Kurzrezension: Der Duft der Wahrheit

Vorbemerkung: Die Phileasson-Saga stürmt ja seit geraumer Zeit mit jedem neuen Band recht zuverlässig die Bestsellerliste und sorgt dafür, dass DSA auch wieder in den großen Buchhandlungen auftaucht. Bis zum nächsten Band wird es allerdings noch eine Weile dauern, angekündigt ist ja eher das Jahresende. Die Wartezeit bis dahin kann man allerdings ein wenig überbrücken mit der 14seitigen Kurzgeschichte Der Duft der Wahrheit, die Robert Corvus und Bernhard Hennen für die Anthologie Wir sind die Bunten verfasst haben. Dabei handelt es sich um einen Sammelband mit 25 Kurzgeschichten verschiedener AutorInnen, mit dessen Erlös das Festival-Mediaval einen kleinen Zugewinn erwirtschaften will. Gerade nach einem katastrophalen Jahr wie 2020, von dessen Auswirkungen laut Homepage auch diese Veranstaltung hart getroffen wurde, eine gute Unterstützungsidee, wie ich finde.

I. Inhalt

Die Kurzgeschichte ist nicht innerhalb der Phileasson-Saga selbst angesiedelt, sondern thematisiert – wie man es bisher von den Prologen eines jeden Bandes gewohnt ist – die Vorgeschichte einer der zentralen Figuren. Diesmal handelt es sich um ein Erlebnis aus der Vergangenheit von Ohm Follker. Im Kern geht es um ein Fest der Goldberg-Ottajasko, das zu Ehren von Arrim, dem Sohn der Hetfrau Bera, abgehalten wird. Dieser hat sich unlängst als Drachenbezwinger bewiesen und dabei einen eindrucksvollen Silberhelm aus dem Hort einer solch mächtigen Kreatur erbeutet. Dies wird – den Sitten der Nordleute gemäß – mit einem ausgiebigen Gelage gefeiert. Zusätzlich können sich Skalden auf dem Fest in einem Wettbewerb messen, indem sie eine künstlerische Umsetzung von Arrims Heldentat präsentieren. Ausgerechnet Ohm ist dabei der letzte, der sich in diesem Wettbewerb das Preisgeld verdienen will und versucht sich zudem noch als einziger nicht an einem Loblied auf den jungen Recken, sondern trägt spöttische Verse vor, um die Zuhörer zu unterhalten. Nachdem die vorherigen SkaldInnen das Publikum eher gelangweilt haben, gelingt es dem talentierten Ohm relativ schnell, die Anwesenden für seinen Vortrag einzunehmen. Je länger dieser aber dauert, desto mehr deutet sich eine überraschende Wendung der Ereignisse an.

II. Figuren

Hier steht natürlich eindeutig Ohm Follker als Perspektivfigur im Mittelpunkt. Die LeserInnen können dabei Einblick in eine frühere Lebensphase des berühmten Skalden erhalten, als dieser noch kein bekannter Begleiter und Freund von Phileasson war, sondern noch ein Abenteurer auf Wanderschaft, der darauf angewiesen ist, mit seinen Vorträgen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Interaktion findet vor allem mit der zuhörenden Menge statt, wobei explizit immer wieder auf die Reaktionen des Publikum aufmerksam gemacht wird. Hier liegt der Fokus speziell auf Arrim und Bera, die ja das Ziel des Spottlieds darstellen.

III. Kritik

Was ich ganz grundsätzlich positiv finde, ist dass mit Ohm Follker hier eine Figur ins Zentrum gestellt wird, die aus meiner Sicht in der großen Romanreihe fast ein wenig zu kurz kommt. Der Skalde ist zwar als engster Berater Phileassons immer wieder präsent, anders als andere Mitglieder der Kerngruppe der Ottajasko hat er noch keinen eigenen Prolog gewidmet bekommen wie Irulla, Leomara und Vascal oder Tysltir und steht auch nicht so mit seinen inneren Konflikten im Vordergrund wie Shaya oder Salarin. Somit ist sein Charakter bei weitem noch nicht so ausdifferenziert wie die der anderen, im Kern ist er bisher für mich gekennzeichnet durch die Rolle eines erfahrenen Mentors für Phileasson und eines zähen Veteranen innerhalb der Mannschaft, der oft auch als moralischer Kompass fungiert. Damit ist er zwar einerseits Sympathieträger, andererseits könnte seine Figur durchaus noch ein paar Ecken und Kanten mehr vertragen.

Genau das erhält er in Der Duft der Wahrheit für mich, indem hier eine deutlich unerfahrenere Version seiner selbst gezeigt wird. Dabei zeigen sich auch gewisse Gegensätze, indem ihn einerseits seine Naivität in eine im wahrsten Sinne des Wortes verfangene Situation manövriert hat, er aber dann umgekehrt mit seinem kalkulierten Auftritt vor der Goldberg-Ottajasko gleichermaßen Furchtlosigkeit und Ausgefuchstheit beweisen kann. Vor allem ist er hier einmal völlig auf sich allein gestellt und nicht Mitglied einer größeren Gruppe, denn nur in dieser Rolle kennt man ihn bisher, so wird er auch als Individuum etwas greifbarer.

Die Geschichte ist sehr gut beschrieben und lässt die Szene sehr dicht wirken, indem Ohm als Perspektivfigur seine Eindrücke von der Festivität beschreibt und aus Erzählersicht zudem die Interaktion zwischen dem Skalden und seinem Publikum geschildert wird und man förmlich auf Arrims Ausbruch oder eine harsche Reaktion Beras wartet. Gerade was das angeht, verfügt die Kurzgeschichte über eine ausgesprochen clevere und unterhaltsame Pointe, die auch dem Titel eine höchst originelle Note verleiht.    

Abseits davon enthält der Band weitere 24 Kurzgeschichten, die allerdings allesamt keinen DSA-Fokus haben. Gemeinsamer Nenner ist aber immer eine Handlung, bei der irgendeine Art von Festivität den Anlass bietet für eine kleine Fantasygeschichte. Viele Autoren greifen dabei wie im vorliegenden Fall Figuren aus ihren Romanen auf, z.B. Tommy Krappweis, der Mara und der Feuerbringer um Mara und die Knobischlange erweitert. Das dies aber nicht im Fokus meines Blogs liegt, gehe ich hier auch nicht weiter darauf ein.          

IV. Fazit

Der Duft der Wahrheit ist eine augenzwinkernde Kurzgeschichte, die eine kurze Episode aus dem Vorleben von Ohm Follker erzählt und seinem Charakter eine neue Facette hinzufügt. Ob einem die kurze Erzählung den Kauf des gesamten Sammelbandes wert ist, muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden, mir erscheint aber auch gerade in heutigen Zeiten eine Unterstützung für die gebeutelte Veranstaltungsbranche absolut sinnvoll, zumal man so sicherlich einige kurzweilige Geschichten zum Lesen für Zwischendurch erhält. Für den Fortgang der Phileasson-Saga muss man die Kurzgeschichte sicher nicht unbedingt kennen, umgekehrt habe ich es auch als schöne Überbrückung bis zum nächsten Roman wahrgenommen. Für DSA-Spieler ist nebenbei auch eine anschauliche Beispielszene für den Auftritt eines Skalden mit viel Thorwal-Flair vorhanden.       

4 Kommentare

  1. Super, dass Du auch auf solch eher kleinere Veröffentlichungen eingehst. Die hier wäre mir ansonsten wohl durch die Lappen gegangen. Ich hatte mir auch schon überlegt, dass Ohm etwas mehr Background gut tun würde, von daher werde ich mir den Band anschaffen. Ich begrüße es ohnehin, wenn verschiedene Publikationswege mit DSA-Bezug eingeschlagen werden!

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    1. Wobei ich den Verdienst des Netzfundes an meinen geschätzen Blogger-Kollegen Kai von „Vier Helden und ein Schelm“ abgeben muss, wenn er den Sammelband nicht erwähnt hätte, hätte ich den auch völlig übersehen. Auf der Seite der Phileasson-Saga habe ich auch nichts darüber gefunden, das geht wohl an vielen DSAlern vorbei (ist aber natürlich auch nur ein kleiner Anteil am gesamten Band).

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      1. Vielen Dank für die Besprechung.
        Bei Erscheinen haben wir auf unseren Social-Media-Accounts und bei „Aktuelles“ auf unserer Homepage auf die Anthologie hingewiesen, aber das kann man natürlich nicht alles ständig im Blick haben. In der Romanliste auf phileasson.de ist die Anthologie ebenfalls aufgeführt (ganz unten – außer der Reihe); wir hoffen, dass man dadurch darauf stoßen kann.

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      2. Das hab ich da tatsächlich völlig übersehen. Auf jeden Fall empfinde ich es als eine schöne Anreicherung. Ohm ist ja eh meine liebste Figur und ich fand es schön, ihn auch mal alleine im Rampenlicht zu sehen und eben nicht nur als Veteran und Ratgeber.

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