Rezension: Greetja

Vorbemerkung: Wenn man das laufende Jahr auch nicht unbedingt als das Erscheinungsträchtigste in der Geschichte von DSA bezeichnen kann, so ist doch gerade der Romansektor gut bedient worden, sei es durch die mittlerweile abgeschlossene Romanserie Das Blut der Castesier oder die weiterhin laufende epische Phileasson-Saga. Auch Fanpro verfügt seit geraumer Zeit wieder über eine entsprechende Lizenz. Der neuste Roman Greetja stellt dabei ein besonders bemerkenswertes Exemplar dar, handelt sich doch quasi um das Comeback von Ina Kramer, die somit nach sehr langer Pause wieder eine Rückkehr nach Aventurien gewagt hat (nach zwei im Scriptorium veröffentlichten Kurzgeschichten).

In Zahlen:

– 509 Seiten

– Preis: 18,95 Euro

– Erschienen am 15.9. 2020

I. Aufbau und Inhalt

Greetja ist die Lebensgeschichte der gleichnamigen Protagonistin, wobei in Ausschnitten ihre Entwicklung von einem 14jährigen Mädchen bis hin zu einer Frau von 70 Jahren begleitet wird. Sie ist dabei die einzige Perspektivfigur, aus deren Sicht alle Ereignisse geschildert werden.

Bei Greetja handelt es sich um eine junge Hexe, die direkt zu Beginn der Handlung von ihrer unsteten Mutter Senufa in deren Hütte allein gelassen wird. Senufa hat die Ausbildung ihrer Tochter weitgehend vernachlässigt, so dass ihre Fähigkeiten anfangs eher intuitiv sind. Allein ist sie allerdings nie, verfügt sie doch recht zügig über drei treue Begleiter. Die Kröte Branga fungiert als ihre wichtigste Freundin und Ratgeberin in allen Lebenslagen, während die Schleiereule Schneefeder ihr Vertrautentier ist. Das Trio wird komplettiert durch ihren Stecken Arion, der nichts mehr liebt, als Greetja zu ihrem nächsten Ziel zu tragen.

Schnell nimmt sich die erfahrene Hexe Berenissa ihrer an und führt die an das einsiedlerhafte Leben im Wald gewöhnte Greetja mit in die Großstadt Festum. Die lebenslustige Berenissa ist dabei in vielerlei Hinsicht das Gegenteil ihrer jungen Schülerin, die eindeutig introvertiert veranlagt ist. Ohnehin unterschiedet sie sich in ihren Eigenschaften von den meisten Hexen, fehlt es Greetja doch an der oft überbordenden Feierlaune und sie sucht auch wenig Nähe zu anderen Wesen als ihren drei ungewöhnlichen Begleitern. Berenissa ist zwar sehr offen Profit-orientiert, kümmert sich aber eine gewisse Zeit darum, Greetja alles Notwendige beizubringen, was z.B. Zauber betrifft, zudem lernt sie über ihre Lehrmeisterin andere Hexen kennen. Mit der Zeit wandelt sich aber Berenissas Charakter, bis zu einem Zustand, der Greetja unheimlich wird.

Der Roman verfügt über unterschiedliche Detailgrade, gerade der Zeitabschnitt von ihrem 14. Lebensjahr bis etwa Mitte 20 wird sehr ausführlich behandelt, danach werden die Zeitsprünge immer größer. Wichtige Handlungsstränge betreffen dabei ihr sich wandelndes Verhältnis zu Berenissa und ihren drei Freunden. Eine zentrale Rolle nimmt zudem ein rätselhafter schwarzer Reiter namens Loridan ein, der Greetja anfangs mehrfach aus großer Gefahr rettet und dessen Geheimnis sie sich langsam annähert, wenn es zu regelmäßigen Treffen kommt. Dabei entwickelt sich ein enges Band zwischen den beiden, das mit Loridans Vorgeschichte zusammenhängt.

Andere Abschnitte haben einen episodenhaften Charakter und zeigen unterschiedliche Lebensbereiche von Greetja auf, z.B. ihre regelmäßige Teilnahme an Hexentreffen, bei denen sie aber wegen ihres offensichtlich elfischen Erbes immer eine Außenseiterin bleibt, womit sie aber auch die Aufmerksamkeit einer illustren Gestalt wie Tula von Skerdu persönlich gewinnt. Ihre elfische Abstammung versucht sie zu ergründen, indem sie Kontakt zu einer Elfensippe sucht. Ein weiterer wichtiger Themenkomplex ist ihre Anstellung als Lehrerin von magiebegabten SchülerInnen in einem Hesindetempel, wo sie von dem befreundeten Geweihten Goswin eingeführt wird.

Zuletzt thematisiert der Roman auch Greetjas langsames Altern, was mit verschiedenen Erlebnissen verbunden ist, die sowohl die Pflege vieler Freundschaften (und Feindschaften) beschreiben als auch ihre Suche nach Liebe und Vertrautheit, zuletzt sind auch einige tragische Momente beinhaltet.

II. Figuren

Im Fokus des Romans steht natürlich Greetja selbst, von ihrer Jugend an begleiten die LeserInnen ihren Werdegang und lernen die Hexe mit vielen ihrer Facetten kennen, die zum Teil auch widersprüchlich wirken, indem sie ihren Vertrauten sehr liebevoll begegnet, oft aber auch Schwierigkeiten empfindet, Bindungen aufzubauen. Zuletzt hat sie auch negative Charakterzüge, die bis zu einer gedankenlosen Destruktivität und Anwandlungen von Härte gegenüber ihren Feinden gehen.

Als eine Art Komplettierung ihres Charakters fungieren Branga, Schneefeder und Arion, die ihr immer als treue Freunde beiseitestehen, wobei vor allem Kröte und Schleiereule sehr menschlich gezeichnet sind, gerade Branga schlüpft nicht selten in eine Art Mutterrolle.

Das geheimnisvolle Element bringen Berenissa und Loridan ein. Beiden Figuren ist zunächst kein klares Motiv für ihre Absichten betreff Greetja zuzuordnen, erst allmählich kristallisiert sich ihre wahre Natur heraus, was in beiden Fällen eine lange Konstante im Leben der Hexe bedeutet. Bei Berenissa ist dabei der Wandel das zentrale Thema, während Loridan von Begegnung zu Begegnung mehr von seinem Charakter und seinem Hintergrund offenbart.

III. Kritik

Greetja ist ein ausgesprochen ungewöhnlicher Fantasy-Roman. Die Erzählweise ist eher ruhig angelegt und auch wenn es durchaus dramatische Momente gibt (bis hin zu tödlichen Konfrontationen mit dem Ableben wichtiger Figuren), so ist der Spannungsverlauf doch im gesamten eher flach angelegt. So liegt ein Fokus auf vielen detaillierten Beschreibungen im Rahmen von Greetjas Interaktion mit ihrer Umwelt, während z.B. Kämpfe oft in wenigen Sätzen abgehandelt werden. Genauso ist der Erzählraum eher klein angelegt. Greetja erkundet trotz einer Erzählzeit von über 50 Jahren wenig von Aventurien, sondern bleibt ihrer bornischen Heimat immer verbunden und sie bewegt sich bis auf wenige Ausnahmen fast ausschließlich innerhalb vertrauter Personenkreise, so dass das Figurenregister für einen seitenstarken Roman eher klein bleibt, im Vordergrund stehen eher Wandel und Intensität von Beziehungen. Genauso ist dementsprechend wenig an epischen Handlungssträngen erkennbar, dazu bleibt die Geschichte zu sehr an der persönlichen Lebensgeschichte Greetjas verhaftet.

Das alles sind sicher Aspekte die man mögen muss und zumindest im Bereich dramatischer Entwicklungen hätte aus meiner Sicht ein wenig mehr Dynamik dem Roman nicht geschadet, vor allem Berenissas Entwicklung hätte da noch mehr Potential gehabt, da auch viele Leerstellen in der Schilderung ihres Wandels gelassen werden, die für meine Geschmack noch  mehr ausgeführt werden sollten, sie bleibt (bewusst) unnahbar und wird dann doch sehr unvermittelt aus der Handlung herausgenommen. Gleiches gilt für Greetjas Mutter Senufa, die mitten in der Handlung plötzlich ohne eine Erläuterung näherer Hintergründe wieder auftaucht, nur um dann direkt wieder entfernt zu werden.

Allerdings ist dies auch ganz offenkundig nicht der Fokus des Romans, sondern es handelt sich um eine sehr reife und bedachte Geschichte, die eben voll und ganz Greetjas eigene Entwicklung in den Fokus setzt. Dies gestaltet sich in der Interaktion mit ihren drei Vertrauten ausgesprochen märchenhaft, indem die enge Bindung stark betont wird, gerade auch in den durchaus vorhandenen tragischen Momenten. Der Märchencharakter wird durch die tragische Geschichte von Loridan noch weiter betont, der das klassische Motiv des verwunschenen Sünders verkörpert.     

Zusätzlich bemerkt man nach wie vor, dass Ina Kramer nach wie vor mit dem von ihr mitgeschaffenen Aventurien vertraut ist und die Eigenarten anschaulich darstellen kann. Beispielsweise gefällt mir hier sehr, wie stark der Fantasy-Anteil unterstrichen wird und man – anders als in nicht wenigen anderen DSA-Publikationen – nicht viel zu oft das Gefühl hat, nur in einer aventurisierten Form des Mittelalters gelandet zu sein. Die Vertrautentiere, das Dasein einer Hexe, die elfischen Sonderwege, Zauberei, Flugeinlagen auf dem Besen etc., all das lässt auch in dem eher kleinformatigen Erzählhintergrund das Fantastische sehr lebendig werden. Dabei bedient sie natürlich auch viele Bereiche, in denen sie früher schon tätig gewesen ist (das Bornland als Schauplatz vieler ihrer Texte, ebenso hat sie ja auch früher schon zwei Romane mit einer Hexe im Mittelpunkt erzählt), es sind sogar auch Figuren eingebaut, die sie früher schon verwendet hat, wie Tula von Skerdu oder auch die junge angehende Baronin Dotlind, was vieles sehr vertraut wirken lässt.

Greetja ist eine gelungene Perspektivfigur, die einem steten Wandel unterliegt, von einem jungen naiven Mädchen für das selbst der Besuch eines kleines Weilers ein Abenteuer darstellt bis hin zu einer abgehärteten Retterin von verfolgten Leibeigenen, von der schüchternen Schülerin hin zur Lehrerin für junge Magier. Dabei bleiben trotzdem gewisse Charakterzüge konstant, vor allem die lebenslange Neugier, die immer wieder dafür sorgt, dass Greetja neue Erfahrungen herbeiführt, was z.B. für sehr intensive Szenen sorgt, z.B. wenn Greetja Schneefeder zum ersten Mal trifft oder den ersten Flug auf Arion unternimmt. Besonders ungewöhnlich ist ihre Beziehung zu Branga, Schneefeder und Arion, die auch sehr philosophische Züge beinhaltet, wenn sie mit ihnen beispielsweise die moralischen Konsequenzen ihrer Handlungen diskutiert. Dabei entwickelt sie sich auch zu einer starken Figur, die sich immer mehr der Fremdbestimmung entzieht und ihren Werdegang selbst bestimmt, selbst wenn die äußeren Umstände widrig sind.

IV. Fazit

Greetja ist ein kluger und gelungener Roman, der vor allem solche LeserInnen anspricht, die eine eher leisere Tonalität zu schätzen wissen. Als Stärken sind primär die sehr ungewöhnliche Figurenkonstellation und die sehr konsistente Schilderung des bornischen Aventurien zu nennen. In erster Linie handelt es sich um eine sehr ausführliche Charakterstudie, wobei gerade die Hauptfigur sehr facettenreich gezeichnet ist.     

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