Rezension: Der Erbe von Tannfels

Vorbemerkung: Fanpro hat unter dem Label Rocket Books zuletzt nicht nur einer altgedienten Autorin wie Ina Kramer zu einem bemerkenswerten Comeback verholfen, sondern publiziert hier auch zum bereits dritten Mal den ersten DSA-Roman eines Autors. Der Erbe von Tannfels von Dominik Schmeller führt die LeserInnen dabei nach Andergast in einen Konflikt um einen regionalen Herrschaftsanspruch. Die schnelle Veröffentlichung von zwei Romanen auf einen Schlag dient laut Werner Fuchs auch dazu, mehr Aufmerksamkeit dafür zu schaffen, dass Fanpro wieder auf dem DSA-Sektor tätig ist, wozu ich mit der folgenden Rezension auch gerne beitragen möchte.

In Zahlen:

– 295 Seiten

– Preis 16,99 Euro

– Erschienen am 15.9. 2020

I. Aufbau und Inhalt

Der Roman hat einen sehr regionalen Fokus, spielt er doch ausschließlich in der Freiherrschaft Tannfels. Diese wird mit harter Hand vom jungen Freiherrn Wengelbrecht geführt, der seinen Untertanen ein schweres Los auferlegt hat, vor allem lässt er keinerlei Zweifel an seiner Art der Machtausübung zu. Demzufolge ist die Unzufriedenheit der Bevölkerung groß, die sich aber ohne einen zündenden Funken nicht zu erheben wagt. Aufgezeigt wird dies in erster Linie am Schicksal der Erzählfigur, des Schweinebauern Erlmar. Der ehemalige Soldat des letzten Krieges der Andergaster mit ihren nostrischen Widersachern verdient sich ein kleines Zubrot mit dem illegalen Brauen von Bier und hält sich sonst weitgehend aus den Angelegenheiten seiner Mitmenschen fern, lebt dementsprechend abgeschieden auf seinem Hof und besucht nur selten seinen Heimatort Eichbach. Dies ändert sich, als er den schwerverletzten Linnerian findet und dessen Wunden auf seinem Hof gesundpflegt. Schnell offenbart dieser, dass er Wengelbrecht zu Fall bringen will, da er selbst der rechtmäßige Erbe von Tannfels sei, aber Wengelbrechts Vater seinen eigenen Vater durch eine Intrige um dessen Ansprüche gebracht habe. Erlmar ist allerdings zunächst keineswegs von Linnerians Behauptungen überzeugt, was durch seine langgehegten Vorurteile zusätzlich befeuert wird, ist der junge Krieger doch offensichtlich im verhassten Nostria großgeworden.

Zügig bringt ihn seine Verbindung zu Linnerian in Schwierigkeiten, als Wengelbrecht erfährt, dass Erlmar ihm geholfen hat. Somit findet er sich schnell in den Wäldern der Umgebung als Geächteter wieder, wobei zunächst neben Linnerian einzig sein treuer Eber Ork als Begleiter fungiert. Auch wenn seine Tage als Kämpfer lange zurückliegen, entschließt er sich trotz schlecht stehender Erfolgsaussichten den jungen Mann zu unterstützen. Dabei sind sowohl Erlmars hervorragende Kenntnisse der Umgebung als auch seine guten Verbindungen zu den Menschen von Eichbach und Umgebung von unschätzbarem Wert. Allerdings erweist sich Wengelbrecht als schwer zu schlagender Gegenspieler, der den Rebellen stets auf den Fersen ist und ihnen geschickte Fallen stellt.

Erlmar und Linnerian haben durchaus verschiedene Ideen, wie sie Linnerians Herrschaftsanspruch durchsetzen können und auf welche Verbündete sie dabei setzen können. Dabei kommt es sowohl zu Kämpfen als auch zu heimlichen Infiltrationsaktionen. Die Handlung entwickelt sich nach einigem Hin und Her auf eine finale Konfrontation im (für die lokalen Verhältnisse) größeren Stile hin, wobei es gilt, Wengelbrecht eine entscheidende Niederlage beizufügen.

II. Figuren

Hier ist bemerkenswert, dass die titelgebende Figur, Linnerian, nicht die eigentliche Hauptrolle einnimmt. Zwar verkörpert er einen mustergültigen Krieger, der gleichermaßen über Mut und Kampfgeschick verfügt, trotzdem ist die einzige Erzählfigur Erlmar, aus dessen Perspektive die gesamte Handlung geschildert wird. Dabei erweist sich der zurückgezogen lebende Eigenbrötler als wertvoller Berater Linnerians, der den ortsfremden Adeligen mit den Eigenheiten von Land und Leuten vertraut macht und mit seiner bodenständigen Intuition mehr als einmal dessen Leben rettet.

Die sicherlich ungewöhnlichste Figur ist Ork, besteht doch eine sehr enge Bindung zwischen dem Eber und Erlmar, wobei Ork sowohl die Funktion eines Fährtensuchers als auch eines treuen Freundes zukommt, der von Erlmar fast wie ein Mensch behandelt wird.

Die meisten Figuren des Romans stellen einfache Leute dar, die in unterschiedlichen Rollen als Verbündete für Linnerian und Erlmar agieren, wobei als wichtigste Ansprechpartnerin die Schulzin Hilmwiga zu nennen ist, die viel Einfluss in Eichbach hat.

Dem gegenüber steht als zentraler Antagonist Wengelbrecht, der den Prototyp des hartherzigen und brutalen Tyrannen verkörpert, der seinen Untertanen ohne jegliche Nächstenliebe begegnet und der nur an seiner persönlichen Bereicherung und an seinem Machterhalt interessiert ist. Ambivalent ist die Rolle des Sumen Wiklyn angelegt, der zwar als wichtigster Berater Wengelbrechts gilt, trotzdem aber eine eigene Agenda zu verfolgen scheint, was ihn sogar zum Ansprechpartner für Linnerian und Erlmar werden lässt.             

III. Kritik

Der Roman unterstreicht ein weiteres Mal die Ausrichtung der Fanpro-Reihe: Wieder einmal wird eine eher kleinformatige Geschichte erzählt, die zwar auf lokaler Ebene durchaus Ereignisse von gewisser Tragweite zeigt, die aber eben nicht kanonisch  sind und deshalb große aventurische Handlungsbögen nicht tangieren. Hier werden keine Heere verschoben und epische Schlachten gegen Dämonenpaktierer geschlagen, stattdessen verbünden sich die Bewohner der größten regionalen Weiler gegen ihren tyrannischen Herrscher, der über ein paar Dutzend Schergen verfügt, die im Normalfall ausreichen, um jeglichen Ansatz von Widerstand im Keim zu ersticken.

Eine Schwierigkeit stellen für mich gewisse Unausgewogenheiten im Handlungsverlauf dar: Gerade der Anfang erscheint mir oft etwas unrealistisch, wenn für mich viele Aktionen bzw. Erzählpassagen etwas unzusammenhängend wirken. So ist der Prolog zwar gut und originell beschrieben, wenn eine erste Konfrontation zwischen Linnerian und Wengelbrecht aus der distanzierten Sicht zweier Waldschrate geschildert wird. Allerdings bleibt die Wahl dieser Perspektive rätselhaft, wird sie doch nur an dieser Stelle verwendet und später nicht ansatzweise aufgegriffen. Schwer nachvollziehbar wirken auch die anfänglichen Handlungen einiger Figuren, z.B. warum Wengelbrecht Erlmar verschont, obwohl dieser ihn angelogen hat und einen klaren Feind des Freiherrn unterstützt hat. Warum er ihn nicht hinrichtet und stattdessen dem einfachen Schweinebauern ein Ultimatum stellt, bleibt unklar und passt kaum zu dessen Charakter. Genauso erscheint vieles sehr vage, z.B. ist die Hintergrundgeschichte Linnerians sehr fragmenthaft, es wird nur selten auf seinen Herrschaftsanspruch und auf seine Vergangenheit in Nostria eingegangen, die LeserInnen sollen ihm schlichtweg das gleiche Vertrauen entgegenbringen wie Erlmar, der recht plötzlich dazu bereit ist, für den ihm eigentlich wildfremden Linnerian Leib und Leben zu riskieren. Gleiches gilt für ein Treffen mit dem Sumen Wiklyn, der leichtes Spiel hätte, die beiden Feinde hier ausschalten zu lassen, nur um sie in eine andere Falle zu locken, die den gleichen Effekt hat, nur mit viel mehr Aufwand und Risiko verbunden ist.

Manche Bereiche sind auch inkonsequent angegangen worden. So will der Autor offensichtlich ein Statement gegen die Ungleichheit von Frauen und Männern in Andergast setzen, indem der liberale Linnerian gegenüber dem konservativen Erlmar durchsetzt, Frauen in seine Streitmacht aufzunehmen. Allerdings werden diese nur als Bogenschützinnen eingesetzt, während der Nahkampf im Schlachtgetümmel offenbar weiterhin „Männerarbeit“ bleiben soll. Dazu passt auch nicht die Anlage, dass innerhalb der Personenkonstellation Frauen ausschließlich reine Nebenrollen einnehmen im Antagonismus zwischen Erlmar und Linnerian und ihren Widersachern Wengelbrecht und Wiklyn, einzig die Schulzin Hilmwiga hat zweimal eine wichtige Unterstützerrolle. Wengelbrecht selbst hingegen hätte etwas mehr Fokus verdient, so bleibt er ein eher eindimensionaler Schurke, dessen Motive kaum offengelegt werden.

Das heißt bei weitem nicht, dass Der Erbe von Tannfels mich nicht gut unterhalten hätte. Das liegt vor allem an dem sympathischen Eigenbrötler Erlmar, der plötzlich aus seinem Alltagstrott herausgerissen wird und in eine Art Robin Hood-Geschichte hineingerissen wird. Allerdings ist hier eben nicht der strahlende Held die Hauptrolle, sondern eben sein anfänglicher Lebensretter, der seinen Mangel an Einfluss und Bildung durch seinen Pragmatismus und seine Opferbereitschaft kompensiert. Komplettiert wird diese kuriose Konstellation noch durch die Wahl eines Ebers als teuer Begleiter. Dieser Ansatz wird konsequent durchgehalten, so dass sogar am Ende Erlmars Überlebenskampf im Finale den von Linnerian überlagert und in den Hintergrund treten lässt.

Ganz generell wird der Hintergrund des dünn besiedelten ländlichen Andergast gut genutzt, um die Motive von Unterdrückung und Freiheitskampf auch in einem überschaubaren Format in den Vordergrund zu setzen. Was im Resultat herauskommt, kann dann natürlich kein episches Intrigenspiel im Stile von Game of Thrones sein. Es enthält aber trotzdem alle notwendigen Elemente, um Wengelbrecht als niederträchtigen Tyrannen und Linnerian und Erlmar als heldenhafte Befreier innerhalb des Mikrokosmos Tannfels in Szene zu setzen.      

IV. Fazit

Der Erbe von Tannfels ist ein unterhaltsamer Roman, der in einem kleinen Format eine trotzdem anschauliche Geschichte des Kampfes der Unterdrückten gegen den hartherzigen Tyrannen zeigt. Stellenweise gibt es aber auch erkennbare Bruchstellen innerhalb der Handlung, in der die Aktionen der Figuren nicht passend motiviert erscheinen bzw. weitere Ausführungen sinnvoll gewesen wären bzw. Handlungsteile nicht in einen nachvollziehbaren Kontext gesetzt werden.  

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