Rezension: Runen des Schicksals

Vorbemerkung: Eine neue Regionalspielhilfe liefert viele Informationen und sicherlich auch jede Menge Anreize, um Abenteueranlässe zu finden. Trotzdem ist es aus meiner Sicht sehr wichtig, in Form von Begleitabenteuern auch direkt ausgestaltetes Spielmaterial hinzuzufügen. Diese Aufgabe kommt für Thorwal Runen des Schicksals von Jeanette Marsteller zu. Die Begleitabenteuer müssen dabei im Regelfall das Spagat leisten zwischen der Funktion einer möglichst breiten Darstellung der Region und ihrer Besonderheiten und dem Fokus auf ein konkretes Ziel, das zudem noch den lokalen Metaplot vorantreiben soll bzw. das lebendig mitgestalten soll, was in der Regionalspielhilfe auf reiner Informationsebene präsentiert wird.

In Zahlen:

– 48 Seiten

– Preis: 12,95 Euro

– erschienen am 18.2. 2021

I. Aufbau und Inhalt

Wie erwartet handelt es sich bei Runen des Schicksals um ein Reiseabenteuer. Der Aufbau lässt sich somit auch in die unterschiedlichen Reiseetappen untergliedern. Seinen Auftakt nimmt das Abenteuer in Thorwal, wo die Heldengruppe von einem von vier potentiellen Auftraggebern die Mission erhält, nach dem Schicksal von Hasgar Tjalfson zu forschen, dem Bruder der legendären Hjaldingerin Jurga. Dieser begab sich vor über 2.000 Jahren auf eine Queste, wobei er die sogenannten Swafnirsrunen mit sich führte, mit deren Hilfe man das Schicksal vorhersehen kann. Genau diese Runen sollen die HeldInnen finden.  Um den Hintergrund auszugestalten sind auch die Hasgar betreffenden Strophen des bekannten Jurgalieds abgedruckt. Der erste Weg weist daraufhin nach Olport, wo es gilt, weitere Recherchen zu unternehmen, wobei neben den städtischen Anlaufstationen auch im Umland ein Trollschamane aufgesucht werden muss.

Dieser wiederum verweist die Gruppe in das Gjalskerland, von wo seine Sippe ursprünglich stammt. Die Reise dorthin können sie an Bord der Runensucher unternehmen, dem neuen Schiff der aufstrebenden Hetfrau Frenjadur Maradasdottir. Dabei gilt es, während der Fahrt mit Frenjadurs Mannschaft zu interagieren und auch zum Teil der Ottajasko zu werden. Dies ist auch insofern wichtig, als dass die Seereise gleich mehrere gefährliche Situationen mit sich bringt, in denen auch die Fähigkeiten als KämpferInnen bedeutsam werden.

Im Gjalskerland angekommen führt der Weg zügig nach Niellyn, wo es gilt, sich in Form einer sehr ungewöhnlichen Prüfung in den Augen der Einheimischen zu bewähren. Nur wenn dies gelingt, erhält man die letzte Information, um den Ort zu finden, an dem man angeblich die Runen erlangen kann. Das abschließende Finale leitet in einen Dungeonteil über. Hierzu ist eine ausführliche Karte vorhanden, zusätzlich sind die einzelnen Bereiche der Anlage detailliert beschrieben. Auch hier wartet noch eine abschließende Konfrontation auf die Heldengruppe, zudem gibt es einige alte Geheimnisse zu ergründen. Das Abenteuer schließt mit einigen Verweisen auf die Folgen, die die Entdeckung für ganz Thorwal und dessen Zukunft hat.

II. Figuren

Neben dem Charakter als Reiseabenteuer ist die gesamte Handlung so angelegt, dass es möglich ist, mit vielen der wichtigen NSC der Regionalspielhilfe zu interagieren. Sowohl im Bereich der möglichen AuftraggeberInnen als auch unter den InformantInnen, die man unterwegs trifft, finden sich solche Figuren. Eine vergleichsweise dominante Rolle nimmt dabei Frenjadur Maradasdottir ein, die für die Seereise eine (Kampf-)Gefährtin darstellt. Gleiches kann im Gjalskerland für die Schamanin Ygrain dûr Deardra gelten, wobei sie als Begleiterin optional ist, falls die Gruppe eine wildniserfahrene Führerin nach Niellyn braucht. Im Hintergrund ist mit Hasgar zudem eine Figur der Historie von entscheidender Bedeutung, dessen bislang weitgehend unbeachtetes Schicksal nach zwei Jahrtausenden in den Mittelpunkt gerückt wird. Auffällig ist zudem, dass das Abenteuer ohne klare Antagonisten auskommt.

III. Kritik

Eine Grundfunktion des Abenteuers ist sicherlich zunächst eine möglichst breite Vorstellung von Land und Leuten, verknüpft im Rahmen einer abenteuerlichen Handlung, die sich mit dem Hintergrund der Region auseinandersetzt. All das leistet das Abenteuer auf jeden Fall.

So sind mit Thorwal, Olport und Niellyn drei der großen Städte der Region eingebunden, zudem führt der Reiseweg sowohl durch Thorwal als auch durch das Gjalskerland. Das prägende Element der Seefahrt ist ebenfalls berücksichtigt. Die Verknüpfung wirkt dabei nicht willkürlich, sondern wird durch die Runensuche passend zusammengehalten, wobei die einzelnen Etappen in Form einer Art Schnitzeljagd angegangen werden und man jeweils das nächste Reiseziel in Erfahrung bringen kann. Dabei wurden die vielen NSC gut eingebracht. Dies erscheint auch insofern logisch, als dass die Regionalspielhilfe ja auch viele neue Figuren vorstellt und manche somit hier ihren ersten offiziellen Auftritt haben. Insbesondere Frenjadur und Ygrain sollen hier eindeutig als Sympathieträgerinnen platziert werden, was auch gelingt.

Was gut transportiert wird, ist die raue, aber durchaus herzliche Art der Nordleute. Vor allem die Reisepassage auf der Runensucher als auch die Episode in Niellyn lassen die Gruppe intensiv mit den Thorwalern bzw. Gjalskern interagieren. Die Runensuche als Hauptthema gibt dem Ganzen zusätzlich etwas sehr archaisches, indem man einem uralten Geheimnis auf der Spur ist, wozu man sie mit überlieferten Legenden, langlebigen Trollen und zuletzt einer uralten Dungeonanlage auseinandersetzen muss. Vor allem die Entdeckung (und spätere Bestattung) Hasgars sorgt am Ende für sehr erhabene Momente. Das Handeln der HeldInnen hat somit sogar sichtbare Konsequenzen, stellen die Runen doch einen bedeutenden Fund dar, mit Hasgars Schwert erhalten sie sogar ein besonderes Artefakt als Belohnung. Auch der Sternenfall wird passend eingebunden, fungiert er doch als Auslöser für die Erweckung eines alten Übels. Hier gefällt mir auch die Anknüpfung an vorherige Publikationen, z.B. werden für die Schwarmwesen Andeutungen aus der Historia Aventurica aufgenommen und ein erstes Auftauchen fand ja unlängst schon im Abenteuer Fauler Frühling statt.

Allerdings habe ich auch einige Kritikpunkte. Der gesamte Einstieg mit vier optionalen Auftraggebern ist mir etwas zu beliebig ausgefallen, vor allem fehlt mir ein echtes auslösendes Ereignis als Begründung, warum nach so langer Zeit des Vergessens ausgerechnet jetzt die Suche nach Hasgar und den Runen stattfinden soll, z.B. ein Ausgrabungsfund oder die Entdeckung eines lange verschollenen Schriftstücks, das auf Hasgar verweist.

Im Ganzen fällt mir zudem die inflationäre Verwendung von Proben auf, die ständig erwähnt werden, u.a. zu Recherchezwecken. Für mich gilt hier eigentlich grundsätzlich, dass erzählerische oder interaktive Ansätze dem immer vorzuziehen sind, d.h. aus meiner Sicht sollten Proben deutlich dezenter verwendet werden und stattdessen mehr Beschreibungen von Zuständen, Örtlichkeiten etc. verwendet werden.

Was mir zudem auffällt, ist das Fehlen eines klaren Antagonismus, Gegner ergeben sich immer situativ durch die Anwesenheit der Gruppe an bestimmten Orten (bei der Seeschlange und den Schwarmwesen). Hier wäre ein eindeutiger Feind oder wenigstens etwas Konkurrenz (z.B. jemand, der von einem anderen Auftraggeber angeworben wurde) eine Option gewesen. Sicherlich ist das auch dem reduzierten Platz von 48 Seiten geschuldet. Was dafür gut gelingt, ist die Verknüpfung mit der Regionalspielhilfe, indem durch die Verweise  zumeist Platz gespart wird. Lediglich an einer Stelle frage ich mich, ob es notwendig ist, eine ganze Seite für die Werte der Schwarmschrecken zu verwenden, obwohl diese doch explizit in der Regionalspielhilfe vorhanden sind.

IV. Fazit

Runen des Schicksals ist ein weitgehend gelungenes Abenteuer, das vor allem die Zielsetzung erreicht, Thorwal und das Gjalskerland anschaulich vorzustellen, zudem werden viele der wichtigen NSC der Region eingeführt. Der Hintergrund sorgt für viel Atmosphäre, gerade durch die Suche nach alten Geheimnissen. Allerdings ist der Einstieg für meinen Geschmack etwas ungünstig motiviert, auf der Reise wird zudem viel zu häufig auf eher langweilige Proben verwiesen, anstatt interaktive Lösungen zu finden.

Bewertung: 4 von 6 Punkten

1 Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s