedene Bereiche des Settings: Die aufgesuchten Orte weisen jeweils eine eigene Spezifik auf, durch die sie unterscheidbar werden. Dabei handelt es zwar nur um eine kleine Auswahl an Örtlichkeiten und Stämmen, trotzdem zeigen diese auf, dass sie ein jeweils anderes Gestaltungskonzept aufweisen, z.B. in der Differenz der eher theatralisch wirkenden Miniwatu im Abgleich zu den traditionsbewussten Darna oder Haipu, die in einer völlig anderen Umgebung leben und deshalb andere kulturelle Prioritäten setzen. In dem Kontext ist natürlich auch die enge Verzahnung mit der Regionalspielhilfe und dem Begleitabenteuer lobend zu erwähnen, indem der Fund von Yalsinia und Nepi-Luhan folgend eine wichtige Rolle im Metaplot der gesamten Region aufweisen wird.    

Angereichert wird dies zusätzlich durch die aus meiner Sicht besonders gelungenen Passagen aus der Sagenwelt des Südens, die sich häufig durch eine Schilderung von harten Lebensbedingungen in einer naturbelassenen Umgebung auszeichnen und deren Protagonisten wahlweise tragisch oder heroisch angelegt werden und die sich deutlich anders lesen als gängige Märchen und Sagen in einem mitteleuropäischen Stil.

IV. Fazit

Das Heldenbrevier der Dampfenden Dschungel ist ein gelungener Briefroman, in dem eine abwechslungsreiche und anschauliche Schilderung einer Reise in den Tiefen Süden vorhanden ist. Positiv hervorzuheben ist der ruhige Erzählstil, der trotzdem über einen passenden dramaturgischen Aufbau verfügt. In der Wahl der Protagonisten hätte ich mir etwas mehr Vielfalt gewünscht, vor allem um den Bewohnern der Region noch mehr unterscheidbare Konturen zu geben.     

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