Rezension: Der Pfad des Wolfes

Vorbemerkung: Das umfangreiche Thorwal-Crowdfunding hat jede Menge Einzelbände hervorgebracht, die unterschiedliche Aspekte von Thorwal und dem Gjalskerland vorstellen. Gerade für das Gjalskerland ist dies insofern ein Fortschritt, als dass es bisher wenig Material zur Region gab, handelte es sich doch um einen der immer weniger werdenden weißen Flecken auf der Aventurien-Karte. Eine Ausnahme stellte in dieser Hinsicht der Roman Der Pfad des Wolfes von Alex Spohr aus dem Jahr 2011 dar. Im Zuge des neuen Schlaglichts auf das Gjalskerland erscheint es deshalb logisch, dass im Zuge des Crowdfundings nun eine Neuauflage produziert wurde. Da mir bislang sowohl der Roman als auch das Setting als Spielhintergrund im Allgemeinen nicht bekannt war, habe ich mir diesen ebenfalls bestellt, auch in der Hoffnung, dass die Region hier noch etwas lebendiger wird als in bloßen Informationstexten.

In Zahlen:

– 288 Seiten

– Preis: 14,95 Euro

– erschienen am 18.2. 2021 (in der Neuauflage)

I. Aufbau und Inhalt

Der Fokus des Romans liegt auf einem eindeutigen Protagonisten. Abseits eines kurzen Prologs ist die Erzählfigur der junge Tierkrieger Druan, aus dessen Sicht die gesamte Handlung geschildert wird (wenn auch nicht aus der Perspektive eines Ich-Erzählers).

Der Prolog jedoch schildert das Schicksal einer Orksippe, die im Gjalskerland mit dem Angriff unbekannter Wesen konfrontiert wird. Folgend jedoch rückt wie angesprochen Druan in den Mittelpunkt, der zu Beginn seine Initiation als Tierkrieger erfährt, die sogenannte Krallessa, bei der er mit seinem Tiergeist (in seinem Fall einem Wolf) bekannt gemacht wird. Begleitet wird er dabei von seinem Mentor Daragh, dem Schamanen seines Heimatortes Mortakh. Seinen Erfolg kann er allerdings nicht lange genießen, wird Mortakh doch nur kurze Zeit später von einem Angriff von Untoten heimgesucht. Besonders erschreckend für ihn und die anderen Mitglieder des Haerads ist der Umstand, dass es sich bei ihren Gegnern um die Körper von Verwandten und Bekannten handelt. Bei der Suche nach der Ursache findet sich eine merkwürdige Urne, die mit unbekannten Symbolen verziert ist. Daragh kann diese nicht entziffern, kann aber mit Gewissheit sagen, dass die Urne den Schlüssel zur Attacke des Vortags darstellt. Einzig die Hexe Marthai scheint dazu fähig zu sein, die allerdings einige Tagesreisen außerhalb von Mortakh lebt. Somit wird ein Trio mit der Mission betraut, die Urne zu Marthai zu bringen, bestehend aus Caltha, der Tochter des Yaldings (eine Art Häuptling), Druan und Bartakh, dem fähigsten Krieger Mortakhs.

Folgend steht die Schilderung der Reise im Vordergrund, wobei die drei sich den Widrigkeiten des Gjalskerlands erwehren müssen, bestehend aus der Gefahr durch weitere Untote, aber auch Begegnungen mit Orks und wilden Tieren. Zudem ist das Verhältnis zwischen Bartakh und Druan angespannt, sieht der erfahrene Krieger in dem jungen Druan doch einen Rivalen um die Gunst Calthas. Schnell offenbart sich dabei, dass sich hinter dem Angriff tatsächlich eine Gefahr verbirgt, die die Existenz Mortakhs nachhaltig bedroht. Daraus resultiert, dass Druan und seine Gefährten sich weiter in für sie unbekanntes Gebiet wagen müssen, um dort die feindseligen Kräfte endgültig auszuschalten, was nicht ohne eigene Opfer von statten geht.

II. Figuren

Dominant ist hier natürlich eindeutig Druan, der einerseits ein jungen Krieger darstellt, der sich auf seine erste eigene Heldenreise begibt. Trotz seiner Unerfahrenheit verfügt er über ein großes Selbstvertrauen und agiert in Krisensituation meist überraschend abgebrüht, was auch mit seiner Unterstützung durch seinen wölfischen Tiergeist erklärt wird. Generell steht er damit prototypisch für die Gjalsker. Es werden unter den Bewohnern Mortakhs nur wenige Figuren hervorgehoben, jeder von ihnen wird aber als einzigartig und fähig beschrieben. Dies gilt auch für Druans Begleiter Caltha, die als mutige Anführerin agiert und für Bartakh, der als Palenkelsieger seinen Mut mehrfach bewiesen hat, allerdings im Roman von Anfang an eher als unsympathisch umrissen wird, vor allem durch sein feindseliges Verhalten Druan gegenüber. Zu Beginn der Handlung ist zudem Daragh als Mentorenfigur maßgeblich, der Druans Entwicklung wohlwollend begleitet. Marthai verkörpert hingegen die unheimliche Seherin, deren Prophezeiung aber maßgeblich die Queste der Gesandtschaft gestaltet. Im späteren Verlauf kommen zudem mit der Nivesin Amuri und dem Ork Sharrak noch Vertreter von anderen Kulturen bzw. Spezies hinzu.     

III. Kritik

Man merkt sehr, dass vieles aus dem Roman übereinstimmt mit dem, was die Regionalspielhilfe über das Gjalskerland besagt, was nahegelegt, dass es sich um eine wichtige Quelle gehandelt hat. Tatsächlich erhält man somit auch das, was man sich grundsätzlich darunter vorstellt: einen eher archaischen Barbarenroman, in dem gradlinige Figuren recht strikt ihren Instinkten und Prinzipien folgen, wozu ein gewisses Maß an Opferbereitschaft und Schicksalsergebenheit gehört und wo vor allem Stärke und Mut gefragt sind. Was sich schon auf den ersten Blick von Barbarengeschichten im Stile von Conan abhebt ist die typische Geschlechterausgeglichenheit in den meisten aventurischen Kulturen. Tatkraft ist zum Glück keine Männerdomäne, Frauen sind hier in jeder Hinsicht ebenbürtig, oft auch überlegen. Mit Caltha, aber auch Bartakhs Palanekel-Rivalin Savia gibt es starke Frauen, auch wenn die Fokusfigur mit Druan ein Mann ist.

Generell sind mir allerdings die Gjalsker oft etwas zu eindimensional aufgebaut, z.B. kommt Humor hier kaum zu tragen, zumeist agieren die Figuren mit fast demonstrativer Ernsthaftigkeit. Das mag zum Setting und einer Umgebung, die den dort lebenden Wesen viel abverlangt, zwar sicher passen, so fehlen den Figuren aber gewisse Facetten, z.B. wird auch der Tod von BegleiterInnen aus meiner Sicht recht wenig betrauert. Gleiches gilt auch für die Sprache, die oft sehr schlicht und schnörkellos gehalten wird, was auch auf die Romansprache abfärbt, die meist eher einfach gehalten wird, sehr auf das Wesentliche reduziert wird, Beschreibungen von Orten und Figuren sind – für die Verhältnisse von DSA-Romanen – eher knapp gehalten. Interessanterweise stellen Druan spätere Begleiter Amuri und vor allem der umtriebige Sharrak die deutlich besseren Figuren dar, da sie mehr Kontraste zu Druan aufweisen als die wesensähnlichen Caltha und Bartakh.

Hin und wieder finde ich das Agieren der Figuren zudem etwas schwer nachvollziehbar: So mutet es – selbst für einen ungestümen Krieger – etwas merkwürdig an, dass Druan quasi immer den Weg des Frontalangriffs wählt, gerade im Finale fällt es etwas schwer nachzuvollziehen, dass die Gegner kein Mittel dagegen findet. Widersprüchlich ist dazu eindeutig, wenn Druan in einer Szene Caltha und Bartakh tadelt, weil sie durch ein Feuer Untote angelockt haben (wobei die Konsequenzen ihm völlig Recht geben), nur um dann später Amuri genau gegenteilig anzufahren, warum sie kein Feuer gegen die Kälte entfacht hat. 

Trotzdem kommt die Atmosphäre des Hintergrundes gut zum Vorschein, wenn Druan und seine Gefährten durch die Wildnis des Gjalskerlandes reisen, in der außerhalb des Haerads jeder Schritt wohlüberlegt sein will. (Überlebens-)Kampf ist dabei ein dominantes Thema, werden Druan und die anderen doch sehr häufig in Kämpfe verwickelt. Gerade das Finale in einem dunkeln Höhlenkomplex stellt dabei ein klares Highlight dar.

IV. Fazit

Der Pfad des Wolfes ist ein unterhaltsamer und solide erzählter Roman. Die Geschichte ist zwar sehr gradlinig und einfach gehalten, funktioniert aber vor dem gut gestalteten Hintergrund des Gjalskerlands. Weniger überzeugt mich die Figurenebene, indem zu viele der Personen zu wesensgleich agieren und Kontraste fehlen. Stellenweise ist das Verhalten der Figuren zudem widersprüchlich. 

4 Kommentare

  1. 2 Punkte sind mir da aufgefallen die ich hier im Rahmen einer Kritik mit erwähnen möchte:
    1.) Der Text liest sich wie ein Erstlingswerk. Oft habe ich Textteile gelesen wie: „Zuerst macht er das, dann das …“. Aber hier muss ich sagen dass es sehr für die Gjalsker passt, da es damit einer Lagerfeuergeschichte gleicht.
    2.) Der Roman liest sich wie ein Abenteuer das in ein Buch gepresst wurde. Ich würde sogar behaupten das der Roman ohne Probleme in ein Gruppenabenteuer umgeschrieben werden kann. Am Anfang fand ich das störend, da ich einen Roman und kein Abenteuer lesen wollte. Aber nach langem Nachdenken finde ich den Ansatz jetzt sogar besser: Ich lese DSA und finde solche Bücher gehören für ein Rollenspiel dazu.

    Hoffe es war verständlich und motiviert den Roman zu lesen. Mir hat er gefallen.

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    1. Soweit ich das weiß, handelt es sich tatsächlich um ein Erstlingswerk, mittlerweile ist Alex Spohr ja in der DSA-Radaktion und hat an sehr vielen Sachen (mit-)geschrieben. Dass mit dem Abenteuer kann ich so jetzt nicht bestätigen, den Eindruck hatte ich weniger. Eben weil ich mit Druan eine klar definierte Hauptfigur sehe. Er hat zwar in zwei unterschiedlich Phasen Gefährten, aber diese sind ja eher Begleiter und er steht klar im Rampenlicht. DSA-Romane, die mich an Abenteuer erinnern, das wären eher Ensemblegeschichten. So ist für mich eher eine klassische Heldenreise mit den typischen Stationen und der dementsprechenden Struktur.

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  2. Dies ist der erste Roman in dieser Region, aber seit UdW (2004) nicht der erste Ausflug dorthin, so spielen einige Abenteuer dort (u.a. Unter Barbaren). Nur als Ergänzung, da es für mich so klingt als würde die Spielhilfe aus den Roman zitieren, dabei dürfte es eher umgekehrt gewesen sein.

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    1. Die DSA4-Regionalspielhilfen kenne ich kaum, die fallen größtenteils in meine lange Pausephase. Mein Stand war, dass bislang für das Gjalskerland sehr rudimentäre Informationen vorhanden waren, ich kannte nur die von dir genannte Anthologie.

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